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24.09.1982 - 

Forschungsministerium ließ deutsche Computerhersteller untersuchen:

DV-Industrie fehlt internationale Strategie

WIESBADEN/BONN - Technologischer Stand gut, internationale Geschäftsstrategie ungenügend - das ist das Fazit der Studie "Die Entwicklung der Datenverarbeitung in der Bundesrepublik Deutschland - Programmbewertung der DV-Förderung des BMFT 1967 bis 1979". Was Arthur D. Little, Wiesbaden, und SRI International, Bonn, da auf knapp 300 Seiten zusammengetragen haben, dürfte mit Ausnahme von Nixdorf in den Chefetagen der mit Fördermitteln bedachten Unternehmen sowie beim Auftraggeber, dem BMFT, wenig Anlaß zur Begeisterung geben.

An der industriellen Förderung werden vor allem zwei Punkte immer wieder kritisiert: Der aus den Ressortbegrenzungen des BMFT resultierende Förderschwerpunkt auf technologischen Vorhaben war den tatsächlichen strategischen Anforderungen der deutschen Unternehmen (Aufbau eines international ausgerichteten Vertriebs und eines problemgerechten Kundendienstes) nicht angemessen. Die aus der industriepolitischen Zielsetzung resultierenden finanziellen Gesamtanforderungen an die deutschen Unternehmen, insbesondere im Bereich der Universalrechner, wurde von allen Beteiligten zunächst unterschätzt.

Zwischen 1967 und 1979 wurden in drei Programmen 3,536 Milliarden Mark für die Datenverarbeitung ausgegeben. Davon entfielen 42,3 Prozent oder 1,497 Milliarden auf die industrielle Forschung und Entwicklung, 1,020 Milliarden oder 28,8 Prozent auf private oder öffentliche DV-Anwendungen, 691,5 Millionen oder 19,6 Prozent auf den Bereich Hochschulen und Ausbildung sowie 328,1 Millionen auf übergreifende Förderaktivitäten.

Aufgeschlüsselt nach Empfängern ergibt sich, daß Siemens im gesamten Zeitraum nahezu 50 Prozent der direkten Fördermittel und 46 Prozent der Anwendungsförderung erhielt. Im ersten und zweiten DV-Programm flossen an AEG-Telefunken und an die CGK zusammen mehr als ein Drittel der Förderung. Erst im dritten DV-Programm wurde durch verstärkte Förderung von Nixdorf, Kienzle und Philips der Schwerpunkt zugunsten dezentraler Informationssysteme neu gesetzt (siehe Tabelle).

Die Untersuchung von Little/SRI erhellt darüber hinaus, daß es sich für Unternehmen auszahlte, Mitarbeiter in die Gremien zu entsenden, in denen der Rahmen des Programms festgelegt und/oder die Detailplanung der Maßnahmen beraten wurde. Von den insgesamt 137 persönlich benannten Mitgliedern des Fachausschusses DV sowie der Ad-hoc-Ausschüsse und Sachverständigenkreise kamen 77 von Herstellern, die zum Kreis der Geförderten gehörten. Auf sie entfielen mit 2,02 Milliarden Mark mehr als 58 Prozent des gesamten Fördervolumens.

Die Tatsache, daß die Datenverarbeitung in der Bundesrepublik mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde, wird in dem Bericht als notwendig bezeichnet. Ohne eine solche Hilfe - so wird ausdrücklich betont - hätte es die deutsche DV-Industrie wesentlich schwerer gehabt oder unter Umständen nicht geschafft, ihre heutige Technologie- und Marktposition zu erreichen. Insgesamt liege der Anteil deutscher Produkte am DV-Weltmarkt bei etwa sechs Prozent, eingeschlossen sei allerdings die deutsche Produktion von IBM, die 55 Prozent des Gesamtumsatzes der bundesdeutschen Produktion ausmache.

Als besonders nachteilig beurteilen Little/SRI das Ziel der deutschen Förderpolitik, den technologischen Rückstand durch Eigenentwicklungen aufholen zu wollen. Diese Perspektive sei zu Beginn der Förderung richtig gewesen, erst sehr spät sei dann erkannt worden, daß im Laufe der technologischen und der Marktentwicklung neue Produkt-/Systemsegmente entstanden seien. Hier hätten deutsche DV-Unternehmen von vorneherein eine stärkere internationale Wettbewerbsposition aufbauen können. Als Beispiele werden die Mittlere Datentechnik (MDT), verteilte Systeme und Personal Computer genannt.

Ausgerechnet dem Unternehmen, das erst im dritten DV-Programm Fördermittel erhielt, sich bis dahin aber aus eigener Kraft entwickelt hat, wird in dem Bericht bescheinigt, das erfolgreichste der deutschen Industrie zu sein: die Nixdorf Computer AG. Die Paderborner hätten sich frühzeitig auf den entstehenden Markt der Mittleren Datentechnik konzentriert und durch Akquisitionen und Lizenzabkommen Zugang zu den erforderlichen Technologien gewonnen.

Zudem habe man frühzeitig begonnen, eine internationale Marktstrategie einzuschlagen. Schließlich habe Nixdorf auch die zunehmende Verflechtung von DV und Nachrichtentechnik frühzeitig erkannt und sich hier engagiert.

Siemens und bis zu seinem Ausscheiden aus der DV AEG-Telefunken hätten dagegen an den neuen Produkt-/Systemsegmenten nicht teilgenommen, sondern im Geschäft der Universal- beziehungsweise der wissenschaftlichen Rechner verharrt. Siemens sei es allerdings gelungen, mit einem Anteil von etwa 20 Prozent am deutschen Universalrechnermarkt zumindest eine reale Alternative zu amerikanischen Anbietern zu werden.

Die Strategie der Münchener, durch Kooperationen ihre Wettbewerbsposition und ihre technologische Position zu verbessern, wird in dem Bericht als grundsätzlich richtig bezeichnet. Daß die Kooperationen mit RCA und in der Unidata scheiterten, könne der deutschen Seite nicht angelastet werden, Siemens habe vielleicht aber auch nicht das konsequente unternehmerische Konzept gehabt, um den geeigneten Partner zu suchen. Vor allem müsse in Frage gestellt werden, ob man sich richtig verhielt, als man die Übernahme der DV-Interessen von RCA und der Nixdorf-Beteiligung bei Amdahl ablehnte.

Im Hinblick auf das Zusammenwachsen von DV und Kommunikationstechnik bescheinigen Little/SRI Siemens eine "besonders gute Ausgangsposition", um in neuen Marktbereichen eine stärkere internationale Wettbewerbssituation aufzubauen. Bisher - so warnen die Autoren in ihrer Bestandsaufnahme - "scheinen aber derartige übergreifende Entwicklungen der Datenverarbeitung und Kommunikation bei Siemens nur zögernd in Angriff genommen worden zu sein; es wäre ein strategisches Versäumnis, wenn in dieser Entwicklung amerikanische und japanische Hersteller wieder die Innovationsführerschaft an sich rissen".

Die Beurteilung der anderen deutschen DV-Unternehmen in der Untersuchung ist vielleicht am besten mit "gedämpft optimistisch" zu umschreiben. Kienzle habe durch die Übernahme durch Mannesmann die Chance, "sich durch sorgfältige Differenzierung weiterzuentwickeln". Es sei denkbar, daß diese Neuorientierung eine verstärkte Kooperation mit anderen Unternehmen "im neu entstehenden Telematikgeschäft" erforderlich mache.

Triumph-Adler befindet sich laut Little/SRI nach der Übernahme durch VW "in einer kritischen Phase" der Reorientierung. Wesentlich für das Unternehmen sei es jetzt, seine internationale Struktur zu nutzen, um im Geschäft der Büroautomation und Kommunikation eine günstige Position aufzubauen.

CTM, das seit 1974 zur Diehl-Gruppe gehört, habe bisher "ein beachtliches Wachstum" erlebt. In letzter Zeit habe man jedoch Finanzierungsschwierigkeiten bei vielversprechenden Produktentwicklungen überwinden müssen.

Dietz sei es gelungen, erfolgreich mit DEC und anderen im Markt für Prozeßrechner zu konkurrieren. Die zukünftigen Entwicklungsanforderungen dürften aber ein Problem darstellen, da das Unternehmen nicht über den großen homogenen Markt der US-Wettbewerber verfüge.

Insgesamt - so machen Little/SRI deutlich - kann die deutsche DV-Industrie auch in Zukunft nur mit öffentlicher Unterstützung erfolgreich operieren. Der internationale DV-Markt sei nicht allein nach rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten, sondern stelle ein Feld für nationale und industriepolitische Strategien (Japan, Frankreich) dar.

Notwendig für die weiterführende Förderung sei aber vor allem "eine Neuorientierung des Förderansatzes". Hierzu gehörte unter anderem eine Analyse der unternehmerischen Strategien in allen Funktionsbereichen (Entwicklung, Fertigung, Vertrieb und Management), um eine stärkere internationale Wettbewerbssituation zu erreichen.

Erforderlich sei weiterhin eine Bestimmung der Gesamtanwendungen zur Durchführung dieser Strategien und der vertretbaren Investitionen der Unternehmen selbst sowie deren Bereitschaft, die als erforderlich angesehenen Strategien mit allen Konsequenzen wie zum Beispiel Industriestrukturierung oder Kooperation durchzuführen.