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22.09.2000 - 

Im Wettbewerb mit den USA

E-Business: Europäer auf der Überholspur

MONTE CARLO (gfh) - Überholt Europa die USA beim E-Business? Zumindest die Marktforscher von International Data Corp. (IDC) sehen dafür gute Chancen. Die von IDC zum European IT Forum geladenen US-Anbieter waren zu höflich, um offen zu widersprechen.

"Der europäischen Wirtschaft geht es besser als in den vergangenen 25 Jahren. Ich möchte nicht voraussagen, dass die Europäer die USA beim E-Business überholen, aber die Chance haben sie auf alle Fälle", ermuntert John Gantz, Senior Vicepresident von IDC, die aus allen europäischen Ländern angereisten Manager.

Die meisten Sprecher von US-Firmen reagierten, trotz der Aufforderung der Veranstalter nicht weiter auf die optimistischen Thesen der IDC-Analysten. Sie wissen, dass die meisten Internet-Entwicklungen von ihrem Land ausgehen und dass nirgendwo in der Welt mehr Geld in diese Technik investiert wird als bei ihnen. Meist wichen die Amerikaner direkten Fragen daher höflich aus, so zum Beispiel PC-Konfektionär Michael Dell und Gary Hamel, Professor an der Harvard Business School. Beide argumentierten, dass die Probleme und Chancen im E-Business weltweit dieselben seien: Anpassung der Firmenkulturen und Geschäftsmodelle an die schnelllebige Internet-Wirtschaft. Der Einwand scheint berechtigt, verdeckt aber, dass Europäer und Amerikaner diese Aufgabe unterschiedlich anpacken. Auf alle Fälle erspart das Argument den Befragten, darauf einzugehen, ob und auf welchen Gebieten es tatsächlich einen Vorsprung der Europäer gibt.

Deutliche Worte wagte lediglich Nicholas Negroponte, der Gründer des berühmten Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT), der sich selbst als halben Europäer bezeichnete. Er widersprach üblichen Argumenten, wonach zu viele Vorschriften, zu hohe Telefongebühren und ein Mangel an Wagniskapital den Fortschritt in Europa behinderten. Seiner Meinung nach sind die Unterschiede nicht technischer, sondern kultureller Natur. So scheue man auf dem Alten Kontinent das Risiko, höre zu wenig auf die Jugend, der es wiederum an Respektlosigkeit gegenüber den Vorgesetzten fehle. Man könne zwar Zeichen eines Wandel entdecken, der aber viel zu langsam vor sich gehe.

Auch dem finnischen EU-Kommissar Erkki Liikanen verläuft die Entwicklung zu langsam: Es sei zwar gelungen, die Rahmenbedingungen zu verbessern und das Bewusstsein für E-Business zu schaffen, doch werde das Marktpotenzial noch längst nicht ausgeschöpft. Für die Unternehmen gehe es um "B-to-B or not to be". Die wichtigsten Herausforderungen liegen laut Liikanen in der Forcierung des Mobile-Commerce, in der Überwindung des Personalmangels und in der Beschleunigung der Entwicklung.

Insgesamt aber zeigt er sich zuversichtlich, dass Europa für die Post-PC-Ära gerüstet sei.

Verwies Liikanen vor allem auf die verbleibenden Aufgaben, so betonten die Analysten von IDC das bereits Erreichte. Danach haben sich nach dem verspäteten Internet-Einstieg der Europäer und der Konsolidierung der Hardwareanbieter in den 90er Jahren die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und insbesondere für das Geschäft auf Internet-Basis kräftig verbessert. IDC hebt hier die durch die Deregulierung des Telekom-Marktes belebte Konkurrenz und die Vereinfachung des Handels infolge der Einführung des Euro hervor.

Konkrete Ergebnisse dieser Entwicklung seien, dass es in Europa bereits Ende des Jahres mehr Surfer geben wird als in den USA. Außerdem scheint die Modernisierung der IT in Richtung Software und Lösungen rascher voranzuschreiten als in den USA. Als Anzeichen dafür gilt den Analysten, dass in Westeuropa der Anteil der Hardware an den IT-Ausgaben 1999 auf 38 Prozent gefallen ist, während er jenseits des Atlantiks noch bei 42 Prozent liegt. Auch im Lösungsgeschäft und bei der Implementierung von Business-to-Business-Anwendungen haben die Europäer einen deutlichen Vorsprung.

Hervorgehoben haben mehrere Redner in Monaco die Erfahrung der Europäer im Handel mit dem Ausland. So grenzt etwa Deutschland an neun Staaten, die USA nur an zwei. Schon jetzt arbeiten von 1000 durch IDC befragten europäischen Topmanagern im Schnitt 25 Prozent ihrer Zeit für den Auslandshandel. Anders als viele ihrer US-Kollegen lernen sie dabei, wie sehr sich die Länder unterscheiden. So hat Skandinavien die höchste Internet-Durchdringung, Deutschland und Großbritannien dafür die erfahrensten User, die zum Beispiel bereit sind, auch via Netz einzukaufen. Dennoch liegen beim Online-Shopping die Schweizer und die Niederländer aufgrund der höheren Internet-Durchdringung vorn. Das heißt, dass Geschäftsmodelle an den jeweiligen Markt angepasst sein müssen.

Investitionen in die ZukunftEin wesentlicher Erfolgsfaktor für E-Business ist die Bereitschaft von Unternehmen und Volkswirtschaften, in IT zu investieren. Lange haben die übervorsichtigen Kapitalgeber in Europa die Innovation behindert. Inzwischen gibt es reichlich Wagniskapital, auch wenn der Unterschied zu den USA groß bleibt. Insgesamt wuchs in Europa die Summe von 1998 auf 1999 um 60,6 Prozent auf 5,3 Milliarden Dollar. Deutschland erlebt hier seit 1997 ebenso wie bei der Zahl der Börsengänge jährlich eine Verdoppelung. Trotz dieser positiven Entwicklung vergrößert sich jedoch der Abstand zu den USA, wo mit 33 Milliarden Dollar nicht nur fünfmal mehr Venture-Kapital im Umlauf ist, sondern sich zudem die Investitionen von 1998 auf 1999 fast verdreifacht haben.

Bezogen auf die Einwohnerzahl hingegen investieren die Schweiz, Dänemark und Norwegen - inklusive Venture-Kapital - weltweit am meisten Geld in IT. Was den Anteil am Bruttosozialprodukt betrifft hat inzwischen Schweden die USA überholt. An dritter Stelle rangieren die Briten. Für E-Commerce- und Web-Infrastruktur haben sich die Ausgaben diesseits des großen Teiches seit 1999 mehr als verdreifacht. Wurden auf dem Alten Kontinent 1997 nur 13 Prozent der Internet-Investitionen getätigt, so sollen es bis 2004 bereits 34 Prozent sein.

Diese Zahlen belegen vor allem, dass die Europäer die Zeichen der Zeit erkannt haben und die Kritik von Nicholas Negroponte zunehmend ins Leere läuft. Er glaubt, dass eines der europäischen Hauptprobleme sei, Risiken zu scheuen. Gleichzeitig kritisiert er aber, dass die Netzanbieter derart hohe Summen in UMTS-Lizenzen investieren, obwohl es kaum Belege für einen Erfolg gibt.

Auch für die Zukunft scheinen die Rahmenbedingungen in Europa günstig zu sein. So gibt es hier schon aufgrund der Einwohnerzahl mehr potenzielle Nutzer als in den USA. Für den weltweit beklagten Mangel an Fachkräften scheint Europa ebenfalls besser gerüstet als die USA, denn nirgendwo wohnen mehr Hochschulabgänger und Ingenieure. Insgesamt leben nach den Zahlen des European Information Technology Observatory (Eito) in Europa 246 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter, während es in den USA nur 174 Millionen sind. Allerdings ist in der Alten Welt die Situation in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. So gebe es kein Land, das ähnlich viel ausländische Studenten und Fachkräfte anziehe wie Großbritannien. Am gravierendsten sei der Mangel an IT-Fachkräften in Deutschland.

Doch es handelt sich hier nicht nur um ein Mengenproblem, sondern auch darum, ob sich die vorhandenen Arbeitskräfte für die Aufgaben in einer Internet-Wirtschaft eignen. So fehle es in Europa weniger an technischem Know-how als an mutigen Managern.

Besonders deutlich sind die Unterschiede zwischen den USA und Europa in dem als große Zukunftshoffnung geltenden Markt für Mobile Commerce. So prognostizieren die IDC-Analysten, dass trotz der Geschwindigkeitsbeschränkung auf 9,6 Kbit/s beim Einsatz des WAP-Protokolls auf GSM-Handys die Anzahl der Internet-User mit diesen Geräten jährlich um 25 Prozent steigen werde, während der voraussichtliche Zuwachs beim Internet-Zugriff via Telefonleitung jährlich nur neun Prozent betrage. Die Geschwindigkeitssprünge durch das General Packet Radio System (GPRS) und später durch UMTS würden den Markt treiben - allerdings nur, wenn lokale und personalierte Anwendungen angeboten werden, die den Anwender tatsächlich Nutzen bringen. Daran fehle es bislang.

In einer von den Marktforschern Donaldson, Lufkin & Jenrette erstellten Hitliste der Handy-Dichte pro Einwohner finden sich die USA nicht unter den ersten zwanzig Ländern. Das ist insofern erstaunlich, als dort Industriestaaten mit schwacher Besiedlung ganz oben rangieren - ein Kriterium, das auf weite Gebiete der USA ebenso zutrifft wie auf die bei der Handy-Nutzung führenden skandinavischen Staaten. Besonders erfolgreich haben sich die Geräte aber auch in kleinen Ländern wie Israel, Hongkong und Österreich durchgesetzt. In Italien, das an neunter Stelle liegt, haben sich die im Vergleich zu den hohen Telefonpreise im Festnetz günstigen Mobilfunktarife und die südländische Kommunikationslust zu einem Boom verbunden. Deutschland dagegen rangiert wie die USA nicht unter den ersten zwanzig Plätzen, gilt aber als einer der lukrativsten Wachstumsmärkte.

Wenn die Europäer in diesem Bereich führen, liegt das nicht zuletzt an der späten Deregulierung des Telekom-Marktes. Die wenigen mehr oder minder staatlich gelenkten Netzanbieter hatten es in den 80er Jahren weit einfacher, sich auf einen Standard wie Global Systems for Mobile Communications (GSM) zu einigen, als die Hunderte von privaten Netzanbietern, die es in den USA gibt. Hinzu kommt die hilfreiche, wenn auch oft zeitraubende europäische Tradition, die Rahmenbedingungen in Absprache mit den Behörden, insbesondere der EU-Kommission, zu schaffen.

WAP als EinstiegsdrogeDie Zersplitterung im US-Markt dagegen führt dazu, dass dort insbesondere reisende Handy-User ihr Gerät meist abschalten oder zu Hause lassen, weil nicht sicher ist, ob es im nächsten Bundesstaat noch funktioniert. Daran wird sich nach Ansicht von Ken Blakeslee, Vice President von Nortel Networks, in den kommenden Jahren wenig ändern. Standardisierungsbemühungen seien derzeit nicht in Sicht. Umstritten war in Monaco, ob die hohen Preise der UMTS-Lizenzen den Erfolg des Internet auf mobilen Geräten gefährden oder die Eigner dazu anstacheln, die Entwicklung besonders intensiv voranzutreiben, um die Einstiegskosten zurückzuerhalten.

Hoffnungen der Europäer, den Mobile Commerce unter sich aufteilen zu können, widersprach Compaqs Senior Vice President Peter Blackmore. Allerdings verwies er dabei nicht auf Initiativen in seinem Land, sondern auf die Anstrengungen Japans. Tatsächlich werden dort WAP-Handys besser akzeptiert als hierzulande. Die weltweit wichtigste Anwendung, so Blackmore, sei inzwischen ein Bingo-Spiel, das in Fernost als Killerapplikation gilt - auch weil es nicht auf allzu schnelle Übertragung angewiesen ist.

Tatsächlich wurde in Monaco versucht, WAP als Einstiegsdroge zu positionieren. Mit einfachen und praktischen Anwendungen ließe sich schon jetzt ein Massenpublikum für das spätere UMTS-Geschäft gewinnen.