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06.03.1987

"DV-Hinterwäldler haben künftig nichts mehr zu melden"

06.03.1987

- Mister Martin, in der Praxis bestehen vielfach Bedenken gegen die Einführung von Sprachen der vierten Generation. Die meisten Unternehmen haben enorme Geldmittel für Anwendungen aufgewendet, die in einer herkömmlichen Programmiersprache geschrieben sind. Eine radikale Umstellung zu einem "Tag X" ist demnach gar nicht möglich. Wie sollte also die Einführungsstrategie für ein 4GL-System aussehen, um unter finanziellen Aspekten sinnvoll zu sein?

Zunächst einmal müssen die Kosten genau unter die Lupe genommen werden, die voraussichtlich auf das Unternehmen zukommen. Manche Applikationen sind extrem wartungsintensiv, und das geht natürlich ins Geld. Ab einem gewissen Punkt ist es dann wirtschaftlicher, ein solches System zu ersetzen, als ständig daran herumzubasteln. Das gilt vor allem für Anwendungen, die sehr fehleranfällig und instabil sind. Natürlich gibt es andere Applikationen, die sich in der Praxis bewährt haben. Wenn dann die Maintenance auch noch reibungslos funktioniert, besteht eigentlich kein Grund, sich auf das Experiment mit Alternativlösungen einzulassen. Letztlich sollte eine Umstellung also schrittweise vollzogen werden.

- Die Akezeptanzprobleme der Sprachen der vierten Generation haben oft auch psychologische Gründe. War jemand 15 oder 20 Jahre der Cobol-Guru im Unternehmen, so muß er ja um seine eigene Machtposition fürchten, wenn plötzlich neue Techniken eingeführt werden, von denen er nur wenig versteht . . .

Oh, das ist allerdings schlimm. Genauso geht es einem exzellenten Holzfäller, der sein Leben lang mit der Handsäge ein Meister war und plötzlich mit einer Motorsäge arbeiten soll. Er ist zunächst aufgeschmissen.

- Was soll also mit all diesen Leuten künftig passieren?

Im übertragenen Sinn müssen sie lernen, mit der Motorsäge umzugehen. Für die DV heißt das ganz einfach: Weiterbildung. Wer ein hohes Gehalt bekommt, muß auch permanent etwas dafür tun. In der Computerindustrie ist geistige Flexibilität das oberste Gebot, denn die "Halbwertzeiten" für das Know-how sind in der Computerindustrie extrem kurz. Fühlt sich ein sogenannter DV-Profi, dieser Forderung nicht gewachsen, ist er in seiner Position fehl am Platz.

- Welche Möglichkeiten haben die Betroffenen denn überhaupt, sich in dieser Weise fortzubilden?

Ein Aufbaustudium an der Universität ist sinnlos, denn die Hochschulen befinden sich, zumindest von dieser Seite aus betrachtet, noch in der Steinzeit. Dinge wie Sprachen der vierten Generation oder Code-Generatoren werden dort überhaupt nicht angesprochen. Die Leute sollen meine Veröffentlichungen lesen, da wird ihnen schon klargemacht, auf was es ankommt. Auch von seiten der Anbieter gibt es ein breites Ausbildungsangebot. Viele dieser Kurse sind sogar für das Selbststudium geeignet. So gibt es beispielsweise Schulungskonzepte auf Laserdisk oder mit Video-Unterstützung. Jeder, der sich weiterbilden will, hat also die Möglichkeit dazu.

- Etwas überspitzt ausgedrückt würde das aber bedeuten, daß ein sehr hoher Prozentsatz aller jetzigen DV-Leiter am Ende seiner Karriere angekommen ist. Oder glauben Sie wirklich, daß ein DV-Manager, der einen Arbeitstag von oftmals 12 oder 14 Stunden hat nach Feierabend noch die Energie aufbringt, ständig Berge von Fachliteratur zu wälzen?

Wenn die Leute dazu nicht bereit sind, ist das ihr Problem. Aber, wie bereits gesagt, sie sollten dann auch keine hohen Gehaltsforderungen stellen. Eine solche Einstellung spiegelt meiner Ansicht nach nämlich eine sehr unprofessionelle Arbeitsauffassung wider.

- Ihren Vorwurf in allen Ehren. Die Forderung nach Weiterbildung in der Freizeit hört sich theoretisch bestimmt sehr eindrucksvoll an. In der Praxis dürfte sie sich jedoch nicht so ohne weiteres realisieren lassen -zumindest auf breiterer Basis. Für den einzelnen Betroffenen bedeutet das doch ein extremes Zusatzmaß an Belastung.

Das macht nichts. Dann reden wir doch mal nur von der Minorität, die dazu bereit ist. Diese Leute sollen dann ihr Engagement auch finanziell honoriert bekommen. Die anderen verdienen das nicht. Gerade ein DV-Manager muß dieses zusätzliche Quantum an Initiative mitbringen. Das heißt im Klartext: Fachliteratur durcharbeiten, einen engen Kontakt zu den Anbietern pflegen und selbst vergleichende Untersuchungen der diversen Produkte anstellen. Sodann müssen sich die Verantwortlichen über die Lebenszyklen der verschiedenen Systeme Gedanken machen und die Evolution der Computerbranche verstehen lernen. Für die Auswahl von Methoden und Tools ist das ein ganz entscheidender Aspekt.

- Wollen Sie damit zum Ausdruck bringen, daß finanzielle Erwägungen bei der Entscheidung gegen ein 4GL-Produkt nur vorgeschobene Gründe sind?

Absolut. Wenn die Anwender sich nicht von ihrem altmodischen DV-Weltbild trennen können, vergeuden sie sogar Geldmittel.

- Warum verwenden dann aber immer noch viele Unternehmen Techniken wie HlPO oder Structured Analysis und Programmiersprachen wie Cobol oder PL/1 ?

Das ist ganz einfach Hinterwälerdenken. Ein Großteil der Schuld trifft dabei das DV-Management. Wenn heute noch mit HIPO gearbeitet wird, gibt es dafür keine Entschuldigung. Das ist einfach schlechtes Management.

- In welchem Maße haben sich denn Ihre Ideen in der amerikanischen DV-Praxis durchgesetzt?

Unternehmen, die für sich selbst den Anspruch erheben, qualifizierte Arbeit zu leisten, verwenden meine strategischen Richtlinien. Natürlich gibt es auch in den USA viele Unternehmen, die nicht so fortschrittlich sind. Aber wie gesagt: Das ist hinterwäldlerisches Denken, und so etwas findet man leider überall auf der Welt. Von den Unternehmen, die einer Innovation aufgeschlossen gegenüberstehen, bekomme ich aber jede Menge positives Feedback; denn ein Großteil der Dinge, die ich vertrete, basiert auf Erfahrungen aus der DV-Realität.

- Viele XV-Praktiker würden jetzt lautstark Einspruch erheben und sagen, daß diese "schöne neue Welt" frühestens in fünf bis zehn Jahren heraufdämmern wird . . .

Nein, alles was ich propagiere, hat schon heute Gültigkeit. Mit Dingen, die nicht Realität sind, gebe ich mich nicht ab.

- Soll das heißen, daß die Vereinigten Staaten hier gegenüber Europa einen Vorsprung haben?

Meiner Ansicht nach gibt es da keine großen Unterschiede zwischen den USA und beispielsweise der Bundesrepublik. Im Gegenteil: Es ist manchmal frappierend, wie ähnlich die Situation auf beiden Seiten des "großen Teiches" ist. Die echten Diskrepanzen - und das gilt überall in der Welt - bestehen zwischen einem 08/15-Unternehmen und einer Company, die sich der Innovation verschrieben hat. Bei diesen Leuten werden neue Lösungsansätze stets mit offenen Armen aufgenommen.

- Welche Kriterien müßte ein Softwaresystem Ihrer Meinung nach erfüllen, um die Bezeichnung "Sprache der vierten Generation" mit Recht zu tragen?

Mit den 4GLs sollen von funktionsfähige Systeme entwickelt werden, die mit wenig Aufwand eine möglichst große Funktionalität bieten. Das heißt also nicht mehr so viele Lines of Code und ein geringerer Schwierigkeitsgrad bei der Programmerstellung als bei Cobol oder Ada.

- Gut, das sind Ihre Ziele. Aber eine klare Definition ist es noch nicht.

Natürlich könnte ich wie Codd 12 Regeln aufstellen. Aber dann wäre mein Ansatz genauso unrealistisch wie das relationale Modell. Es gibt kein Produkt, das all diesen Forderungen entspricht. Genausowenig würde eine Sprache der vierten Generation in solch ein starres Schema passen.

- In den Vereinigten Staaten heißt es vielfach, Sie hätten die 4GLs bereits für tot erklärt. Wie verträgt sich das mit Ihren jetzigen Aussagen?

So etwas habe ich niemals gesagt. Das ist eine völlig falsche Interpretation meiner Worte. Wichtig ist es zunächst, zwischen den verschiedenen Arten der 4GLs zu differenzieren. Manche Systeme wenden sich vor allem an den Endbenutzer, andere hingegen sind für DV-Profis konzipiert. Die für den User gedachten Produkte werden sicher noch lange nicht von der Bildfläche verschwinden, dazu sind sie viel zu komfortabel. Was die Systeme für den Softwareentwickler betrifft, so dienen sie meist dazu, konventionelle Applikationen mit höherer Produktivität zu erstellen. Am besten gelingt das derzeit mit Design-Automation-Tools die über einen Code-Generator verfügen. Aber das ist keine Sprache der vierten Generation im engeren Sinne.

- Werden sich also zumindest im professionellen Bereich die Sprachen der vierten Generation eines Tages überlebt haben?

In den nächsten 20 Jahren sicher nicht. Vor allem die Verknüpfung mit relationalen Datenbankmanagementsystemen bietet noch ein breites Potential. Auch in der CIM- Welt finden die 4GLs ihren Platz. Für mich ist Computer Aided Manufacturing letztlich nichts anderes als eine Applikation.