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06.01.1989 - 

DV-Umschüler geben schlechte Noten für Arbeitsamt und Bildungsträger, aber:

Dozenten würgen Kritik an DV-Schulungen mit Jobversprechen ab

06.01.1989

MÜNCHEN - DV-Schulen stellen Jobsuchenden phantastische Berufschancen in Aussicht - die Unternehmen sind an "Anfängern" jedoch weniger interessiert. Diese Ausbildungsmisere, vor allem aber die praxisferne Beratung beim Arbeitsamt bringen Informatik-Absolventen und DV-Umschüler mittlerweile in Rage. Die COMPUTERWOCHE fragte Betroffene: "Fühlen Sie sich verschaukelt?"

"Nein, verschaukelt fühle ich mich jetzt eigentlich nicht mehr. Nach rund hundert Bewerbungen hatte ich doch noch das Glück, eine Arbeitsstelle zu bekommen. Obwohl mein jetziges Arbeitsfeld nicht meiner Vorbildung entspricht, spielte wohl meine DV-Ausbildung für die Einstellung eine große Rolle." Mit diesem Fazit bringt Ulrich Pesch aus Herrsching die Meinung der meisten Absolventen, die sich auf den CW-Aufruf "DV-Ausbildung auf dem Prüfstand" gemeldet hatten, auf den Punkt. Zwar hat der Großteil der Befragten inzwischen einen Job gefunden, doch ist dies in vielen Fällen weniger der Verdienst von Arbeitsämtern oder DV-Schulen.

Vor allem die Arbeitsämter kommen in der Beurteilung der Stellungsuchenden schlecht weg. Überwiegender Tenor: "Wer sich auf das Arbeitsamt verläßt, der ist verlassen." Die Berater seien überlastet, inkompetent und hätten von DV keine Ahnung. Dabei wäre es besonders Aufgabe dieser Behörde, die Kompetenz und den Ruf des Veranstalters sowie der Referenten zu überprüfen. Lutz Neumann, Limburg: "Die Arbeitsämter haben doch mit der Förderung beziehungsweise Nichtanerkennung der Förderung ein vortreffliches Instrument in der Hand, ungeeignete Maßnahmen auszuschalten." Bestes Beispiel für das veraltete Know-how der Behörden seien die Ausbildungs- und Prüfungsordnungen der Industrie- und Handelskammer für "DV-Kaufleute" beziehungsweise "Wirtschaftsinformatiker". Diese Ordnungen entsprechen nach Meinung der befragten DV-Umschüler den Anforderungen des Marktes vor rund drei bis fünf Jahren.

Auch für die kommenden Jahre sehen die Absolventen in puncto verbesserte Qualität des Arbeitsamtes schwarz. Sie befürchten nämlich, daß die Behörden aufgrund ihrer komplizierten Organisationsstrukturen grundsätzlich nicht in der Lage sind, auf die stürmischen Entwicklungen in der DV richtig zu reagieren.

Hart ins Gericht gehen viele CW-Befragte auch mit den DV-Schulen. So spricht laut Ulrich Pesch allein die häufig überaus hohe Kursabbruchrate für die schlechte Qualität einiger Bildungsträger. Der Kurs, den er besucht hatte, bestand anfangs aus 28 Umschülern. Nur zehn hielten letztlich aber bis zum Ende durch. Häufigster Kritikpunkt der Absolventen ist, daß die DV-Trainer pädagogisch unzureichend qualifiziert sind. Immer wieder wäre es vorgekommen, daß Dozenten den Kurs, den sie unterrichten, kurz zuvor noch selbst besucht hatten. Auch sei das Unterrichtsmaterial didaktisch schlecht aufbereitet und fehlerhaft gewesen.

Neben der ungenügenden Qualität der Referenten bemängeln die DV-Umschüler zudem den unterschiedlichen Ausbildungsstand der einzelnen Kursteilnehmer. Soll eine Weiterbildung erfolgreich verlaufen, so fordern die Betroffenen, müssen die Teilnehmer eines Kurses den gleichen Wissensstand mitbringen. Aber: Mit der Auslese der Kursabsolventen gehen die meisten Bildungsträger eher großzügig um, beziehungsweise bei einigen Institutionen findet sie überhaupt nicht statt.

Während der Umschulung halten sich die meisten Absolventen mit Kritik an diesen Mißständen jedoch zurück, Grund: Einige DV-Schulen sorgen nämlich für eine "gute Schülermentalität". Wer mit dem Gedanken spielt, mit Beschwerden beim Arbeitsamt einen besseren Unterricht einzufordern, gilt in der Klasse als "verachtenswerter Petzer". Zudem macht eine Reihe von DV-Trainern ihre Schüler gleich zu Beginn des Kurses darauf aufmerksam, daß das Ausbildungsinstitut vielversprechende Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern habe. An diese Unternehmen würden allerdings nur "zufriedene" Absolventen vermittelt. Wurden dennoch Mißstände an die Institutsleitung gemeldet, so erfolgte in der Regel keine Reaktion. Oftmals mußten die DV-Umschüler eine Besserung der Zustände vor Gericht einklagen.

Nur wenig anfangen können die Absolventen nach Kursabschluß mit ihren allzu wohlklingenden und hochtrabenden Berufsbezeichnungen. Bei Bewerbungen reagieren die meisten Unternehmen skeptisch. Ein norddeutscher Jobsuchender resigniert: "Über meinen frisch erworbenen Titel schmunzeln die Personalchefs nur." Eine Absage nach der anderen mußten denn auch ein Umschüler aus Fürstenfeldbruck sowie seine Kurskollegen hinnehmen. Dabei hatten die DV-Trainer ihnen während der Ausbildung ständig von den großartigen Möglichkeiten als System-Fachmann vorgeschwärmt. Bitteres Fazit dieser Absolventen eines namhaften Bildungsinstituts: "Im großen und ganzen ist das Angebot der DV-Ausbildung ein Blendwerk mit der Aussicht auf eine volle Kasse für die Bildungsträger. "

Enttäuscht sind die CW-Befragten auch darüber, daß die Unternehmen Anfängern grundsätzlich nur wenig Chancen einräumen. Die Industrie erwartet vielmehr von den DV-Schulen "fertig gebackene Brötchen". Die Diskrepanz zwischen dem Schulungsinhalt und dem Qualifikationsanspruch ist oft so groß, daß eine Einstellung aussichtslos ist. Daß es in Einzelfällen allerdings auch anders geht, hat der Bremer Christian Dyander erfahren. Er fand über eine Anzeige einen Betrieb, der auch unzureichend qualifizierten Bewerbern eine berufliche Chance gibt. Durch hausinterne Weiterbildungsmaßnahmen wird das Know-how der "Newcomer" auf den erforderlichen Stand gebracht. Diese Alternative, so Dyander, könnte Jobsuchenden so manch unnötige Bildungsmaßnahme ersparen.

Von den Unternehmen erwarten die Absolventen, daß sie künftig mehr Transparenz in den Ausbildungsmarkt bringen. Dies setzt jedoch voraus, daß sie ihre Anforderungen an potentielle Mitarbeiter genauer formulieren. Bislang nämlich haben Stellenbeschreibungen oder Tätigkeitsprofile in den meisten Firmen noch Seltenheitswert.

Ein Ausweg aus der derzeitigen Ausbildungsmisere läßt sich nur finden, wenn sich die Vertreter der Industrie, Bildungsträger und des Arbeitsamtes endlich an einen Tisch setzen und eine gemeinsame Strategie entwickeln. Nur so, darin sind sich die CW-Befragten einig, kann die Qualität bei Weiterbildung und DV-Umschulung verbessert werden. Speziell die DV-Schulen sind aufgefordert, ihr Bildungsangebot mehr nach den Marktbedürfnissen auszurichten. Aufgabe des Arbeitsamtes wiederum ist es, dies zu überwachen und - wenn nötig - die Kursförderungswürdigkeit zu streichen. Grabenkämpfe, Unfähigkeit sowie Geldschneiderei sollten künftig nicht mehr auf dem Rücken der DV-Umschüler ausgetragen werden.

Verbesserungsvorschläge

Die Arbeitsämter müssen sich verstärkt um die fachliche DV-Qualifikation ihrer Berater bemühen. Nur so können diese bei den Bildungsträgern die Spreu vom Weizen trennen.

Der Kontakt zwischen Umschülern und dem Arbeitsamt sollte enger sein, um frühzeitig zu erkennen, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist. Eine Betreuung während des Kurses ist dringend erforderlich.

Nach Abschluß der Bildungsmaßnahme sollten die Teilnehmer den Lehrgang beurteilen. Nur so kann das Arbeitsamt erkennen, ob Kursinhalt sowie die Qualität der Dozenten zufriedenstellend waren.

Die Arbeitsvermittlung ist von einem marktwirtschaftlich orientierten Unternehmen durchzuführen.

DV-Schulen haben ihr Bildungsangebot nach den Marktbedürfnissen zu richten. Aufgabe der Arbeitsämter ist es, dies laufend zu überprüfen und - wenn nötig - die Kursförderungswürdigkeit zu streichen.

Die Dozenten der Bildungsträger sind pädagogisch besser auszubilden. Der Unterricht muß intensiver vorbereitet werden.

Für die gesamte DV-Branche sind einheitliche Berufsbilder zu erstellen. Detaillierte Ausbildungspläne - wie sie in einigen DV-Instituten bereits vorhanden sind - könnten dem Arbeitsamt die Übersicht erleichtern.

Vertreter der Unternehmen, der Bildungsträger und der Arbeitsämter müssen gemeinsam die Anforderungsprofile entwickeln.

Kritik am Arbeitsamt

Den Arbeitsämtern fehlt es an qualifiziertem Personal. Die Sachbearbeiter sind zumeist überfordert und stehen dem wachsenden Berg an Ausbildungsangeboten hilflos gegenüber.

Die Berater im Arbeitsamt lassen sich durch wohlklingende Berufsbilder, die die Bildungsträger ins Leben rufen, täuschen. Ob ein tatsächlicher Bedarf bei den Unternehmen besteht, wird nicht überprüft.

Eine Betreuung der Kursteilnehmer durch die Berater des Arbeitsamtes während der Umschulung findet nicht statt. Dadurch können eventuell erforderliche Korrekturen nicht vorgenommen werden.

Nach Abschluß des Seminars verzichtet das Arbeitsamt auf eine Benotung des Lehrgangs durch die Teilnehmer. Folge: Die Arbeitsvermittler erfahren nichts über die Qualifikation der Dozenten.

Auf die Umschüler wird Druck ausgeübt, wider besseren Wissens eine Maßnahme zu Ende zu führen, auch wenn sie sich als falsch gewählt erweist. Grund: "Wer umgeschult wird, erscheint nicht in der Arbeitslosenstatistik."

Das Arbeitsamt ist nicht in der Lage, für die notwendige Transparenz in der DV-Ausbildung zu sorgen.

Kritik an DV-Schulen

Dozenten sind pädagogisch mangelhaft qualifiziert, das Unterrichtsmaterial ist didaktisch schlecht aufbereitet und fehlerhaft.

Die Ausbildung der DV-Trainer besteht oft darin, daß sie den Kurs, den sie unterrichten, kurz zuvor noch selbst besucht haben.

Kursleiter erzeugen eine "gute Schülermentalität". Darüber hinaus geben sie Jobversprechungen für "zufriedene Absolventen".

Sinnvoller Medieneinsatz, Leistungsmessung und -beurteilung sowie Lernziele kommen häufig zu kurz. Das DV-Umfeld wird zu wenig behandelt.

Unterrichtseinheiten werden zu oft geändert. Folge: In der IHK-Prüfung werden Themen abgefragt, die gar nicht behandelt wurden, beziehungsweise IHK-Prüfungen fanden überhaupt nicht statt.

Ausbildungsinstitute werben mit falschen Versprechungen: Sie rufen wohlklingende Berufsbilder ins Leben, für die bei den Unternehmen jedoch kein Bedarf besteht. Umschüler werden bei Bewerbungen nicht ernstgenommen.

Eine Auslese der Teilnehmer nach Qualifikation, Interesse und späteren Tätigkeitswünschen findet nicht statt. Absolventen mit und ohne DV-Kenntnisse sitzen im gleichen Kurs.