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30.09.1988 - 

Arbeitsämter fehlt es an Geld und Personal, DV-Schulen denken nur an Auslastung:

DV-Umschulungsschlamperei im Kreuzfeuer der Kritik

MÜNCHEN - 30 000 offene Stellen sind im DV-Bereich pro Jahr zu besetzen. Doch nicht selten müssen DV-Umschüler per gemeinsamer "Sammel-Annonce" einen Job suchen. Die Schuld an dieser Misere schieben sich Arbeitsämter, DV-Bildungsträger und Anwender-Unternehmen gegenseitig in die Schuhe. Fest steht: Den Arbeitsämtern fehlt es an Geld und qualifiziertem Personal, denn die Bundesregierung spart an der Weiterbildung.

Deshalb gehen die Bundesanstalt für Arbeit und Bonner Haushaltsausschüsse auf Kollisionskurs: Statt neue Stellen bewilligt zu bekommen, mußte die Nürnberger Behörde personell abspecken. So wurden dem Verwaltungsrat 933 zusätzlich geplante Stellen gestrichen. Schlimmer noch: Rund 1000 Arbeitsplätze fielen dem Rotstift zum Opfer.

Ende der Rotstiftpolitik noch lange nicht in Sicht

Doch bei diesen Einschränkungen soll es nicht bleiben. Bereits zum 1. Januar 1989 will die Bundesregierung ihre neunte Novelle zum Arbeitsförderungsgesetz durchbringen. Sie sieht Leistungskürzungen der Arbeitsämter in Höhe von 910 Millionen Mark vor.

Unter anderem sollen bestimmte berufliche Bildungsmaßnahmen aus der Förderung ausgeklammert werden. Ferner ist eine Begrenzung der vollen Kostenerstattung bei Teilnahme an beruflichen Bildungsmaßnahmen für Arbeitslose und von Arbeitslosigkeit Bedrohte geplant.

Für andere Teilnehmer wird das Recht auf Umschulung in eine "Kann"-Vorschrift umgewandelt. Den Spareffekt beziffern Bonner Politiker auf 300 Millionen Mark.

Immer mehr Arbeitsämter teilen bereits jetzt Ausbildungsinstituten mit, es könne kein Einvernehmen mehr erzielt werden, weil die Kassen leer seien. Pro Schulungsstunde gebe es deshalb nur noch die obligatorischen vier Mark. Damit, sind sich Arbeitsexperten einig, ist keine Ausbildung zu finanzieren, die Arbeitslosen wirklich eine Chance gibt. Fazit: Schulungsberater freuen sich inzwischen über jeden Arbeitslosen, der nicht auf seinem Fortbildungsrecht beharrt. Um aber mehr Qualität in den Bereichen Weiterbildung und Umschulung zu erreichen, darin sind sich die Betroffenen einig, müsse der Markt der Ausbildungsinstitute insgesamt transparenter werden.

Besuch vor Ort hilft Transparenz zu schaffen

Voraussetzung hierfür wäre der verstärkte Außenkontakt der Arbeitsberater - doch dazu fehlten wiederum Zeit und Geld. Mehr noch als die überforderten Sachbearbeiter im Arbeitsamt stehen die Bewerber dem wachsenden Berg an Ausbildungsangeboten gegenüber. Speziell den Hersteller-Schulen wirft Gerd Wagner, Vorstand des Bayerischen Bildungsvereins, vor, in ihren Lehrgängen diejenigen Ausbildungsgänge zu schulen, die sie gerade, selbst benötigen. "Es ist doch ein offenes Geheimnis", so der Dozent einer Münchener DV-Schule, der nicht genannt werden will, "daß die Hersteller Kurse für Anwendungspakete ins Leben rufen, die in ihrem Hause wegen mangelnder Aktualität keiner mehr warten will." Das Arbeitsamt zahle und der Hersteller offeriere "Frischlinge", die von der Thematik keine Ahnung hätten, draußen als qualifizierte Experten für dieses oder jenes System. Das Ganze liefe unter dem Motto: "Wir sind die Computer-Firma mit der aktuellsten Kundennähe."

Imaginäre Berufsbilder versperren Karrierechancen

Für Gerd Wagner steht mit Blick auf Marktanteile fest, daß die Absolventen von beispielsweise Siemens- oder Nixdorf-Kursen sich künftig keine goldenen Nasen verdienen: "Wie viele Unternehmen arbeiten denn überhaupt mit Rechnern dieser Hersteller?" Zudem stifteten viele Ausbildungsinstitute Verwirrung, indem sie wohlklingende aber nichtssagende Berufsbilder - mit leider nur wenig versprechenden Karriere-Aussichten - ins Leben riefen (siehe CW Nr. 30 vom 22. Juli 1988, "DV-Schule erklärt OS/2 zum Berufsstandard"). "Ein besonders schönes Beispiel hierfür ist der DV-Instruktor", betont Dr. Konrad Pientka, Geschäftsführer bei ISP Data. Hier werde die Ahnungslosigkeit bislang arbeitsloser Lehrer schamlos ausgenutzt. Der Münchener Bildungsfachmann weiter: "Man verspricht ihnen, sie könnten ihre pädagogischen Fähigkeiten einsetzen, vergißt ihnen aber zu sagen, daß den meisten Unternehmen diese Art von DV-Ausbildung nicht ausreicht, weil die erforderliche Projekterfahrung fehlt." Ansprechpartner der verunsicherten Absolventen, die mit ihrer DV-Ausbildung nach wie vor auf der Straße stehen, ist wiederum jene Arbeitsamt-Fachkraft, die ihnen genau diese Schulung empfohlen hatte.

Ausbildungsdilemma läßt Schwarzen Peter kreisen

Zwar sind sich die Arbeitsberater darüber im klaren, daß ihnen von staatlicher Seite eine "Vollbremsung" ins Hause steht, doch wollen sie den Schwarzen Peter für Vermittlungspleiten nicht allein auf sich sitzen lassen. Sie nämlich werfen den Anwender-Unternehmen vor, daß diese nicht in der Lage seien, ihre Anforderungen an potentielle Mitarbeiter genau zu formulieren. Der Grund: In den meisten Firmen gibt es bis heute keine Stellenbeschreibungen oder Tätigkeitsprofile.

Die Ausbildungsinstitute - ohnehin im Kreuzfeuer der allgemeinen Kritik - beteiligen sich ebenfalls am gegenseitigem Schlagabtausch. Ihrer Meinung nach entscheiden sich die Arbeitsämter inzwischen häufig für den billigsten Lehrgang, was auf Kosten der Qualität ginge. Für ihre Entscheidung würden sie sich nämlich möglichst einfache Kriterien aussuchen: Preis und Arbeitsmarkterfolg der Absolventen. Nach Ansicht der Schulungsträger sage gerade die Einstellungsquote über den Erfolg wenig aus. Schließlich würden sich die von der Industrie verlangten Fertigkeiten nirgends so schnell verändern wie in der DV. Gerd Wagner zieht das Resümee: "Der arbeitsmarktpolitische Erfolg wird nur an der Beschäftigung gemessen. Keiner fragt, ob der Absolvent auch wirklich Anwendungs-Software programmiert oder nur Böden schrubbt." Thomas Utecht, Fachbereichsleiter für geistes- und sozialwissenschaftliche Berufe in der Arbeitsmarktinformationsstelle bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt, findet es "durchaus in Ordnung", wenn das Arbeitsamt sich nach sorgfältiger Prüfung den preisgünstigsten Bildungsträger aussucht: "Schließlich sind in den vergangenen Jahren Hunderte von Ausbildungsinstituten aus dem Boden geschossen, von denen etliche zu hohe Preise verlangen." Utecht ist nicht der Meinung, daß der für den DV-Bereich zuständige Arbeitsberater über entsprechende Kenntnisse verfügen müsse. Schließlich brauche man "kein Schriftsteller zu sein, um Theaterkritiker zu werden". Seiner Meinung nach reicht eine Art Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitsamt und Bildungsträger: Die Fachkräfte würden sich die Räume des Instituts anschauen und die Kurse betreuen; auf Beschwerden der Absolventen würde man reagieren. Den Vorwurf von Personalleitern, die Absolventen seien für die Unternehmen nicht praxisnah genug ausgebildet, nimmt er locker: "Personalchefs können notorische Schimpfer sein."

Aber nicht nur Personalverantwortliche sind der Meinung, bei der Weiterbildung und Umschulung läge einiges im argen. So fragt sich Hans-Dieter Siepmann, DV-Berater in Greven: "Wo kann ein lernwilliger Arbeitnehmer die Kenntnisse vermittelt bekommen, die er an dem von ihm erwünschten Arbeitsplatz benötigt?" Die Arbeitsämter nennen hier ihre Qualifizierungsoffensive. Siepmann: "Wie kann das belegt werden? Durch das wunderbare Instrument der Statistik?" Für ihn steht fest: Ein Arbeitsloser, der einen von den Arbeitsämtern finanzierten Weiterbildungslehrgang besucht, um so seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, werde mit größerer Wahrscheinlichkeit auch noch einen zweiten oder dritten Kurs besuchen, als daß er einen Arbeitsplatz erhalte. Der Grevener Berater beschreibt das Chaos: "Die falschen Dozenten vermitteln die falschen Inhalte an die falschen Kursteilnehmer - das Arbeitsamt zahlt."