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05.10.1990

DV in der DDR: Drei Operatoren pro Konsole

05.10.1990

Informationsverarbeitung in der DDR. Heiner Göhlmann* schildert einen Eindruck von der Situation und zeigt mögliche Perspektiven auf:

Von Anbeginn waren die DV-Aktivitäten in der DDR (und in den anderen Staaten des RGW) aufgrund des eingeschränkten Technologietransfers mit den technologisch führenden Nationen behindert (COCOM). Die für die Informationsverarbeitung in der DDR zuständigen Fachleute haben sich dennoch intensiv bemüht, anforderungsgerechte Informationsverarbeitungs-Technologien bereitzustellen:

Im Bereich der Mainframe-Computer wurde für die meisten Staaten des RGW eine einheitliche Rechnerarchitektur (ESER) definiert; Entwicklung und Produktion wurden den einzelnen RGW-Mitgliedsländern zugeordnet (Zentraleinheiten: DDR, Magnetplattenspeicher: Bulgarien usw.). So entstand eine im Westen weitgehend unbeachtet gebliebene Rechnerfamilie, deren Benutzeroberfläche den Produkten von IBM (/360, /370) nachempfunden war. Trotz allen Engagements sind vor allem wegen mangelnder technischer Zuverlässigkeit einzelner Komponenten die Gesamtsysteme unter ihrer projektierten Leistungsfähigkeit geblieben.

Im Bereich der Superminis, (DEC-kompatibel) und PC hat mancher, nachdem die Bemühungen um den Erwerb offizieller Lizenzen erfolglos blieben, Clones geschaffen; möglicherweise wurden der Kopierschutz entfernt, die Programme rückassembliert und dann als leicht modifizierte (mitunter sogar verbesserte) Version der originalen Standard-Programme verteilt (Adaptionsmethode).

Die bei solchem Bemühen demonstrierte technische Findigkeit und das dabei erworbene Wissen der Experten verdienen fachlichen Respekt und Anerkennung, wobei eventuelle Verletzungen des Urheberrechtes hiermit nicht legitimiert werden sollen.

Bedingt durch technisch unzuverlässige Hardware, durch Kapazitätsgrenzen der Speichermedien und die vergleichsweise geringen Rechnergeschwindigkeiten gab es nur eingeschränkte Möglichkeiten für integrierte Anwendungssysteme. Statt dessen wurden die Behandlung von Hardware-Fehlern und die Ausnutzung auch der letzten Kapazitätsreserven zum beherrschenden Thema der Softwareentwicklung.

Mit dem Wegfall der Beschränkungen durch die COCOM-Liste ergibt sich die große Chance, die bisherige ständige Orientierung am "technisch nur Möglichen" zugunsten einer anwendungsorientierten Arbeit neu zu formulieren. In dieser Veränderung sehen

viele Menschen in der DDR, je nach dem Grade des Kenntnisstandes und der persönlichen Veranlagung, Hoffnungen und Gefahren.

Gefahren werden insbesondere von solchen Mitarbeitern gesehen deren Anstellung auf den Mängeln der bisherigen Hard- und Software-Umgebung basierte. Beispiele hierfür sind die Gruppe von Operatoren, deren Anzahl sich teilweise nach der Formel "drei Mitarbeiter pro Schicht und Konsole" errechnet, und die Gruppe von Technikern im Rechenzentrum.

Hoffnungen sehen die Applikationsentwickler, die jetzt endlich ihren Anwendern eine DV-Leistung zur Verfügung stellen können, die die Datenverarbeitung zu einem effektiven Hilfsmittel des Unternehmens macht. Diesen Entwicklern (und den Benutzern) kommt zugute, daß die bestehenden DV-Anwendungen durch die gesellschaftlichen Veränderungen in einem noch nicht zu übersehenden Umfange bedeutungslos werden und gleichzeitig neue Anforderungen (man denke an Themen wie EG-Richtlinien, Steuerwesen, Betriebs- und Personalabteilung, Normen und Standards) zu erfüllen sind. Für viele Bereiche scheint heute ein Neubeginn der DV-Unterstützung, losgelöst von Altlasten, der realistische Weg. Für individuelle Softwareentwicklung die auf die spezifischen Bedürfnisse des einzelnen Betriebes zugeschnitten ist, bleibt wegen der politischen und wirtschaftlichen Zwänge hinsichtlich des Inhalts und der Termine keine Zeit.

So bietet sich der sofortige Einsatz von Standardsoftware an. Wenn der jeweilige Lieferant diese Software nicht nur in Form von Magnetbändern und Handbüchern, sondern auch seit betriebswirtschaftlich fundierter Beratung vor Ort bereitstellt, dann haben die Betriebe in der DDR die Chance, mit gleicher Geschwindigkeit wie die gesellschaftliche Revolution auch die betriebswirtschaftlichen Prozesse durch die umfassende und qualifizierte DV-Nutzung neu und effizient zu gestalten. Standard-Anwendungssoftware hat deshalb weltweit ihre große Bedeutung verdient, weil das darin enthaltene betriebswirtschaftliche und technische Know-how in kürzester Zeit nutzbar wird.

Bemühungen zur Einführung von Methoden und Verfahren

des Software-Engineering mitsamt ihren Tools treffen naturgemäß auf das Interesse derjenigen Entwickler, die weiterhin oder neuerdings Individual- beziehungsweise Spezialsoftware entwickeln wollen oder müssen. Zuerst allerdings muß die Entscheidung für Standard-Anwendungssoftware fallen. Erst wenn Pakete dieser Art

voll funktionsfähig im Betrieb implementiert ist, bleibt Zeit für individuelle Entwicklung von Software für solche Teilfunktionen, die nicht im Standard enthalten sind. Für solche Entwicklungen halten komfortable Standardpakete selbstverständlich Entwicklungsumgebungen bereit, die über die neuesten technischen Möglichkeiten verfügen und die in das Gesamtsystem harmonisch integriert sind.

Der weitere Vorteil einer Entscheidung für Standard-Anwendungssoftware ist auch, daß sie oft auf mehreren Basis-Systemen (Hardware und Betriebssysteme) ablauffähig ist. Dem Anwender bleibt demzufolge die langwierige Auswahl der Basissysteme erspart. Hier kann er im wesentlichen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und der Bandbreite des jeweiligen Betriebsystems entscheiden. Wenn ein Systemhaus "alles aus einer Hand" anbietet, wäre das möglicherweise die optimale Lösung.