Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Vorhersage der Bundesanwaltschaft trifft ein


25.01.1985 - 

Drei Attentate auf RZs an einem Wochenende

KARLSRUHE/STUTTGART/BERLIN - Den vorläufigen Höhepunkt einer Serie von Bomben- und Brandanschlägen auf Rechenzentren oder deren Umfeld brachte mit drei bekanntgewordenen Attentaten das vergangene Wochenende.

Ein Brandanschlag mit Molotow-Cocktails wurde am Samstag auf die Sydat in Karlsruhe verübt, am Sonntag Bombenanschläge auf das RZB (RIB), Rechenzentrum Bau GmbH in Stuttgart-Vaihingen, sowie in Berlin auf ein vermietetes Gebäude der R&V-Versicherung in unmittelbarer Nachbarschaft der IBM-Niederlassung.

Ein mutmaßlicher Bombenleger, den die Stuttgarter Polizei als Johannes Thimme, einen Sprengstoffexperten aus der Anarcho-Szene, identifiziert hat, wurde bei der Explosion des Sprengsatzes getötet, seine Begleiterin Claudia Wannersdorfer schwer verletzt. Auch die übrigen Täter werden in Kreisen der Roten Armee Fraktion (RAF) vermutet, die im Zusammenhang mit dem Hungerstreik der Stammheimer Häftlinge Anschläge neu angekündigt, aber auch schon vorher in ihr Aktionsrepertoir aufgenommen hatten. "Möglicherweise terroristischen Hintergrund" konzedierte bereits Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, als das kommunale Rechenzentrum Reutlingen am ersten Weihnachtstag des vergangenen Jahres Ziel derartiger Aktivitäten wurde. Ein Sachschaden von mehreren hunderttausend Mark wurde von dort gemeldet; von vierhunderttausend Mark ist jetzt im Falle Sydat/Karlsruhe die Rede. Die Schadenssumme in Vaihingen wird auf mehrere Millionen Mark geschätzt. In Berlin sei nicht mehr als Glasbruch entstanden, obwohl auch dort, wie in Vaihingen, eine Feuermelderbombe explodiert ist.

Warnungen sind, wie der Pressesprecher der Bundesanwaltschaft betont, seit einiger Zeit ausgesprochen: "Wir haben Erkenntnisse gehabt daß das, was jetzt passiert, auf uns zukommt." Neue Hinweise hätten sich aus den jüngsten Vorkommnissen nicht ergeben.

Bundesanwalt Rebmann hatte Mitte Dezember vor der Presse von "unfriedlichen Wochen und Weihnachten durch die Rote Armee Fraktion gesprochen. Die Sicherheitsbehörden hätten geeignete Maßnahmen für die kommenden Wochen getroffen. Appelliert hatte Rebmann ferner an die Bundesbürger, während der Feiertage und der Zeit danach Wahrnehmungen über die auf den Fahndungsplakaten abgebildeten Terroristen umgehend den Polizeibehörden zu melden. Insgesamt gehen jetzt die Behörden von mehr als 40 Anschlägen im Zusammenhang mit dem seit 4. Dezember dauernden Hungerstreik von RAF-Häftlingen aus.

Auch an gezielten Warnungen speziell an die Betreiber von Rechenzentren hat es nicht gefehlt. Sowohl die regionale Presse hat entsprechende Ereignisse aufgegriffen wie die Fachpresse (CW Nr. 19/84, Seite 1). Daß sich "der Computer" als

"Herrschaftsinstrument" spätestens seit Berichten über das Auffinden von "Firmenverzeichnissen" auf den "Abschußlisten" extremistischer Vereinigungen befand, mußte den Sicherheitsexperten der privaten Unternehmen und der Behörden der öffentlichen Hand hinreichend zu denken gegeben haben. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) wurden allein in den ersten drei Monaten 1984 17 Sprengstoff- und 45 Brandattentate gezählt. Auf 24, teils "geglückte, teils verpuffte Bombenanschläge auf Rechenzentren", schätzt der Bonner Sicherheitsprofi Reiner von zur Mühlen die Bilanz des ganzen Jahres 84.

Wohl zum ersten Mal hat es jetzt einen Toten und eine Verletzte gegeben. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft handelt es sich um mutmaßliche Täter. Bisher hatten die RZ-Attentäter weder in Kamikaze-Manier ihre Aktionen durchgeführt, noch erkennen lassen, daß sie Personenschaden billigend in Kauf nehmen. Vielmehr hat sich die Gruppierung offenbar auf Rechenzentren "eingeschossen", die unbesetzt oder ohne menschliche Bewachung sind. Dieses kriminologische "Profil" weisen auch die Anschläge vom Wochenende auf.

Eine "Koordinierung über Paris" vermutet zur Mühlen. Zum Beispiel Hinweise über die Herkunft des verwendeten Sprengstoffs legten die Annahme nahe. Ergänzt werden seine Spekulationen durch weitere aktuelle Presseberichte über geplante Attentate auf Nato-Einrichtungen in Brüssel.

Auf die Frage, warum ausgerechnet dieses oder jenes Rechenzentrum betroffen oder gefährdet ist gibt es weder von Sicherheitsbehörden noch von anderen Sachverständigen eindeutige Antworten. Eine politisch-publizistisch ausschlachtbare Wirkung über die Medien kann als ein angestrebter Effekt der Attentäter gelten. Nur sekundär stellt sich das Ziel dar, die Unternehmen oder Behörden nachhaltig zu schädigen beziehungsweise die Computer zu zerstören; diesen Schluß könnte man allerdings berechtigter Weise nur dann ziehen, wenn man von einer vollständigen Berichterstattung und Offenlegung der Fälle ausgehen könnte. Die Dunkelziffer ist jedoch vermutlich sehr hoch, und die Betroffenen spielen in der Regel die Anschläge als "mißglückt" herunter, wenngleich Versicherungssummen bis an die Millionengrenze heran und darüber genannt werden. Auch ist gerne von Verwechslungen die Rede. Eigentlich sei ein anderes Unternehmen gemeint gewesen, im übrigen liefen die Maschinen bereits wieder oder ein Backup-Rechenzentrum beziehungsweise eine schnelle Herstellerfirma habe kurzfristig einspringen können.

Verständlich, daß Behörden und Unternehmen in dieser Art reagieren. Nicht verständlich indes ist, daß offenbar drei Viertel der RZ-Leiter keinen Katastrophenplan ausgearbeitet hat, wie eine aktuelle Umfrage der COMPUTERWOCHE jetzt ergab.

Mehr als die Telefonnummer der Feuerwehr sei in vielen Fällen nicht zur Hand, von einer Sicherheitsplanung ganz zu schweigen, lauten Erfahrungen einschlägiger Berater.

Die alte Regel, daß das Kind erst in den Brunnen fallen muß, hat sich nach Bekanntwerden des Anschlags vom 4. September 1983 auf ein MAN-Rechenzentrum nur in Einzelfällen bestätigt (CW Nr. 40/83, Seite 1). Eigenen Aussagen zufolge hat sich zum Beispiel erst aus diesem Anlaß das Rechenzentrum der Deutschen Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DVFLR) in Oberpfaffenhofen ein vernetztes Sicherheitssystem zugelegt. Immerhin werden hier auf technisch-wissenschaftlichen Großrechnern "sicherheitsrelevante Daten" vorgehalten und verarbeitet. Bis Ende 84 hatte das jetzt betroffene Stuttgarter Bau-RZ eine Kooperation mit der DVFLR; man rechnete auf denselben Anlagen. Das könnte der Grund für die Attentäter gewesen sein, sich für ihre Aktion das RZB auszusuchen. Sie hätten dann auch ein Nerven- und Planungszentrum für Forschungsvorhaben unter anderem zur Umweltthematik getroffen. Die Stuttgarter Truppe der Versuchsanstalt hat aber inzwischen ihr RZ verlegt, laut RZB gibt es seit dem 1. Januar 1985 keine Zusammenarbeit mehr.

Ironie des Schicksals oder Tücke des Objekts? Nicht weit von dem bombardierten RZ in Vaihingen, "keine hundert Meter", wie ein Pressesprecher des Baden-Württembergischen Innenministeriums versichert, liegt das "Objektschutzgebäude" der Polizei des High-Tech-Landes am Neckar. Die Schwaben setzen auf "verdeckte Raumdeckung".

Die Behörde ergänzt: "Wenn es Hinweise auf eine Gefährdungslage gibt, dann kann der Private um Objektschutz bitten; es gibt dann keinen Unterschied zwischen kommunal und privat."

Im Grundsatz gilt in der Bundesrepublik auch auf diesem Gebiet, wie

Berater von zur Mühlen formuliert, "das Verursacherprinzip: Wer ein Rechenzentrum betreibt und damit Verursacher eines Risiko ist, muß dieses Risiko auch in den Griff bekommen. Dann muß er eben sein Rechenzentrum so bauen, daß nichts passiert". Notrufschaltungen seien praktisch nicht zu erhalten.