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22.01.1988 - 

Telex, Teletex, Telebox, Bildschirmtext im Vergleich (Teil 1):

E-Mail: Welcher Textdienst wofür?

Electronic-Mail-Dienste im Vergleich - und zwar im weitesten Sinne - ist Thema dieser mehrteiligen Folge über Teletex und Telebox (Message Handling). Der Autor hat sich an dieses komplexe Unterfangen gewagt, wohl wissend, daß immer einige Parameter fehlen oder unscharf bleiben müssen, also ein hundertprozentiger Vergleich der vielen zur Zeit existierenden Textübermittlungssysteme ein Widerspruch in sich selbst sein müßte. Neben den verschiedenen Leistungs- und Gebührenvergleichen interessieren auch Entstehungsgeschichte und Prognose. Wer alle Folgen dieser Serie liest, müßte dennoch eigentlich Antwort auf die Frage "Welcher Textdienst ist der richtige (für mich)?" erhalten.

Obwohl die Deutsche Mailbox GmbH mit dem Spruch "Wer weiß, was Mailbox leistet, leistet sich Mailbox für ihr öffentliches Message Handling wirbt, sind die Deutschen laut Diebold (Management Report 4/ 87) ausgesprochene "Mailbox-Muffel". Vergeblich sucht Diebold nach den letztlichen Ursachen für diese Abstinenz und halt folgendes für denkbar: Die öffentlichen Mailboxen verteilen sich auf die unterschiedlichsten Systeme, deren Querverkehrsmöglichkeiten wegen unterschiedlicher Leistungen, Benutzerschnittstellen und Verbreitung zu wünschen übrig lassen. Außerdem verunsichern Hacker die Anwender. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Alternativen elektronischer Post 1) (Telex, Teletex, Telefax und Bildschirmtext). Manche Marktbeobachter meinen schließlich, es könnte an der hohen Telex-Dichte Deutschlands liegen.

Tatsächlich scheinen die Deutschen für die Textkommunikation besser gerüstet zu sein als beispielsweise die USA. Zählt man alle Stationen zusammen, die in der Lage sind, codierte Texte auszutauschen, also die Stationen von Telex (Tx), Teletex (Ttx), Bildschirmtext (Btx) und alle, die bei Datex-P20 eine Teilnehmerkennung haben - und damit preiswert mit Telebox (Tbx) und anderen öffentlichen und auch privaten Message-Handling-Systemen (MHS) verkehren können -, so kamen Ende 1986 im Bereich der DBP zirka 41 derartiger Stationen auf 10 000 Einwohner. Die Vergleichszahl aus den USA lautet 30 und enthält einen Marketingzuschlag unbekannter Höhe, da sie nicht auf amtlichen Statistiken beruht, sondern auf den Angaben konkurrierender Carriers, für die hohe Teilnehmerzahlen Wettbewerbsvorteile bringen.

Vor diesem Hintergrund scheint es plausibel, daß der deutsche Anwender weniger von seinem Nichtwissen um Mailbox-Systeme, als von seinem Wissen um die zahlreichen funktionierenden öffentlichen Textdienste einschließlich der ganz normalen und in diesem Lande doch sehr verläßlichen Briefpost, geleitet wird. Dabei berücksichtigt der deutsche Anwender naturgemäß alle gebotenen öffentlichen Dienste und das Verhältnis ihrer Gebühren und Attraktivität. Bei der Komplexität der Materie werden dabei bestimmt auch gefühlsmäßig Entscheidungen getroffen. Daß sich Anwender vieler anderer Länder dabei öfter für öffentliche Message-Handling-Systeme entscheiden, scheint jedoch ganz handfeste Gründe zu haben: Die Auswahl an öffentlichen Diensten ist in diesen Ländern geringer, und das Verhältnis der Gebühren und Attraktivität dieser Dienste ist anders als in Deutschland. Vielleicht haben die deutschen Anwender auch ein besseres Gespür für die Bedeutung der Kompatibilität und warten auf offene MHS nach den Empfehlungen CCITT X.400 ff, wie sie durch die Deutsche Bundespost bereits angekündigt, aber noch nicht realisiert wurden. (Private Message-Handling-Systeme nach CCITT X.400 ff werden bereits angeboten.)

Im folgenden sollen die Dienste auf der Basis der deutschen Verhältnisse untereinander verglichen werden und einzelne Hinweise auf Verhältnisse in anderen Ländern gegeben werden. Was das Prinzip angeht, so werden primär Teletex und öffentliche MHSe, insbesondere "Telebox", verglichen, da Teletex als bekannt vorausgesetzt wird und der Mitteilungsdienst von Bildschirmtext auch ein, wenn auch stark vereinfachtes, MH-System darstellt. Bei den Gebührenübersichten werden alle vier Dienste der DBP und öffentliche MHS privater Anbieter aufgeführt.

Inhouse-Systeme werden in diesen Vergleich nicht einbezogen, da die unterschiedlichsten Inhouse-Systeme Endsysteme verschiedener Dienste sein können, ja, sogar Endsysteme von mehreren Diensten gleichzeitig. Beispielsweise kann ein privates Message-Handling-System ein Endsystem des Teletex-Dienstes darstellen und damit gegebenenfalls sogar Nachrichten von einem Dienst zum anderen weitergeben.

Teletex

Teletex ist eine Entwicklung der europäischen Telekommunikationstechniker. Teletex wurde ursprünglich geschaffen, um das Erfolgsrezept weltweiter, CCITT-standardisierter Dienste für die Textkommunikation unter Nutzung moderner Technologie mit der lokalen Textverarbeitung zu verbinden.

Weltweite, CCITT-standardisierte Dienste bedeuten bekanntlich

- große Zahl ansprechbarer Kommunikationspartner,

- weltweite Kompatibilität,

- garantierte Dienstgüte, die ständige Erreichbarkeit einschließt,

- verläßliche und sofortige Rückmeldung an den Absender, daß seine Nachricht angekommen ist, - ständig betriebsbereite und überwachte Leitungen zwischen Vermittlung und Endgerät. 2)

Weil ein Dienst um so attraktiver ist, je mehr Endgeräte und Teilnehmer an ihm teilhaben, setzt Ttx auf OSI. Seine Entwicklung begann mit der Normung der Protokolle und der Festlegung der Dienstmerkmale im CCITT. Dabei einigte man sich auf einen Kern von Festlegungen, die jeder Teilnehmer erfüllen muß, der am Dienst teilnehmen will (Bild 1). Um diese Festlegungen lagert sich ein Ring von genormten Optionen: Es steht frei, solche optionale Funktionen zu bieten. Sobald eine davon geboten wird, steht auch fest, wie sie geboten wird und wie sich die beiden Partner über ihre Existenz verständigen können. Auch der Ausstieg in private Protokollelemente ist eine dieser genormten Optionen. Auf diese Weise kann die Freiheit auf einem soliden Fundament aufbauen. Näheres über Funktionen und ihre Verteilung zeigt Bild 2.

1980 wurden die CCITT-Empfehlungen F.200, S.60, S.61, S.62 und S.70 verabschiedet und der Dienst zum 1. 6. 1982 in Deutschland eröffnet. Diese CCITT-Empfehlungen stellen die erste Verwirklichung eines vollständigen Protokollsatzes auf der Basis des ISO-Referenzmodells für Open Systems Interconnection (OSI) dar. Ttx ist also der erste Functional Standard im Rahmen von OSI!

1984 wurden diese Empfehlungen überarbeitet, die S-Empfehlungen in die T.-Serien überführt und um T.63 (Terminaltest) ergänzt. Weitere Empfehlungen, F.201 und T.90, legen fest, wie Teletex- und Telex-Dienst miteinander kommunizieren können. Der Querverkehr zu den 1,6 Millionen Telex-Teilnehmern in aller Welt stellt wohl die wertvollste Mitgift des Teletex-Dienstes dar. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß die Umsetzung der Adressierung von Ttx zu Tx und umgekehrt eindeutig ist, daß also keine Nachrichten durch Fehler in der Adressierung verloren gehen können. (Dieses Problem ist zum Beispiel beim Zugang von Tx und Ttx zu MHS nicht restlos geklärt.)

In dieser Studienperiode (1984 bis 1988) werden die Teletex-Empfehlungen um Festlegungen für den Dialog und für die Weiterverarbeitung empfangener Texte erweitert Aus der bereits l984 in F.200 enthaltenen Option des Mixed Mode (gemischte Dokumente aus codiertem Text und Faksimile) entwickeln sich Arbeiten an einer "objektorientierten Dokument-Architektur zum Austausch weiterverarbeitbarer Dokumente in offenen Systemen und öffentlichen Diensten ". Die T.73b wurde in Kooperation zwischen CCITT und ISO zur ODA/ODIF entwickelt. Praktisch zeitgleich sollen 1988 ODA/ODIF im CCITT zu einer Reihe verbindlicher Empfehlungen (T.410-Series of Recommendation) und bei ISO zu dem Multipart Standard (ISO 8613) werden.

Auch die Bedeutung des Testsystems "Petrus", mit dem neu zuzulassende Teletex-Stationen daraufhin überprüft werden, ob sie mit den Produkten anderer Hersteller kompatibel sind, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Allein die Deutsche Bundespost hat inzwischen über 240 Zulassungen für den Teletex-Dienst für jeweils ein oder mehrere Produkte erteilt, die alle miteinander kompatibel sind, obwohl sie von zirka 70 verschiedenen Zulassungsinhabern stammen.

Es reicht jedoch nicht aus, die Kommunikationsprotokolle richtig implementiert zu haben, um am Teletex-Dienst teilnehmen zu dürfen. Die Endeinrichtung muß minimale Anforderungen an die dienstrelevanten lokalen Kommunikationsfunktionen, an die Dienstgüte und an die Benutzerschnittstelle erfüllen.

Solche Anforderungen sind zum Beispiel:

- Fähigkeit, alle im Teletex-Alphabet festgelegten 309 Zeichen abdrucken zu können,

- 24-Stunden-Empfangsbereitschaft,

- ein Empfangsspeicher, der gegen Überschreiben und Löschen zumindest so lange gesichert ist, bis der Text ausgedruckt oder die ersten Zeilen jeder Nachricht angezeigt wurden,

- Mitteilung an den Benutzer, daß eine Nachricht im Empfangsspeicher bereitliegt.

Diese Eigenschaften haben ebenso wie die ständige Überwachung der Teilnehmeranschlußleitung ihren Preis. Letzteres läßt sich heute nur dadurch realisieren, daß der Teletex-Dienst in einem Datennetz abgewickelt wird. Die Grundgebühr liegt damit, je nach Tarifvariante, bei 180 Mark beziehungsweise 220 Mark plus 50 Mark Mindestverkehrsgebühr pro Monat. Andere Länder haben den Dienst im paketvermittelten Datennetz angesiedelt; einige nutzen dabei sogar das Fernsprechnetz als Zubringer. In diesem wird allerdings die Teilnehmeranschlußleitung nicht ständig auf Funktionsfähigkeit überwacht. Manchmal signalisiert dabei eine andere Vorwahl, daß die Dienstgüte eingeschränkt ist.

Der deutsche Teilnehmer kann bereits mit zirka 25 200 direkt adressierbaren Teletex-Teilnehmern, die sich hinter zirka 17 600 Teletex-Hauptanschlüssen verbergen, im eigenen Land und mit Teletex-Teilnehmern in 15 weiteren Ländern 3) sowie den obengenannten 1,6 Millionen Telex-Teilnehmern in aller Welt kommunizieren. Dabei ist die Verbreitung des Dienstes in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Insbesondere in den USA sorgen prohibitive Grundgebühren - zwischen 800 und 1200 Dollar pro Monat dafür, daß der Teletex-Dienst zur Zeit auf einen kleinen Kreis beschränkt bleibt.

Teletex-Teilnehmer aus Ländern die den Dienst im paketvermittelten Netz angesiedelt haben, können, unter Verzicht auf die Dienstgüte, in der Regel auch mit "gewöhnlichen" Datenstationen kommunizieren, die den Dienstgüteanforderungen nicht genügen müssen, solange sie die Teletex-Protokolle implementiert haben und an irgendeinem Paketvermittlungsnetz der Welt - also auch am deutschen -hängen. Dabei muß man sich allerdings bewußt sein, daß die Chance, zum Beispiel in China eine Datenstation anzutreffen, die die Teletex-Protokolle beherrscht, heute noch äußerst gering ist, obwohl der Teletex-Zeichensatz für Chinesisch inzwischen vorliegt.

Zulassung zum Querverkehr

Dies kann sich in naher Zukunft rasch ändern, wenn CCITT 1988 die Empfehlung T.65 verabschiedet, die ausführt, wie sogenannte "Computerized Communications Terminals" (CCT) 4) mit Telematik-Diensten" verkehren können. Auf der Basis dieser Empfehlung wird es möglich sein daß Datenstationen, die nicht 24 Stunden pro Tag empfangsbereit sind, keinen gesicherten Speicher besitzen und vielleicht auch keinen Drucker, der alle 309 Zeichen wiedergeben kann, zum Querverkehr aus den Datendiensten in den Teletex-Dienst zugelassen werden. Es wird möglich sein, sich für derartige CCTs von der DBP die Korrektheit der Protokollimplementation bestätigen zu lassen, ohne daß die Station auch alle Forderungen der Dienstgüte erfüllen muß.

Man erwartet sich von diesem Vermarkten der Kompatibilität wahlweise mit und ohne Dienstgüte nicht nur niedrigere Stationspreise, sondern auch eine weitere Möglichkeit, bereits installierte Stationen und Rechner zu Quellen und - mit Einschränkungen - Senken von Teletex-Nachrichten aufzuwerten. Diesem einfachen Zugang von Datenverarbeitungsanlagen zum Teletex-Dienst kommt auch eine hohe Bedeutung für das Zusammenwachsen von Message Handling und Teletex zu.

Obwohl Teletex und Message Handling nur zwei Ausprägungen der elektronischen Post darstellen, war bisher eine Trennlinie zwischen ihren Entwicklungen zu beobachten. Dazu mag auch der Name Teletex beigetragen haben. Für viele Datenverarbeiter klingt er zu sehr nach Telex, das sie mit altmodisch, langsam und "freiheitsberaubenden" Postvorschriften gleichsetzen. Damit wird vielfach nicht erkannt, daß im Teletex-Dienst nur die Protokollelemente und Funktionen vorgeschrieben sind, die für Kompatibilität und Dienstgüte unerläßlich sind, und der Hersteller in der Art der Implementation völlig frei ist. Eine dem Dienst besonders angepaßte Station kann ebenso angeschlossen werden, wie ein PC oder ein Universalrechner mit seinen Datenterminals. Auch die große Vielfalt der zulassungsfähigen Anlagen (Bild 3) ist vielfach noch unbekannt und wird nur zum Teil genutzt.

Telebox (Tbx) ist der Dienstname der Deutschen Bundespost für ihr öffentliches Message-Handling-System. MH ist eine Entwicklung der Datenverarbeiter. Wie in der Datenverarbeitung üblich, stand die Normung nicht am Anfang dieser Entwicklung. Vielmehr entstand MH mehr oder weniger zufällig und parallel an mehreren Stellen, bis die Inkompatibilität der verschiedenen Lösungen "zum Himmel schrie" und die Normungsgremien den Auftrag erhielten, das Chaos zu ordnen. Dabei sind zwei Sätze von Protokollen, einer für öffentliches, einer für privates MH, entstanden. Die Normen für beide - Bild 4 zeigt ihren prinzipiellen Aufbau - enthalten zahlreiche Optionen. Anders als Teletex gibt es jedoch keine Norm für eine Form, in der die Partner zu Beginn der Kommunikation die Optionen aushandeln können, die sie verwenden wollen. Auch die Codierung der eigentlichen Nachricht ist nicht genormt, sondern muß abgesprochen beziehungsweise vom einzelnen System vorgegeben werden. Dasselbe gilt für die Kommunikationsprotokolle und Funktionsverteilung zwischen Endgerät und dem restlichen Teil des User Agents.

Dies ist durchaus folgerichtig, da man in der DV-Welt üblicherweise nur mit Partnern verkehrt, die man näher kennt, mit denen man sozusagen offline die Absprachen trifft, die für eine tatsächliche Kompatibilität notwendig sind.

Die CCITT-Empfehlungen der X.400 Serie waren 1984 fertig. Sie normen den Verkehr zwischen kompletten MHSn. Sie stellen also sicher, daß eine Meldung nicht genormten Inhaltes auf genormte Weise von dem Fach des Senders zum Fach des Empfängers gelangt (Bild 4). Der Verkehr zwischen Station des Box-Inhabers und dem Zentral-System gilt als interner Verkehr des User Agents (UA) und ist damit nicht Gegenstand der Normung. Erste verkaufsfähige Produkte wurden Mitte 1987 angekündigt. Die entsprechenden Standards von ISO für private Mail-Systeme hatten Ende Juli 1987 den Status von Normentwürfen. Die Standardisierungsrichtung ist anders als bei Ttx. Bei Ttx ist alles festgelegt, was zum Austausch der Nachricht benötigt wird. Die Freiheit beginnt darüber. Bei MHS werden in eine Welt gewachsener Freiheiten Zug für Zug kompatibilitäts-fördernde Balken eingezogen, die Freiheit schrittweise kanalisiert. Mie Multivendor-Schau auf den Hannover-Messen '85 und 86 zeigte, daß man dabei erfolgreich ist.

Wenn sie nicht bewußt geplant waren, wie entstanden dann die MH-Systeme? Anfangs sind sie fast von selbst gewachsen!

Der Datenverarbeiter verfügt über ein Terminal, über das er mit den Verarbeitungsprozessen in seiner Datenverarbeitungsanlage (DVA) verkehrt. Diese Terminals vermehrten sich ständig. In dem Moment, wo ein ausreichender Anteil der Kollegen, mit denen der einzelne Datenverarbeiter auch direkten schriftlichen Austausch pflegt, gleichfalls

ein Terminal hatte, lag der Gedanke nahe, die Terminals auch zum Austausch von schriftlichen Mitteilungen von Mensch zu Mensch zu benutzen. Da all die Terminals an den zentralen Rechner angeschlossen waren, im abgeschalteten Zustand nicht empfangsbereit sind und in der Regel keinen eigenen Speicher hatten, um eine Meldung so lange zu speichern, bis der Leser wiederkehrt, richtete man zu diesem Zweck für jeden Kommunikationspartner einen Briefkasten im Zentralrechner ein. Diesen sollte der Empfänger immer dann leeren, wenn er sein Terminal einschaltete. Um ihm das Abfragen leerer Mailboxen zu ersparen, wurden elegante Systeme so eingerichtet, daß immer dann, wenn das Terminal eingeschaltet wurde, vom System eine Meldung kommt, wenn Post im Briefkasten ist.

Nachdem diese Systeme zur Verbindung von Teilnehmern, deren Terminals direkt an demselben Rechner angeschlossen waren, gut funktionierten, nahm man auch Teilnehmer auf, deren Terminals indirekt mit dem Computer verbunden waren. Ihre Stationen werden erst über ein Datennetz mit dem MH-Rechner verbunden. Das Terminal kann auch an das Fernsprechnetz angeschlossen sein und sich darüber hinaus an das Paketvermittlungsnetz und den MH-Rechner heranwählen.

Pferdefuß der Holschuld

Bei öffentlichen MHSn ist die Regel, daß sich Endgeräte und Box an verschiedenen Orten befinden. Dabei zeigt sich zwar der "Pferdefuß" der Holschuld - der Empfänger gibt viel Geld aus, um zu erfahren, daß keine Post vorliegt, der Absender weiß nie, wann seine Nachricht wirklich ankommt. Dennoch bietet selbst diese umständliche Arbeitsweise in Ländern mit schlecht funktionierender Briefpost erhebliche Vorteile gegenüber dem physischen Transport von Schriftstücken.

In den USA sorgten jedoch nicht nur die desolaten Zustände der Briefpost und die großen Entfernungen, die der körperliche Transport eines Briefes zu überwinden hat, für die rasche Verbreitung von öffentlichen MHS, sondern auch seine, im Verhältnis zu Telex und Teletex niedrige Einstiegsschwelle. Die Grundgebühren für Teletex liegen je nach Entfernung zum nächsten Vermittlungsknoten zwischen 800 und 1200 Dollar pro Monat. Die Grundgebühren für Telex wurden von 46 auf 190 Dollar angehoben, um den neuen MH-Systemen einen "fairen Wettbewerb" mit Telex zu ermöglichen. Die Grundgebühr für den Unterhalt einer Mailbox dagegen ist ähnlich moderat wie in Deutschland (bei Telebox der DBP zum Beispiel 40 Mark); für die Übertragung wird der normale Telefonanschluß mitbenutzt. Dabei kann man sich, mit einem akustischen Koppler ausgerüstet, sogar die laufende Modemgebühr sparen. Das Terminal ist primitiv und billig. Zusätzlicher Komfort wie Führen von Verteilern, Editierhilfen, Rechtschreibprogramme können zentral geboten werden. Diese Dienste belasten zwar die laufenden Gebühren für das Telefon und das MHS, aber nicht die nutzungsunabhängigen Grundkosten. Heute sind die USA von miteinander konkurrierenden, vielfach noch inkompatiblen öffentlichen MHS überzogen. Auch in vielen anderen Ländern der Welt gibt es öffentliche MH-Systeme, die nur soweit sie vom selben Hersteller kommen, gruppenweise untereinander verbunden sind. Da nahezu alle Systeme einen Zugang zum Telex-Dienst bieten, kann Telex auch als Brücke zwischen inkompatiblen MHS benutzt werden.

Für die größere Verbreitung von MHS in den USA dürfte auch eine Rolle spielen, daß US-Anwender weniger Sinn für "Dokumenten-Treue" haben als Deutsche, daß der große US-Markt englisch schreibt und damit an den Zeichenvorrat kleinere Ansprüche stellt, als das vielsprachige Europa. Welche Bedeutung der unterschiedlichen Adressierung (Ttx: Anschlüsse = Firma, Abteilung; MH: Box-Inhaber = Mensch) im Hinblick auf den organisatorischen Ablauf in der Behandlung eingehender Post zukommt, wäre noch eine Untersuchung wert.

Solange die öffentlichen MHS nicht untereinander kompatibel sind, das heißt noch nicht auf X.400 umgestellt sind, so daß ihre verschiedenen Teilnehmer zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen können, bildet Telex oft die einzige Verbindung zwischen diesen getrennten Inseln. Darüber hinaus ist der Zugang zu Telex mit seinen 1,6 Millionen Teilnehmern ein wesentlicher Bestandteil der Attraktivität aller Electronic-Mail-Systeme, das heißt für MHS ebenso wie für Ttx. Bei der Umsetzung von MH zu Tx gehen Darstellungsmöglichkeiten, beim Zugang Tx zu MH Gütemerkmale verloren, dennoch ist diese Verbindung für die Anwender beider Dienste attraktiv. Der Zugang von Ttx ist zwar in X.430 festgelegt, wird aber von öffentlichen HMSn noch nicht, von privaten nur selten angeboten.

Daneben bietet der Anschluß an das Telex-Netz auch noch die Möglichkeit, aus dem Käfig der Holschuld herauszukommen und in der Not, einem Box-Benutzer ein Telex zu schicken, das da lautet "Schau endlich in deinen Briefkasten, Du wirst darin ein Dokument finden, das so lang ist und so viele verschiedene Zeichen benutzt, daß ich es nicht über Telex übertragen will". Die Betreiber von MHS haben die Methoden fortentwickelt und verfeinert, mit denen sie den Inhaber einer Mailbox auf das Eintreffen einer Nachricht aufmerksam machen. Sie lassen ihn vom MH-System anrufen oder per Euro-Pieps verständigen. Auch die X.400 Serie enthält zahlreiche Möglichkeiten den Sender und den Empfänger darüber zu informieren ob eine Meldung eingetroffen, vom Empfänger abgeholt oder ihm zum Beispiel per Briefpost zugeschickt wurde.

1) Diebold geht hier mit dem Begriff Electronic Mail sehr frei um. Sonst versteht man nur Message Handling und Teletex manchmal auch Telefax darunter.

2) Der Ausdruck "Endgerät" wird in diesem Aufsatz vielfach im Sinne des CCITT für regulierte Dienste als "Endpunkt der Verantwortung des Dienste-Betreibers" verstanden. Man hat sich also weniger ein Gerät als ein juristisches Gebilde vorzustellen.

3) Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Italien, Kanada, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Schweden, Schweiz, Südafrika, Türkei, USA.

4) CCT: Unter dieser Bezeichnung behandelt CCITT die PC-Kommunikation, nachdem die USA sich gegen eine unmittelbare Normung im Bereiche der PCs ausgesprochen haben.

wird fortgesetzt