Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Projekt-Management in der Praxis (Teil 26 und Schluß)


20.11.1992 - 

Dynamisches Projekt-Management bewältigt komplexe Anforderungen

In dieser letzten Folge der 26-teiligen COMPUTERWOCHE-Serie über das Management von Software-Entwicklungsprojekten sind noch einmal zusammenfassend wesentliche Aspekte und Erfahrungen zu diesem Thema wiedergegeben.

Software-Entwicklung, ist ein Gestaltungsprozeß, in dem sehr vielschichtige und widersprüchliche Aufgaben zu bewältigen sind. Zu dieser strukturellen tritt als prozessuale Komplexität, daß es sich nicht um lineare, sondern um zyklische oder inkrementelle Entwicklungsabläufe handelt. Diese doppelte Schwierigkeit bedingt, daß Projekt-Management sich nicht so sehr an festen, normativ vorgegebenen Mustern ausrichten kann, sondern letztlich immer ein Optimierungsprozeß sein muß, so daß im voraus festgelegte Pläne kaum tragfähig sein können. Erforderlich ist ein dynamisches Prozeß-Management, das kontinuierlich die sich im Lauf der Arbeiten neu ergebenden Bedingungen,

Anforderungen und Möglichkeiten bei der Produkt- wie bei der Projektplanung berücksichtigt.

Software-Entwicklung ist fast durchweg zugleich Technikgestaltung und Arbeitsstrukturierung. In diesem zweifachen Entwicklungsprozeß müssen die Notwendigkeiten beider Gestaltungsdimensionen aufeinander bezogen werden. Dies macht einen kontinuierlichen Abgleich zwischen den Entwicklungsfeldern Technik und Anwendungsbereich erforderlich. In der Software-Entwicklung kooperieren Entwickler und Anwender, die beide ihre Sicht der Dinge in den Arbeitsablauf einbringen können müssen.

Software-Entwicklung ist ein komplementärer, kontinuierlicher und gestaltungsbezogener Lernprozeß. Anwender und Entwickler müssen sich über das jeweils andere Gestaltungsfeld informieren. Während der Entwicklung ergeben sich ständig neue Sachverhalte, die zu verarbeiten sind. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse müssen sich im weiteren Vorgehen niederschlagen.

Dynamisches Projekt--Management muß demnach:

- Bedingungen schaffen, die den Informationsaustausch zwischen Entwicklern und Anwendern fördern;

- die Kontinuität von Lernprozessen sicherstellen, sowohl innerhalb der Projekte wie projektübergreifend;

- Voraussetzungen für informelle Lernprozesse schaffen;

- gewährleisten, daß Ergebnisse von Lernprozessen in die Gestaltung der Software eingehen können.

Software-Entwicklung, insbesonders wenn sie innovativen Charakter hat, ist notwendigerweise zunächst behaftet mit einem mehr oder minder großen Maß an Unbestimmtheit, die sich erst im Lauf der Arbeiten eingrenzen läßt. Dies ist bedingt durch den meist unvollständigen Wissens- und Erkenntnisstand. Zudem eröffnen sich während des Entwicklungsprozesses in der Regel neue Gestaltungsmöglichkeiten. Diese können Rückwirkungen haben auf die Zielsetzungen wie den weiteren Ablauf des Projekts. Eine kontinuierliche Neubestimmung von Gestaltungszielen und -anforderungen wird damit erforderlich.

Der Weg von Projekten führt also nicht nur von der Grob- zur Feinspezifikation, sondern vor allem zur Begrenzung von Unbestimmtheit. Dies kann eine Überprüfung der Prämissen und Zielsetzungen, von denen man zu Beginn des Projekts ausgegangen ist, notwendig machen. Die Definition von Zielen und Anforderungen ist somit zunächst immer vorläufig, erst allmählich kann eine endgültige Festlegung erfolgen.

Schrittweise Reduzierung von Unbestimmtheit, retrospektive Überprüfung der Ausgangsdefinitionen und periodische Neubestimmung von Zielen und Anforderungen machen das dynamische Projekt-Management aus.

In die Entwicklung von Software werden notwendigerweise von den involvierten Stellen unterschiedliche und vielfach widersprüchliche Interessen eingebracht. Sie ist ihrer Natur nach spannungsträchtig. Die Verarbeitung vorhandenen Konfliktstoffes findet häufig verdeckt statt - auf der Ebene technikbezogener Auseinandersetzungen werden Interessenkonflikte ausgetragen. Dies erschwert deren Lösung und verleiht ihnen eine Eigendynamik.

Ein zu Beginn eines Projekts hergestellter Konsens erweist sich häufig nicht als tragfähig, da sich im Zuge des Entwicklungsprozesses neue Bedingung en und Erkenntnisse ergeben. Kontinuierliche Konsenssicherung muß also Teil des Projektablaufs sein.

Software-Entwicklung ist ein vielschichtiger Prozeß aus eigentlicher Technikentwicklung, Arbeitsstrukturierung im Anwendungsbereich, Lernprozessen, Konsensbildung sowie organisatorischen und institutionellen Rahmenbedingungen. Diese verschiedenen Entwicklungsstränge mit ihren engen Wechselbeziehungen untereinander müssen miteinander verknüpft und in ihrer Bearbeitung synchronisiert werden.

Die strukturelle und prozessuale Komplexität der Software-Entwicklung hat zur Folge, daß die offizielle Planung von Softwareprojekten den tatsächlichen Verlauf immer nur unvollständig vorschreiben kann. Der Einsatz formalisierter Methoden gewährleistet keine Terminsicherheit. Software-Entwicklung ist immer wesentlich auf Selbststeuerung durch die Beteiligten angewiesen. Diese beruht nicht zuletzt auf sogenannten stillen Leistungen, die nicht formal vorgeschrieben sind, sondern sich der Eigeninitiative der Entwickler und Anwender verdanken. Die Wirksamkeit formalisierter Methoden und Instrumente ist nicht zuletzt von ihrer Kompatibilität mit den Selbststeuerungsprozessen abhängig. Dynamisches Projekt-Management soll insofern:

- Voraussetzungen schaffen, daß stille Leistungen erbracht werden können;

- den Rahmen für Prozesse der Selbststeuerung abstecken;

- stille Leistungen bei der Projektplanung mit berücksichtigen.

Software-Entwicklung ist kein lineares vorgehen mit einer Folge fest vorausgeplanter Schritte, sondern ein Prozeß ständiger Neubestimmung, den einerseits zyklische Entwicklungsschleifen, andererseits die Wechselbeziehungen zwischen den Gestaltungsfeldern Technik und Anwendung ermöglichen. Die Arbeitsabläufe müssen für Modifikationen offen sein.

Dennoch ist selbstverständlich auch Verbindlichkeit vonnöten. Entscheidungsfindung, Bereitstellung personeller und materieller Ressourcen Steuerung und Kontrolle von Projekten erfordern Aussagen über Leistungen, Termine -und Kosten. Softwareprojekte sind also angesiedelt im Spannungsfeld von Offenheit und Verbindlichkeit. Das gilt auch für die Selbststeuerungsprozesse: Einerseits setzen sie Freiräume voraus, andererseits braucht ihre Koordination und Steuerung einen festen Rahmen. Dieses Spannungsverhältnis läßt sich nicht ex ante, sondern erst im Projektverlauf lösen.

Dynamisches Projekt-Management ermöglicht daher:

- "offene Verbindlichkeit", das heißt kontrollierte und gesteuerte Korrektur von Zielen und Vorgaben im Projektverlauf;

- die Definition von Freiräumen für Prozesse der Selbststeuerung.

Neue, inkrementelle Entwicklungsverfahren erfordern angemessene Formen der Entscheidungsfindung. An die Stelle der Verabschiedung des Projektplans zu Beginn und seiner Abnahme am Ende, eventuell mit einer Überprüfung an einigen Meilensteinen, müssen Entscheidungsketten treten, in denen sich Beschlüsse periodisch überprüfen und auf dem Hintergrund der jeweils aktuellen Lage modifizieren lassen. Dies verlangt eine kontinuierliche Einbeziehung der Entscheidungsträger aus Entwicklungs- und Anwendungsbereichen.

Software-Entwicklung setzt fast immer auf vorangegangene Gestaltungsprozesse auf und ist auch mit dem Einsatz einer einmal entwickelten Applikation nicht abgeschlossen. Sie ist ihrer Natur nach ein kontinuierlicher und damit notwendigerweise projektübergreifender Prozeß. Besondere Relevanz gewinnt dadurch der projektübergreifende Wissenstransfer. Zu berücksichtigen ist jeweils auch das betriebliche Umfeld von Regelungen sowie organisatorischen und hierarchischen Strukturen, in dem das Projekt angesiedelt ist.

Dynamisches Projekt-Management muß aus diesen Gründen:

- kontinuierliche inkrementelle Entscheidungsfindung ermöglichen;

- institutionelle Bezüge zum Projektumfeld schaffen;

- projektübergreifenden Wissenstransfer sicherstellen.

Professor Friedrich Weltz ist Geschäftsführer der Sozialwissenschaftlichen Projektgruppe, München, und Honorarprofessor an der Universität Göttingen; Rolf Ortmann ist Mitarbeiter der Sozialwissenschaftlichen Projektgruppe, München

Serie: Da Softwareprojekt

In dieser Serie wird über eine Untersuchung berichtet, die die Autoren in und an 46 Softwareprojekten durchführten. Sie war soziologischer Teil des interdisziplinären Projekts zur Arbeitssituation in der Softwareentwicklung, das vom Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) im Rahmen des Programms "Arbeit und Technik" gefördert wurde. Das Teilprojekt "Informatik" lag in den Händen von Professor Dr. Wolfgang Hesse, ferner von Udo Bittner und Johannes Schnath, Universität Marburg: das Teilprojekt "Arbeitspsychologie" wurde bearbeitet von Professor Dr. Michael Frese sowie Felix C. Brodbeck, Torsten Heinbockel, Sabine Sonnentag und Wolfgang Stolte, Universität Gießen.

Die Studie ist jetzt in Buchform im Campus Verlag unter dem Titel "Das Softwareprojekt - Projekt-Management in der Praxis" erschienen. Preis: 48 Mark.