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01.09.1989 - 

Trotz Personalmangel zunehmend schlechtere Aussichten für Nur-Spezialisten

DV-Jobs: Runter mit den System-Scheuklappen

MÜNCHEN - Einige tausend Informatiker werden in der Bundesrepublik gesucht, doch das Bild vom Bewerbermarkt trügt: Immer mehr DV-Fachleuten droht Arbeitslosigkeit - Folge einer Ausbildungsmisere, für die Industrie und Wirtschaft als DV-Anwender verantwortlich gemacht werden. "Angebot und Nachfrage passen nicht mehr zusammen", so ein Sprecher der Bundesanstalt für Arbeit. Insbesondere einseitig auf bestimmte Hard- oder Softwaresysteme hin ausgebildete DV-Spezialisten haben schlechte Karten.

Arbeitslosigkeit ist ein heikles Thema. Letzten Endes ist jeder davon betroffen, die einen real, die anderen moralisch, finanziell alle. Seit kurzem, so die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, ist es auch ein Thema für die DV-Welt - und das, obwohl in Industrie und Forschung angeblich 40 000 Informatiker fehlen.

Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Zahl der bei den Arbeitsämtern als beschäftigungslos gemeldeten DV-Spezialisten beinahe verdoppelt, und das in einer Zeit allgemeinen Konjunkturaufschwungs, in der an allen Ecken, gerade im DV-Sektor, händeringend nach qualifiziertem Personal gesucht wird. Gleichzeitig sind die gemeldeten offenen Stellen um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Hochkonjunktur und DV-Boom - in der Nürnberger Zahlen finden sie keinen Niederschlag.

1988 gab es in der DV-Branche um 80 Prozent mehr Arbeitslose als 1986, exakt 9376 -das ist eine Tatsache. Es fehlt an hochqualifiziertem DV-Personal, auch das ist richtig. Und es ist gut möglich, daß tatsächlich 40 000 Informatiker in der Bundesrepublik fehlen, wie viele Fachleute behaupten. Was im ersten Moment wie ein Widerspruch erscheint erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus stimmiges Ergebnis einer schon seit längerem bestehenden Ausbildungsmisere.

Der Streit um die Arbeitslosenzahlen gehört zu den beliebten Ritualen in Deutschland. Regelmäßig, wenn die Bundesanstalt für Arbeit ihre Zahlen bekanntgibt, erhebt sich ein Sturm der Entrüstung. Alles Unsinn, heißt es dann. Die Zahlen mögen ja stimmen, nur sagen sie nichts über die Realitäten im Lande. Da fällt dann gern das böse Wort von der "Bundesanstalt für Arbeitslosigkeit", die als Realität behaupte, was in Wahrheit nur Ausdruck ihres eigenen Versagens sei: Wer geht denn heute noch zum Arbeitsamt, wenn er qualifizierte Kräfte sucht? Dort verwalten doch nur noch Unfähige die Unfähigen.

Solche Angriffe läßt die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit natürlich nicht auf sich sitzen: "Wir müssen von einer Grundsatzaussage ausgehen", stellt ein Sprecher die Verhältnisse klar, "daß den Ausbildungsteil in unserer Gesellschaft die Arbeitgeber tragen. Die Arbeitgeber bilden aus - nicht die Bundesanstalt für Arbeit und nicht irgendwelche Schulen, sondern Industrie und Wirtschaft. Und was die ausgebildet haben, das ist am Markt, und nur das können wir haben und vermitteln."

Bessere eingestellt, Schlechtere entlassen . . .

Seiner Ansicht nach hat in den letzten sieben bis zehn Jahren ganz eindeutig ein Ausleseprozeß auf dem Arbeitsmarkt stattgefunden: "Die Arbeitgeber haben immer wieder den Besseren eingestellt, den Schlechteren entlassen, den Besseren eingestellt, den Schlechteren entlassen, und gleichzeitig haben sie die Anforderungsprofile immer höher geschraubt. Angebot und Nachfrage passen nicht mehr zusammen."

Natürlich weiß die Bundesanstalt, daß längst nicht alle offenen Stellen bei den Arbeitsämtern gemeldet werden. Sie geht davon aus, daß die Ämter etwa ein Drittel des Arbeitsmarktes abdecken - nach ihrer Meinung vollkommen ausreichend, um ein zutreffendes Bild des gesamten Arbeitsmarktes zu gewinnen.

Thomas Groß von der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände stimmt ihr da uneingeschränkt zu. An den Nürnberger Zahlen ist für ihn nichts auszusetzen: "Die Statistik der Bundesanstalt entspricht dem gesetzlichen Auftrag und ist dementsprechend auch in Ordnung." Offenbar sind die unmittelbar mit dem Thema Befaßten den Streit leid. Denn so viel ist klar: Zahlenspiele lösen keine Probleme, und Polemik hilft ebensowenig wie Schuldzuweisungen.

Allerdings ist für Groß das Problem weniger ein strukturelles als vielmehr ein individuelles: "Der eine oder andere mag da schon darunter sein, der sich so fürchterlich gar nicht dafür interessiert, sofort wieder in Arbeit zu kommen", was man manchem, wie er zugibt, ja auch gar nicht verdenken könne. Oder sie seien noch gemeldet und arbeiteten längst wieder. Einige seien wohl auch Angelernte der ersten Phase der DV-Einführung, die "damals, als Buchhalter, die Umstellung mitgemacht haben und sich dann nicht weiterentwickelt haben".

Dieser Verdacht, es handle sich bei Arbeitslosen, und speziell bei den DV-Arbeitslosen, im wesentlichen um eine Frage individuellen Versagens, klingt bei vielen Aussagen an. Die alten DV-Hasen haben kein sehr gutes Image derzeit. Alkohol wird angesprochen - es sei ja zeitweise doch ziemlich viel getrunken worden in der Branche.

Viele hätten nur eine einzige Hardware oder Software-Welt gelernt und sich nicht weitergebildet: "Diese eine Welt kennen sie in- und auswendig, da sind sie unschlagbar", erläutert der Chef eines Softwarehauses, "aber wenn es heute darum geht, unternehmensweite Datenmodelle zu entwerfen oder verteilte Datenverarbeitung einzuführen, mit DOS-PCs, Unix-Workstations, Hostanbindung und Produktionssteuerung, dann sind sie hoffnungslos überfordert." Da fehle das theoretische Fundament das es ihnen ermögliche, diese neue Welt zu verstehen - ein Fundament, das nur eine gründliche und umfassende Informatik-Ausbildung vermitteln könne.

Bei manchen, vermutet ein Insider, fehlen wohl auch die Voraussetzungen für das Verstehen. Denn die persönlichen Fähigkeiten, die jemand mitbringen mußte, um den Anforderungen zu genügen, waren in der Frühzeit der DV doch wesentlich geringer: "Was war denn damals schon nötig? Grundlagen der Datenverarbeitung, Logik, eine Programmiersprache und ran an die Maschine. Da kommen viele doch heute nicht mehr mit."

Vielleicht ist auch einfach das Entwicklungstempo zu schnell, als daß man es längere Zeit im "Kernbereich der praktischen Informatik" aushalten könnte. Gerhard Goos, Informatik-Professor in Karlsruhe und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD), fällt ein Spruch aus dem Silicon Valley ein: "Mit fünfunddreißig bist du Millionär oder Aussteiger." Er vermutet, daß hierzulande Ähnliches gilt: "In dem Alter, mit fünfunddreißig, hat man meistens Familie, die persönlichen Ziele ändern sich, man hat nicht mehr den Idealismus, nächtelang am Computer zu sitzen, man will mehr mit Menschen zusammen sein, nicht nur mit Maschinen und Symbolen. Und da kann man dann mit den Jungen nicht mehr mithalten.''

Es werden nicht nur Weltmeister gesucht

Problemfälle gibt es, keine Frage. Das gibt Eicke Lenz von der Fachvermittlung für Führungskräfte und Hochqualifizierte beim Arbeitsamt München auch ganz unumwunden zu. Aber sie sind selten, sagt er. Mit einer ausschließlich individuellen Deutung des Problems will er sich deshalb nicht zufrieden geben. Er ist von "seinen Leuten" überzeugt, nicht nur von den Top-Leuten, sondern von allen: "Natürlich sind sie nicht alle Weltmeister, aber es gibt eben Leute für verschiedene Aufgaben, und ich glaube daß bei den Firmen nicht immer nur Weltmeister gebraucht werden, sondern daß es durchaus auch Wasserträger gibt, die gut sind." Für ihn ist nicht so sehr der Arbeitsmarkt schlechter geworden - seiner Meinung nach besteht das Grundproblem vielmehr darin, daß die Firmen ihre Anforderungen immer weiter nach oben schrauben und Bedingungen stellen, die auf dem gegenwärtigen Markt nicht mehr erfüllbar sind. "Die Bereitschaft ist nicht mehr so groß, guten Leuten auch eine faire Chance zu geben", stellt er etwas resigniert fest. "Gesucht werden immer nur fertige Leute."

Paul Maisberger vom Control-Data-Institut, einem der größten Unternehmen im Bereich DV-Ausbildung und -Umschulung sieht ein weiteres Problem in vielen Pseudo- Doppelqualifikationen. Seiner Ansicht nach reicht es nicht, einfach eine bestehende Ausbildung mit etwas DV-Kenntnissen anzureichern, wie gerade bei den von der Arbeitslosigkeit besonders betroffenen DV-Kaufleuten: "Für diese ganzen Mischqualifikationen gibt es keine Stellen." Beim DV-Kaufmann komme erschwerend hinzu, daß es sich dabei noch um "ein Uralt-Berufsbild" handle, das "so, wie es gesetzlich geregelt ist, eigentlich keiner will". Ein DV-Kaufmann, meint Maisberger, wird entweder als Kaufmann eingestellt, weil er ein guter Kaufmann ist, oder als Programmierer, weil er da gut ist aber nicht als Kreuzung aus beidem.

Abkehr vom DV-Spezialisten

Zusatzwissen im jeweils anderen Bereich ist natürlich in jedem Fall ein Pluspunkt bei der Bewerbung. Immer weniger jedoch wird dieses Wissen, etwa die Kenntnis von Kalkulations-

oder Textverarbeitungsprogrammen, als etwas Besonderes angesehen. Immer mehr Chefs setzen es voraus.

Fast die Hälfte aller DV-Stellenanzeigen in den drei großen überregionalen Tageszeitungen und in der COMPUTERWOCHE gelten nach einer Untersuchung des Control-Data-lnstituts bereits Mitarbeitern in den sogenannten "EDV-Randberufen". Das sind klassische Berufe, vor alle - in der Verwaltung, die heute durch einen umfangreichen Computereinsatz geprägt sind. Während die Nachfrage nach solchen Arbeitskräften im letzten Jahr um etwa 20 Prozent stieg, ging die nach Mitarbeitern in den "DV-Kernberufen" - Systemanalytiker, Programmierer, Operateure - von 37,9 Prozent auf 32,8 Prozent zurück. Gerade noch 17,5 Prozent der Stellenanzeigen betreffen die einst zukunftsträchtig eingeschätzten "Mischberufe" wie den DV-Kaufmann.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine soeben veröffentlichte Untersuchung des Marburger Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) über die Zukunftsaussichten der DV-Berufe. Sie stellt fest, daß angesichts der rapiden Entwicklung der Technik und der damit sich ständig ändernden und erhöhenden Anforderungen "die Berufsperspektiven von DV-Fachkräften immer unübersichtlicher und unsicherer" werden. Weil DV-Kenntnisse in den letzten Jahren zu einem Bestandteil des allgemeinen beruflichen Wissens wurden, sei bei der Qualifikationsentwicklung "eine Abkehr vom DV-Spezialisten" festzustellen, so daß schon "im kommenden Jahrzehnt die Bedeutung spezieller DV-Berufe abnehmen" wird. Davon seien bereits ganze Berufsfelder bedroht, während ein Teil der Aus- und Weiterbildungsinstitutionen wieder einmal die Entwicklung verschlafe und unbeirrt weiter für diese Bereiche ausbilde.

Das Beste, was man einem raten kann, der sich mit fünfzig noch nicht aufs Altenteil begehen will oder kann, ist, Informatik studiert zu haben. Wer das versäumt hat und sich auch nicht rechtzeitig unkündbar programmiert hat, dem bleiben nicht mehr allzu viele Möglichkeiten. Macht er nicht anderweitig Karriere, muß er sich weiterbilden, intensiv und permanent, und nicht erst, wenn es zu spät ist. "Wenn ein Problem ansteht oder ein Projekt, dann gibt Ihnen kein Chef die Zeit, erst mal zwei Monate in die Bibliothek zu gehen und die Literatur zu studieren" warnt Gerhard Goos. "Das benötigte Wissen muß sofort verfügbar sein."

Das gilt natürlich ebenso für Informatiker, die sich nicht eines Tages überraschend auf den Bänken des Arbeitsamtes wiederfinden wollen. Doch auch hier, glaubt Goos, hat ein Informatiker die besseren Karten einfach deshalb, weil er im Lernen viel besser trainiert ist als die andere.

Goos ist überzeugt, daß wesentlich mehr Informatiker nötig wären, als es gegenwärtig in der Bundesrepublik gibt. Die Zahl von 40 000 ist für ihn eine eher konservative Schätzung. Mehr wäre besser, meint er, und dazu noch einmal die gleiche Zahl an Nebenfach-lnformatikern. Er denkt dabei noch nicht einmal an eine deutsche DV-lndustrie, die mit ihren informationstechnischen Produkten auf dem Weltmarkt bestehen will. Seiner Ansicht nach brauchen wir diese Informatiker vor allen Dingen einmal als Infrastruktur für die bestehenden Industrien, primär Maschinenbau und Chemie. Der Karlsruher Informatik-Professor: "Wenn es uns nicht gelingt, dort einen größeren Informatik-Anteil zu integrieren, sind wir langfristig nicht mehr konkurrenzfähig."

Vier Stellenangebote für den Uni-Absolventen

Zum Vergleich nennt Goos Zahlen aus Japan, das mit 123 Millionen ziemlich genau doppelt so viele Einwohner hat wie die Bundesrepublik. Dort rechnet das Technikministerium MITI für die Jahrtausendwende mit einem Bedarf von 828 000 Software-Ingenieuren und 1,3 Millionen Programmierern - fast viermal so viel wie heute. Tatsächlich erreichen wird man voraussichtlich 406 000 beziehungsweise 774 000. Das wäre zwar nur etwa die Hälfte des erwarteter Bedarfs, aber schon diese 1,2 Millionen Beschäftigten allein in der Software-Entwicklung sind eine Zahl, neben der sich die 250 000 bis 270 000, die hierzulande in und mit der Datenverarbeitung ihr Geld verdienen, recht dürftig ausnehmen. Auch die Zahl von 40 000 benötigten lnformatikern erscheint so gesehen noch durchaus bescheiden.

Die Japaner stellen sich darauf ein, in zehn Jahren 20 Prozent ihres Bruttosozialprodukts mit der Informationstechnik zu erwirtschaften. Hierzulande fürchtet Goos, werden es bis dahin bestenfalls zehn Prozent sein.

In der Bundesrepublik gibt es derzeit etwa 10 000 fertige Informatiker und 30 000 Informatik-Studenten. Wie groß der Bedarf ist, läßt sich an den Angeboten ablesen, mit denen versucht wird, die Absolventen zu ködern. Goos schätzt, daß jeder Informatiker, der die Universität verläßt, im Schnitt vier Stellenangebote hat, wobei die offerierten Anfangsgehälter nach einer jüngsten Untersuchung des Wissenschaftsrates mit etwa 62 000 Mark im Jahr deutlich über denen liegen, die in anderen Disziplinen, gezahlt werden.

Mittelfristig sieht der GMD-Professor keinen Weg aus der Misere. Die vorhandenen Ausbildungsplätze klagt er, seien heute bereits um 100 Prozent überbelegt, viele Universitäten, die gerne einen Informatik-Lehrstuhl einrichten würden, können nicht, weil geeignete Professoren fehlen.

Für den dringendsten Bedarf wäre eine Ausbildungs- und Umschulungsoffensive der Industrie denkbar. Auch könnte man versuchen, mehr Leute direkt vom Abitur weg auszubilden, ohne den langwierigen Weg über die Universität.

Ganz glücklich allerdings macht ihn keine dieser Möglichkeiten: Zu schnell veraltet das Wissen in der DV. Wer keine ausreichende Vorqualifikation hat, und das ist für Goos letzten Endes nur ein Informatik-Studium, kann da sehr schnell ins Abseits geraten.

Wie auch immer man die Situation sieht, eines scheint klar: Ohne eine Änderung der Einstellung auf beiden Seiten wird sich weder am Arbeitskräftemangel noch an der Arbeitslosigkeit im DV-Bereich etwas ändern. Der Sprecher der Bundesanstalt sieht nur eine Möglichkeit, die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage zu verringern: "Arbeitnehmer wie Arbeitgeber müssen sich mehr um die Weiterbildung bemühen - die Bundesanstalt für Arbeit kann das alleine nicht leisten und das ist auch gar nicht ihre Aufgabe - und ebenso müssen beide lernen, in ihren Ansprüchen etwas flexibler zu werden."

Die Arbeitsuchenden könnten nicht einfach nur darauf warten, daß etwas kommt, das ihren Vorstellungen genau entspricht "und auch die Arbeitgeber müssen die Anforderungsprofile so zuschneiden, daß Arbeitsuchende darauf passen".