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17.02.1989 - 

Nur noch wenig DV-Berufsbilder mit sicherer Zukunft:

DV-Jobs stehen auf der Abschußliste

DV-Berufsbilder verlieren zunehmend an Attraktivität. Nur wenige Tätigkeiten in der Datenverarbeitung gelten noch als wirklich zukunftssicher. Künftig wird nicht nur DV-Wissen allein verlangt werden, sondern DV-Kompetenz verbunden mit solidem kaufmännisch/technischem Hintergrund, beschreibt Berthold B. Trottnow* das Anforderungsprofil für die DV-Profis.

* Berthold B. Trottnow ist Personalberater und geschäftsführender Partner der Trottnow Managementberatung GmbH mit Sitz in Stuttgart.

Weniger Führungsaufgaben, als vielmehr Spezialistenfunktionen bieten die Unternehmen in ihren Stellenausschreibungen den DV-Profis. Bei der Verteilung von Führungsverantwortung bilden die DV/Org-Chefs mit mageren sechszehn Prozent gegenüber ihren Kollegen aus anderen Bereichen das Schlußlicht. Überdurchschnittlich viele Managerpositionen bieten die Stellenangebote für die Unternehmensbereiche Materialwirtschaft/Logistik (50 Prozent) und Personalwesen (49 Prozent). Ein relativ großer Management-Anteil ist inzwischen auch in den ausgeschriebenen Positionen der Bereiche Aus- und Weiterbildung (39 Prozent) und Planung/Controlling (31 Prozent) enthalten. Insgesamt sind von den mehr als 53 000 Positionen, die in Stellenanzeigen für Führungs- und Fachkräfte 1988 in den überregionalen Tageszeitung ausgeschrieben wurden - wie im Jahr zuvor - knapp ein Drittel mit Führungsverantwortung verbunden. Wie aus der regelmäßig durchgeführten Anzeigenanalyse der SCS Personalberatung, Hamburg, weiter hervorgeht, erhöhte sich die Zahl der Stellenangebote für Führungskräfte gegenüber dem Vorjahr 1987 sm zwei Prozent.

Es sind kaum zehn Jahre her, als DV-Spezialisten und Programmierer jene Berufsbilder waren, die der Hauch des "Neuen", das Orwell'sche Flair der total computerisierten Zukunft, umgab. Arbeitsplatzprobleme schienen unvorstellbar, DV-Jobs wurden vergleichsweise hoch entlohnt, und Computerspezialisten zählten zu den bestbezahltesten Sachbearbeitern in Dienstleistung, Handel und Industrie. Während sich in vielen anderen Tätigkeitsbereichen schon Mitte der 70er Jahre strukturbedingte Arbeitsprobleme abzeichneten, war jedwede Krisenbestimmung DV-Mitarbeitern fremd

Im Gegenteil: Es war die wachsende Nachfrage nach qualifiziertem Computer- und DV-Know-how, die dazu führte, selbst im Hochschulbereich neue, DV-orientierte Studiengänge einzurichten. Dies bewirkte wiederum in den Folgejahren ein Überangebot an theoretisch vorgebildeten DV-Einsteigern, die aufgrund ihres fehlenden praktischen Erfahrungshintergrundes zunächst keine ihrem formalen Bildungsstand entsprechende Tätigkeit bekamen. Die Zentralisierungsbestrebungen im Rahmen DV-gestützter technischer und kaufmännischer Anwendungen einerseits sowie die damit einhergehende fortschreitende Hardware-Entwicklung andererseits - Computer wurden und werden bei steigender Leistungsfähigkeit in ihren Bedienungsansprüchen zunehmend geringer - verstärken den Trend, daß einer großen Anzahl von Fach- und Hochschulabgängern nur ein begrenztes Potential an entsprechenden Arbeitsplätzen in den Organisations- und DV-Abteilungen der Wirtschaft gegenüberstand. Hinzu kam, daß Spezialisten-Positionen oft mit Mitarbeitern besetzt waren, die zwar keine qualifizierte Formalausbildung absolviert hatten, aber langjährige und solide praktische Erfahrung vorweisen konnten und ein reibungsloses Funktionieren des DV-Betriebs sicherstellten. Deshalb waren sie in vielen Fällen kaum kurzfristig ersetzbar.

Folge: Der Komfortgrad von Positionen in Organisation und Datenverarbeitung wurde zunehmend geringer, das heißt Tätigkeiten, die in der Vergangenheit mit Mitarbeitern ohne qualifizierte Ausbildung ausgeübt werden konnten, werden und wurden in zunehmendem Maße Fach, Fachhoch- und Hochschulabsolventen übertragen. Hier war und ist die Informations- und Kommunikationstechnik zwar lediglich Spiegelbild der Entwicklung des Führungskräfte- und Spezialistenmarktes im allgemeinen, in ihren Auswirkungen aber zumindest in Teilbereichen ungleich härter von diesem Prozeß betroffen.

Und die Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung von DV-Berufsbildern sind heute noch nicht absehbar. Wenn man aber berücksichtigt, daß zum Beispiel Software-Pakete für kaufmännische und technische Applikationen unaufhörlich weiterentwickelt und verbessert werden, sind folgende Schlüsse naheliegend:

- Die Aufgaben von Rechnungszentrums-Spezialisten werden zunehmend von Mitarbeitern wahrgenommen, deren Formalausbildung der heute üblichen keineswegs mehr entsprechen wird.

- Die "klassische" Tätigkeit des Programmierers im herkömmlichen Sinne wird wesentliche und nachhaltige Änderungen erfahren.

- Der Stellenwert von "hochkarätigen" DV-Spezialistenpositionen (Systemprogrammierer, Systemanalytiker etc.) wird steigen.

- Die Nachfrage nach Führungskräften im DV-Produktionsbereich (Schichtführer, RZ-Leiter, Chefoperatoren) wird nachhaltig zurückgehen. In unseren Gesprächen mit Mitarbeitern dieser Funktionsfelder stellen wir heute schon fest, daß die Angebotsseite-- bereits überwiegt.

Diese bereits eingetretenen und erkennbaren Prozesse verlangen sowohl von Organisations- und DV-Führungskräften als auch von Berufs- und Managementberatern ein entschiedenes Umdenken. Denn während DV-Jobs herkömmlicher Art in der Vergangenheit als zukunftssicher, überdurchschnittlich dotiert und arbeitsplatzstabil galten, sind sie heute mitunter schon in der Reihe jener Berufsbilder einzuordnen, die nicht zuletzt aufgrund der unaufhaltsamen Automatisierung, auch im EDV-Bereich, in starkem Maße an Anziehungskraft und Attraktivität verlieren. Diese Entwicklungen und ihre negativen Folgen für den Arbeitsmarkt in ihrer Bedeutung zu erkennen und ihnen rechtzeitig entgegenzuwirken, ist das Gebot der Stunde. Für alle Betroffenen, also sowohl für jene, die sich für eine Laufbahn im Umfeld der Kommunikations- und Informationstechnik entscheiden als auch für diejenigen, die für die DV-Personal-Beschaffung und -Entwicklung in den Unternehmen verantwortlich sind, ergeben sich folgende Konsequenzen:

- Für Berufsanfänger, Umschüler, Studienanfänger, Auszubildende, die eine Tätigkeit in Organisation und Datenverarbeitung anstreben, sollte die fachliche DV-Orientierung nicht alleiniges Auswahlkriterium sein, sondern durch eine persönliche Situationsanalyse unbedingt eine qualitative Anreicherung des Aufgabenspektrums ins Auge gefaßt werden.

Mit anderen Worten: Nicht EDV-Know-how allein wird gefragt sein sondern DV-Kompetenz verbunden mit solidem kaufmännisch/technischem Hintergrund.

- Personalleiter, DV- und Organisationsleiter und andere Entscheidungsträger in den Unternehmen, die vakante Führungspositionen mit qualifizierten Spezialisten zu besetzen haben, werden in Zukunft sowohl bei Positionsanalysen, eignungsdiagnostischen Interviews und Marktansprachen als auch im Rahmen von Kandidaten-Auslese und Selektionsprozessen diese Erkenntnis zu berücksichtigen haben.