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11.03.2015 - 

Ratgeber

Drei Modelle für Cloud-Marktplätze

Matthias Kunisch ist Geschäftsführer der forcont business technology GmbH.
Auch wenn sich Softwareprodukte und smarte Services aus der Cloud nicht ganz so schnell etabliert haben, wie es der Hype vermuten ließe, sind sie mittlerweile im Markt angekommen. Dabei haben sich drei unterschiedliche Geschäftsmodelle – oder besser Marktplatztypen –entwickelt. Worin die Unterschiede liegen, erfahren Sie hier.
Um einen Marketplace in der Cloud zu eröffnen, stehen einem Anbieter verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung.
Um einen Marketplace in der Cloud zu eröffnen, stehen einem Anbieter verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung.
Foto: vege, Fotolia.com

Der erste Typ der Cloud-Marktplätze funktioniert prinzipiell wie die guten alten innerstädtischen Wochenmärkte. Die Cloud-Services werden wie klassische Handelswaren für jeden zugänglich auf dem Marktplatz angeboten. Der Marktplatz fungiert dabei als Vermittler zwischen dem Anbieter und dem Nutzer. Hierfür erhält der Marktplatz vom Anbieter eine pauschale Gebühr, mit der er seine Betriebskosten wie Hosting, Pflege oder Marketing deckt. Der Nutzungsvertrag für die Services kommt aber allein zwischen Anbieter und Nutzer zustande. Die Beziehungen zwischen allen Beteiligten sind also überschaubar und eindeutig.

Für den Nutzer gibt es allerdings mehrere Dinge zu beachten. Da er mit jedem Anbieter nach dessen individuellen Vorgaben einen Vertrag schließen muss, kommt so unter Umständen eine große Anzahl unterschiedlicher Verträge zustande. Das kann für den Käufer mit viel Aufwand verbunden sein. Je nach Bedarf und Geschäftsmodell des Käufers stellen aber nicht nur die Verträge ein Problem dar. Viel wichtiger ist die Frage nach der Interoperabilität der verschiedenen Services untereinander: Können Daten ausgetauscht werden, können serviceübergreifende Geschäftsprozesse implementiert werden, funktioniert das Nutzermanagement und Single Sign-on über Anbietergrenzen hinaus?
Für weitestgehend alleinstehende Services und für den Start in die Welt des Software as a Service ist diese Marktplatzvariante allemal geeignet. Positiv ist zu bemerken, dass der Kunde einen direkten und ungefilderten Zugang zum Dienstanbieter hat, der von großem Vorteil sein kann. Im Übrigen skalieren diese Marktplätze recht gut und schaffen für den Anbieter interessante Vertriebsmöglichkeiten über einen indirekten Kanal und erhöhen somit die Marktdurchdringung. Ein sehr gutes Beispiel für den ersten Typ Marktplätze ist die german:businesscloud des Cloud-ECOSystems, die im November produktiv gehen wird.

Der Marktplatz wird selbst Händler

Der zweite Typ der Cloud-Marktplätze bietet ebenfalls diverse Services an. Im Unterschied zum ersten Typ ist aber der Marktplatz selbst der Vertragspartner und nicht der Dienstanbieter. Das Businessmodell sieht eine Umsatzteilung zwischen Dienstanbieter und Marktplatz vor. Dabei liegt das Risiko stärker auf Seiten des Marktplatzes, da er mit anderen im Wettbewerb steht, über die der Dienstanbieter seine Cloud-Services ebenso anbietet.

Für den Kunden liegt der große Vorteil darin, nur einen Vertragspartner zu haben und über lediglich ein zentrales Login eine Vielzahl von Cloud-Services nutzen zu können. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass der Marktplatz umfangreiche Integrationsmethoden anbietet, um die verschiedenen Services miteinander zu verbinden. So lassen sich durch die intelligente Verkettung einzelner Services ganz neue gestalten, die wesentlich komplexere Aufgaben effizient und vor allem bedarfsgerecht bewältigen können. Beispielsweise die Verbindung eines CRM-Systems mit einem Service für Vertragsmanagement oder die Integration einer agilen Personalaktenlösung in ein Personalmanagementsystem. Beide Cloud-Service-Pakete könnten dann noch mit einem Archivsystem integriert sein.
Paradebeispiele für diese Art von Marktplätzen liefern die Telekom AG mit ihrem Business Marketplace und die T-Systems mit dem Business Marketplace for Enterprise. Die weitere Entwicklung derartiger Marktplätze bleibt abzuwarten. Die Herausforderung besteht unter anderem darin, dass Marktplätze mit wachsender Größe immer unübersichtlicher werden. Früher oder später werden Nutzer eine Orientierung für die wachsende Zahl an Anbietern benötigen, um den jeweils passenden Service zu finden. Womöglich kommt es zu einer Spezialisierung der Marktplätze nach ausgewählten Branchen oder Prozessen. Besonders positiv für den Nutzer ist, dass der Marktplatz durch das Vertragswerk in der Verantwortung steht und strenge Regularien für seine Service-Anbieter durchsetzen wird, um Sicherheit, Datenschutz und Stabilität zu gewährleisten.

Ein Anbieter betreibt einen Marktplatz

Schließlich gibt es noch einen dritten Typ: Einige Anbieter von Cloud-Services haben selbst einen Marktplatz für ihr spezifisches Portfolio an Cloud-Services ins Leben gerufen. In der Regel handelt es sich dabei um ein eng begrenztes Spektrum, zum Beispiel alle Services rund um betriebliche Informationssysteme oder für den Aufbau und Betrieb privater Rechenzentren in der Cloud. Für Kunden kann das äußerst komfortabel sein, erhalten sie doch alles aus einer Hand, haben nur einen Supportpartner und müssen in Regel keine Vielzahl separater Verträge verwalten. Allerdings begeben sie sich auch wieder stärker in Abhängigkeit. Ohne den Druck, bei der Entwicklung der eigenen Services auf Interoperabilität mit anderen Anbietern zu achten, kann schnell ein stark proprietäres Ökosystem entstehen, dass letztlich die Vorteile an Agilität, die Cloud-Services per se bieten, zunichte macht.
Je umfangreicher und zahlreicher die genutzten Services sind, umso größer sind auch die Abhängigkeiten sowie die damit einhergehenden Probleme und Risiken bei Preisänderungen, der Releasepolitik, eventuellen Portfolioänderungen oder dem Anbieterwechsel.

Wie sicher sind die Marktplätze?

Wie bei allem im Leben gibt es keine hundertprozentige Verfügbarkeit oder Sicherheit. Da man den Betrieb der Software sowie das Management von Daten an Dritte abgibt und gemeinsam mit anderen eine fremde Software nutzt, ­sind kritische Fragen erlaubt. Eine vollständige Trennung aller Nutzer und Services auf einem Server ist zwar möglich, aber wenig wirtschaftlich, da gerade das Teilen von Ressourcen Cloud Computing so attraktiv macht. Es bleibt also nur der genaue Blick auf den Speicherort (Land bzw. Region), die Zertifizierung des Rechenzentrums, die Einhaltung geltender Datenschutzgesetze, das Thema Hochverfügbarkeit, physische Sicherheitsstandards und Backup-Konzepte. Besteht außerdem die Möglichkeit, die eigenen Daten problemlos aus der Cloud zu migrieren oder via Self-Services die Leistung individuell anzupassen? Die Nutzer können sich hier nicht der Verantwortung entziehen. Orientierung geben aber zahlreiche Leitfäden von Branchenverbänden und Zertifizierungspartnern sowie entsprechende Gütesiegel.

Ein Sonderfall ist allerdings das Thema Verfügbarkeit: Viele Rechenzentren bieten 99,9 Prozent. Das stimmt auch meist, ist aber nicht gleichbedeutend mit der Verfügbarkeit des Dienstes. Die hängt auch von der Softwarepflege, der Netzauslastung, der vorhandenen Bandbreite und anderen Dienstleistungen ab. Außerdem gilt es genau hinzusehen, auf welchen Zeitraum sich dieser Wert bezieht. Bei 30 Tagen ist so maximal ein Ausfall von wenigen Stunden möglich, beziehen sich die 99,9 Prozent auf ein Jahr, kann der Anbieter im Zweifelsfall auch mal zwei Tage unerreichbar sein, ohne das vertraglich Handlungsbedarf bestünde.

Die Hochverfügbarkeit des Dienstes muss aber immer im Verhältnis zur Verfügbarkeit des Internets gesehen werden. Der Dienstanbieter ist nicht per se der Anbieter der Telekommunikationsleistung. Diese muss der Kunde in einem zweiten, parallelen Vertrag in Anspruch nehmen. Die Sicherheit, Stabilität und Performance des Cloud Computings wird also nicht nur durch den Dienstanbieter, sondern ebenso durch die Qualität seiner Netzanbindung und deren Verfügbarkeit definiert.

Wohin entwickelt sich der Markt?

Die Geschäftsmodelle Cloud-Marktplätze sind noch recht jung, finden aber zunehmend Verbreitung. Die Nutzer haben die Wahl zwischen spezialisierten Angeboten, hoher Integration und einfacher Administration. Die Anbieter müssen dazu entweder selbst ein eigenes Portal betreiben oder die Marketingkraft und die Reichweite der Marktplätze nutzen. In diesem Fall stehen sie aber der nicht zu unterschätzenden Herausforderung gegenüber, unterschiedlichste Onboarding-Anforderungen zu erfüllen und verschiedenste, hochkomplexe Vertragswerke zu akzeptieren. Diese Entwicklung wird sich in dem Maße verstärken, in dem die Anzahl der Service-Anbieter wächst. Denn im Anbieter-Dschungel schaffen zukünftig Berater und Marktplätze die nötige Orientierung und stehen mit ihrer Expertise für die Leistungen der Anbieter ein. Das entscheidende Kriterium für Kunden, an dem sie die Leistung und die Qualität eines Marktplatzes messen werden, wird dabei die Möglichkeit sein, die persönlichen Daten jederzeit vollständig kontrollieren zu können. (bw)

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