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02.11.1984 - 

Erheblicher Schaden für US-Wirtschaft und -Verwaltung:

DV-Freibeuter kreuzen mit vollen Segeln

CINCINNATI (lo) - 100 Milliarden Dollar Verluste durch Wirschafts-Kriminelle für dieses Jahr rechnen amerikanische Experten hoch. Die Zahl der DV-Piraten unter ihren wächst rasch. Justizbehörden und Unternehmer stehen gleichermaßen hilflos vor diesem Problem: Fehlt dem einen die gesetzliche Grundlage, mangelt es dem anderen häufig an Beweisen.

In dem Maße, in dem immer mehr gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche computerisiert werden, wird auch der kriminelle Mißbrauch mit Rechnern und Speichern jeder Größe zunehmen, sind sich wohl nicht nur die Experten der Greater Cincinnati Chamber of Commerce in der gleichnamigen Stadt im US-Bundesstaat Ohio einig. "Früher radierte der ungetreue Buchhalter ein wenig in den Kontobüchern, heute fummelt er am Elektronengehirn des Arbeitgebers herum. Im Prinzip hat sich also nichts geändert. Wir sollten uns daher vor einer Dramatisierung der Computer-Betrüger hüten", erklärte David R. Upchurch, Sonderbeauftragter des amerikanischen Bundeskriminalamtes im Großraum Cincinnati.

Eine andere Meinung vertritt Professor Dr. John McKinney, Fachbereich Informatik und Wirtschaftswissenschaften an der Universität derselben Stadt: "Die Entwicklung wäre nur als halb so schlimm zu bezeichnen, wenn die Geschäftsleute nach aufgedeckten Computer-Manipulationen sofort die Strafverfolgungsbehörden einschalten würden, statt alles verschämt unter den Teppich zu kehren."

Zwei Experten offerieren konträre Auffassungen aus zwei gängigen Blickwinkeln. Gerüchte, Unterstellungen und harte Tatsachen lassen sich in diesen Grauzonen nur schwer voneinander trennen. Der Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker führt einige Zahlen aus der heiklen und komplizierten Materie an. Nach Schätzungen der US Chamber of Commerce zur "Stehkragen-Kriminalität" einschließlich Computer-Betrügereien entstanden in den USA auf diese Weise jährlich Verluste in Höhe von 41 Milliarden Dollar. "1984 muß man diese Zahl jedoch auf 100 Milliarden Dollar hochrechnen", ergänzte Professor McKinnley. Dabei bilde die steigende Tendenz zur Tatwaffe Computer eine wachsende Bedrohung für Wirtschaft und öffentliche Verwaltung. Fünfzehn Cents von jedem Dollar, mit dem in den USA etwas korrekt bezahlt würde, wanderten in die Taschen von "White-collar"-Gaunern.

Die Palette der Computer-Delikte ist bunt

Die US-Anwaltskammer befragte bei einer Stichprobenerhebung 283 amerikanische Unternehmen. Mehr als die Hälfte räumten ein, durch Fälle von Unterschlagungen bei Computermißbrauch geschädigt worden zu sein. Die Spielarten von Computerkriminalität seien vielfältig. Datenräuber fingieren Rechnungszahlen, fälschen Gehaltsüberweisungen oder präparieren Versicherungsverträge. Sie verändern Warenbestände, schieben sich auf das Konto imaginärer Empfänger Renten- oder Unterstützungsgeld zu und fälschen Bilanzen. Mit raffiniertem Zugriff auf andere Daten lassen sie fremde Computer für sich arbeiten, "hacken" komplette Softwareprogramme und verkaufen Patente oder Konstruktionsdaten an die Konkurrenz.

Es gibt schwerwiegende Gründe dafür, daß fast alle betroffenen Unternehmen ihre "Computerfälle" lieber vertuschen und nicht erst die Polizei bemühen. Erhalten Presse, Funk und Fernsehen Wind von einer Computer-Affäre, kann dies dem Ansehen eines Unternehmens empfindlich schaden. Hinzu kommt in aller Regel die Schadenfreude der Konkurrenz.

Der Chef des National Center for Computer Crime Data, Jay Becker, stellte nach Auswertung von Unterlagen der Bundespolizei über die Dunkelziffer fest: "Lediglich ein Prozent aller Delikte wird entdeckt, von den ertappten Tätern wiederum wird jedoch nur jeder siebente angezeigt". Die Chance eines EDV-Delinquenten, mit heiler Haut davonzukommen, sei also sehr groß. Aufgrund der vorgefundenen Fakten kommt der Chef-Fahnder in Sachen Computervergehen zu einem nahezu unglaublichen Ergebnis: "Von 22 000 Computertätern muß allenfalls einer hinter Gitter."

DV-Vergehen zahlen sich aus

Die Legislative habe gegenüber der rasanten technischen Entwicklung denkbar schlechte Karten, klagen Juristen in amerikanischen Unternehmen und den Verwaltungsstellen. Mit Gesetzesänderungen täte sich der Kongreß bislang noch schwer. Welches Maß der illegale Zugriff auf Betriebsgeheimnisse bereits angenommen hat, kennzeichnet die Summe von 40 Millionen Dollar, die IBM für ein Projekt zur Verhinderung von Computereinbrüchen ausgab.

Wachstum und technischer Fortschritt in der Datenverarbeitung schaffe zunehmend neue Mißbrauchsmöglichkeiten durch kriminelle DV-Freaks. Ein fruchtbarer Nährboden bilden Schulen und Universitäten, in denen eine große Zahl von Jugendlichen zu Elektronikexperten ausgebildet werden, unter denen eine regelrechte Subkultur von "Hackern" heranwächst.

Nicht zuletzt fehlen der amerikanischen Kriminalpolizei und den Staatsanwaltschaften qualifizierte "EDV-Detektive", um zunächst einmal stichhaltige Beweismittel auf den Richtertisch legen zu können. Denn der tatsächliche Betrug findet in Millisekunden statt und hinterläßt selten "lesbare" Spuren im Terminal oder Speicher. "Ein durchschnittlicher Bankräuber in den USA schnappt sich, statistisch betrachtet, rund 3 200 Dollar je Beutezug und riskiert dabei 15 bis 20 Jahre hinter Gittern", rechnet Professor Dr. McKinney auf. Dagegen erwartet den - endlich einmal - ertappten Computergauner ein hervorragendes Zeugnis, von der Geschäftsführung zähneknirschend überreicht. Aus diesem Dokument geht dann hervor, der Mitarbeiter habe auf eigenen Wunsch gekündigt. "Er wird förmlich aus dem Hause hinweggelobt - vielleicht in Richtung Konkurrenz."