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22.05.1992

Drei Millionen Arbeitsplätze werden in 15 Jahren fehlen

Hans-Peter Canibol

Redakteur der Wirtschaftswoche, Düsseldorf

Eigentlich sind die Japaner recht angenehme Zeitgenossen. Sie arbeiten viel, sind sparsam und genügsam. Sie forschen eifrig und investieren. Sie subventionieren nicht allzuviel, wenngleich wohl öfter an den richtigen Stellen. Sie zeigen uns, wie man billig Autos baut, beglücken uns mit erschwinglichen Personal Computern und Videogeräten und nehmen schikanöse Einfuhrbeschränkungen ohne Murren hin. Sie kooperieren und handeln, sind dabei - wie wir auch - auf ihren Vorteil bedacht, denken vielleicht etwas langfristiger. Aber sie haben, so scheint es, den Erfolg gepachtet. Und mittlerweile sind sie uns um mehr als eine Nasenlänge voraus, machen den Europäern, die gern anderen Dampf machen, ihrerseits Dampf.

Manche finden das schlimm. Besonders die EG-Kommissare in Brüssel. Sie haben sich das Ausmaß der europäischen Misere von einer hochkarätigen Schar von Wirtschaftsforschern vorrechnen lassen. Über drei Millionen Arbeitsplätze werden, so das Resümee der Forscher, in 15 Jahren in Europa fehlen, wenn wir keine wettbewerbsfähigen Unternehmen in der Mikroelektronik haben.

Bei Lichte betrachtet ist das Ergebnis der Experten eigentlich erfreulich. Sofern die Rahmenbedingungen stimmen und die Unternehmen das vorhandene Innovationspotential nutzen, wird das Wirtschaftswachstum angeheizt (Wachstumgewinn bis zum Jahr 2005: 4,6 Prozent), und die Produktivität steigt (zusätzliches Plus: acht Prozent). Ein Bremsen des Fortschritts ist daher nicht lohnenswert. Und eigentlich stehen wir mitten in einem Prozeß, wie ihn Josef Schumpeter einst beschrieb. Erst steigt die Produktivität, dadurch fallen die Preise, deshalb wird mehr gekauft, und nach Ablauf des Strukturwandels bleibt ein Plus in der Arbeitskräftebilanz. Bliebe auch, so die Forscher, wenn nicht gerade in der Kerntechnologie, der Mikroelektronik, die Europäer vielfach statt auf Eigenerzeugtes auf Importe zurückgreifen müßten. Und so entstehen zu viele der neuen Arbeitsplätze eben nicht in Europa, sondern vor allem in Fernost.

Unvermeidlich ist dies nicht. Manche machen böse Mächte, wie das vermeintlich alles wissende und alles lenkende japanische Ministry for Trade and Industry (Miti), für das europäische Hinterherhinken verantwortlich Und möchten im Gegenschlag in Europa einen ebenso bösen Geist installieren. Mit milliardenschweren Subventionen an die verzagenden europäischen Computerhersteller soll dann die Technologielücke geschlossen werden. Ein sicherer Weg, um die letzten Reste von Unternehmergeist zu verscheuchen und eine Generation von Rentiers heranzuzüchten.

Unternehmen, die sich von neuen Technologien überfordert fühlen, haben auf dem Markt nichts verloren. Die vordergründigen Ausreden, zu lange Planungszeiten und unkalkulierbare Risiken, können nicht überzeugen.

Planungszeiträume von zehn Jahren und mehr sind in vielen industriellen Anwendungen ebenso gebräuchlich wie Investitionen in Produktentwicklungen mit stark schwankender Nachfrage. Zudem ist das Banken- und Finanzierungssystem soweit entwickelt, daß auch für risikoträchtigere Investitionsvorhaben Geldgeber ausfindig gemacht werden können.

Not tut eine Rückbesinnung auf die Fakten. Europa mangelt es nicht an Wissen - auch in der Mikroelektronik hinken die europäischen Forscher den Japanern nicht hinterher. Europa mangelt es gewiß nicht an Unternehmergeist. Aber an der Schnittstelle, an der raschen Umsetzung der Forschungsergebnisse in Produkte und Prozeßtechnologien, werden Zeit, Chancen und Potential vergeudet. Da sammeln die Japaner die entscheidenden Punkte.

Statt die vorhandenen Mechanismen für den Forschungstransfer zu stärken, fahren die Europäer aber wieder in die falsche Richtung. Das große Vorhaben zur Rettung der europäischen Industrie wurde erst einmal drei Jahre hin und her gewogen. Und jetzt werden, so scheint's, die Jäger zum lagen getragen. Die Gelder von "Jessi" fließen vor allem in die Kassen der Großunternehmen. Was hätte man nicht alles für die Forschungs-Infrastruktur tun können. Aber den Japanern sollten wir es nicht verargen, wenn sich herausstellt, daß die Jessi-Gelder verpulvert worden sind. Im Gegenteil: Sie halten die Europäer auf Trab und machen die Sünden einer verfehlten Forschungspolitik sichtbar.