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27.09.1985 - 

Fachabteilungen suchen Unterstützung des DV-Bereichs:

DV-Manager räumen mit Mikro-Wildwuchs auf

Mikro-Wildwuchs und die Probleme des Mikro-Mainframe-Links stehen ganz oben auf der Sorgenliste ...reicher DV-Manager. Die Verantwortlichen sehen sich vor der undankbaren Aufgabe, "Mikro-Zoos" von großer technischer Vielfalt in den Griff zu bekommen: Die (vor allem) organisatorische Bereinigungsphase hat begonnen.

Schuld an diesem Chaos sind nicht nur die "kurzsichtigen" DV-Leiter, die den Einzug der Rechnerzwerge nicht strategisch lösen konnten. Auch die Fachbereichsleiter geraten unter Beschuß: Sie bestellten nämlich häufig ohne Rücksicht auf unternehmenseinheitliche Wünsche ihre Arbeitsplatzrechner, sahen sie doch endlich ihre Chance, mit Hilfe eines eigenen Systems dem DV-Frust zu entrinnen. Zu groß waren häufig die durch den Anwendungsstau bedingten Wartezeiten.

Mit allen Tricks arbeiteten zahlreiche Abteilungsleiter, um die Geräte am DV-Manager vorbei ins Unternehmen zu schmuggeln. So berichtet ein Brancheninsider von einem großen bundesdeutschen Automobilkonzern, in dem plötzlich über 70 Mikrocomputer auftauchten, die als Stahlschränke deklariert waren.

"Als Resultat solcher Aktionen steht heute eine große Anzahl Rechner in der Ecke", ereifert sich Wolfgang Koppmeyer, Ressortleiter Org./DV beim Großversandhaus Schöpflin.

Der Lörracher DV-Chef glaubt, daß gerade zehn Prozent der Anwendungsmöglichkeiten eines Arbeitsplatzcomputers genutzt werden. Auch ist er überzeugt, hätte man die Fachbereiche bereits früher an die Hand genommen und ihnen Bildschirme hingestellt, wäre Frust zu vermeiden gewesen.

Kurt Metzler, Leiter Informatik bei der Usego Trimerco Holding AG im schweizerischen Volketswil, gibt ebenfalls zu, daß ein paar Kraftzwerge ohne seine Genehmigung ins Unternehmen geschummelt wurden. Der Grund: Die Investitionsschwelle der Fachabteilungen liegt bei 10 000 Franken. Betont Metzler: "Ich räume gerade auf." Aber die Mitarbeiter kämen inzwischen selbst auf ihn zu, weil ihre Anforderungen und Wünsche sonst nicht erfüllt würden.

Den DV-Leiter der Duisburger Thyssengas, Lutz Ockert, bitten die Sachbearbeiter bei ihren Rechnerproblemen jetzt ebenfalls um Hilfe. Denn für die Systeme, die ohne sein Wissen gekauft wurden, gab es keinen Filetransfer und keine Terminal-Emulation. Ockert hat für die Zukunft aus diesem Wildwuchs Konsequenzen gezogen: Mikros dürfen nur noch über die zentrale DV bestellt werden.

Daß viele Arbeitsplatzrechner wegen mangelnden Know-hows der Benutzer nicht ausreichend genutzt werden, ist aber nicht nur ein bundesdeutsches Problem. Eine Studie des amerikanischen Softwarehauses Management Science America Inc. (MSA) stellt fest: In den meisten amerikanischen Unternehmen sind die vorhandenen Mikrocomputer nur eine Stunde am Tag in Betrieb. Auf dem Großteil der Rechner läuft lediglich eine einzige Anwendung und die wenigsten Anwender wissen über das tatsächliche Potential ihrer Geräte Bescheid.

Anwender sind frustriert

Während hierzulande ein Großteil der Sachbearbeiter der Installation ihres Arbeitsplatzcomputers mit Freuden entgegensahen, stehen sie ihm derzeit mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sie reagieren oft ungeduldig und verständnislos, wenn der Rechenzwerg nicht sofort auf Knopfdruck - wie vom Hersteller versprochen - mit der gewünschten Arbeit beginnt. Beschäftigen sich die Endbenutzer nach diesem Frusterlebnis mit dem mitgelieferten Handbuch, werden sie erst recht verunsichert.

So wirft denn auch Thomas Centner, Mikrocomputerspezialist bei Diebold, den Herstellern vor, die Computerwerbung wie ein Waschmittelproduzent zu betreiben. Der Frankfurter Berater: "Die Anbieter rufen Emotionen wach und suggerieren Wünsche für ein Produkt, das für das Verständnis der Benutzer viel zu kompliziert ist." Centner rät allen DV-Chefs, die den Mikrocomputer-Einsatz vor sich haben, diesen konsequent zu steuern. Vor allem müsse ein Benutzerservice-Zentrum (Information Service Center ISC) eingerichtet werden.

Die Zweckmäßigkeit eines solchen Beratungszentrums, das sich um die Systemauswahl, den Einsatz und die Betreuung der Sachbearbeiter kümmert, hat sich inzwischen bei zahlreichen Großunternehmen herumgesprochen.

Bei der Degussa AG in Frankfurt beispielsweise verhinderte die ins Leben gerufene Service-Abteilung für Endbenutzer größere Probleme mit der neuentstandenen Mikrocomputer-Welt. Nach Ansicht ihres Ressortchefs Dr. Karl-Hendrik Neubauer war bei seinen Sachbearbeitern weder anfängliche Euphorie noch spätere Fruststimmung zu spüren. "Der Anwender ist", so Dr. Neubauer, "mit den vorhandenen Möglichkeiten mitgewachsen." Der Benutzerservice besteht bei der Degussa AG bereits seit fünf Jahren.

Neben den organisatorischen Schwierigkeiten sind auch die technischen Probleme beim Mikrocomputer-Einsatz nach vorherrschender Meinung noch nicht optimal gelöst. Vor allem hapert es in vielen Konzernen mit der Mikro-/Mainframe-Kommunikation. Sind schon eine Reihe von DV-Chefs mit dem Filetransfer vom Großrechner zum Mikro nicht sehr glücklich, bekommen sie die Datenaufbereitung auf dem Host für den Mikro kaum in den Griff.

Das Problem des Filetransfers sei nämlich nicht gelöst, wenn die Mikro-Host-Verbindung etwa per Karte stünde. Diese würde lediglich die Hardware-technischen Voraussetzungen schaffen. Zusätzlich benötige man teure Software für den Host sowie ein spezielles Programmpaket für den Mikrocomputer. Nicht geklärt seien auch die Anforderungen an den Datenschutz.

"Deshalb ist es ganz gut", so Kurt Metzler, "daß die Benutzer (noch) keine großen Wünsche an die Mikro-Host-Kommunikation stellen." Die Mehrzahl beschränke sich nämlich nach wie vor auf die einbahnige "Bitschaufelei". Dafür reichten Terminal-Emulatoren Ó la Irma oder Pcox.

Sollen jedoch die Daten für Sachbearbeiter auf dem Host "anwendungsgerecht" aufbereitet werden, sind die DV-Manager fast immer überfordert. Zu diesem Problem der Datenbereitstellung gibt Dr. Neubauer zu bedenken: "Wir können schließlich nicht zulassen, daß der Sachbearbeiter auf die benötigten Informationen selbst zugreifen kann. Sie müssen in einem kontrollierten Ablauf von der Host-Seite zur Verfügung gestellt werden." Hier sei noch viel Aufwand erforderlich.

Softwarelösungen sind Spielkram

DV-Chef Lutz Ockert bedauert, daß ihm anstatt eines "Viel-Transfers" nur ein herkömmlicher File-Transfer zur Verfügung steht. Er fordert von den "Weichware"-Anbietern, Standard-Softwarepakete wie Grafik oder Textverarbeitung mit gut beherrschbaren Kommunikations-Schnittstellen zu entwickeln.

Wettert Ockert: "Die heutigen Lösungen sind doch alles Spielkram." Der Duisburger DV-Manager rät seinen Kollegen, nicht nur an ihren großen "Hobeln" interessiert zu sein, sondern sich mehr auf eine gut funktionierende Informations-Infrastruktur zu konzentrieren. Sein Ziel für die Zukunft: "Ich will den Großrechner durch die Mikrocomputer entlasten und ihn zum Datenbank-Fileserver machen."

Diese technischen Kommunikationsprobleme interessieren die Endbenutzer indes wenig. Ihr DV-Wissen ist in der Regel gleich null. Die Ausbildung der Sachbearbeiter bezieht sich nämlich in den meisten Fällen nur auf ihre spezielle Mikro-Anwendung. Vertiefte DV-Kenntnisse werden ihnen nicht vermittelt. Schließlich wollen sich die DV-Manager keine "Quasi"-DV-Mitarbeiter heranzüchten. Doch nicht alle geben sich mit dieser eingeschränkten Ausbildung zufrieden. Schon manch ein Sachbearbeiter entwickelte sich zum Mikro-Freak und eignete sich im Selbststudium weiteres Wissen an.

Dann kann es den DV-Gurus allerdings passieren, daß ihnen dieser Mitarbeiter mit vorwurfsvoller Miene eine gelöste Anwendung mit der Bemerkung präsentiert, wie einfach dies gewesen sei. Hier entsteht eine gewisse Fehleinschätzung: Der Kampf zwischen Mitarbeitern der DV- und Fachabteilung beginnt von vorne.

Resümiert Unternehmensberater Rainer Jung aus Wiesbaden: "Es ist das alte Lied. Die beiden Gruppen müssen zur Lösung all dieser Probleme aufeinander zugehen und miteinander reden." " Aber vielleicht", stichelt Jung, "zwingt das Damoklesschwert der ungemein hohen Kosten sie jetzt zum Miteinander."