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04.02.1994

DV-Anbieter ordern eifrig in den neuen Bundeslaendern

Initiiert und angeschoben von Treuhand-Chefin Birgit Breuel, dem damaligen VW-Boss Carl Hahn und BDI-Kopf Tyll Necker, geht die Einkaufsoffensive Neue Bundeslaender in ihr zweites Jahr. Die 33 Gruendungsfirmen zogen in einer ersten Zwischenbilanz dieses Beitrags der Wirtschaft zum Solidarpakt ein positives Fazit: IBM und Siemens etwa konnten ihre Planzahlen uebertreffen.

Mit der Einkaufsoffensive Neue Bundeslaender will die westdeutsche Wirtschaft die Warenbezuege aus den neuen Bundeslaendern deutlich erhoehen. "Denn" so der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in seinem Zwischenbericht zum Stand der Initiative, "auch wenn bei den Auftragseingaengen und der Produktion in den letzten Monaten eine leichte Erholung erkennbar wird, der Beschaeftigungsabbau im verarbeitenden Gewerbe setzt sich noch fort. Die Industriedichte ist - gemessen am Umsatz - auf rund 20 Prozent des westdeutschen Wertes zurueckgegangen. Diese Entwicklung muss gestoppt werden. Sollte ein sich selbst tragender Aufschwung ausbleiben, muessten die Transferzahlungen ansteigen - mit gravierenden Auswirkungen auf die oeffentlichen Haushalte und die Gesamtwirtschaft."

Eine bis dato unbekannte Funktion ist in einigen Firmen entstanden: der "Neue-Bundeslaender-Beauftragte". Auf Vorstands- und Geschaeftsfuehrungsebene soll er sich in seinem Unternehmen persoenlich fuer die Initiative einsetzen. Gleichwohl sind es die Zentraleinkaeufer, die sich auf die Socken machen, um Gueter und Dienstleistungen in den ostdeutschen Bundeslaendern zu ordern. Und darin sind sie ziemlich erfolgreich. Die westdeutsche Wirtschaft strebt in den Unternehmensplanungen eine Verdoppelung des Einkaufsvolumens in den neuen Bundeslaendern von 24 Milliarden Mark im Jahr 1992 auf 50 Milliarden Mark 1995 an. Das aggregierte Einkaufsvolumen der bisher an der Einkaufsoffensive beteiligten Unternehmen soll von neun Milliarden Mark 1991 auf 23 Milliarden Mark 1995 erhoeht werden.

Als Resonanz auf die laut BDI "notwendige, sinnvolle und selbstverstaendliche Hilfe" haben sich mittlerweile schon ueber 60 Unternehmen der Initiative angeschlossen, darunter Karstadt, Telekom, VEBA , Ruhrgas, MAN, Daimler-Benz, Bosch und Porsche.

Vor einem Jahr versprach der Oberste der IBM Deutschland GmbH, Alfred Esslinger, als Mitinitiator der Einkaufsoffensive Neue Bundeslaender verstaerkt in Deutschland Ost einzukaufen. Dabei sollten Auftraege im Gesamtwert von 150 Millionen Mark vergeben werden. Das entsprach einer Verdreifachung gegenueber 1992. Inzwischen ist Esslinger im Ruhestand, seine Vorgabe aber immer noch Praemisse, die, so der Berliner IBM-Pressebeauftragte Peter Hensen, "keine Abstriche erlaubt".

Im laufenden Geschaeftsjahr wird Big Blue ein Einkaufsvolumen von 200 Millionen Mark mit Waren und Dienstleistung erreichen. Von zirca 230 Lieferanten (1993) werden Verkabelungen, Programmierleistungen, Computerteile wie Waver und Halbleiter sowie mechanische Teile bezogen. Auch die Planzahlen fuer 1995 stehen schon fest.

Mit 250 Millionen Mark soll die Zusage in der Kanzlerrunde vom 16. Februar 1993 mit einer Verfuenffachung gegenueber 1991 weit uebertroffen werden. Der Leiter des Zentraleinkaufs, Helmut Flockerzi: "Unser Einkaufsprogramm sichert 750 Arbeitsplaetze bei diesen Lieferanten."

IBM laesst die Einkaufsoffensive von dem 1991 zur Ausweitung der Lieferantenbeziehungen mit Ostdeutschland gegruendeten Internationalen Beschaffungs- und Servicezentrum (IPSC) in Berlin umsetzen. Dessen Leiter Dieter Massek erlaeutert: "Wir sind innerhalb der IBM sozusagen der Treiber fuer die Einkaufsoffensive Neue Bundeslaender." Die Aufgabenstellung dabei: Betrieben primaer in den neuen Bundeslaendern, aber auch in Osteuropa und in den GUS- Staaten, zu helfen, sich als Lieferanten fuer die bundesdeutsche und europaeische IBM zu qualifizieren. Zu den Leistungen des Zentrums gehoeren Marktanalysen fuer ostdeutsche Betriebe, Studien zu Marktchancen fuer Produkte aus Ostdeutschland, Hilfe bei Vertriebsaufgaben sowie Transfer von Know-how zur Produktentwicklung. Die Angebote des IPSC, das ausserdem noch beraten, schulen und Kooperationen vermitteln kann, gelten ebenso fuer andere Unternehmen und werden emsig wahrgenommen: So macht der Anteil der konzern- wie branchenfremden Klientel laut Massek eine Groessenordnung von 40 bis 50 Prozent aus. Der IBM-Shopper mit Stolz: "Wir geben praktische Unterstuetzung - wir sind das Werk im Werk." Neben Fertigungsingenieuren und Ausbildern oder Einkaeufern kuemmern sich Auditoren um die Umsetzung der Qualitaetsnorm ISO 9000. Dies entspricht ganz der Zwischenbilanz des Bundeswirtschaftsministeriums, das feststellt, "dass die Einkaufsoffensive der Wirtschaft sich als erfolgversprechender Ansatz erweist, um nicht nur den Absatz kurzfristig, sondern durch Beratung der Produktgestaltung etc. auch mittelfristig zu erhoehen."

Die 33 Initiativ-Unternehmen gaben im ersten Halbjahr 1993 mit insgesamt 6,6 Milliarden Mark etwa 850 Millionen Mark mehr fuer Einkaeufe in den Neuen Bundeslaendern aus, als geplant war. Die Siemens AG, ebenfalls Mitglied, steigerte das Einkaufsvolumen um zirca sechs Prozent. In dem am 30. September 1993 beendeten Geschaeftsjahr investierte Siemens 1,7 Milliarden Mark fuer Waren und Zulieferungen - heuer sollen 100 Millionen zugelegt werden. Der Multi mit seinen 17 Unternehmenssparten kann nicht exakt spezifizieren, wieviel davon auf den DV-Bereich entfaellt. Die Kaeufe, so Klaus Peter Schoelz, beinhalten Zuliefermaterialien "quer ueber unser Produktspektrum, mit Schwerpunkten bei konventioneller Technik, da die DDR ,kein Elektronikland' war, sowie Zulieferungen von Unternehmen aus den neuen Bundeslaendern bei Durchfuehrung von Auftraegen und Investitionen.

Dazu kommen noch die Bezuege von unseren Fertigungen in Ostdeutschland" Die Einkaeufer, die um die 1000 Lieferanten aus den neuen Bundeslaendern auflisten koennen, wurden gleich nach der Wende angehalten, lokale Zulieferer aus Deutschlands Osten bevorzugt zu behandeln.

Dass die BDI-Wunschzahl von 100 Mitgliedsfirmen an Grossunternehmen sowie aus der mittelstaendischen Wirtschaft laengst noch nicht erreicht ist, liegt mit an der Rezession - "einige Firmen haben Schwierigkeiten, ihre heutigen Lieferanten auszulasten", weiss Massek. Aus Sicht der westdeutschen Unternehmen sind viele ostdeutsche Produkte preislich nicht wettbewerbsfaehig. Dagegen, so der Leiter des Berliner BDI-Bueros, Juergen Bauer, gibt es immer weniger Probleme mit der Qualitaet.

Sehr im argen liegt jedoch das Marketing. Bei vielen ostdeutschen Unternehmen muessen die Absatzanstrengungen noch erheblich verstaerkt werden. Auf diesen Feldern will Bauer mit der BDI- Gruendung Wirtschafts-Initativen fuer Deutschland e.V. ueber Veranstaltungen aktiv werden. Immerhin: Von den 250 groessten deutschen Unternehmen ist mehr als die Haelfte direkt oder indirekt (als Tochterunternehmen) in der Einkaufsoffensive engagiert. Im DV-Bereich machen sich die Firmen rar. Viele Unternehmen produzieren ihre Computer und PCs nicht in Deutschland, sondern im europaeischen Ausland wie beispielsweise Irland (Apple und Digital Equipment) beziehungsweise in Taiwan (Atari), so dass "weder in West oder Ost irgendetwas zugekauft wird", wie Theresia Wermelskirchen, Pressefrau von Digital in Muenchen, lapidar feststellt.

Computer-Aldi Vobis fertigt zwar in Wuerselen bei Aachen, sichert aber seit 1993 in einem Dresdener Servicebetrieb durch Reparaturauftraege 25 bis 30 Arbeitsplaetze. Der Vorstandsvorsitzende der Computer 2000 AG in Muenchen pflegt eine Einkaufsoffensive ganz anderer Art: Jochen Tschunke uebernahm mit Partnern die Computer Elektronik Dresden. Das einstige Robotron- Kombinat will in diesem Jahr ueber 400000 Computer und mehr als 600000 PC-Gehaeuse fertigen. Nichts davon allerdings geht an die Adresse des Muenchner Grosshaendlers, denn fuer Pressesprecher Walter Glogauer ist dieser Lieferantenmarkt "noch Zukunftsmusik im weltweiten PC-Markt".

Freilich: Nicht jeder, der in Deutschlands Osten shoppen geht, ist auch Mitglied der Einkaufsinitiative. So laesst zum Beispiel die Peacock AG, Wuenneberg-Haaren, Nebenstellenanlagen bei der Computer Elektronik Dresden fertigen.