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Nicht miteinander rechnen, sondern miteinander reden:

DV-Profis dürfen Anwendungsrisiken nicht verdrängen

23.06.1989

Die Bevölkerung hat gegenüber dem Computer seit langem eine ambivalente Haltung. Gefürchtet werden Auswirkungen auf den Arbeitsplatz sowie Umwelt-, Energie- und Datenschutzprobleme. Die COMPUTERWOCHE wollte wissen, ob die Informatiker mögliche Anwendungsrisiken ihrer Entwicklungen verdrängen und - wenn nicht - wo sie ihre Verantwortung sehen. Diskutiert wurde ferner die Frage, ob unser Ausbildungssystem überhaupt in der Lage ist, Werte wie Demokratieverständnis und Verantwortung zu vermitteln.

Die Teilnehmer

Manfred Domke, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung mbH (GMD), Bonn

Dr. Ulrich Briefs, Mitglied des Deutschen Bundestages (Die Grünen ), Ord. Mitglied im Ausschuß für Forschung und Technologie, Bonn

Ina Hönicke, CW-Redakteurin Professor Otto Spaniol, Lehrstuhl für Informatik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen

Herbert Kubicek, Professor für angewandte Informatik, Büro- und Verwaltungsautomation am Fachbereich Mathematik und Informatik, Universität Bremen

- Herr Briefs, zunächst eine Frage an Sie als Arbeitswissenschaftler: Gefürchtet wird der Computer vor allem auch als Jobkiller. Inwieweit kann die Informationstechnik die Arbeitsplatzgestaltung tatsächlich beeinflussen?

Briefs: Die Informations- und Kommunikations-Techniken sind wohl das bisher mächtigste Mittel, um bislang noch notwendige Arbeitszeit abzubauen. Das kann zu weiteren millionenfachen Arbeitsplatzverlusten führen. Das kann aber genauso gut dazu benutzt werden, daß wir in der Bundesrepublik - hoffentlich bald - eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden und weniger haben.

Spaniol: In der Tat fällt eine große Anzahl von Arbeitsplätzen durch Rationalisierung weg. Gleichzeitig entstehen neue - allerdings wenige - höherqualifizierte Jobs. Probleme bereiten die sogenannten "Restarbeitsplätze". Hierbei handelt es sich um Tätigkeiten, für die sich eine Rationalisierung nicht lohnt, weil der Mensch billiger arbeitet als jede Maschine. Diese Arbeitsplätze dürfte es überhaupt nicht geben. Außerdem fallen gesundheitsgefährdende Jobs weg, um die es nicht schade ist. Insgesamt gesehen geht tatsächlich eine Reihe von Arbeitsplätzen verloren, weil der Computer einfach leistungsfähiger ist als der Mensch.

Briefs: Einer Fehleinschätzung möchte ich jedoch entgegentreten. Immer wieder heißt es, der Rechner übernimmt die einfachen Rechentätigkeiten und der Mensch die qualifizierte Arbeit. Die Realität sieht jedoch so aus, daß die DV-Fachkräfte es reizvoller fanden, nicht die einfachen Arbeitsgänge vom Computer übernehmen zu lassen, sondern - im Gegenteil - die komplexen. Deshalb werden wir gerade im DV-Bereich erleben, daß der Rechner mehr und mehr auch die qualifizierten Komponenten der menschlichen Arbeit übernehmen wird. Dem DV-Spezialisten bleiben demzufolge zunehmend monotone Tätigkeiten - oder er hat sich in zehn Jahren sogar ganz wegrationalisiert. Dies gilt genauso für die übrigen Sachbearbeiter. Qualifizierte Mitarbeiter, die bisher verantwortliche Jobs bekleideten, werden nur noch als "biologische Endgeräte" dienen.

- Das hört sich aber sehr pessimistisch an.

Briefs: Das stimmt, aber trotz all dieser Gefahren gibt es auch Perspektiven. Sie liegen allerdings nicht im Ausreizen der DV-Technik, sondern vielmehr in einem grundsätzlich anderen Umgang mit dieser Technik in den Unternehmen. Das Motto der Zukunft muß heißen: Wir müssen in den Betrieben nicht miteinander rechnen, sondern miteinander reden."

- Neben der Angst vor Rationalisierung fürchten viele Mitarbeiter, daß die Rechner ihre Aktivitäten überwachen können, sozusagen zum "Chef, der alles sieht" werden.

Briefs: Diese Angst ist mehr als berechtigt. Wir dürfen nicht vergessen, wie wichtig es ist, daß Menschen den Umfang ihrer Leistungserbringung selbst bestimmen können. Mit dem Rechnereinsatz wird die Gefahr der Kontrolle realistischer, da der computerisierte Arbeitsplatz wesentlich leichter zu kontrollieren ist als der traditionelle. In den USA gibt es das Amt für Technologiefolgen-Abschätzung. Diese Regierungsbehörde stellte 1987 in einem Bericht fest, daß in den Vereinigten Staaten sieben Prozent der Beschäftigten bereits elektronisch kontrolliert werden. Die amerikanische Behörde spricht von "elektronischer Schweißauspressung".

- Apropos Technologiefolgen-Abschätzung: Wie sieht es denn mit der Einrichtung einer solchen Institution in Bonn aus ?

Briefs: Einfach grauenhaft. Von 1983 bis 1986 hat sich eine Enquete-Kommission des Bundestages mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt. Danach forderten die Experten in einem Bericht die Bundesregierung auf, mit etwa 30 Planstellen und einem Aufwand in Höhe von 10 Millionen Mark eine Stelle für Technologiefolgen-Abschätzung einzurichten. Was dann passierte, bezeichne ich als "Beerdigung erster Klasse": Die Regierungskoalitionen der CDU/CS und FDP entschlossen sich trotz des Berichts, keine derartige Einrichtung aufzubauen, sondern

statt dessen eine erneute Enquete-Kommission zu genau dem gleichen Thema zu etablieren.

- Dabei beobachten Marktforscher gerade diese neue Dimension von Technik-Skepsis: nämlich die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. So fühlen sich DV-Profis vor allem in puncto Datenschutz betroffen. Im Kreuzfeuer der Kritik steht vor allem ISDN. Wird durch das neue Fernmeldegesetz - wie kritische Informatiker behaupten - die Voraussetzung für den Orwellschen Überwachungsstaat geschaffen?

Kubicek: Künftig sollen alle Daten von den Fernsprechapparaten gespeichert werden. Dies geschieht nicht nur in den 6000 Vermittlungsstellen, sondern konzentriert in den zwölf regionalen Gebühren-Rechenzentren der Deutschen Bundespost. Das heißt, unter einer anderen Rechtslage wäre es möglich, umfassende Kommunikationsprofile über ganze Bevölkerungsgruppen zu erstellen. Ich halte diese Ansammlung von Daten für unverantwortlich. Jeder Bürger, dem bei dem Gedanken an die Datenhäufung über ihn unwohl ist, sollte - gemäß Datenschutzgesetz - beim Bundespostminister einen Antrag auf Löschung dieser Daten stellen.

Spaniol: Sie haben von einer Datenansammlung gesprochen. Ich bin allerdings der Meinung, es handelt sich viel eher um eine potentielle Datenansammlung. Niemand weiß definitiv, ob diese wirklich in Anspruch genommen wird. Es liegen inzwischen Vorschläge vor, wie man ISDN sicherer machen kann. Ich jedenfalls glaube nicht, daß ISDN die Voraussetzung für den Orwellschen Überwachungsstaat schaffen könnte. Schließlich haben wir das Jahr " 1984" doch auch ganz gut überstanden.

Kubicek: Noch ein Wort zur nicht stattfindenden Technologiefolgen-Abschätzung: Diese Lücke im öffentlichen Bereich wollen die Mitglieder des Instituts für Informations- und Kommunikationsökologie (IKÖ) schließen. Die Gruppe will die Fakten der bisher untersuchten Einzelaspekte, wie Rationalisierung, Datenschutz und psychische Aspekte zusammentragen und strukturieren. Als nächster Schritt wird die tatsächliche Bedrohung unserer kulturellen und natürlichen Lebensgrundlagen analysiert und die Ergebnisse veröffentlicht. Beteiligt an dem in Köln gegründeten Institut sind Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen, Vertreter von Gewerkschaften, Kirchen und sozialen Bewegungen.

- Wie werden Informatiker eigentlich damit fertig, daß sie nie wissen, ob ihre Anwendungen nicht auch militärisch genutzt werden?

Spaniol: Derzeit wird in Europa an einem Verkehrslenkungssystem namens Prometheus gearbeitet. Das System soll durch den Einsatz von Elektronik im Fahrzeug die Wirtschaftlichkeit steigern und die Unfallzahlen senken. Ich bin überzeugt, daß meine Forschungsarbeit dafür friedlich genutzt wird. Aber es gibt potentielle Mitarbeiter, die verweigern die Zusammenarbeit, weil sie fürchten, das System könnte auch bei Panzern eingesetzt werden. In letzter Konsequenz läßt sich das nie ganz ausschließen. Darüber muß sich jeder Informatiker, und wenn er nur ein Sortier-Programm schreibt, im klaren sein. Dieses Damoklesschwert der militärischen Anwendung wird immer über uns hängen. Es sei denn, wir forschen in unserem Elfenbeinturm und gehen keine Information nach draußen.

Domke: Da bin ich ganz anderer Meinung. Wir wissen sehr wohl, welche DV-Technik das Militär einsetzt und woran es Interesse zeigt. Es hat doch keinen Zweck, weiter auf der Ebene von Sortier- Programmen oder Algorithmen zu diskutieren. Die Frage ist, wer treibt welche Entwicklung voran, wer fördert sie, wer bezahlt sie? Es gibt weltweit drei Anwendungsbereiche, die grundsätzlich mit den schnellsten Rechnern arbeiten: die Atombombenproduktion, die Schlachtenführungssysteme (Battle Management) sowie die Luft- und Raumfahrtindustrie. In diesen Bereichen werden Supercomputer eingesetzt. Ein neues Entwicklungsgebiet sind neuronale Netze - die Konstruktion dieser Rechnerarchitekturen wird auch wieder vom Militär (Identifizierung von U-Booten) vorangetrieben. Kurzum: Wir wissen also sehr genau, an welchen Programmen die Rüstungsindustrie interessiert ist.

- Es entsteht langsam der Eindruck, das die Diskussion im Kreise zu drehen beginnt zwischen Mahnen und Machern. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Ist unser Ausbildungssystem heute überhaupt in der Lage, Werte wie Demokratieverständnis oder Verantwortung zu vermitteln? Menschen können Entwicklungen doch nur dann als unsinnig erkennen, wenn sie nicht manipulierbar sind.

Spaniol: Ich kann diese Frage nur für meine Universität beantworten. Bei uns geht es volldemokratisch zu. Grundsätzlich sollte jeder Informatiker ein Berufsethos entwickeln. Dazu gehört beispielsweise auch, Software nicht schwarz zu kopieren Natürlich können wir niemals verhindern, daß schwarze Schafe dabei sind, die den ganzen Berufsstand in Verruf bringen. Genauso wie einige Beispiele also die Giftgaskatastrophe im indischen Bophal, Tschernobyl oder die Hacker die Technik insgesamt in Verruf bringen. Aber das sind doch nur wenige Beispiele...

- . . . Diese Liste kann allerdings beliebig fortgesetzt werden. . .

Kubicek: Die Entwicklung geht in die völlig falsche Richtung. Da wird immer geredet vom Computerführerschein in der Schule und die Technik an sich wird als Wert dargestellt. Dabei müßte es genau umgekehrt sein. Niemand sollte ein Softwaresystem für einen Bereich entwickeln dürfen, von dem er nicht die sozialen Strukturen kennt. Gerade zwei und Universitäten - nämlich Hamburg und Bremen - versuchen, den Informatik-Studenten die Fähigkeit zu vermitteln, sich in einen Anwendungsbereich hineinzudenken. Erst wer die Anforderungen aller Beteiligten versteht, kann ein entsprechendes informationstechnisches System entwickeln. So aber verdummen wir die Leute. Deshalb handelt es sich nicht um ein technologisches, sondern ein gesellschaftspolitisches Problem.

- Sind die Dinge nicht noch viel komplizierter? Die heute alte Technik war irgendwann einmal Schrott, den man sehen und anfassen konnte. Was derzeit allerdings Informationsschrott ist, ist nicht so leicht zu erkennen.

Domke: In den Schulen zumindest scheint man den Schülern nicht beizubringen, was Informationsschrott ist oder nicht. Als ich anläßlich einer Berufsberatung in einem Gymnasium den Jugendlichen etwas über Computerwissenschaft erzählte, stellte ich fest, daß nur Schüler kamen, die dort an Programmierkursen teilnehmen. An dieser Schule gibt es überhaupt keine Veranstaltungen, die sich mit Technikfolgen oder aber mit der Problematik Informationstechnik an sich auseinandersetzen.

- Wie kann man das ändern?

Briefs: Ich plädiere für die exakte Gegenstrategie im Ausbildungsbereich. Die Computerwissenschaft wird mehr und mehr in den Status von Hilfswissen zurücktreten. Viel wichtiger ist nämlich, daß sich die Studenten in anderen Gebieten wie Physik oder Geologie tiefgreifende Kenntnisse aneignen und DV-Wissen in kurzer Zeit nebenher erwerben. Es sind Gegengewichte zu schaffen, indem beispielsweise die musischen Fächer, die humanistischen Ansätze oder die polytechnische Ausbildung gefördert werden. Und wir müssen uns vor allem auch von der Faszination befreien, die diese Technik bekanntlich auf uns ausübt.

Spaniol: Ich warne davor, die Computerwissenschaft nur als Hilfswissenschaft abzustempeln. Es gibt Grundlagen, die nicht in sechs Monaten erlernbar sind. Immer wieder heißt es, Computer werden schlecht genutzt. Wie soll dies mit einer derart kurzen Ausbildung jemals besser werden? Noch ein Wort zu der Forderung von Herrn Kubicek, der DV-Experte müsse vor der Entwicklung seines Systems dessen völlige Verträglichkeit nachweisen. Wir sollten hier einen Kompromiß finden.

Kubicek: Moment - nicht die Verträglichkeit muß geprüft werden, sondern der Entwickler muß den künftigen Anwendungsbereich kennen. In den meisten Fällen ist das nicht der Fall. Die Spezialisten haben zwar einen Expertenstatus, aber Know-how über das, was sie gerade entwickeln, wird nicht verlangt. Deshalb fordere ich keinen Computerführerschein, sondern den Nachweis der Kenntnisse im entsprechenden Anwendungsbereich.

- Bislang ist jedoch immer noch nicht geklärt worden, was eigentlich Demokratie bei Informations- und Kommunikationstechniken heißt.

Domke: Das Problem ist daß weder Politiker noch die Industrie noch die Unternehmen an einer Beantwortung dieser Frage wirklich interessiert sind. Zum Beispiel müßte Informationstechnik so eingesetzt werden, daß die Bürger mehr an politischen Entscheidungsprozessen teilnehmen können. Auch sollte man Informationstechnik benutzen, um Verhandlungen zwischen verschiedenen Interessenvertretern zu unterstützen. Leider gibt es auch negative Beispiele. So kann die Technik

demokratische Rechte wie das Mitbestimmungsrecht unterlaufen.

Briefs: Ich sehe da ein weiteres Problem. Wir wollen erreichen, daß sich die Bürger - um Bertolt Brecht zu zitieren - im politischen Bereich "in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen können". Demokratie soll nicht nur über Stellvertreter, wie Betriebsräte oder Parlamentarier, ausgeübt werden. Dafür aber ist der Aufbau von komplexen in alle Bereiche hineingehende Informationssysteme in der Tendenz nicht förderlich, sondern eher hinderlich.

Spaniol : Wir werden noch viel zu tun haben, diese weniger technisch orientierten als gesellschaftspolitischen Fragen zu lösen. Wenn aber die Studenten tatsächlich mit diesen zusätzlichen Ausbildungsinhalten konfrontiert werden, wird es Studiengänge von vierzehn Jahren geben. Dabei dauern die Ausbildungswege bereits heute viel zu lang.

Kubicek: Ich glaube nicht, daß die Universitäten von sich aus die Kraft zum Umdenken finden. Der Dozent wird seinen Lehrstoff nicht kürzen, um sich mehr der Ethik- und Verantwortungsfrage widmen zu können. Deshalb ist es wichtig, daß diese Entwicklung von außen kommt. Wir Informatiker müssen uns der Herausforderung stellen.