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16.04.1993 - 

Der Gastkommentar

DV-Arbeitsmarkt: Entspannung wird nicht von Dauer sein

Die erfolgsverwoehnte Informationstechnik-Branche ist verunsichert. Nachdem zunaechst die Grossrechner-Anbieter an Absatzmangel litten, dann auch die PC-Hersteller sich sinkender Nachfrage und beaengstigendem Preisverfall gegenuebersahen, registrieren nun auch die Individualsoftware-Unternehmen und Systemintegratoren Zurueckhaltung bei den Anwendern, wenn es um Anschlussauftraege oder Neuentwicklungs-Projekte geht. Ist das die Wende in einem Markt, der in den vergangenen 30 Jahren jedem Auf und Ab der allgemeinen Konjunktur getrotzt hat, der hohe zweistellige Zuwachsraten aufwies, wenn die uebrigen Branchen mit sechs oder sieben Prozent zufrieden waren? Dies waere logisch und verstaendlich, wenn die Durchdringung unserer Volkswirtschaft mit informationstechnischen Loesungen soweit vorangeschritten waere, dass sich die normalen Effekte einer Marktsaettigung einstellen.

Jeder Marktkenner wird jedoch bestaetigen, dass die Unternehmen der Industrie, des Handels, des Finanzbereichs, die Betriebe des Handwerks und Kleingewerbes, die Bueros, Kanzleien und Praxen der selbstaendigen Mittelstaendler und die zahlreichen staatlichen Behoerden und Organisationen, die oeffentlichen Anstalten und Koerperschaften noch weit von einem Installations- und Ausstattungsniveau entfernt sind, das nur noch Ersatzinvestitionen erfordert.

Die organisatorische Abwicklung vieler Aufgaben und Vorgaenge in der oeffentlichen Verwaltung hinkt noch weit hinter dem Standard - auch des Durchschnitts - der privaten Wirtschaft hinterher. Aber selbst in der Industrie ist die Nutzung der Informationstechnik bei weitem nicht ausgereizt.

Hier stehen sogar grosse Aufgaben an: Der Uebergang von der zentralen zur dezentralen Informationsverarbeitung ist in vollem Gange. Ueber die Abloesung der grossen Hosts durch kleinere Rechner wird noch heftig diskutiert. Der Sieg der offenen Systeme ueber die klassische Propriety-Welt ist noch nicht errungen. Aktuelle Befragungen der DV-Chefs foerdern enormen Erneuerungsbedarf zutage; bei den Softwaresystemen fuer das Finanz- und Rechnungswesen, fuer Budgetierung und Controlling, fuer das Personalwesen und ganz allgemein fuer Informations- und Auskunftssysteme zur Unterstuetzung der Mitarbeiter in ihren Arbeitsplaetzen.

Das sind meist Anwendungen, die zu den Loesungen aus den Pioniertagen der elektronischen Datenverarbeitung zaehlen. Wenn sie heute wieder ganz oben auf der Prioritaetenliste der DV-Verantwortlichen stehen, so ist das ein Symptom fuer einen anstehenden Generationswechsel in der gesamten Informationsverarbeitung.

Selten gab es in der jungen Geschichte dieser Technologie eine solche Kreuzwegsituation. Die Verunsicherung der Anwenderunternehmen ist verstaendlich, und die unter enormem Konkurrenz- und Kostendruck stehenden Anbieter von Hardware und Dienstleistungen tun ein uebriges, um dieses Dilemma noch zu vergroessern.

Unklare Angaben ueber die eigene Modellpolitik, Zuruecknahme von Ankuendigungen, immer wieder Fusionen und undurchsichtige Kooperationen, staendiges Umorganisieren mit wechselnden Ansprechpartnern und vieles andere mehr tragen wenig zur Entscheidungssicherheit des DV-Managements in den Anwenderorganisationen bei.

Gleichzeitig sehen sich die DV-Verantwortlichen dem dringenden Appell aus den Anwenderabteilungen und aus der Geschaeftsleitung gegenueber, verstaerkt Standardsoftware statt Individualentwicklungen einzusetzen oder gar das Rechenzentrum und weitere Teile der Informationsverarbeitung externen Dienstleistern zu ueberlassen, weil dies wirtschaftlicher und effektiver sei.

Die Normalisierung des DV-Einsatzes im Unternehmen hat dazugefuehrt, dass der DV-Bereich inzwischen genau denselben Wirtschaftlichkeits-Ueberpruefungen unterliegt wie andere Unternehmensbereiche. Jede neue Ausgabe und jede Entwicklung bedarf detaillierter Rentabilitaetsnachweise.

Wie soll sich der DV-Verantwortliche nun verhalten, angesichts oft veralteter, durch wiederholte Aenderungen schwer pflegbarer und labiler Anwendungen? Soll er sich fuer ein umfangreiches und systematisches Re-Engineering seiner Programmbestaende entscheiden oder lieber auf den radikalen Ersatz durch eine neue Standardsoftware-Generation setzen?

Die Vollendung des europaeischen Binnenmarktes Anfang 1993 bringt fuer viele Anwender zusaetzliche Anforderungen auch im Bereich der informationstechnischen Unterstuetzung mit sich. Insbesondere Kreditinstitute und Versicherungen brauchen angesichts neuen und verstaerkten Wettbewerbs mehr Flexibilitaet fuer ihre Marktaktivitaeten.

Ganz nebenbei: Zum Ende des Jahrhunderts laufen viele Kalenderprogramme in den Softwaresystemen aus und muessen ersetztwerden.

Alles in allem: Wie schwer die Situation fuer den DV-Chef im Augenblick auch sein mag, dringende Entscheidungen lassen sich nicht laenger verschieben. Die gegenwaertige schlechte konjunkturelle Situation mag die Entschlussbereitschaft vieler hemmen; es gibt jedoch wichtige Gruende, unverzueglich die Probleme der Zukunft anzupacken.

Die - weitgehend konjunkturbedingte - Normalisierung auf dem DV-Arbeitsmarkt taeuscht darueber hinweg, dass wir in den naechsten zehn bis zwanzig Jahren in eine strukturelle Knappheit von qualifiziertem Fachpersonal hineingeraten werden.

Dafuer ist zunaechst die Verschiebung der Taetigkeitsfelder in unserer postindustriellen Volkswirtschaft verantwortlich. Waren zum Beispiel 1985 noch weniger als 23 Prozent der Erwerbstaetigen in Deutschland sind in diesem Bereich der sekundaeren Dienstleistungen beschaeftigt, das heisst als Lehrer, Berater,Publizisten, in Organisation und Management, in Forschung und Entwicklung. Dieser Sektor wird 2010 bereits ueber 35 Prozent der Erwerbstaetigen beanspruchen.

Diese Strukturverschiebung geschieht vor dem Hintergrund eines dramatischen Rueckgangs unseres Arbeitskraeftepotentials: Die Zahl der potentiellen Erwerbspersonen wird bis 2010 um rund 1,5Millionen sinken.

Der Blick auf die gegenwaertige Alterspyramide zeigt, dass zur Zeit etwa 750 000 Maenner und rund 680 000 Frauen im Alter von 30 Jahren stehen und somit - spaetestens jetzt - nach abgeschlossener Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt auftreten. In zehn Jahren werden diese Zugaenge auf jeweils 400 000 Maenner und Frauen zurueckfallen, und auch in 20 Jahren werden kaum mehr Dreissigjaehrige pro Jahr zur Verfuegung stehen.

Natuerlich wird das Beschaeftigungspotential in Deutschland nicht nur aus der Quelle dieser im Inland Geborenen gespeist, doch gerade was die notwendigen Fachkraefte fuer Organisation, Beratung, Software-Entwicklung, Schulung, Wartung etc. anbetrifft, helfen weder Gastarbeiter aus Dritte-Welt-Laendern noch - solange die Sprachgrenzen nicht ueberwunden sind - Fachleute aus anderen europaeischen Staaten.

Auch sollte man sich als Datenverarbeitungschef nicht auf den freien europaeischen Markt fuer Standardsoftware verlassen. Diesen Markt gibt es - auch ohne Binnenmarkt - schon lange, und er funktioniert auch sehr gut, soweit es sich um systemnahe Software oder um technische Anwendungen handelt.

Wo - wie bei der meisten kommerziellen Anwendungssoftware - intime Kenntnisse der nationalen Gesetze und Usancen sowie der permanente persoenliche Dialog mit den Anwendern unabdingbar sind, bleiben wir auf Fachkraefte angewiesen, die neben ihrem Fachwissen Sprache und Mentalitaet unseres Landes kennen.

Es wird also in Zukunft fuer den DV-Chef in privater Wirtschaft und oeffentlicher Verwaltung nicht etwa leichter, sondern schwerer werden, die notwendige Unterstuetzung bei den dringend erforderlichen Aenderungen und Erweiterungen seiner DV-Landschaft zu finden.

Die Verantwortlichen sind gut beraten, wenn sie jetzt die Plaene und Konzepte aktualisieren, wenn sie heute die Auftraegeformulieren und vergeben, wenn sie sich heute ihre Partner fuer Software-Entwicklung suchen, solange nicht noch mehr Zeitdruck aufd er einen Seite und die Marktenge am DV-Personalmarkt und bei den Dienstleistern auf der anderen Seite ihre Situation zusaetzlich erschweren.