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26.09.1986 - 

Auf Datev-Tagung geht Innovationsforscher mit Computer-Industrie ins Gericht:

DV-Maßanzug wird Anwendern zur Zwangsjacke

NÜRNBERG - Die Industrie entwickelt auf Teufel komm raus neue Produkte, doch sie verhindert dadurch echte Innovation: Solch harsche Kritik an den DV-Herstellern, vorgetragen von dem Bochumer Arbeitsökonomie-Professor Erich Staudt, bildete den Auftakt zur "Datev-'86". Deutlich wurde, welche Schlüsselrolle diese Berufsgruppe in der Strategie der Anbieter spielt.

Kaum sind die beiden PC-Lieferanten der Steuerberatungsgenossenschaft Datev, TA und Olivetti, unter der Haube, reißen sich andere DV-Hersteller um das Geschäft mit den Beratern und vor allem mit ihren 1,2 Millionen Mandanten. Siemens und die IBM, bisher nur auf der RZ-Seite mit der Datev im Geschäft sowie Nixdorf stehen mit Ein- und Mehrplatzlösungen für das Datev-Verbundsystem DVS Gewehr bei Fuß. Die hard- und softwareseitig modifizierten Versionen des IBM PC XT und des Nixdorf-Panasonic-Mikros 8810/M 25 sind zwar noch nicht freigegeben, doch die Tests laufen. Anfang nächsten Jahres werden zunächst die Paderborner ihr Modell 8810 D, einen PC mit Modemkarte, 80826-Erweiterungsboard und Anschluß an die 8870, auf den Markt bringen; kurz darauf folgt Big Blues Konkurrenzfabrikat. Siemens ist wegen der inkompatiblen Hardware-Oberfläche des PC-D - der Nachzügler; erst das kommende Gerät der AT-Klasse vermag dem Datev-Pflichtenheft gerecht zu werden.

Datev-Gründer und -Vorstandschef Heinz Sebiger weist den Verdacht von sich, das plötzliche Auftreten gleich mehrerer anderer PC-Produzenten könne etwas mit der fränkisch-italienischen Firmenhochzeit zu tun haben, etwa daß die Datev nach der Selbstbeschränkung auf die zwei Lieferanten nun wieder offen gegenüber interessierten Herstellern sei. Die Datev sei gegenüber solchen Interessenten stets offen gewesen, erwiderte Sebiger. So will denn auch die IBM, die bei der Einführung des DVS vor zweieinhalb Jahren gegenüber Olivetti ins Hintertreffen geraten war und ihr Datev-Sondermodell nie fertiggestellt hatte, schon Anfang dieses Jahres den zweiten Anlauf genommen haben also vor dem Vertragsabschluß zwischen VW/TA und Olivetti. Diese beiden Mitbewerber haben bisher 13 000 PCs verkauft gemessen an der Gesamtzahl von 27 000 Datev-Mitgliedern ein gewaltiger Vorsprung.

In einem Rundumschlag die Hersteller abgekanzelt

Wie selbstbewußt das Softwarehaus und Rechenzentrum der Steuerberater der Industrie entgegentritt, zeigte sich jedoch beim Festvortrag zur Eröffnung der Fachausstellung "Datev '86". Der Innovationsforscher Professor Dr. Erich Staudt vom Lehrstuhl für Arbeitsökonomie der Bochumer Ruhr-Universität kanzelte in einem von den meisten Anwesenden mit Überraschung aufgenommenen Rundumschlag die Hardwarehersteller als Schuldige an der geringen Innovationsbereitschaft mittelständischer Unternehmen ab.

Der Wissenschaftler diagnostizierte eine "programmatische Allianz zwischen den Anbietern neuer Techniken und den Wirtschafts-, Technologie- und Kommunalpolitikern", die aber allesamt, die Innovationsfähigkeit in unserer Gesellschaft überschätzen. Der Aktivismus dieser "Heilslehrer, Erfinder und Promotoren neuer Technologien" verhindere Innovationen eher, als daß er sie fördere. Wenn ihre Allheilmittel nicht freudig angenommen würden, räsonierten sie über die Technikfeindlichkeit und suchten die Schuld im Ausbildungssystem oder bei den potentiellen Anwendern.

Besonders scharf wandte sich der Professor gegen Versuche der Hersteller, "den Nutzer schon mit der ersten Anschaffung an das eigene System zu binden". Aus dem viel propagierten "Maßanzug" werde für den Kunden eine Zwangsjacke, urteilte Staudt. Die Art und Weise, mit der die "Promotoren der neuen Technologien" auf die Anwender zugingen, werde von diesen oft als aggressiv empfunden. Nur Großbetriebe verfügten heute über das nötige Know-how und die Gegenmacht, um sich erfolgreich mit der Industrie auseinanderzusetzen. Doch selbst in den großen Konzernen werden die Computer nach Ansicht des Arbeitsökonomen nicht nach der Maxime eingesetzt, die Effizienz zu steigern: "Der DV-Apparat beginnt ein Eigenleben zu führen.... Mit dem Versprechen angetreten, das unternehmerische Risiko kalkulierbar zu machen, werde er selbst oft zum unkalkulierbaren Risiko."

Freilich wollte der Professor sich nicht gegen die DV-Branche insgesamt werden; schließlich lebt der Gastgeber Datev vom RZ-Geschäft. Staudt propagierte aber einen stärker am Nutzen orientierten als von der "Euphorie des technish Machbaren" gleiteten Computereinsatz. Sein Resümee: Zwei Jahrzehnte Datev Hätten gezeigt, daß eine Genossenschaft die Anwenderinteressen sehr gut gegenüber der DV-Industrie wahrnehmen und auch Einfluß auf die Entwicklung nehmen könne.

Diese Machtstellung versucht die Datev weiter auszubauen. Vorstandsvorsitzender Sebiger umriß in seinem Vortrag zur Eröffnung des Beraterkongresses seine Pläne, der Industrie quasi den Standard für die Datenkommunikation der mittelständischen Unternehmen vorzuschreiben. Die Mandantenbetriebe sollen nach Sebigers Vorstellung ihre gesamten kaufmännisch relevanten Betriebsdaten Datev-gerecht auf PCs erfassen, so daß der Steuerberater sie unmittelbar mit dem Verbundsystem zwischen Kanzleicomputer und Nürnberger Rechenzentrum verarbeiten kann. Dementsprechend zeigten die auf der "Datev '86" ausstellenden DV-Hersteller - zumindest als Prototypen - Lösungen auf der Basis der Datev-Schnittstellensoftware.

Neben den Hardwarelieferanten bindet die Genossenschaft jetzt auch verstärkt selbständige Softwarehäuser in ihre Strategie mit ein. Einer der kooperierenden SW-Anbieter, die Leo Schleupen Systemanalyse GmbH, versorgt beispielsweise IBM mit der Schnittstellensoftware. Außerdem hat Sebiger einen OEM-Vertrag mit Microsoft geschlossen; eine herstellerunabhängige Version mit speziellen Datev-Features, die dem Vernehmen nach den Namen D-DOS tragen wird, soll an die Stelle der unterschiedlichen MS-DOS-Releases treten, die von den PC-Anbieter geliefert werden.

Nicht nur die Sparte Softwarehaus expandiert derzeit bei der Datev; auch den RZ-Bereich bauen die Genossen weiter aus. So sollen dieses Jahr 55,4 Millionen Mark in Rechner - darunter die Aufrüstung einer 3090/200 zum Modell 400 für fast 15 Millionen - und Kommunikationssysteme sowie in eine höhere Druckerkapazität und eine ISDN-fähige Nebenstellenanlage investiert werden. Insgesamt summieren sich die Investitionen gar auf 73 Millionen Mark bei einem prognostizierten Betriebsergebnis von 48 Millionen Mark. Der Umsatz soll 1986 erstmals über 400 Millionen Mark liegen.

Befürchtungen, die Bedeutung des Rechenzentrums könnte angesichts des immer stärkeren PC-Einsatzes mit der Zeit sinken und damit die Umsätze wieder schrumpfen lassen, hegt die Datev nicht. Seit Einführung des Verbundsystems sei der Bedarf an RZ-Leistung sogar gestiegen, sagte ein Sprecher; die Steuerberater, die einen DVS-PC angeschafft hätten, nähmen in der Regel mehr RZ-Dienstleistungen in Anspruch als vorher. In ein paar Jahren sollen die Genossen zusätzliche Dienste des Rechenzentrums nutzen können Ein Expertensystem zur Bilanzanalyse ist derzeit in der Entwicklung. Ein Prototyp mit Gewinn- und Verlust-Rechnung war in Nürnberg schon zu sehen. Doch der zuständige Abteilungsleiter Peter Heidecker dämpft die Erwartungen der Interessen ??.. "Das ist alles noch Zukunftsmusik."