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22.05.1998 - 

Gewinnprognosen trüben das Urteilsvermögen

E-Commerce: Skeptische Töne auf dem IDC-Forum

Die International Data Corp. hat in der Vergangenheit nicht gerade mit pessimistischen Zahlen zum Wachstum des Electronic Commerce auf sich aufmerksam gemacht. In diesem Jahr hatten sich die Marktforscher vorgenommen, das Thema zu problematisieren. Möglicherweise inspiriert durch das sonnige Klima des Veranstaltungsortes durften jedoch auch in Monaco rosige Prognosen nicht fehlen. Während im Jahr 1997 lediglich etwa acht Milliarden Dollar im weltweiten Internet-Handel umgesetzt wurden, geht Frank Gens, IDC-Senior Vice-President, für das Jahr 2002 von stolzen 333 Milliarden Dollar aus. Damit würde immerhin ein Prozent des Welthandels via Datennetz abgewickelt. In Europa rechnet Gens mit einem 50fachen Anstieg des jetzigen Volumens von 500 bis 700 Millionen Dollar.

Angeheizt wird das Wachstum durch die steigende Zahl der WWW-Nutzer. Statt heute 120 Millionen werden sich in vier Jahren fast dreimal so viele Surfer im Internet tummeln - davon zirka 80 Millionen in Europa. Ein Anstieg, der den IDC-Analysten freilich noch nicht genügt. Um ein nachhaltig hohes Marktwachstum zu garantieren, müsse die Zahl der Web-Nutzer bis zum Jahr 2008 auf eine Milliarde ansteigen, rechnet Roberto Masiero, President von IDC Europa, vor.

Überraschung und Kopfschütteln erntete Internet-Marktforscher Gens mit der Prognose, daß der PC innerhalb von nur drei Jahren seine dominante Position bei den Geräten für den Internet-Zugang verlieren werde. Konnten sogenannte Info-Devices wie Set-top-Boxen oder Personal Digital Assistants (PDAs) im vergangenen Jahr gerade einmal vier Prozent des US-Marktes für Zugangsgeräte besetzen, so sollen es 2001 bereits 42 Prozent sein. Damit würden sich mehr Menschen via PDA, Handy oder TV-Gerät ins Internet einwählen als über niedrigpreisige PCs. Gens bezog sich offenbar allein auf den Nutzer-initiierten Internet-Zugang.

Das in diesem Zusammenhang vieldiskutierte Bandbreitenproblem werde sich durch den rasch voranschreitenden Ausbau der Infrastruktur über kurz oder lang erledigen, meinte Gens. In den USA könnten in vier Jahren bereits ein Fünftel aller Surfer mit Hochgeschwindigkeit durchs Web navigieren - in Singapur schon in diesem Jahr nahezu 100 Prozent.

Gens verdeutlichte, daß die rasche Verbreitung von alternativen Zugangsgeräten eine neue Software-Plattform mit sich bringen werde. Windows könne diesen Bereich nicht bedienen und ähnlich dominieren wie die PC-Landschaft. Unternehmen sollten auf diese Herausforderung schnellstens reagieren. Es gehe darum, riesige Marktanteile zu verteilen. Sowohl Hardware- als auch Softwarehersteller hätten alle Chancen, die bisherige Dominanz einzelner Firmen aufzubrechen und selbst eine Führungsrolle zu übernehmen.

Die Gastredner in Monaco, von EU-Abteilungsleiterin Rosalie Zobel über Glenn Osaka, Vice-President bei Hewlett-Packard (HP) bis hin zu Harvard-Professor Jeffrey Rayport hörten die positiven Zahlen zwar gerne, mahnten aber allesamt zu Realitätsbewußtsein. Stefano Zanini, General Manager für E-Business-Lösungen bei IBM, rechnete vor, daß Unternehmen in Europa mindestens mit 18 bis 24 Monaten rechnen müßten, ehe sich ihr E-Commerce-Engagement auszahle (siehe auch Kurzinterview, Seite 8).

EU-Mitarbeiterin Zobel betonte die großen Anstrengungen der europäischen Politiker bei der Errichtung eines weitgehend deregulierten elektronischen Marktes. Die EU habe aber noch einen langen Weg vor sich, um zu weltweit gültigen, allgemein verbindlichen Richtlinien in Fragen von Besteuerung, Gebühren, Copyright-Schutz etc. zu gelangen. Zobel plädierte für ein umfassendes Rahmenwerk und bedauerte, daß nicht einmal zehn Prozent der EU-Mittel in die Förderung von Zukunftstechnologien flössen, während mehr als die Hälfte für die Subventionierung des Agrarsektors verwendet würde.

Vor überzogenen Erwartungen und überstürzten Handlungen warnte Tony Philipp, CEO von Lycos-Bertelsmann, Deutschland: "Die größte Gefahr für E-Commerce ist ein CEO, der nach der Rückkehr von einer Informa- tionsreise sagt: Das will ich auch machen." Electronic Commerce müsse statt dessen eine strategische Entscheidung unter Einbeziehung aller Abteilungen eines Unternehmens sein. Shikar Gosh, Chairman der Open Market Inc., Anbieter von E-Commerce-Komplettlösungen, pflichtet Philipp bei. Vor dem Start sollten sich die Firmen fragen, wie der elektronische Handel ihre Kundenbeziehungen verändert und welche Geschäftspartner sie möglicherweise beeinträchtigen oder gar verdrängen würden.

Doch nicht nur die richtige Strategie oder Technologie sei für den Erfolg ausschlaggebend, sondern auch Gestaltung, Inhalt und Kontext des Internet-Auftritts, betonten andere Redner. Unternehmen müßten im Web unbedingt einen Mehrwert anbieten, so Peter Forrow, Director Enterprise Software and Services, Apple Computer Europe. Beispielhaft nannte er den sogenannten Geschenkefinder der Sharper Image Corp., mit dessen Hilfe Kunden für jeden Anlaß ein passendes Geschenk finden und bestellen könnten. Dies sei ein Zusatznutzen, der mit herkömmlichen Katalogen nicht geleistet werden könne. Sharper habe das Web auch dazu genutzt, ein neues Produkt kostengünstig auf seine Akzeptanz zu testen.

Kundenbindung ist erfolgsentscheidend

HP-Manager Osaka wies überdies darauf hin, daß Anbieter im Internet unbedingt ihre volle Produktpalette anbieten müßten. Nicht zuletzt an der geringen Auswahl sei das von HP und Microsoft gesponserte E-Christmas-Projekt gescheitert. Judy Balint, Senior Vice-President der amerikanischen E-Trade Group Inc., verriet ihr persönliches Erfolgsrezept: "Ich glaube, langfristiger Erfolg im Internet hängt vom Markennamen ab, den ein Unternehmen sich schafft." In den USA würden 80 Prozent aller Web-Surfer lediglich zehn Sites regelmäßig besuchen. Auch Harvard-Forscher Rayport hält die Kundenbindung für absolut entscheidend. Das Internet biete ungeahnte Möglichkeiten, eine persönliche Beziehung zum Kunden aufzubauen und aufrecht zu erhalten.