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09.06.1995

DV-Schulung/Selbstbewusste Anwender lehnen alte Kurskonzepte ab

Anwender suchen nach aufgabenbezogenen Inhalten und einer an sinnvoller Funktionalitaet orientierten Einfuehrung in benutzerfreundliche Programme, wenn es um DV-Training geht. Wer sich nicht nur ueber fachliches Know-how als Schulungsanbieter profiliert, sondern zudem individuelle Kurskonzepte entwickelt, hat die besseren Karten in einem zunehmend engen Markt.

Von Winfried Gertz*

Gerd Stockebrand hat gut zu tun. Der promovierte Germanist arbeitet seit nunmehr sieben Jahren als selbstaendiger DV-Trainer in der Weiterbildungsszene des Rhein-Main-Gebiets. Fuer seine Auftraggeber entwickelt der gelernte Gymnasiallehrer mit Zusatzausbildung zum Anwendungstrainer individuelle Schulungskonzepte, die er persoenlich vor Ort in die Praxis umsetzt. Mit den Schott Glaswerken in Mainz hat sich Stockebrand einen lukrativen Kunden an Land gezogen, fuer den er regelmaessig Schulungen im Bereich PC-Datenbanksysteme abhaelt.

"Die Kontinuitaet in der Zusammenarbeit mit externen Trainern ist das A und O unserer Weiterbildungsplanung", skizziert Andreas Schaller den Anspruch seines Hauses. Der Weiterbildungsbeauftragte fuer DV-Schulungen bei Schott nimmt dabei kein Blatt vor den Mund: "Unser Qualitaetsanspruch an die Weiterbildung der Mitarbeiter wird zum grossen Teil mit der Kompetenz des Trainers assoziiert. Waehrend bei ihm frueher die fachliche Qualifikation im Vordergrund stand, muessen sich unsere Trainer heute den insbesondere im DV-Bereich hohen Erwartungen an die paedagogische und persoenliche Eignung stellen." Wer dem gestiegenen Anforderungsprofil im Kaeufermarkt nicht gewachsen sei, falle durchs Sieb bei der ohnehin langfristigen Weiterbildungsplanung.

Auch Anja Prokoptschuk legt grossen Wert auf ein ueberzeugendes Kompetenzspektrum des Trainers. Die fuer Mitarbeiterentwicklung verantwortliche Referentin der Software AG (SAG) in Darmstadt zaehlt dazu die Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz sowie den Gesamteindruck aus Persoenlichkeit, Auftreten und Ausstrahlung. Nur wer die "Sprache" der Mitarbeiter spricht, hat laut Prokoptschuk eine Chance.

Neue Inhalte und Methoden sind gefragt

Keine Frage - die Erwartungen der Unternehmen gegenueber Anwenderschulungen haben sich gewandelt. Waehrend Stockebrand einen wesentlich hoeheren DV-Kenntnisstand bei seinen Eleven registriert und dazu anmerkt, dass er sich heute mit den Inhalten frueherer Kurse schlichtweg disqualifizieren wuerde, verweist sein Geschaeftspartner bei Schott auf tiefgreifende Veraenderungen aus Anwendersicht.

Zum einen seien die DV-Schulungsmassnahmen eingebunden in die uebergeordnete Personalentwicklungs-Planung und ueberdies elementarer Bestandteil des Qualitaetsprogramms "Total Costumer Care" (TCC), einer Unternehmensleitlinie von strategischer Bedeutung. Allein zwei Prozent der pro Jahr bei Schott anfallenden Lohn- und Gehaltskosten werden in die Weiterbildung gepumpt.

Und deren Ausmass ist nicht von Pappe: Im Ende September 1994 abgelaufenen Geschaeftsjahr zogen die Glasspezialisten mit 3640 Teilnehmern insgesamt 370 Massnahmen durch. Kostenaufwand fuer die etwa 8300 Arbeitstage: rund vier Millionen Mark. Fast jede dritte Schulung fiel unter die Rubrik Datenverarbeitung. Bei der SAG nehmen DV-Schulungen 60 Prozent des Weiterbildungsvolumens ein, waehrend die bereitstehenden Mittel etwa einem Drittel des Gesamtweiterbildungsbudgets entsprechen.

Im Einklang mit den Grundsaetzen der Schott uebergeordneten Carl- Zeiss-Stiftung - unter anderem der Foerderung von Wissenschaft und Technik sowie der Existenzsicherung der Mitarbeiter - stehen die qualitativen Faktoren der betrieblichen Fortbildung. Am Anfang eines Weiterbildungs-Regelkreises steht die Erfassung des Bildungsbedarfs in den einzelnen Fachabteilungen. In ausfuehrlichen Gespraechen klaeren Vorgesetzte und Mitarbeiter den individuellen Handlungsbedarf. Fuehrungskraefte von Schott sollen in naher Zukunft als Coach, Berater und Personalentwickler in einer Person die Weiterentwicklung der Mitarbeiter steuern.

DV-Schulungen etwa werden nach dem aufsteigenden Prinzip - je nach Bedarfslage - geplant und durchgefuehrt. Die Fachabteilungen tragen dabei die volle Budgetverantwortung. Wer einen Grundlagenkurs absolviert, hat zum Beispiel Anspruch auf weiterfuehrende Anwendungsschulungen. Danach kann man sich, wenn es das persoenliche Aufgabengebiet erfordert und es der DV- Vernetzungsstatus erlaubt, in E-Mail- oder PC-Fax-Schulungen auf den aktuellsten Stand bringen.

Unmittelbar an die Absolvierung eines Kurses gekoppelt ist die Autorisierung der User. Nach erfolgreicher Schulung wird der PC des Anwenders vom Benut-zerservice freigeschaltet und zum Beispiel in das E-Mail-Kommunikationsnetz eingeklinkt. Spezielle "Multiplikatoren" in den Fachbereichen - zumeist die "Freaks" unter den Anwendern - spielen die Feuerwehr, wenn es einmal brennt, und helfen den Kollegen bei ihren ersten praktischen Versuchen am PC.

Die Planung des individuellen DV-Schulungsbedarfs sowie der konkrete Ablauf der Qualifizierung sind Gegenstand eines umfassenden Weiterbildungs-Controllings. Derzeit erstellt SAG zweimal pro Jahr eine Bedarfsanalyse. Dabei muessen die Darmstaedter erkennen, dass "Flexibilitaet und zeitnahes Reagieren auf Anforderungen eine standardisierte Bedarfsanalyse immer mehr in den Hintergrund draengt", wie Prokoptschuk erklaert.

Schott ist derzeit dabei, als Rationalisierungsmassnahme eine DV- gestuetzte Seminarverwaltung einzufuehren. Aufwendungen fuer Trainer, Schulungsraeume und Verwaltung sowie der Ist-Soll-Abgleich zwischen Plan und Ziel koennen demnach quasi auf "Knopfdruck" grafisch aufbereitet und interpretiert werden. Der Ueberblick ueber Kostenstrukturen ist jederzeit moeglich.

Laut Schaller stehen derzeit etwa 15 interne und externe Trainer fuer DV-Schulungen mit maximal acht Teilnehmern zur Verfuegung. Waehrend insbesondere die PC-Anwendungsschulungen von externen Referenten durchgefuehrt werden, verantworten interne Trainer Kurse etwa zu SAP-Modulen, Netztopologien oder zum Datenschutz. Nur CAD- Schulungen finden noch ausser Haus statt.

Der Trend geht zu gezielten Schulungen

Die Auslastung der auf ein technisch hohes Niveau getrimmten Trainingsraeume betraegt zur Zeit rund 90 Prozent. Pro Kopf und Tag schlagen die Massnahmen mit 320 Mark zu Buche. Ein Aufwand, der im Markt durchaus repraesentativen Charakter hat. Schaller: "Mit unserem Qualitaetsanspruch moechten wir das Benchmarking vorantreiben."

Der Trend zu massgeschneiderten Schulungen ist bei SAG und Schott nicht zu uebersehen. Bei SAG sind dies Kurse zu den Themen Software Engineering oder GUI. SAG-Mitarbeiterin Prokoptschuk haelt nichts vom "Bauchladen an Seminaren", mit dem noch immer manche Anwender hinters Licht gefuehrt wuerden. Vielmehr gehoere den bedarfsorientierten Massnahmen die Zukunft, prophezeien Schaller und Prokoptschuk unisono.

Ist bei Schott eine Massnahme vorbereitet und die Zusammensetzung der Teilnehmer mit den Kurszielen in Einklang gebracht, wird der jeweilige Trainer einbezogen. Im Austausch mit Weiterbildungsbeauftragten und Ansprechpartnern in den Fachabteilungen lernt er das Anforderungsprofil seiner Kursteilnehmer kennen und kann nun mit der Vorbereitung der Schulung beginnen. Die Massnahmen werden nicht nur individuell und aufgabenspezifisch konzipiert, sondern nach Abschluss auch umfassend ausgewertet.

Trainer muessen sich dem Feedback der Teilnehmer in direkter Aussprache und anhand eines Fragebogens stellen. Wer seine Meinung nicht coram publico aeussern moechte, kann sich unter vier Augen an den zustaendigen Kollegen wenden. Auch der Trainer soll Kritik formulieren und Verbesserungswuensche einbringen. Aehnlich verfahren die Experten von SAG. Prokoptschuk: "Das Feedback der Kursteilnehmer zu den bedarfsorientierten Seminaren ist durchweg positiv."

Die Kontinuitaet in der Zusammenarbeit mit seinen Trainern besitzt fuer Schaller hoechste Prioritaet. Wer einmal bei Schott im Boot sitzt, kann sich ueber mangelnde Auftraege nicht beklagen. Schott ist dabei, seine Schulungsleistungen auszulagern. Schaller: "Der Trainer profitiert von einem hohen Vertrauensvorschuss. Wir uebertragen ihm zahlreiche organisatorische Aufgaben fuer die Vorbereitung und Durchfuehrung der Kurse und senken damit den Overhead in unserem Hause."

Naehe herzustellen und damit die Wege zwischen Trainern und Kursteilnehmern zu verkuerzen zaehlt dazu. Stockebrands Schueler koennen zum Beispiel telefonischen Kontakt zu ihrem Trainer herstellen, um kursrelevante Fragen zu eroertern. Der Trainer ist auch nach Abschluss einer Schulung noch ansprechbar. Hapert es einmal bei der Umsetzung des frisch erworbenen Wissens in die Praxis, hilft Stockebrand dem Ratsuchenden telefonisch auf die Spruenge.

Wenn ein Trainer einmal ausfaellt, traegt die ausgekluegelte Organisation dazu bei, dass schnell Ersatz gefunden wird. Zudem gibt es den Benutzerservice, der als wichtiges Glied in der Informationskette zwischen Trainern, Anwendern und Verantwortlichen fungiert und auch spezielle Kursmodule wie den Virenschutz in Eigenregie durchfuehrt.

Es gibt keinen Zweifel - Schulungsanbieter stehen im harten Wettbewerb eines Kaeufermarkts, der sich, was das Angebot betrifft, durch ein hohes Qualitaetsniveau auszeichnet. Wer nicht zu unbedingter Kundenorientierung neigt, hat kaum eine Chance zur Profilierung. Ohne mit der Wimper zu zucken, leistet auch Stockebrand den erhoehten Aufwand rund um die Anwenderschulung.

Einfachere Software erlaubt tieferes Training

Angesichts der gegenwaertigen Umstellung bei Schott von DOS- auf Windows-gestuetzte PC-Anwendungen muss auch der Trainer auf dem laufenden bleiben. Waren seine Kurse bislang eher von zeichenorientierten Programmen wie Dbase und einer deutlichen Akzentuierung von operationalen Inhalten bestimmt, ueberwiegen in seinen aktuellen Schulungen Windows-basierende Anwendungen wie MS- Access und eher funktionale Aspekte wie zum Beispiel Datenmodellierung.

"Die Anwender sind muendiger geworden", fasst Stockebrand die Entwicklung der letzten Jahre zusammen. Insgesamt sei ein deutlich gestiegenes Niveau der Schulungen sowie des Anwenderwissens auszumachen. Heute muesse er sich in erster Linie damit auseinandersetzen, fuer welche Anwendungszwecke ein Kurs zu planen und wie das erworbene Wissen in die betriebliche Praxis umzusetzen sei. Die bei Schott stattfindende Umruestung auf Windows und die damit einhergehende Anpassung der Kursinhalte kann Stockebrand nur begruessen: "Das bedeutet rund 50 Prozent weniger Aufwand", kalkuliert der Paedagoge. Mit der neugewonnenen Zeit kann den funktionalen und aufgabenspezifischen Inhalten mehr Gewicht verliehen werden.

Bei Schott wird derzeit ein umfangreiches und kostenintensives DV- Projekt realisiert. Die Umstellung auf komfortablere Anwendungen sowie die Verdichtung der vernetzten Infrastruktur kann nicht von heute auf morgen geschehen. Dasselbe gilt fuer die damit einhergehende Schulung der Anwender. Hoechst unterschiedliche Benutzerprofile in bezug auf Alter, Aufgabenbereiche und den Grad der Technikorientierung gilt es unter einen Hut zu bringen. Ueberzogene Erwartungen an die Anpassungsbereitschaft der Anwender sind deshalb ebenso wenig gefragt wie eine vorschnelle Angleichung an das aktuell verfuegbare technische Niveau. Die Zurueckhaltung ist begruendet, denn das Tempo soll vom Gros der Anwender bestimmt werden. Die Alternative hiesse, so Schaller frei nach einem Chanson von Reinhard Mey: "Ich uebe den Fortschritt, und das nicht faul, nehm' zwei Schritt' auf einmal und fall aufs Maul."

* Winfried Gertz ist freier Journalist in Muenchen