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09.11.2006

Dynamics: Microsofts Großbaustelle

Geschäftsapplikationen der Partner sollen auf einem Business-Layer im .NET-Framework aufsetzen.

Von CW-Redakteur Frank Niemann

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583549: Microsoft verkauft Linux;

583595: Windows Vista ist fertig;

1216698: Office Live;

1216783: Microsoft-Partner vermieten ERP;

583520: Microsofts ERP geht auch "Live".

Satya Nadella ist seit einigen Wochen neuer Leiter der Sparte Microsoft Business Solutions. Er erläuterte gemeinsam mit Doug Burgum, der diesen Posten zuvor innehatte und nun Senior Vice President bei Microsoft ist, wie Dynamics weiterentwickelt werden soll.

Dynamics ist heute ein Markenname, unter dem das Softwarehaus seine Business-Produkte (etwa Dynamics Nav, AX und CRM) zusammenfasst. Obwohl die Namensgebung schon jetzt gleiche Funktionen suggeriert, basieren die einzelnen Lösungen noch auf unterschiedlichen Techniken, Datenmodellen und Entwicklungswerkzeugen. Microsoft strebt eine weitgehende Harmonisierung der einzelnen Produkte an und hatte diese Pläne schon vor einiger Zeit skizziert. In den nächsten Jahren sollen zum Beispiel die Datenmodelle aller ERP-Lösungen, darunter die für den deutschen Markt relevanten Linien Nav und AX, zusammenwachsen.

Bereits angefangen hat der Hersteller mit der Entwicklung eines gemeinsamen Clients. Dieser soll Office- und Business-Software-Funktionen so miteinander verweben, dass der Nutzer praktisch keinen Unterschied mehr merkt. Heute verwenden die Lösungen jeweils eigene Frontends. Einen ersten Eindruck davon soll das Produkt "Dynamics CRM V3C" vermitteln, das für Dezember geplant ist.

Office-Kopplung

Im nächsten Jahr folgt mit Dynamics NAV 5.0 das ERP-Produkt mit neuem Client. Die Kopplung von Business-Software und Office kommt natürlich nicht von ungefähr: Microsoft möchte sich auf dem Desktop unverzichtbar machen. Indirekt will der Hersteller seinen Kunden so auch einen Grund liefern, ihre Office- und Betriebssystem-Installationen zu modernisieren, sprich auf Office 2007 und Windows Vista umzusteigen.

Was die enge Integration der Office-Produkte mit ERP- beziehungsweise CRM-Funktionen dem Nutzer auf Heller und Pfennig bringt, vermögen die Microsoft-Manager nicht zu sagen, kündigen aber für nächstes Jahr "konkrete Beispiele" an.

Anpassungen erforderlich

Wenn die Standardprodukte von Microsoft demnächst neue Frontends erhalten, müssen auch die zahlreichen darauf aufsetzenden Partnerprodukte entsprechend angepasst werden. Problematisch sei dies nicht, verspricht Burgum, da bei einer Migration des ERP-Systems auf das nächste NAV-Release die Office-Integration quasi automatisch erfolgt, und zwar sowohl für das von Microsoft ausgelieferte Standardprodukt als auch für die vertikalen Partneranwendungen.

Nicht so überzeugt davon ist hingegen David Bradshow, Principal Analyst beim Marktforschungsunternehmen Ovum. "Microsoft wird Schwierigkeiten haben, ERP-Modifikationen und das neue Office-basierende Frontend aufeinander abzustimmen."

Auf einen ganz anderen Umstand weist Bradshows Kollege Nigel Montgomery hin. "Mittelständische Firmen können sich entweder eine ERP-Migration oder ein Office- und Windows-Update leisten, beides gleichzeitig hingegen nicht", meint der Chefanalyst bei AMR Research.

Upgrade nicht zu rechtfertigen

Zu diesen Anwendern zählt OSI International Foods aus Günzburg in Bayern. Der weltweite tätige amerikanische Unternehmensverbund der OSI-Gruppe verwendet "Navision 3.70" als Standard-ERP-System in seinen Firmen in Kontinentaleuropa und hat zahlreiche eigene Entwicklungen eingefügt, darunter etwa 300 Berichte außerhalb des Navision-Standards und mehrere hundert Tabellen und Formulare, die OSI im Standard modifiziert hat. Allein ein Release-Wechsel auf die aktuelle Version 4.0 wäre daher mit viel Aufwand verbunden. IT-Leiter Robert Ondrus sieht jedoch ohnehin derzeit noch keinen Bedarf dafür. Weder Dynamics Nav 4.0 noch das im nächsten Jahr erscheinende Release 5.0 biete so viel mehr an Funktionen, dass sich ein Umstieg rechnen würde. Zwar verfüge die Version 4.0 über eine Intercompany-Steuerung, die für Firmengeflechte wie OSI konzipiert wurde, etwa um Bestellungen zwischen Unternehmenstöchtern zu erleichtern. Ondrus zufolge ist diese Funktion jedoch wenig ausgeprägt und macht zudem nur dann richtig Sinn, wenn alle Mandanten in einer Datenbank angelegt sind. Dies ist bei OSI aber nicht der Fall: "Unsere Mandanten sind auf europäischer Ebene über mehrere Datenbanken verteilt, Bestellungen zwischen Mandanten müssten wir dann per E-Mail versenden oder via Dateitransfer untereinander austauschen."

Grundsätzlich ist der IT-Leiter sehr zufrieden mit dem ERP-Produkt und schätzt auch die schon heute mögliche Office-Integration. Auch hier reichen die bestehenden Funktionen noch aus. Office 2007 und Windows Vista als ERP-Frontend seien zwar sehr schick anzuschauen, doch die neuen Mechanismen, die Microsoft gern präsentiert, genügen Ondrus nicht als Grund, die bestehende Desktop-Software "Office XP" abzulösen. "Wir müssten dann unter Umständen in nahezu allen Firmen des Konzerns neue Programme auf den Clients installieren, um die gemeinsame Nutzung von Dokumenten ohne Reibungsverluste zu realisieren. Je nachdem, inwieweit die Office-Formate untereinander vollständig kompatibel sind."

Nach den Plänen von Microsoft werden die ERP-Lösungen nicht nur einen gemeinsamen Client haben, sondern auch eine Reihe von Basisfunktionen, die heute noch in jedem Produkt in jeweils eigener Ausprägung vorhanden ist. Alle betriebswirtschaftlichen Applikationen werden beispielsweise ein in Dynamics verankertes Hauptbuch ("General Ledger") sowie Supply-Chain-Funktionen nutzen. Somit gingen in den nächsten Jahren die Eigenschaften der unterschiedlichen Business-Lösungen mehr und mehr in die übergreifende Dynamics-Infrastruktur über. "Irgendwann erhält der Dynamics-Nav-Kunde mit dem nächsten Release das neue Dynamics-System, das dann alle Funktionen des alten Produkts und einiges zusätzlich enthält", beschreibt Burgum.

Bei der Integration der verschiedenen Softwareprodukte soll auch der Kunstgriff gelingen, die unterschiedlichen Programmierumgebungen - etwa "C/Side" (NAV) und "Morphx" (AX) - sowie .NET in eine Entwicklungsumgebung zu überführen, die nach den Prinzipien der Model-driven Architecture arbeitet. "In Zukunft wird es eine Art Plug-in Visual Studio .NET für C/Side geben", sagt Nadella. Fallen lassen wolle der Hersteller C/Side indes nicht. Es gebe gute Gründe, daran festzuhalten. Einer davon sind die Partner, die mit dem System vertraut sind, eigene Lösungen damit gebaut haben und diese pflegen müssen. Andererseits sei C/Side für das Programmieren von Geschäftsapplikationen ausgerichtet und daher viel effizienter als die .NET-Sprache "C#". "Fünf Codezeilen C/Side entsprechen mitunter 50 Zeilen C#", so Burgum.

Obwohl Microsoft ein problemloses Miteinander von alter und neuer Technik verspricht, rechnet IT-Manager Ondrus damit, irgendwann in der Zukunft einen harten Schnitt vollziehen zu müssen. Dann nämlich, wenn der Hersteller alle Systeme in Dynamics zusammengeführt hat und dieses dann an die Kunden ausliefert.

Dynamics für Softwarehäuser

Nadella zufolge soll Dynamics jedoch nicht nur die Betriebsumgebung der eigenen Business-Programme werden, sondern auch Partnern dazu dienen, eigene Geschäftsapplikationen zu bauen. Gemeint sind unabhängige Softwarehäuser, die heute beispielsweise eigene ERP-Lösungen auf .NET-Basis kreieren. Sie sollen nach den Vorstellungen Microsofts nur noch spezifische Funktionen etwa für eine Branche entwickeln, während die Basisfunktionen von Microsoft Dynamics kommen. "Es muss nicht tausend Hauptbücher am Markt geben", kommentiert Burgum, der offenbar schon fest damit rechnet, dass diese Softwareanbieter in Scharen ihre Produktentwicklung weitgehend einstellen und auf Dynamics umschwenken.

Burgum und Nadella machen zwar deutlich, dass es sich bei ihren Ausführungen noch um Konzepte und nicht um konkrete Produktankündigungen handelt. Dennoch wird klar, dass Microsoft auf eine Vereinheitlichung der eigenen Produkte und auf eine Business-Software-Infrastruktur als zusätzlicher Layer im .NET-Framework hinauswill. Was Windows für PCs und Server heute ist, soll Dynamics für Geschäftsapplikationen werden.

Drei-Schicht-Architektur

Etwas greifbarer sind die für das nächste Jahr angekündigten Produktneuheiten in Sachen Dynamics NAV. Bei der Version 5.1, die ebenfalls 2007 auf den Markt kommen soll, ändert sich auch unter der Haube etwas: Microsoft will sich dann vom veralteten Two-Tier-Konzept verabschieden und eine Drei-Schichten-Architektur einziehen.