Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

03.12.1993

DV-Gehaelter: Berlin liegt deutlich unter Westniveau

Nach wie vor erhalten DVer in der deutschen Hauptstadt ein niedrigeres Salaer als in vergleichbaren Ballungszentren der Altbundeslaender. Das Berliner Gehaltsgefaelle hat Tradition. Die Tatsache, dass die Unternehmen meist nur mit Niederlassungen vertreten waren, brachte weniger hochqualifizierte Stellen und damit eine andere Lohn- und Gehaltsstruktur mit sich als in westdeutschen Grossstaedten. Im Jahre Vier nach der Wende kommen die erwarteten Firmenzentralen noch sehr zoegerlich in die deutsche Hauptstadt, dafuer aber en masse exzellent ausgebildete Informatiker aus Neufuenfland.

Jahrzehntelang wurde der Standort Berlin aufgrund des Berlinfoerderungsgesetzes von zahlreichen Firmen als verlaengerte Werkbank genutzt, seit Anfang der 70er Jahre auch zunehmend von der informationstechnischen Industrie. Diese staatlichen wie stattlichen Zuckerstueckchen in Form von Steuerpraeferenzen, Investitionszulagen und zinsguenstigen Krediten (1991 wurde mit dem sukzessiven Abbau begonnen) fallen 1995 weg. Und damit auch ein Grossteil der so gefoerderten Produktion.

Fuer den Abteilungsleiter beim Deutschen Institut fuer Wirtschaftsforschung (DIW) Kurt Hornschild ist es wahrscheinlich, "dass der Osten auf laengere Zeit eine industriell schwach entwickelte Region bleibt und die Unternehmen vor allem die Funktion einer verlaengerten Werkbank wahrnehmen." Im Vergleich zu den Stadtstaaten Hamburg und Bremen steht Berlin in der Wertschoepfungsstruktur aeusserst schlecht da, stellt Ludger Loop fest. Der Technologie- und Innovationsberater der IG Metall befuerchtet, "dass Berlin dabei ist, sechstes neues Bundesland zu werden, anstatt sich im Corps der alten Bundeslaender zu etablieren." Von der Arbeitsplatzstruktur her weise Berlin, so der gelernte Diplomsoziologe Loop, ein hohes Potential an ungelernten Taetigkeiten auf, das sich auf das Gehaltsgefuege saemtlicher Industrien auswirke. "Deshalb", so sein Resuemee, "ist das durchschnittliche Einkommen geringer als in anderen Grossstaedten."

Dies zeigt auch die "Verguetungsstudie Fuehrungs- und Fachkraefte in der Datenverarbeitung 1993" der Kienbaum Verguetungsberatung. Die druckfrische Analyse der Gummersbacher belegt, dass bei den regionalen Gehaltsunterschieden Stuttgart und Duesseldorf mit einem Plus von neun beziehungsweise acht Prozent in der Abweichung vom Bundesdurchschnitt eine Spitzenposition einnehmen. Berlin-West steht mit einem Minus von satten zehn Prozent hintenan.

Die Berlin-Zulage, urspruenglich als Bonbon des aus dem Berlin- Hilfe-Gesetz 1974 hervorgegangenen Berlinfoerderungsgesetzes (Berlin FG) gedacht, verbesserte nicht unbedingt die Loehne und Gehaelter, sondern wurde haeufig schlichtweg integriert.

"Das", so Juergen Below, Bereichsleiter der Berliner Kienbaum- Depandance, "war ueblich und ungeschriebenes Gesetz." Einst acht Prozent sind es heuer vier und im naechsten Jahr schlappe zwei. 1995 wird dieses Staats-Incentive nur noch Geschichte sein. Andrea Streese, Personalleiterin bei VW-Gedas, kann bestaetigen, "dass die Zulage, die ja brutto ein Plus von 15 bis 20 Prozent ergeben haette, in den Koepfen der Berliner Personalchefs war, die Mitarbeiter somit nicht mehr Geld erhielten als in Westdeutschland."

Ein weiteres Minus fuer den Standort Berlin sieht Below darin, dass nur wenige Unternehmen hier mit ihrem Hauptsitz vertreten sind. Die angesiedelten Grossbetriebe wie Siemens, AEG etc. haben keine Unternehmenszentrale an der Spree. Und erst wenn sich die Konzernzentralen an Havel und Spree ansiedeln, kann sich auch die Qualifikations- und damit mittelfristig die Gehaltsstruktur aendern, meint Sven Bergelin.

Der Leiter der Abteilung Industrie im DAG-Landesverband Berlin und Brandenburg setzt dabei seine Hoffnungen zunaechst auf die Daimler- Benz AG, die bis 1996 den Potsdamer Platz fuer die Debis-Zentrale bebauen laesst. Bis dahin, meint Bergelin, muss es mit der Tarifmixture (Metall, Gross- und Aussenhandel, Individual- und Betriebsvereinbarung), wie sie bei dem Systemhaus praktiziert wird, vorbei sein. Zwar seien, so der Gewerkschafter, diese Mixtures besser als nichts und in den Hochzeiten einer Branche den Angestellten mit frei vereinbarten Gehaeltern die Tarife nicht so wichtig. "Was aber, wenn die Zeiten sich wandeln?", mahnt Bergelin. Abhilfe koennte da ein Haustarifvertrag mit der Debis AG bringen. Der Debis-Betriebsratsvorsitzende Axel Dubinski betont, dass eine einheitliche Tarifstruktur bei Debis nicht zustande kommen konnte, da sich die Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Unternehmensbereichen des Benz- Konglomerats rekrutieren. Die Zentrale des Systemhauses wird zwar im schwaebischen Leinfelden- Echterdingen bleiben, gleichwohl will man aber ueberregional eine einheitliche Grundtendenz mit viel Flexibilitaet anstreben.

Berlin ist tariflich gesehen noch eine geteilte Stadt, ist sie doch gegliedert in die Metall-Tarifgebiete Berlin West I und Berlin-Ost II. Das bedeutet, dass ein Systemprogrammierer aus Hellersdorf als Berufsanfaenger mit Arbeitsplatz am Alex ungefaehr 3600 brutto Mark verdient, sein Kollege aus Zehlendorf mit Buero in der Hardenbergstrasse aber zirka 5100 Mark.

Von den Unternehmen in den neuen Bundeslaendern zahlt beispielsweise die Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG (SNI) ueber Ost-Tarif. Tobias Busch, Personalleiter von SNI, Berlin, hat sich "von der Logik der Stufentarifvertraege freigemacht". Der Personal-Manager verguetet wie im Westen der Republik auch: "Ob Aachen oder Dresden - die Leistung zaehlt". In den Jahren 1990/1991 stellte SNI in den neuen Bundeslaendern 700 Mitarbeiter neu ein. Das Gewicht liegt dabei auf neu, betont Busch, "denn in einem gewachsenen Betrieb liegen die Gehaelter doch sowieso deutlich ueber dem, was fuer vergleichbare neu eingestellte Mitarbeiter gezahlt wird." Er betont, dass "schon wegen der unterschiedlichen Betriebszugehoerigkeit das Ost- und West-Gehaltsniveau in absehbarer Zeit nicht deckungsgleich sein kann."

Nicht nur von diesen Differenzen profitieren die DV-Unternehmen und die Industrie. Die Qualifizierung in Deutschlands Osten ist, so Busch, "sehr gut". Der Anteil der Mitarbeiter, die eine Hoch- oder Fachhochschule besucht haben, liegt laut Verguetungsstudie in den ostdeutschen Bundeslaendern mit fast 60 Prozent weitaus hoeher als bei den Kollegen in Deutschland-West mit 35 Prozent. Marga Tayler, Personalchefin von PSI, Berlin, resuemiert, dass diese qualifizierten ostdeutschen DV-Experten intensiv auf den Berliner Markt druecken. Mit der Folge, so Kienbaum-Consulter Below, dass sich innerhalb von drei Jahren der Nachfrage- zum Angebotsmarkt entwickelt hat.

Wenn die Personaljaeger fuer ihre Klientel aus Industrie und Wirtschaft nach Software-Entwicklern und Systemspezialisten Ausschau halten, kommt pro Anzeige ein Ruecklauf von mehr als 200 Bewerbungen aus Berlin und dem Umland. Logische Folgerung im Bewerbungs-Business, so Personalfrau Streese: Das Personalkarussell dreht sich langsamer, und der Trend zur Initiativ-Bewerbung nimmt zu. Der Geschaeftsfuehrer eines Softwarehaeuschens in Wilmersdorf bringt es auf den Punkt: "Bei Neueinstellungen muessen die Firmen nicht mehr grosszuegig sein."

Als Formel gilt: In Berlin wird mehr als im Neubundesland, aber weniger als im Altbundesland gezahlt. Ein Informatiker kann, wenn er denn eine Stelle findet, im Schwabenland das meiste Geld machen. Das derzeitige Bruttomonatsgehalt der DV-Mitarbeiter aus den neuen Bundeslaendern liegt zwischen 50 und 60 Prozent ihrer West-Kollegen. Und dabei bleibt es nicht: In Neufuenfland werden durchschnittlich 12,5 und im Altbundesland und Berlin-West 13,3 Gehaelter gezahlt. Und dadurch, so die Kienbaum-Analyse, dass die Firmen teilweise tarifliche und uebertarifliche Zusatzleistungen in weitaus geringerem Umfang gewaehren, vergroessert sich der Verguetungsabstand zwischen West und Ost erheblich.

Fuer das laufende Jahr liegen die geplanten Gehaltserhoehungen in ostdeutschen Landen aufgrund der Angleichung an das Westniveau zwischen fuenf und 25 Prozent. Durchschnittlich rechnen die Gummersbacher Gehaltsauguren mit einer Erhoehung der Ost-Bezuege um 15 Prozent. 1992 lag der Zuwachs bei rund 17 Prozent. Fuer das naechste Jahr prognostiziert Christian Naeser, Leiter der Kienbaum- Verguetungsberatung, einen Anstieg der Bruttomonatsgehaelter gegenueber Westniveau auf zirca 65 bis 75 Prozent. Demgegenueber rechnen Brancheninsider im Westen fuer 1994 mit einer Null- oder Minusrunde.