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08.04.1988 - 

Selbstbeweihräucherung der Deutschen Messe-AG Hannover:

DV-Normalitäten mit Erfolg präsentiert

Stark übertrieben sind nach Meinung des freien DV-Fachjournalisten Klaus Rosenthal die Erfolgsmeldungen über die CeBIT. Der Deutschen Messe AG in Hannover wirft er Hochstapelei vor, wenn sie die CeBIT als "technologischen Impulsgeber" bezeichnet. Auch die von den Veranstaltern stolz präsentierten Besucherzahlen hinterfragt Rosenthal kritisch: Der hohe Anteil an "Kids" und anderen Nichtentscheidern werde zahlenmäßig gar nicht erst erwähnt.

Nachmessezeit ist Rekonvaleszenzzeit. Die geplagten Helferinnen, Systemvorführer und verbalen Standgrenzen-Wegelagerer haben ihren Stress abgelegt, ihre Büros haben sie wieder. Vor dem wohlverdienten Osterurlaub wartet wichtige Fleißarbeit: Postberge müssen abgetragen, Messeberichte ausgewertet werden. Der Vertrieb hungert nach Adressen.

In dieser Phase zeigt sich, daß die so gern zitierte "Qualität" eines "Fachbesuchers" vor allem daran gemessen wird, ob und wann er zum Käufer wird. Von diesen "Fachbesuchern" lebt nun einmal die Messe. Kein Wunder, daß die CeBIT-Veranstalter nicht müde werden, die allzeit hohe und offenbar immer noch ständig zunehmende "Fachkompetenz" der Besucher hervorzuheben.

Aussteller grübeln über Berichte

So mancher Aussteller kommt bei der Auswertung seiner diesjährigen Messeberichte ins Grübeln. Zahlenmäßig sind die Ergebnisse gut. Ob allerdings die Gesprächspartner in jedem Fall zu den Entscheidungsträgern mit Einkaufsbefugnis zählten, muß anders bewertet werden. Das gilt vor allem für die im CeBIT dominierende harte Ware, den PC. In diesem Markt kann der CeBIT-Aussteller nur Werbung für seine Vertriebspartner betreiben.

In einigen Jahren werden es nicht nur Fachhändler oder qualifizierte PC-Shops sein, die Hard- und Software an den Käufer bringen.

Genau wie die Computerisierung in der DV-Hierarchie der Betriebe nach unten vordringt, verändert sich auch die Besucherstruktur einer Computermesse. Es kommen überhaupt mehr Besucher als früher. Heute aber strömen auch mehr Zuschauer durch die Hallen, die zwar "fachkompetent" sind, als Käufer jedoch nicht in Frage kommen. Diesen Trend haben die CeBIT-Veranstalter noch nicht nachvollzogen. Im Gegenteil: In der Abschlußerklärung mit der allegorischen Überschrift: "Tor zur Welt der Information" lobt sie sich: Die Branche "hat durch CeBIT starken konjunkturellen Auftrieb erfahren. Bedeutende Geschäftsabschlüsse wurden bereits während der Veranstaltung getätigt."

Hier werden Ursache und Wirkung verwechselt. Nicht CeBIT liefert den konjunkturellen Auftrieb, sondern die Eigendynamik der Informatikbranche. Daß die Pferde wieder saufen, stellte das Statistische Bundesamt nämlich bereits vor der CeBIT fest. Schon seit Jahren gehört es zum Ritual, daß man lange vorher ausgehandelte Orders in der Aktentasche mit nach Hannover bringt und sie dort mit Messerabatt unterschreibt.

Abschlußbericht mit Eigenlob

Der CeBIT-Abschlußbericht ist auch noch in anderen Passagen von Eigenlob nicht frei. "Der einzigartige Verbundcharakter der Hannover-Messe CeBIT", so heißt es da, sichert ihr eine eindeutige Alleinstellung in der Welt der Informations- und Telekommunikationstechnik. Sie bietet Transparenz und dient als technologischer Impulsgeber in dieser innovativen Branche".

Hinter dem "Verbundcharakter" verbirgt sich das aggressive Marketingkonzept, alles, was direkt und indirekt mit der Informatik zu tun hat, aufs Messegelände zu bringen.

Impulsgeber aus dem Ausland

Ganz schlimm steht es mit der gelobten Transparenz des ausufernden Angebots. Noch immer verlangt ein kompletter Überblick den Slalomlauf durch mehrere Hallen,

Vermessen ist die Behauptung, CeBIT diene als "technologischer Impulsgeber". Neue Chips, Prozeduren und Architekturen kommen (leider) immer noch aus den USA oder Japan. Fast alle Europäer klonen ausländische Produkte. Das klingt zwar bitter, ist jedoch Realität. Die CeBIT kann daher gar nicht Impulsgeber sein, allenfalls Gastgeber. Warum gibt sich die Messe nicht mit dieser Rolle zufrieden, die sie zweifellos meisterlich beherrscht?

Die Branche liebt Hannover. Und selbst bei allen Vorbehalten und Einschränkungen werden ihr weder Systems noch Orgatechnik die Position der Nummer eins streitig machen können. CeBIT wird noch weiter wachsen und erst wieder an Grenzen stoßen, wenn auch die letzte Halle in den Verbund eingeflossen sein wird.

Zudem wird die Messe AG mehr und mehr den Spezialmessen Konkurrenz machen. So platzt die Bankensonderschau inzwischen aus allen Nähten. Zur nächsten CeBIT steht mit der "NetWorld Europa" eine weitere Sonderschau an, die von Hannover Fairs, der amerikanischen Tochter der Deutschen Messe AG, veranstaltet wird.

Sollte die Computervernetzung nach 1989 zum ähnlichen Breitensport werden wie die persönliche Computerei, darf sich die "NetWorld" über die Halle 17 hinaus auf bereits zugesicherte weitere Hallen erstrecken.

Messe ohne Neuheiten

CeBIT '88 war eine Messe ohne wesentliche Produktneuigkeiten. So widersprüchlich es klingt: Gerade das machte ihren Erfolg aus. Denn nach vielen Jahren der technischen Weit- und Seitensprünge bekennt sich die Herstellerbranche mehr und mehr zu Standards. Sie sind wohl am besten mit den drei englischen Cs umschrieben: Compatibility, Connectivity, Communication.

Der Anwender honoriert die Herstellerzusagen hinsichtlich Hard- und Softwarekompatibilität und -portabilität. Wenn nicht mehr "proprietary"-Produkte im Vordergrund stehen, die das eigene Marktpotential abschotten sollen, sondern übergreifende funktionierende Konzepte, dann bringt das mehr Geschäft, mehr Kunden und de facto auch mehr Messebesucher.

Auch DV-Schulung ist zu einer begehrten Ware geworden, die sowohl Anbietern als auch Schülern guten Profit bringen kann.

Computer-Kids nicht erwähnt

Wer im firmeneigenen Ausbildungszentrum, bei privaten Instituten, bei den Gewerkschaften, in berufsständischen Einrichtungen oder an der Volkshochschule gelernt und DV-Appetit bekommen hat, der wird CeBIT-Pilger werden.

Hinzu kommen die Legionen der "Computer-Kids", die mit immer mehr Fachwissen und genauen Produktkenntnissen durch die CeBIT-Hallen huschen und dort immer seltener von Ausstellern als lästige Prospektsammler abgewiesen werden. Auch hier geht der Messeabschlußbericht an den Realitäten vorbei. Der außerordentlich hohe Anteil jugendlicher Besucher wird erst gar nicht zahlenmäßig erwähnt.

Offenbar gehört diese immer größer werdende Gruppe noch nicht zu den Besuchern, die "entscheidend oder mitentscheidend beim Kauf von Produkten und Dienstleistungen sind". Dabei behauptet der Bericht: "Die CeBIT liegt voll im Trend." Auch das stimmt nicht!