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01.04.2007

DSL für alle bleibt eine Illusion

Politikern kommt die Forderung "Breitband für alle" leicht über die Lippen. Doch sie ist mit der heutigen Technik nicht zu erfüllen.
Mit steigender Übertragungsgeschwindigkeit sinkt die Reichweite auf wenige hundert Meter.
Mit steigender Übertragungsgeschwindigkeit sinkt die Reichweite auf wenige hundert Meter.
VDSL erreicht seine maximale Transferrate nur über kurze Distanzen.
VDSL erreicht seine maximale Transferrate nur über kurze Distanzen.

Zwischen der Marketing-Aussage "Breitband für alle" beziehungsweise den hochgesteckten Plänen mancher Carrier und der technischen Realität klaffen Welten. So können nach Versuchen der Fraunhofer-Einrichtung "Systeme der Kommunikationstechnik" in München in einem klassischen Telekommunikationskabel maximal 60 Prozent der verfügbaren Anschlüsse für die heutige DSL-Technik genutzt werden. Damit rückt die flächendeckende Versorgung aller Haushalte mit DSL in weite Ferne. Grund ist, dass NEXT- und FEXT-Nebensprechen (Near End Crosstalk, Far End Crosstalk) die Performance begrenzen beziehungsweise eine Datenübertragung stören. Erschwerend kommt hinzu, dass die Telefonkabel ursprünglich zum Telefonieren nur für eine Übertragung im Frequenzbereich bis zu 3,4 Kilohertz vorgesehen waren. Mit dem Siegeszug der DSL-Technik müssen diese Kabel nun Frequenzen von bis zu 2,208 Megahertz (etwa bei ADSL 2+) verkraften.

Leistungsquerschnitt als limitierender Faktor

Als wären dies nicht schon genug Einschränkungen, muss beim deutschen Telefonnetz noch ein anderer Faktor berücksichtigt werden: Es wurden unterschiedliche Leitungsquerschnitte vergraben. Hierzulande reicht das Spektrum dabei von 0,35 bis 0,8 Millimetern, wobei vereinfacht gilt: Je größer der Durchschnitt, destso höhere Datenraten und Entfernungen lassen sich mit DSL transportieren beziehungsweise überbrücken. So können sich potenzielle DSL-Kunden glücklich schätzen, wenn sie in einem Gebiet wohnen, das noch vom damaligen Monopolisten Deutsche Bundespost erschlossen wurde. Diese hätte nämlich eher dicke und damit kostspieligere Kupferkabel verlegt. Schließlich musste die Post im Gegensatz zur Telekom noch nicht auf den Shareholder Value achten. Dies erklärt auch, warum in manchen Neubaugebieten hohe DSL-Bandbreiten teilweise nicht angeboten werden können.

Für vollständiges DSL-Chaos sorgten dann im letzten Jahr im Vorfeld der Fußball-WM technisch unbedarfte Entscheider, als sie mit dem Triple-Play-Gedanken und der Idee des VDSL-Netzausbaus vorpreschten. Die hierzu notwendigen Standards wurden nach Meinung von Branchenkennern so spät verabschiedet, dass bis zum WM-Anpiff aus technischer Sicht überhaupt keine marktreifen und funktionierenden Produkte entwickelt werden konnten. Knackpunkt ist dabei, dass bei VDSL die stark verkürzte Leitungslänge (lediglich vom Kabelverzweiger bis zum Endkunden) - verbunden mit einer Erhöhung der Frequenzen auf bis zu 17,664 Megahertz - im Kupferkabel zu einem verstärkten FEXT führt. Und dies beeinträchtigt direkt die Übertragungsqualität bestehender DSL-Anschlüsse (ADSL, ADSL 2+). Um diese nicht im wahrsten Sinne des Wortes niederzubrüllen, muss VDSL 2 im Downstream geregelt werden. Per Downstream Power Backoff (DSPO) sollen dabei die DSL-Systeme, die von der Ortsvermittlungsstelle aus betrieben werden - also beispielsweise alle klassischen DSL-Angebote der Telekom-Konkurrenten - vor den VDSL-Störeinflüssen geschützt werden.

Mit VDSL 2 wachsen die Probleme

Der Ansatz, auch als Static Spectrum Management (SSM) bekannt, soll die störungsfreie Koexistenz der verschiedenen DSL-Systeme gewährleisten. In der Praxis hat der Standard allerdings einige offene Definitionsteile, die Interpretationsspielraum bieten. Theoretisch hätte die Telekom die Möglichkeit, die ADSL-2+-Angebote der Konkurrenz auszubremsen und das eigene VDSL-Netz zu promoten: In der Tat steigt die Anzahl der Beschwerden von ADSL-2+-Kunden, die in Internet-Foren über Probleme klagen. Dabei dürften die Schwierigkeiten noch zunehmen, wenn die Glasfaserkabel mit VDSL 2 erst einmal bis zum Gebäude (Fibre to the Building = FTTB) verlegt sind. Dann sollen inhouse - gemäß dem europäischen Bandplan 998 - auf dem Telefonkabel Frequenzen von bis zu 30 Megahertz gefahren werden. Welche Wechselwirkungen dies in Verbindung mit schlecht abgeschirmten TV-Kabelkoax-Netzen der Ebene IV und herkömmlichen DSL-Verfahren erzeugt, vermag sich heute niemand auszumalen.

Optimierungspotenzial durch Spectrum Management

Das ganze Problemfeld könnte man mit Static Spectrum Management in den Griff bekommmen, wenn die Leistungsparamter ständig überwacht und von Hand nachgeregelt würden. Auf diese Weise ließe sich dann auch die Anschlussdichte erhöhen. Der Pferdefuß dabei ist allerdings, dass sich der Einsatz von Messingenieuren für ein gewinnorientiertes, börsennotiertes Unternehmen gar nicht rechnet, wenn es den Anschluss zudem für rund zwölf Euro pro Monat an die Konkurrenz weitervermieten muss.

Abhilfe verspricht hier erst das Dynamic Spectrum Management (DSM), das von vielen Beobachtern in der ersten Euphorie bereits als DSL-Nachfolger gefeiert wurde. Diese Technik ermöglicht einen geregelten DSL-Einsatz, indem die Parameter aktiv angepasst werden, um so Störfaktoren wie Nebensprechen zu vermeiden. Auf diese Weise sollen Reichweite sowie Übertragungsgeschwindigkeit und -kapazität erhöht werden. In den USA geht man vor dem Hintergrund des dortigen Leitungswirrwarrs von Performance-Steigerungen im Bereich von 100 Prozent aus.

Für Deutschland rechnen Experten mit Steigerungsraten unter 50 Prozent, da die hier besser verlegten Telefonkabel weniger Optimierungspotenzial bieten. "Mit DSM beginnt eine neue Ära der DSL-Übertragung", blickt Helmut Steckenbiller, Geschäftsführer bei Fraunhofer in München, in die Zukunft: "Allerdings wird die neue Technik wohl erst 2009 zum Einsatz kommen." Aber selbst dann wird es in Ballungszentren kein DSL für alle geben. Die neue Technik ermöglicht lediglich, dass in einem Telefonkabel 50 Prozent der Kunden mit ADSL oder VDSL versorgt werden können. (hi)