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15.12.2000 - 

Thema der Woche

E-Learning verlangt nach neuen Strukturen

Manager wissen, dass E-Learning wichtig ist, und trotzdem tun sie sich mit dem Thema schwer. Die Alltagsprobleme im Unternehmen, die unüberschaubare Informationsflut und die ständig steigende Arbeitsbelastung der Beschäftigten machen ihnen einen Strich durch die Rechnung, wie ein Roundtable-Gespräch der COMPUTERWOCHE in Bonn zeigte.

Es war nur ein kurzes Geplänkel am Rande der Diskussion, und doch zeigte es aufschlussreich, wie es um das Thema Weiterbildung hierzulande bestellt ist: "Wann bilden Sie sich weiter?" fragt Hewlett-Packard-Bildungschef Jürgen Vierkotten seine Kollegin Ellen Dittmer von Siemens Business Services (SBS). Die prompte, ehrliche Antwort: "Überhaupt nicht." Vierkotten: "Nicht am Samstag, nicht am Sonntag, nicht am Abend?" Dittmer: "Nein, weil ich auch dann keine Zeit habe, und irgendwann muss ich auch schlafen."

Führungskräfte sind in jeder Hinsicht schlechte Vorbilder, wenn es um das Thema Weiterbildung geht. Das wissen sie, tun aber nichts, um diesen Zustand zu ändern. Das zeigte sich sehr deutlich im Rahmen einer Diskussionsrunde am Rande des sechsten IT-Trainingskongresses in Bonn. In der Ex-Hauptstadt treffen sich nun schon zum sechsten Mal Vertreter von IT-Trainingsanbietern und Weiterbildner aus Anwenderunternehmen, um sich über den Stand des Computertrainings auszutauschen (siehe CW 47/00, Seite 107). Seit vier Jahren kürt eine Jury aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft das beste Anwendertraining - in diesem Jahr wurde der "Web-Führerschein" der Dresdner Bank ausgezeichnet - und seit zwei Jahren findet eine Diskussionsrunde statt, in der Bildungschefs großer Firmen (siehe Kasten "Teilnehmer") kritisch Bilanz ziehen und erzählen, mit welchen Herausforderungen sie rechnen.

Noch nie wurden so intensiv die sich verschlechternden Rahmenbedingungen beklagt. Herauszuhören war beispielsweise, dass viele Firmen ihre Mitarbeiter nicht mehr auf Seminare schicken, weil ihr Fehlen Betriebsabläufe durcheinanderbringt. "Es sind weniger die Hotel- und Reisekosten, die eine Rolle spielen, als das Fehlen des Mitarbeiters", erklärt Vierkotten.

Tobias Brücher, Geschäftsführer der Hypo-Vereinsbank-Bildungstochter HVB, wäre glücklich, wenn der Leistungsdruck auf die Mitarbeiter etwas abnehmen würde, damit diese die Freiräume für Weiterbildung bekämen und in puncto E-Learning die Möglichkeit erhielten, mediengestütztes Training auch auszuprobieren.

Das Lernen am Arbeitsplatz ist für Angestellte keine Alternative, meint SBS-Managerin Dittmer. Aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrungen mit diesem Thema kommt sie zu dem Schluss, dass man für effektives Lernen einen festen Ort und eine feste Zeit braucht - "und damit sind wir wieder beim Klassenraumtraining". Bestes Beispiel sind für sie die Internet-Seminare des eigenen Hauses. Selbst zu diesen Ein-Tages-Veranstaltungen fliegen die Teilnehmer aus der ganzen Republik ein, weil sie sich mit anderen Seminarbesuchern und dem Dozenten austauschen wollen. Rolf Knoblauch, Bildungschef der Deutschen Bahn, bestätigt diese Aussage mit einer Zahl: Bei der Bahn finden 90 Prozent der Seminare noch in klassischer Form statt. "Dieses Verhältnis Multimedia zu Klassenraumtraining von eins zu neun werden wir auch morgen haben", sekundiert Dittmer. Sie sei froh, wenn sie die eine oder andere Ausgabe sparen könne, damit es zu keinen Investitionsruinen im E-Learning komme.

Als ganz großes Problem gilt der "Informations- und Wissens-Overkill", wie es HVB-Chef Brücher formuliert. Die Mitarbeiter lebten mit einer ständigen Überversorgung an Informationen aus dem Internet, aus dem Intranet und jetzt noch von den betriebsinternen Lernplattformen, von denen Bildungsangebote abrufbar sind. "Die technischen Möglichkeiten sind toll", so Brücher, allerdings "haben wir unsere Angestellten noch nicht befähigt, mit diesem Angebot umzugehen". Er habe auch keine Lösung parat. Am besten wäre wohl, "sich mit jedem hinzusetzen, damit er lernt, mit der Informationsflut klar zu kommen." Zu diesem Wunsch passt eine Entwicklung, die Knoblauch in seinem Unternehmen feststellt. Er beobachtet eine steigende Nachfrage nach Organisationsberatung, wobei es mit der Gestaltung des Arbeitsplatzes und des Rechners anfängt und sich etwa mit der Frage fortsetzt, "ob man unbedingt in jedem Verteiler drin sein muss".

Trotz der heftigen Kritik an den Rahmenbedingungen waren sich die Teilnehmer einig, dass am Online-Training künftig kein Weg vorbeiführt. Vor allem für standardisierte Kurse und große Zielgruppen eigne es sich sehr gut, glaubt HVB-Mann Brücher. Bei seinem Arbeitgeber laufen erste Pilotprojekte, in denen Inhalte über das Web vermittelt werden. Ebenfalls im Anfangsstadium befänden sich virtuelle Seminare für Arztpraxen. Praxismitarbeiter kommunizieren via PC-Bildschirm mit einem Tutor, der in einem Videofenster sichtbar ist.

Auch Wolfram Peters, Geschäftsführer der Prokoda AG in Köln und einer der Pioniere des mediengestützten Lernens, ist sicher, dass E-Learning nicht alter Wein in neuen Schläuchen sei. "Zum ersten Mal wird Qualifizierung als Teil der Wertschöpfungskette begriffen", beobachtet Peters.

Seit vor dem Wort Lernen der magische Buchstabe "E" steht, interessiere sich auch die Chefetage dafür. Hier zeigen sich Parallelen zu den Diskusionen, die Ende Oktober in München auf dem CW-Kongress "IT meets Business" geführt wurden. Genauso wie die IT-Chefs müssen auch die Weiterbildner aufpassen, dass ihnen die Fachabteilungen nicht die neuen "E"-Themen wegschnappen. "Wenn die Bildungs-Manager die Zeichen der Zeit nicht erkennen, werden sie an den wichtigen Entscheidungen gar nicht mehr beteiligt", prophezeit Prokoda-Mann Peters.

Und noch etwas ist ihm aufgefallen: "Die Ansprechpartner von heute sind nicht die, die wir seit zehn Jahren kennen." Er habe es immer seltener mit den Fortbildungsverantwortlichen und immer häufiger mit Management- und Organisationsabteilungen zu tun. Zu sehr seien die Dozenten mit ihrer Didaktik und der Unterrichtsgestaltung beschäftigt und zu wenig mit den Anforderungen und Problemen am Arbeitsplatz.

Peters sieht zwar für Weiterbildner die Gefahr, den Anschluss zu verpassen, begreift aber die Entwicklung generell als Chance, dass sich systematisches Lernen flächendeckend im Unternehmen durchsetzt. Auch Brücher von der HVB freut es, wenn das Management und die Fachabteilungen das Thema Qualifizierung ernster nehmen, "egal, was dann rauskommt".

Als Beleg für diese Entwicklung führt Prokoda-Chef Peters ein Beispiel an: Vor einigen Wochen hat der Vorstand des Autokonzerns Audi eine IT-Qualifizierungsoffensive seines Unternehmens verkündet. Ziel des Programms sei es, innerhalb eines halben Jahres alle 45000 Mitarbeiter zu schulen, damit sie ein Mindestmaß an PC- und Internet-Kenntnissen erwerben. Prokoda habe den Auftrag erhalten, dieses Projekt umzusetzen, wobei Peters sehr stark auf E-Learning setzen will. 90 Prozent des Vorhabens sollen online ablaufen. Vorgesehen ist, für die unterschiedlichen Ausbildungsniveaus der Mitarbeiter unterschiedliche inhaltliche Module zu produzieren und einen umfangreichen Support anzubieten.

Bei der Bahn erfolgte der Startschuss ins multimediale Lernzeitalter vor drei Jahren. Mittlerweile können die Zugbegleiter sowohl im Unternehmen an einer leistungsfähigen so genannten Business-Version lernen als auch in einer Magerversion zu Hause. Hier geht es vor allem darum, den Umgang mit schwierigen Kunden zu trainieren. Bahn-Manager Knoblauch setzt seine Hoffnungen auf die Azubis. In der Erstausbildung sollen klassische Unterrichtseinheiten durch Online-Training ergänzt werden, indem die Schüler Kurse interaktiv am PC absolvieren. Zudem erhält der Nachwuchs die Möglichkeit, sich durch die Gründung von Juniorfirmen im Softwarebereich die nötige Praxis anzueignen.

Die erfolgreiche Einführung von E-Learning hängt nach Peters Meinung von zwei Faktoren ab. Erstens müssen die Führungskräfte E-Learning aktiv unterstützen, also eine Art Vorbildfunktion erfüllen. Es könne nämlich nicht angehen, so der Prokoda-Chef, dass Mitarbeiter jedesmal schnell wegklicken, wenn der Chef das Zimmer betritt, nur weil sie vermuten, dass Surfen nicht geduldet wird.

Zweitens müsse der Arbeitgeber dafür sorgen, dass die Mitarbeiter Selbstlerndisziplin und Selbstlernfähigkeiten entwickeln und anwenden können. Als positives Beispiel gilt die Dresdner Bank, die sehr früh mit dem Einsatz von Computer-based Training begann. "Jahrelang waren die Lernstudios voll", weiß Peters. Seit nun die ersten Lernprogramme im Intranet verfügbar sind wie der Web-Führerschein und Kurse zum Zeit-Management, beginnen sich die Lernstudios zu leeren, und die Mitarbeiter holen sich vom Arbeitsplatzrechner, was sie brauchen. "So etwas geht nicht von heute auf morgen", warnt Peters, die Organisation benötige einige Jahre, um Mitarbeiter zu bekommen, die selbstbestimmt lernen.

Hans Königes

hkoeniges@computerwoche.de

Die TeilnehmerTobias Brücher, Geschäftsführer der HVB Akademie GmbH, der Bildungstochter der Hypo-Vereinsbank;

Ellen Dittmer, Geschäftsführerin der Siemens-Tochter SBS Training and Services Com Computertraining and Services GmbH sowie kaufmännische Leiterin des SBS-Bereichs Management Consulting and Training;

Rolf Knoblauch, Leiter des Dienstleistungszentrums Bildung der Deutschen Bahn AG;

Dr. Wolfram Peters, Vorstandsvorsitzender der Prokoda AG, einem Unternehmen des schwe-dischen Online-Anbieters M2S;

Jürgen Vierkotten, Manager Educational Services Deutschland und Osteuropa, Hewlett-Packard.

Moderiert wurde die Veranstaltung von CW-Redakteur Hans Königes.