Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

23.04.2004 - 

Die Deutsche Telekom gerät unter Zugzwang

DSL-Wettkampf heizt sich auf

23.04.2004
MÜNCHEN (ajf) - Im DSL-Markt liefern sich die Provider seit Monaten eine Preisschlacht, um die besten Claims eines vermeintlich lukrativen Geschäftsfelds abzustecken: Inhalte und Dienste. Mitten drin steckt die Deutsche Telekom, die sich verändern muss, um ihre Bastion zu halten.

Kaum eine Woche verstreicht, ohne dass ein Carrier oder Internet-Service-Provider (ISP) neue Preislisten für den breitbandigen Zugang ins Internet via DSL veröffentlicht. Dabei geht es inzwischen zu wie auf dem Hamburger Fischmarkt: Hier ist der erste Monat kostenlos, dort das erste Quartal, das DSL-Modem sowieso, nun kommt auch noch ein funkender WLAN-Router ins Paket, für 19,95 Euro oder sogar umsonst. Gleichzeitig erweitern die Anbieter die verfügbare Bandbreite, statt wie einst 768 Kbit/s stehen nun mindestens 1, 2, oder 3 Mbit/s zur Verfügung; 4 Mbit/s sind bereits angekündigt. Das goldene Breitbandzeitalter, so scheint es, ist endlich angebrochen.

Deutschland hinkt hinterher

Dabei hatte es zuerst den Anschein, als habe Deutschland in puncto DSL weltweit die Nase vorn - hinter Südkorea und Hongkong, aber die tauchten in europäischen Ranglisten sowieso nicht auf. Doch die Zeiten haben sich längst gewandelt, und Deutschland steht nur noch in absoluten Zahlen leidlich gut da. Mit dem statistischen Verhältnis von Breitbandanschlüssen zu Haushalten rangiert das Land dagegen im unteren Mittelfeld. Die hiesige Wachstumsrate für 2003 lag den Marktforschern von Point Topic zufolge nur bei 16 Prozent, während etwa Italien eine Zunahme der Breitbandanschlüsse von 57 Prozent verzeichnete.

"Das Grundübel ist, dass das Kabelnetz nicht entwickelt wurde", berichtet Philipp Gerbert, Leiter der Technologie-Praxis bei AT Kearney. Der Hintergrund: Die Telekom hatte auf Druck der Regulierungsbehörden das Kabelnetz verkaufen müssen, ein unterschriftsreifer Vertrag mit Liberty Media war jedoch von den Kartellwächtern unterbunden worden. Der Bonner Konzern quittierte die Entscheidung mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Zwar musste der Carrier auf viel schnelles Geld verzichten, jedoch konnte er danach in aller Ruhe und auf der Grundlage des Monopols der letzten Meile den Breitbandmarkt zu seinen Gunsten steuern - der Anteil der Telekom an den Basisanschlüssen belief sich im vergangenen Jahr auf knapp 90 Prozent.

Auch Roman Friedrich, Geschäftsführer und TK-Fachmann von Booz Allen Hamilton, führt den fehlenden Wettbewerbsdruck auf der Infrastrukturebene an, wenn er nach den Gründen für das schwache Breitbandwachstum in Deutschland gefragt wird. Alternative Techniken wie Powerline (Daten über Stromleitungen), Direct Fiber (Glasfaser ins Haus), Satelliten-Internet oder Wireless Local Loop (Funk) funktionieren im Ausland, die kritische Masse wurde hierzulande aber nie erreicht. "Im Grunde genommen", sagt Friedrich, "wird das Wachstum von der Fähigkeit der Telekom angetrieben, DSL-Leitungen freizuschalten."

"Unglaublich langsam" bewege sich der heimische Breitbandmarkt, ärgert sich AT Kearneys Technologie-Experte Gerbert. Dabei sei höchstens der Gelegenheitssurfer mit Schmalband zufriedenzustellen; wer das Internet halbwegs sinnvoll nutzen wolle, komme heute an Breitband nicht mehr vorbei. Entscheidend sei dabei nicht nur die Download-Rate, sondern auch, dass die Anwender dauerhaft online seien, sagt Gerbert: "Dadurch gewinnt die Internet-Nutzung eine ganz andere Qualität." Am Breitband bis ins Wohnzimmer hängen auch die Hoffnungen einer ganzen Reihe von Unternehmen aus der IT- und Medienbranche.

Doch mit den fallenden Preisen ändert sich langsam das starre Gefüge des Marktes - zumindest bei den Internet-Zugängen. Hier konnte sich T-Online - Marktführer mit rund 3,5 Millionen Breitbandnutzern - bislang auf die Marktmacht seiner Konzernmutter verlassen: Die DSL-Verträge der Telekom-Festnetztochter T-Com sichterten auch T-Online seine Spitzenstellung. Seit dem vierten Quartal 2003 hat sich das Bild allerdings gewandelt, denn United Internet mit den Töchtern 1&1 sowie GMX konnte ähnlich viele Neukunden werben. In der Folge geriet erst der Aktienkurs von T-Online unter Druck, dann kochten Gerüchte über eine strategische Neuausrichtung des Telekom-Konzerns hoch.

T-Coms Freud - T-Onlines Leid

Hintergrund der Entwicklung ist, dass Konkurrenten der Telekom den DSL- und den Internet-Zugang inzwischen mehr oder weniger aus einer Hand anbieten können. Hier und bei den geforderten Entgelten hatten die Wettbewerbsbehörden den Druck auf den Bonner Carrier erhöht. In diesem Sommer wird die Telekom zudem die Großhandelspreise für DSL-Resale senken, wodurch der Markt weiter angekurbelt werden soll. Dadurch schrumpft zwar ihr Anteil, im Gegenzug steigen aber Umsatz und Ertrag durch die reine Masse. Zuletzt hatte der Konzern über vier Millionen Kunden von DSL-Basisanschlüssen, Ende des Jahres sollen es deutlich über fünf Millionen sein. T-Coms Freud ist T-Onlines Leid.

Zudem ist die Akquisition von Neukunden nur eine Seite der Medaille, denn die Bindung der bestehenden Nutzer rückt ebenfalls in den Mittelpunkt des Interesses. Technikaffine Kunden der ersten Stunden müssen mit neuen Marketing-Argumenten an ihren Provider gebunden werden. Wer sich einst schnell für Breitband entschieden hat, ist ebenso schnell auch wieder weg und beim günstigeren Konkurrenten untergeschlüpft. Anfang Januar meldeten die Marktforscher von Forrester, dass 22 Prozent der US-amerikanischen Breitband-Surfer (Kabel und DSL) daran interessiert sind, ihren Provider zu wechseln - vornehmlich, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt.

Flatrates bergen finanzielle Risiken

Die Rechnung für die Provider geht vor allem bei Gelegenheitssurfern auf, die sich einen DSL-Anschluss leisten, ohne viel aus dem Netz zu laden. Hier ist der Aufwand kalkulierbar, während bei Flatrate-Kunden monatliche Download-Volumina von 50 GB keine Seltenheit sind - ein eher schlechtes Geschäft. GMX offeriert daher Neueinsteigern auch einen kostenlosen Internet-Zugang mit bis zu 1 GB Volumen, wenn gleichzeitig der T-DSL- Anschluss im Paket bestellt wird. Dieser stammt wiederum von T-Com, während T-Online außen vor bleibt.

Doch selbst die Telekom kann sich nicht auf den Lorbeeren des Marktführers ausruhen - die Wettbewerber fordern vehement differenzierte Leistungen wie den europaweit üblichen "Bitstream Access". Dieser würde es ihnen ermöglichen, individuelle Dienste auf der Telekom-Infrastruktur anzubieten, die über den reinen Preiskampf im Wiederverkauf hinausgehen. Zudem beginnen Unternehmen wie QSC und Freenet damit, billige Sprachtelefonie als Marketing-Instrument für den DSL-Zugang zu etablieren. United Internet und AOL wollen neben anderen nachziehen.

Zwar wird der als Voice over IP (VoIP) bezeichneten Technik ein großes Hype-Potenzial nachgesagt, doch sind nicht alle Experten von ihrem Durchbruch im Privatkundengeschäft überzeugt. Die Ersparnis gegenüber Call-by-Call sei schließlich nur gering und die Schwelle für Nicht-Techniker hoch: "Über diese Produktidee lässt sich nur eine begrenzte Kundenzahl erreichen", prognostiziert Bernd Janke, TK-Experte von Mummert Consulting. Immerhin kann das Angebot den T-Konzern dazu zwingen, auf die drohende Kannibalisierung von Online- und Festnetzgeschäft zu reagieren.

Ungeachtet dessen geht Janke davon aus, dass sich viele Provider nach neuen Geschäftsmodellen umschauen müssen. Über die Kosten für den Zugang können sich die Anbieter kaum noch unterscheiden, zudem schmelzen die ohnehin schon geringen Gewinnspannen durch den Preiskampf zusammen. Der Mummert-Berater setzt als Lösung auf bezahlte Inhalte, die zunehmend akzeptiert würden, "denn aus den illegalen Tauschbörsen wird viel Datenschrott heruntergeladen".

Dass der reine Breitbandanschluss nicht sonderlich attraktiv für die Infrastrukturanbieter ist, sagt auch Booz-Allen-Hamilton-Geschäftsführer Friedrich: "Der eigentliche Gewinn liegt in den Diensten und Werten, die über das Breitband angeboten werden." Diese "Veredelung" eines Produkts zu einem Service sei auch in anderen Industrien anzutreffen, allerdings bisher kaum in der TK-Branche.

Vorteile für Branchenschwergewichte

Während der Wertbeitrag der Transportkapazität reduziert wird, sollen mit der Wertschöpfung im Servicebereich insgesamt größere Margen erzielt werden, lautet die Rechnung. "Das ist ein Spiel mit dem Feuer", warnt Friedrich jedoch vor Euphorie bei dieser "Wette auf die Zukunft".

Die TK-Anbieter müssen dafür Sorge tragen, dass innovative Dienste von ihnen bereitgestellt werden und ihre Kunden nicht auf Angebote von unabhängigen Service-Providern ausweichen. Dieses Feld bietet den Schwergewichten der Branche einen Vorteil gegenüber kleineren Wettbewerbern, die noch kein Content-Geschäft oder Partnernetze aufgebaut haben. Folglich müssen diese bei größeren Telcos aus dem Ausland unterschlüpfen, wie es der Hamburger City-Carrier Hansenet bei Telecom Italia vorgemacht hat.

Integrierte Angebote aus Zugängen und Inhalten können der Schlüssel zum Erfolg sein - wenn der Anbieter nicht wie die Telekom auf vier getrennten Säulen ruht, die sich gegenseitig das Leben schwer machen. "Viele der innovativen Anwendungsfelder entstehen zwischen den Säulen", berichtet AT-Kearney-Berater Gerbert. Diverse Integrationsthemen stehen an, und jedes wirft neue Probleme auf: T-Online ist etwa in Spanien und Frankreich aktiv, T-Com tritt in Osteuropa an.

Laut Friedrich von Booz Allen Hamilton ist die Re-Integration der Internet-Töchter in die Festnetzgesellschaften bei vielen großen, nationalen TK-Unternehmen eine Frage der Zeit. Vorgeprescht ist unlängst France Télécom, die angekündigt hat, ihren ISP Wanadoo ins Boot zurückzuholen. Ob ein solcher Schritt bei der Telekom ansteht, ist noch nicht klar - wirklich überraschen würde er heute indes kaum einen Beobachter. Mummert-Berater Janke rechnet damit, dass T-Online unter das Konzerndach zurückgeholt wird, wenn auch erst im kommenden Jahr. Die Telekom hält noch rund 74 Prozent der Anteile des ISPs. Der DSL-Markt verspricht 2004 also zum ersten Mal Spannung, weil sich keiner der Beteiligten mehr auf eine vermeintlich sichere Position zurückziehen kann.

DSL in Zahlen

Etwas mehr als 100 Millionen Haushalte weltweit verfügten Ende 2003 über einen Breitbandanschluss, berichtet das Marktforschungsunternehmen Point Topic. Knapp zwei Drittel nutzten die schneller wachsende DSL-Technik, 37 Prozent setzten auf Kabelmodems. In Deutschland stieg die Zahl der Breitbandanschlüsse gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent, in Italien um 57 und in der Schweiz um 65 Prozent.

Ende 2003 verfügte Deutschland laut Informationen der Telekom über 4,6 Millionen Breitbandanschlüsse (DSL, Satellit, Kabel, Powerline), davon entfielen 4,1 Millionen auf den Bonner Carrier. Der Anteil der Wettbewerber stieg von acht Prozent im Vorjahr auf rund elf Prozent. Im reinen DSL-Markt (4,5 Millionen Anschlüsse) kletterte der Anteil der Telekom-Konkurrenten von sechs auf neun Prozent.