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25.10.1985 - 

Dem "Brain-drain" vom Norden in den Süden wandelt sich die RZ-Landschaft:

DV-Fossilien bleiben jetzt auf der Strecke

MÜNCHEN - Das Nord-Süd-Gefälle im Stellenmarkt ist noch abschüssiger geworden. "No future" für DVer im Norden, sagen Marktforscher, Verbände und die Nürnberger Statistiker, stimme so jedoch nicht. Gerade nordwärts findet sich hochqualifizierende Weiterbildung. Ins Rutschen kommt künftig, weiß ein Berater, der DV-Traditionalist: Für ihn bricht die Eiszeit an.

Jenseits der "Weißwurstlinie" eine Arbeit zu finden ist generell zur Zeit äußerst günstig; im Norden sieht es dagegen immer noch anders aus. Nach Daten des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft zeigen sich von dieser Klimaverschiebung die technischen Berufe weniger betroffen. Hier liegt die Arbeitslosenquote allgemein erheblich unter dem Durchschnitt. Im Süden der Bundesrepublik konzentrieren sich die elektrotechnische Industrie wie auch die Anwender im Sektor Elektronik, etwa der Maschinenbau. Die, so vermutet ein Marktbeobachter, dürften allein schon mit ihrer installierten Hardware weiter sein als die Mitbewerber im Norden.

Die Attraktivität des Raumes zwischen Stuttgart, München und Bodensee mit dem Angebot hochtechnisierter Arbeitsplätze ist auch nach Ansicht von Dr. Rolf Berger, Geschäftsführer des Instituts für Betriebsorganisation und Informationstechnik (InBIT) in Paderborn, vorhanden: "Ein "Brain-drain" nach Süden" hält an. Der Schwerpunkt der Stellenangebote besonders im sekundären Produktionssektor liegt deutlich südwärts der Mainlinie. Ebenso, weisen Statistiken aus, ist das Bewerberpotential dort konzentriert. Bewegt werden durch das Gefälle in Richtung Alpen in erster Linie die Informatiker, meint der Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie (ZVEI), weiterhin die Nachrichtentechniker und verwandte Bereiche wie etwa die Daten- und Regelungstechniker. Für diese Spezialisten seien die Arbeitgeber im Süden angesiedelt. Der Energie-Ingenieur hätte noch die Möglichkeit, über die Bundesrepublik verstreut tätig werden zu können.

Dringend gesucht sind vor allem technische und wissenschaftliche Fachkräfte, bestätigt Geschäftsführer Klaus Berge von Messerschmitt-Bölkow-Blohm/Erno (MBB). Qualifizierte Mitarbeiter müßten "in Systemen denken können". Auch die Dornier GmbH betont für die Zukunft sei neben einer Ausbildung im Maschinenbau besonders für den Nachwuchs solides Wissen in Elektronik und Informatik wünschenswert. Hinzu komme die Eignung und Neigung, mit immer intelligenteren Computern umgehen zu wollen. Für Einsteiger und Fachkräfte, die solche Voraussetzungen erfüllen, legen manche Unternehmen einiges an Werbungskosten auf den Tisch: bis 15 000 Mark für einen Fachmann von der Hochschule, schätzt etwa MBB.

Unternehmen im Raum Rhein-Main greifen auf das Potential branchenfremder arbeitsloser Akademiker zurück und geben solchen Einsteigern eine Chance. Vermittler des Arbeitsamtes können von Lehrern berichten, die ohne vorherige Zusatzausbildung - "wenn die Persönlichkeit stimmte" - in Trainee-Programme übernommen wurden. Andere Organisationen unterstützen diese Umschüler finanziell. Norddeutsche Unternehmen, so eine häufige Erfahrung, ignorierten diese Art von Newcomern weitgehend.

Bewerber, die sich verändern wollen, kommen zu 80 Prozent aus dem süddeutschen Raum, lautet die Erfahrung von Fachvermittlungsdiensten (FVD) der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Die erste Frage bei einem Kontakt sei für gewöhnlich: Wo wird gesuchte Selbst attraktive Angebote in Provinzhauptstädten, wie etwa Kassel, ließen die Bewerber kalt, die das Föhn-Klima Baden-Württembergs oder Bayerns gewohnt sind.

Diese geografische Vorliebe findet sich nicht nur im Kreise von Systemanalytikern und RZ-Leitern. Als Beispiel zitiert ein Berater des FVD aus Frankfurt die bundesweite Positionsausschreibung nach einer Führungskraft für eine EDV-Ausbildungsstätte - ohne Nennung des künftigen Beschäftigungsortes. An Voraussetzungen waren unter anderem gefordert: akademischer Abschluß, etwa 45 Jahre. Von 25 ernsthaften Interessenten blieben unter dem Strich nur noch zwei - nachdem Niedersachsen als Wirkungskreis genannt wurde.

Im Norden schrecken auch, aber nicht nur, die fehlenden Alternativen in der Nachbarschaft für bequemes Job-hopping. Wo das Forschungsumfeld und die Infrastruktur vorhanden sind, Trends "gemacht" und kommende Techniken, etwa Laser- oder Biochemietechnik, sich etablieren werden, bestätigt der ZVEI eine allgemein vertretene Auffassung, werden sich auch weiterhin andere innovative Unternehmen ansiedeln; denn "Konkurrenz befruchtet'.

Das gilt auch für die Entlohnung. So berichtet der FVD über erhebliche Unterschiede in der Gehaltsstruktur - Eckwerte für die Höhe des Einkommens sind installierte Hardware sowie Unternehmensgröße. Im Norden: Für einen DV-Leiter mit einer großen Siemens-Anlage unter BS2000 in der Unternehmensgröße um 2300 Beschäftigten wird eine Dotierung von rund 100 000 Mark genannt. Im Süden: "Da lachen Bewerber nur, denn das bekommen sie bereits als Verantwortliche einer IBM /36", lautet der Kommentar des FVD. Der Trend, besonders der "Höherverdienenden im goldenen Süden", gehe rascher auf unrealistische Gehaltsvorstellungen zu, beobachten die Mitarbeiter der Fachvermittlungsdienste.

Früher gestalteten sich Gehaltsverhandlungen wie eine Pokerpartie; ein geschickter Bewerber konnte dabei die Personalchefs gegeneinander ausspielen. Mittlerweile scheinen Hersteller wie Anwendungsunternehmen einen Konsens über die Höhe des Salärs gefunden zu haben. So liegt die Schallgrenze bei einer /34 um 85 000 Mark, das System /36 bringt dem Verantwortlichen rund 100 000 Mark und die Verfügung über eine /38-Anlage zirka 120 000 Mark. Selbst die Groß-EDV in Betrieben zwischen 1000 und 2000 Mitarbeitern hält derzeit im allgemeinen bei 140 000 Mark "die Luft an". In Konzernen spreche man allerdings schon mal über die Zwei- oder die Drei vor den fünf Nullen.

Ein Gefälle besonderer Art versetzt innerhalb der oberen RZ-Hierarchie die DV-Landschaft in Bewegung. Die "hausgemachte" Karriere der "Altgedienten" reicht künftig nicht mehr aus, erfährt fast täglich ein FVD-Berater aus dem Sektor "besonders qualifizierte Fach- und Führungskräfte". Die Vorstellung der Unternehmensleitung - Akademiker mit Kenntnissen der neuen Technik - wandeln sich über die Gestaltung der DV; ihre Aufgaben stehen enger im Bezug zu unternehmerischen Anforderungen: angesagt sind fachübergreifende Qualifikationen. Mündige Benutzer in oberen und unteren Unternehmensetagen sind heute zudem nicht mehr von Fakten und Zusammenhängen der modernen Technik überfordert wie in ihrer Startphase. Zusehends fallen deshalb die "Praktiker" aus dem neuen DV-Bild heraus.

Vor zwanzig Jahren noch konnten die von der Pike heraufgedienten DV-Chiefs ihr Imperium gegenüber anderen Unternehmenssektoren abschotten. Von dieser "Priesterkaste" hatten sich damals Vorstand wie auch Fachbereichsleiter schlichtweg alles verkaufen lassen müssen. Großanlagen, Büroautomation und

-kommunikation sowie neue Hard- und Software seien jetzt jedoch häufig ein Buch mit sieben Siegeln für diese traditionellen Datenverarbeiter. Akute Gefahr bestehe dann, wenn der einzelne Verantwortliche nicht mit der Entwicklung Schritt halten konnte.

Hier schlägt ein häufiges Versäumnis durch: Um "ihren" Leiter DV

nicht durch Höherqualifikation an die Konkurrenz zu verlieren, wurde bislang von den Unternehmen das Thema Anpassungsbildung und Schulung dem DV-Verantwortlichen persönlich nicht allzusehr nahegelegt. "Sie haben doch alles im Griff", zitiert dazu ein solcher Praktiker die gängigste Standardformel. Aus Zeitmangel und Bequemlichkeit ließ er sich - wie eine Vielzahl seiner Kollegen - darauf ein. Jetzt fehlen ihm die Qualifikationen. Die RZ-Leiter um die 50 stehen am Ende ihrer Karriere: "Keine Einzelfälle", so der FVD; im Gegenteil, eine deutliche Verschärfung der Problematik sei zu verzeichnen.

Die Unternehmen rekrutierten die Nachfolger fast ausschließlich aus dem - allerdings noch schmalen - Fundus von Absolventen der Wirtschaftsinformatik. Viele Einsteiger kämen neben Universitäten wie Stuttgart und Saarbrücken aus Hamburg und Berlin. In den kommenden acht Jahren zöge für die ehemaligen Prinzipale der Bits und Bytes "die Eiszeit" herauf. Bisher erkennen die meisten Veteranen ihre Situation noch nicht; sie glauben offenbar weiterhin, bei einem Wechsel noch ein

gewohntes Plus von 20 Prozent zulegen zu können. Käme es zur Trennung, kannten sich diese "DV-Fossilien" einen guten Abgang verschaffen, meint ein FVD-Berater, wenn sie sich als Consultant mit Zeitvertrag bei dem bisherigen Arbeitgeber verdingen, um den Nachwuchs in die Aufgaben einzuführen. Ein Dauerarbeitsvertrag mit der gewohnt hohen Entlohnung aber - "wahrlich kein Pappenstiel" - lehnten die Unternehmen in aller Regel ab. Um sich nicht allzusehr unter Wert verkaufen zu müssen, seien Chancen - "immer noch mehr als ein Gnadenbrot" - ebenfalls bei Softwarehäusern im Bereich Projektmanagement zu sehen.

Mehr als im Gleichgewicht scheint das Verhältnis Nord/Süd mit Blick auf Bildungsmaßnahmen: "Kein Gefälle im Bereich Aus- und Weiterbildung", beobachtet Rolf Berger vom Paderborner InBIT. Weder in der Schule sei, im ganzen gesehen, ein ausgesprochenes informationstechnisches Minus zu beobachten noch in der Ausbildung an den Hochschulen. Eine besondere Rolle für die berufliche Höherqualifizierung spielen seiner Meinung nach freie Bildungseinrichtungen. Gerade private Institute als "Reparaturbetriebe des deutschen Bildungssystems" seien aber im Norden zu finden; etwa in Paderborn das InBIT mit rund neun Millionen Umsatz, das Bildungszentrum für informationsverarbeitende Berufe (BIB) in Paderborn oder Institute des Berufsförderungsdienstes in Essen. Qualifikationssteigernde Angebote der bekannten DV-Aus- und Weiterbildungsinstitute in Süddeutschland - etwa München - seien entschieden weniger differenziert, jedenfalls innerhalb jenes Schulungssektors, den er überschauen könne, wie beispielsweise Kurse in Mikroprozessorentechnik für Ingenieure und der Hybrid-Technik für Facharbeiter über den DV-Kaufmann bis hin zu Bürotechnologie-Kaufleuten.

Der industrielle Strukturwandel erfordere nicht mehr "die" Qualifikation, sondern Bereiche von Qualifikation. Möglicherweise werde, so Berger, die Differenzierung zwischen traditioneller Produktion und Dienstleistungsindustrie künftig inhaltslos werden. Hier müsse Schulung für "perspektivisches Arbeiten" sowie "Werkzeugbewußtsein" ansetzen. "Innovation kann man nicht verordnen", betont Berger.