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07.09.1990 - 

RZs in der DDR auf der Suche nach einem Markt

DVZ Potsdam schließt Service-Vertrag mit AOK Brandenburg

POTSDAM - Eine gute Nachricht hatte Joachim Hesse, Hauptgeschäftsführer der Datenverarbeitungszentrale (DVZ) Potsdam GmbH, für seine 653 Mitarbeiter: Der ehemalige Kombinatsbetrieb wird - zunächst für vier Jahre - die gesamten DV-Leistungen für die AOK Brandenburg erbringen.

Ohne Angaben zum Wert des Auftrags zu machen, setzt Hesse auf die AOK im künftigen Bundesland als Abnehmer eines guten Teils der Kapazitäten seines RZ-Betriebs sowie als Garant einer Reihe qualifizierter Arbeitsplätze, die ansonsten gefährdet wären: Etwa 50 Mitarbeiter des Hauses würden mit dem Handling der 1,4 Millionen Datensätze ausgelastet sein. Zusätzlich, betont der DVZ-Chef, werde Know-how-Bedarf in den Niederlassungen der Ortskrankenkasse entstehen. Um darauf vorbereitet zu sein, würden derzeit 40 RZ-Mitarbeiter zu DV-Kaufleuten umgeschult.

Der Deal war bitter nötig

Für das AOK-Projekt legen sich die Potsdamer ein Siemens-System H90 unter dem Betriebssystem BS2000 zu. Die Anlage leistet je nach Prozessorkonfiguration zwischen 8 und 36 MIPS; sie stellt einen Hauptspeicher von 64 MB zur Verfügung. Angeschlossen ist Siemens-Speicherperipherie mit einer Kapazität von 75 GB. Als Datenendgeräte in den AOK-Geschäftsstellen fungieren Siemens-PCs. Kuriere des DVZs werden den Diskettentransport von dort zur Landes-Hauptniederlassung der AOK im ehemaligen FDGB-Haus in Potsdam abwickeln. Die dortige Anlage ist wiederum online mit der DVZ-H90 verbunden, was dadurch erleichtert wird, daß die Vertragspartner direkte Nachbarn sind. Über den mit Siemens für die Installation ausgehandelten Preis schweigt der DVZ-Leiter.

Das DVZ, das in der Software Entwicklung und -pflege sowie bei Installationsaufgaben vom AOK-eigenen Rechenzentrum in Dortmund beraten und unterstützt wird, will im Oktober mit der Einführung des Systems beginnen. In die "heiße Phase", meint Hesse, komme man zum Jahreswechsel, wenn nämlich die Allgemeinen Ortskrankenkassen in der dann ehemaligen DDR ihre Tätigkeit aufnehmen.

Deals wie den mit der AOK haben die vormals staatlichen Datenverarbeiter in der gesamten DDR bitter nötig, um ihre Existenz zu sichern. Die Auslastung der Kapazitäten und die Arbeitsplatz-Sicherung, früher planwirtschaftlich gewährleistet, bereiten erhebliche Probleme, weil viele Aufgaben weggefallen sind. Die Potsdamer Einrichtung etwa - mit fünf ESER-Anlagen der /370-Klasse - war früher unter anderem zuständig für die Lohnabrechnungen von 350 000 Werktätigen im Bezirk Potsdam und besorgte dort als Monopolist die Datenverarbeitung in allen Betrieben ohne eigenes DV-Equipment.

Der Kombinatsbetrieb, berichtet Hesse, war das einzige Service-RZ für alle kommunalen und statistischen Aufgaben; er realisierte in dieser Funktion auch die Vorbereitung sämtlicher Wahlen. Den Löwenanteil an der Kapazitätsauslastung mit zirka 45 Prozent aber hatte die Verarbeitung der Großhandelsdaten im Bezirk. Hesse: "Für alle hier gehandelten Waren haben wir die Tourenoptimierung und die Zuordnung der Touren zu den einzelnen Verkaufsstellen gemacht." Hinzu seien betriebliche Aufgaben wie "Grundmittelrechnung" (Materialwirtschaft) gekommen.

Neben den rechentechnischen Leistungen waren 140 DVZ-Mitarbeiter auf unterschiedliche Gebiete der Software- und Systementwicklung spezialisiert. Für die ehemalige staatliche Reiseagentur "Jugendtourist" beispielsweise programmierte und implementierte man ein DDR-weites Echtzeit-Reservierungssystem auf der Basis von VSAM und CICS, dessen rund 40 Terminals über Standleitungen mit der Potsdamer Zentrale verbunden sind. Hier hätte allerdings alles Software-Know-how nicht ausgereicht, um das System auf den recht anfälligen ESER-Maschinen mit bulgarischen Wechselplatten-Speichern der 100-MB-Kategorie verläßlich zum Laufen zu bringen. Meint Hesse: "Damit war kein Blumentopf zu gewinnen. Wir haben uns daher für diese Applikation eine IBM 4341 mit 635 MB Festplatte zugelegt." Nachdem solche Orders nicht mehr automatisch bei den

DVZs eintreffen, sind sie auf Verträge wie den mit der AOK angewiesen, aber auch auf die Zusammenarbeit mit Anbietern aus dem Westen. Wie die meisten früheren Rechenkombinate in der DDR ist daher die Potsdamer DV-Zentrale entsprechend engagiert: So beherbergt das Unternehmen seit Anfang Juli die Gesellschaft für Informations- und Kommunikationstechnik GmbH (GIK), ein Jointventure mit der Berliner Condatec AG. Zweck der Zusammenarbeit sind Beratungsleistungen und Produktvertrieb im Kommunikationsmarkt der DDR. Eine Kooperation existiert auch mit dem britischen TK-Anbieter Racal-Milgo, für den das DVZ als Systemhaus unter anderem das Kommunikationsnetz der Dresdner Bank in der DDR projektiert und installiert hat, wie Hesse berichtet.

Ob die vergleichsweise hohe Zahl von über 653 Mitarbeitern gehalten werden kann, weiß Hesse nicht mit Sicherheit, gleichwohl zeigt er sich optimistisch. Wenn auch nicht alle Mitarbeiter im DVZ selbst weiter beschäftigt werden könnten, seien sie nach entsprechenden Umschulungen beziehungsweise Fortbildungen in verwandten Bereichen, zum Beispiel bei Anwendern wie der AOK, einsetzbar. Eine für die Angestellten wenig erfreuliche Tatsache muß Hesse gleichwohl als Stütze für seinen Optimismus bemühen: "Man darf nicht vergessen, daß das Lohnniveau in der DDR derzeit noch ungleich niedriger

ist als in der BRD."