Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

22.09.1995

DV-Training/Uni Muenster experimentiert mit neuen LernmethodenStudenten ueben Kostenrechnung multimedial im World Wide Web

22.09.1995

Von Frank Bensberg*

Die Massenuniversitaet mit Vorlesungen, in denen sich hunderte Studenten draengeln, sucht nach Wegen, um das Angebot attraktiver und vor allem effektiver zu gestalten. Die Wirtschaftsinformatiker der Uni Muenster probieren es nun mit einem elektronischen Vorlesungsskript und der Kommunikation ueber das World Wide Web.

Die Qualitaet der universitaeren Lehre in populaeren Studienfaechern wie Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften hat durch die Zunahme der Studentenzahlen gelitten. Vorlesungen verwandeln sich in Massenveranstaltungen und zwingen den Dozenten dazu, mit Mikrofon und Videouebertragung gegen ein unruhiges Publikum anzulesen. Zu einem direkten Kontakt zwischen Lehrendem und Lernenden kommt es dabei in der Regel nicht mehr - ein offener wissenschaftlicher Diskurs wird unmoeglich.

Loesungen fuer die Massenuni in Sicht

Da in den naechsten Jahren nicht damit zu rechnen ist, dass die Nachfrage nach universitaerer Ausbildung in den populaeren Studienfaechern abnimmt und zudem die finanziellen Mittel immer enger werden, hat sich die Universitaet diesem Problem zu stellen und Loesungsansaetze zur Verbesserung der Situation zu generieren.

Am Institut fuer Wirtschaftsinformatik der Westfaelischen Wilhelms- Universitaet Muenster wurde unter der Leitung von Professor Heinz Lothar Grob ein Konzept entwickelt, das unter Einsatz moderner Technologien darauf abzielt, die Qualitaet der Lehre in Massenveranstaltungen zu erhoehen.

Der Ansatzpunkt ist dabei zum einen die Unterstuetzung des Studenten in seinem Lernprozess (Computer Assisted Learning = CAL) als auch die Verbesserung der Wissenspraesentation durch den Dozenten (Computer Assisted Teaching = CAT).

Das CAL+CAT-Konzept wurde in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung an der Westfaelischen Wilhelms-Universitaet im Sommersemester 1995 implementiert. Die Entscheidung fiel auf die wirtschaftswissenschaftliche Lehrveranstaltung "Leistungs- und Kostenrechnung" (LKR), da diese eine Zuhoererschaft von ueber 700 Studenten aufweist und damit als Massenveranstaltung zu klassifizieren ist. Ausserdem sind die Inhalte dieser Vorlesung standardisiert, so dass die Arbeitsergebnisse groesstenteils wiederverwendbar sind.

Ziel des CAL-Konzepts ist es, die Effizienz des Lernprozesses durch das Schaffen einer geeigneten Lernumgebung zu erhoehen. Als technologische Plattform fuer die Lernumgebung dient ein PC, der um geeignete CAL-Software-Komponenten zu erweitern ist.

Da aufgrund der relativ heterogenen Struktur der Studenten unterschiedliche kognitive Stile zu beobachten sind, wurde bei der Entwicklung darauf Wert gelegt, eine moeglichst multimediale Wissenspraesentation durchzufuehren. Oekonomische Sachverhalte aus dem Themengebiet werden dabei nicht nur textuell oder grafisch dargestellt, sondern textuell und animiert praesentiert.

Neben der Verwendung der Multimedia-Technologie fand auch das Hypertext-Paradigma Eingang in das CAL-Konzept.

Die bisherigen Inhalte der Vorlesung "Leistungs- und Kostenrechnung" wurden zerlegt und in einen Hypertext transformiert, der den Studenten als elektronisches Vorlesungsskript dient.

Dieses Hyperskript besitzt zudem eine komfortable Navigationshilfe, damit die Studenten sich nicht im Hyperspace "verlieren".

Die Entwickler legten Wert darauf, dass ein echter Hypertext generiert wurde, der die Wissensbasis nichtlinear verknuepft. Auf diese Weise laesst sich das selbstgesteuerte Lernen durch das freie Explorieren des Wissensraums unterstuetzen. Der Hypertext umfasst dabei die theoretischen Inhalte und Aufgaben. Bei der Bearbeitung des Hyperskripts hat der Studierende die Moeglichkeit, Volltextsuchen durchzufuehren und eigene Anmerkungen in den Hypertext miteinzufuegen.

Ein Multiple-choice-Modul, Werkzeuge fuer Berechnungsexperimente und Animationen unterstuetzen den Hypertext multimedial. Waehrend das Multiple-choice-Modul eher der Ueberpruefung bereits gelernten Wissens dient, kann der Student mit Berechnungsexperimenten die Zusammenhaenge mathematischer Modelle durchdringen. Waehrend das oekonomische Rahmenmodell fest vorgegeben ist, gibt der Student selbstgewaehlte Parameter ein und laesst den Computer das resultierende Szenario berechnen.

So bleibt der Student befreit von aufwendigen Rechenaufgaben und kann sich auf die eigentlich relevanten Modellzusammenhaenge konzentrieren. Kombiniert wird dies mit einer grafischen Visualisierungskomponente, die die Ergebnisse der Berechnungen entsprechend darstellt.

Neben hypermedialen Softwarekomponenten gewinnen Praxisanwendungen fuer die universitaere Ausbildung an Bedeutung. So stehen bei Firmen Kenntnisse im Bereich Standardsoftware hoch im Kurs. Mit der Verbreitung von Paketen wie SAP R/3 wird diese Tendenz noch weiter zunehmen, was auf die Inhalte der universitaeren Lehre rueckwirkt.

Als Servicekomponenten sind diejenigen Komponenten zu erfassen, die nur mittelbar dem eigentlichen Lernprozess dienen und lediglich unterstuetzende Funktion besitzen. Hierzu gehoert beispielsweise ein Werkzeug, das die noetige Literatur verwalte. Ein Literaturmanager erlaubt den Zugriff auf die Quellen des Wissensgebiets. Auf Wunsch kann der Student neue Quellen hinzufuegen oder aus der bestehenden Literaturdatenbank direkt Zitate extrahieren.

Die Komponente des Self-Controllings zielt auf ein unabhaengiges, selbstbestimmtes Lernen des Studenten. Hier sind Feedback- Funktionen implementiert, die ihm eine Uebersicht ueber den bereits behandelten Stoff liefern und eine Lernhistorie abbilden. Als einfachste Form der Selbstkontrolle dient die Zeiterfassung, die in chronologischer Abfolge alle Zugriffe auf die Wissensbasis protokolliert.

Da bei den derzeitigen Studentenzahlen eine direkte "Face-to- face"-Kommunikation zwischen Dozent und Student die Ausnahme ist, bietet sich als weitere Servicekomponente die Verbesserung der Kommunikationswege zwischen ihnen an. Im Verlauf des Projekts wurde die bestehende Infrastruktur des Universitaetsrechenzentrums genutzt, die eine Kommunikation ueber Internet und World Wide Web (WWW) erlaubt. Ueber entsprechende Newsgroups koennen Studenten ihre Fragen direkt an den Lehrstuhl richten und zur offenen Diskussion stellen.

Neben der Kommunikationsfunktion organisierten die Projektmitarbeiter auch die Verteilung des Hypermedia-Skripts ueber FTP-Server. Die WWW-Seite ist unter der Adresse http://www.uni-muenster.de/CAL-LKR/ abrufbar.

Beim CAT-Konzept bildet der Einsatz multimedialer Praesentationssoftware die Basis mediengerechter Wissensvermittlung. Dabei steht das visuelle Erfassen von Strukturen und Ablaeufen im Vordergrund. Der Dozent im Hoersaal verfuegt ueber einen Multimedia-Arbeitsplatz, der mit einem PC, einer Videoanlage und einem Steuerungsmodul fuer den Projektor, die Audioanlage und die Raumbeleuchtung ausgestattet ist. Als Software sind die Pakete MS-Powerpoint, Macromedia Director und Authorware geladen. Ein Grossteil der textuellen Inhalte wurde dabei mit Powerpoint visualisiert, waehrend Director und Authorware den grafischen Animationen dienen. Durch den Einsatz eines lichtstarken LCD-Grossbildprojektors laesst sich das computergenerierte Bild gut sichtbar projizieren.

Das Projekt wurde im Rahmen einer Evaluationsstudie bewertet und erhielt nach den Resonanzen der Studenten eine sehr positive Bewertung. Die Mehrheit begruesst die klare Strukturierung der Inhalte und die Ausstattung mit kostenlosen Lehrmaterialien. Auf der anderen Seite hingegen werden auch kritische Stimmen laut, die Animationen als "Schnickschnack" empfinden und angeben, nach der traditionellen Methodik besser lernen zu koennen. Diese Resonanz zeigt, dass bei der zukuenftigen Ausgestaltung der Massenveranstaltung das Prinzip des suum cuique (jedem das Seine) gewahrt bleiben muss.

* Frank Bensberg arbeitet als Assistent am Lehrstuhl fuer Wirtschaftsinformatik und Controlling der Westfaelischen Wilhelms- Universitaet Muenster. Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte sind multimediale Lehr- und Lernsoftwrae sowie netzwerkorientierte Lizenzkontrollsysteme.