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09.05.1980 - 

Besucher drohten in der Informationsflut unterzugehen

DV-Angebot in Hannover noch größer geworden

Für neun Tage in der zweiten Aprilhälfte war Hannover wieder das Mekka aller Datenverarbeiter und solcher, die es werden wollen. Die Besucher landen ein gegenüber dem Vorjahr noch breiteres Angebot vor. Das gilt vor allem für den Bereich kleiner und mittlerer Systeme. Hier ist ein noch lange nicht ausgeschöpftes Marktpotential vorhanden, das der Branche auf Jahre hinaus flotte Zuwachsraten sichert.

Auch diese Hannover-Messe war wieder eine Schau der Schlagworte. Mancher Entscheidungsträger aus mittleren und kleineren Unternehmen dürfte deshalb Hannover mit weniger klaren Vorstellungen über "sein" EDV-System Wieder verlassen haben als er in

die Leinestadt gekommen war. Die Informationsvielfalt wirkte eher verwirrend als "erleuchtend". Mancher Interessent drohte in der Informationsflut förmlich zu ertrinken. Wie sollte sich da der "unbedarfte" Besucher aus einem Klein- oder Mittelbetrieb

zurechtfinden, wo es so schwer war, bei all den Phrasen der Verkäufer auf den Grund der Dinge zu kommen. Trotzdem dürfte sich der Messebesuch selbst auch für manchen leicht frustriert abgereisten Anwender gelohnt haben. Denkanstöße hat Hannover allemal gebracht und vielleicht auch ein bißchen die Richtung gewiesen, welchem Hersteller man nachher, via örtliche Vertriebsbeauftragte, über welche Systeme und Anwendungen näher und in Ruhe auf den Zahn fühlen sollte.

Der Angriff der Aussteller auf mögliche Kunden erfolgte in Hannover zweigleisig. Eine Zielgruppe stellten die Großbetriebe dar, die ihr zentrales Rechenzentrum durch kleinere Subsysteme "entflechten" und mehr Computerleistung an den Entstehungsort der Daten bringen wollen. Die andere bildete das Heer kleiner und mittlerer Unternehmen, die für ein, autonom oder im Verbund mit einem größeren Rechner arbeitendes, kleines oder mittleres EDV-System infrage kommen. So zerfielen die Fachbesucher auch in zwei Lager. in Profis aus EDV-Abteilungen großer Firmen und in Laien oder "Halblaien" aus Klein- und Mittelbetrieben. Es war für die Aussteller nicht einfach, eine Sprache zu finden, bei der die Fachleute nicht verächtlich die Nase rümpften und die

Interessenten mit geringeren EDV-Kenntnissen die "Botschaft" zumindest in ihren Grundzügen verstanden. Das Pendel schlug leider eher in die Richtung "Fachchinesisch" aus.

Was erwartete den nach Hannover gepilgerten EDV-Jünger außer babylonischem Sprachgewirr sonst noch im CeBIT? Zunächst einmal der Hallenmief. Es ließ sich wirklich schwierig entscheiden,

wo die Luft nun schlechter war, in den benzingeschwängerten verstopften

Zufahrtstraßen zum Messegelände oder im CeBIT-Komplex selbst. Nach einer ersten Akklimatisierung wurde für den, der schon einmal hier war, die Tendenz zur nüchternen und sachlichen Aufmachung der Stände und ihrer Besatzungen erkennbar. Gedeckte Farben herrschten vor. Die tiefschwarzen Anzüge mancher Stand-Herren signalisierten keinesfalls Trauer über schlechte Geschäfte - die DV-Branche meldete wieder einmal Rekordergebnisse. Den Besucher störte es nicht, wenn die Verkaufsrepräsentanten mit ihren korrekt sitzenden Bindern schwitzten, Schon eher Bedauern dürfte mancher Betrachter beim Anblick der zwar nach wie vor attraktiven, aber sittsam "verpackten" Vorführdamen verspürt haben. CeBIT ist "fleischloser" geworden. Das ist für den stillen Genießer bedauerlich, aber der Sache sicherlich dienliher.

CeBIT ist größer geworden. Die Softwareaussteller zogen von der Trelementebene in Halle 1 in die Halle 2. Das war für sie sicher kein schlechter Tausch, denn aufs Dach hatten sich in den Jahren zuvor nur wenige Besucher verirrt. Verlaufen konnte man sich dieses Jahr im neuen CeBIT-Komplex, bei dem die Hallen 1, 2 und 18 durch Gänge verbunden sind. Eine Art Haupteingang sollte Halle 2 darstellen. Doch um den Übergang zu den beiden übrigen Hallen zu finden, bedurfte es schon pfadfinderischer Fähigkeiten, so schlecht beschildert war er. Das Hauptinteresse der Besucher galt auch 1980 der Halle 1 als der klassischen CeBIT-Halle. Die Aussteller in Halle 18 klagten wieder über ihr "Schattendasein", da nützen auch überdachte Obergänge nichts.

Sachlich, wie die Aufmachung der Stände und des Personals., wurden auch die Informationen dargeboten, wenn man von der inhalthchen Tiefe einmal absieht Bevorzugtes Informationsmedium waren Diaschauen, ergänzt durch praktische Demonstrationen. Effekthaschende Computerspielchen bildeten die Ausnahme. Schließlich wollte man von der Ausstellerseite her die Fachbesucher auf dem Stand haben und nicht" Sehleute", die sich die Zukunft vorhersagen lassen wollen. Oder anders herum betrachtet: Das Angebot scheint inzwischen so gut zu sein, daß auf neckische Ablenkungsmanöver verzichtet werden kann.

Sensationelle Hardware-Neuankündigungen sind in Hannover ausgeblieben. Die meisten Hersteller begnügten sich mit Ergänzungen oder Erweiterungen bestehender Systemfamilien. Neue Systeme bedeuteten keinen grundlegenden technologischen Fortschritt gegenüber schon markteingeführten Konkurrenzprodukten. Auffällig war das weiter gewachsene Angebot an Systemen für kleine und mittlere Anwender. Obendrein vergrößerte sich der Überlappungsbereich zwischen Minicomputern, klassischen MDT-Systemen und kleinen Großanlagen erheblich. Die Minicomputeranbieter haben jetzt auch passable und wirtschaftliche Lösungen für den kommerziellen Bereich; in der oberen MDT-Ebene siedeln sich vermehrt kleine "Große" an.

Blieben auch umwälzende Innovationen aus, so zeigte die CeBIT-Schau doch klar den Trend zur Verlagerung der Computerleistung an den Gestehungsort der Daten - stellvertretend seien nur die Schlagworte "Distributed Processing" oder "Verteilte Intelligenz" genannt und zur Dialogverarbeitung, Fast auf jedem Stand konnte man von "praxisnaher,- arbeitsplatzorientierter Dialogverarbeitung" lesen. Bei all diesem Dialog-Gerede mußte dem Besucher der Gedanke schwerfallen, daß Dialogverarbeitung ihr Geld

kostet und es aus wirtschaftlichen Gründen keinesfalls immer ratsam ist, "alles im Dialog zu machen", um ein Schlagwort zu zitieren.

Mit Recht lag der Schwerpunkt der Präsentationen auf der Software. Doch völlig uninteressant geworden ist die Hardware für den Anwender nicht, auch wenn ein Aussteller behauptete "wir kommen ohne Hardware aus". Die Maschinen wurden deutlich in

den Hintergrund gedrängt. Man fragt sich ja doch, woher der Interessent im Vorbeigehen die wichtigsten Hardwaredaten herbekommen sollte.

Alles sprach von Anwendersoftware

Alles sprach zwar von der Anwendersoftware, für den Besucher war es aber äußerst schwierig, sich in dem umfangreichen Angebot zurechtzufinden. Wie praxisnah eine laut Aussteller "praxisnahe Lösung" tatsächlich ist, ließ sich während eines kurzen Messebesuches kaum feststellen, zumal wenn der Verkäufer sein Programm wie folgt erklärte: "Sie brauchen nur aufs Knöpfchen zu drücken, der Rest läuft dann wie von selbst." Leider fanden viel zu wenige Besucher aus kleinen und mittleren Betrieben den Weg in die der Software vorbehaltene Halle 2. So werden auch nach der Messe manche Besucher "codieren" weiter für einen ausschließlich bei Geheimdiensten verwendeten Begriff halten.

Ult Bauemfeind ist freier EDV-Journalist