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25.05.2001 - 

EAI-Forum 2001: Verhaltenes Ja zu Integrations-Tools

EAI entwächst der Bastelstube

MAINZ (bs) - E-Business, C-Commerce und Supply-ChainManagement erfordern die Integration von Anwendungen und Prozessen. Enterprise Application Integration (EAI) soll den Anwendern dabei helfen. Erste Projekte versprechen Erfolg.

"So wichtig EAI auch ist, es ist keine Erfolgsstory, die sich unternehmensintern gut verkaufen lässt", lautet das ernüchternde Fazit von Heiko Schinzer, Vorstand der Administration Intelligence AG, auf dem EAI-Forum 2001 des Kongressveranstalters IIR in Mainz: "Der sichtbare Teil eines Web-Shops kostet vielleicht 200 000 Mark, die dazugehörige Integration in das Backend sowie mit den Analyse- und CRM-Systemen oft mehr als das Zehnfache. Das ist aber nicht sichtbar, und kein Manager gibt gerne Geld für etwas aus, was er nicht sieht."

Handfeste Beweise des Nutzens in Mark und Pfennig können trägen Entscheidern in puncto EAI-Software aber Beine machen. So ist die Deutsche See GmbH & Co. KG, Anbieter von Frischfisch und Meeresfrüchten, auf dem besten Weg, die Kosten für Schnittstellen-Programmierung und -pflege um fast 85 Prozent zu senken, wie Diedrich Schröder auf dem EAI-Forum berichtete. Er ist zuständig für die IT bei dem 1400 Mitarbeiter starken Unternehmen aus Bremerhaven. Bis dato beschäftigten sich dort allein rund 20 der insgesamt 40 IT-Mitarbeiter mit der Pflege der Interfaces: "Das machen künftig noch eine Handvoll", so sieht es der Plan vor. Um den Erfolg des Projektes sicherzustellen, hat Schröder von Beginn an darauf geachtet, dass die Geschäftsführung sowie IT- und Fachbereiche mit im Boot waren.

Info-Drehscheibe für 26 StandorteDie Aufgaben bei der Deutschen See bestehen darin, einen Web-Auftritt mit entsprechenden E-Commerce-Funktionen (Shop, Verfügbarkeitsprüfung etc. ) zu bauen. Dazu galt es, Anwendungen (darunter SAP R/3) zu integrieren, die auf rund 40 Unix-Systemen und 30 NT-Netzen an rund 26 Standorten laufen. Auch die Einbindung bestehender Mainframe-Applikationen sowie verschiedener Datenbanken gehörten zum EAI-Konzept. Basis dessen ist das EAI-Tool "Warehouse Workbench" (WWB) der Hamburger Systemfabrik GmbH.

Das Werkzeug bietet eine Metadaten-Engine, Adapter für die Kopplung von gängigen Softwareprodukten und Datenbanken, eine Workflow-Steuerung sowie die Möglichkeit, neue Geschäftsprozesse per Mausklick zu gestalten. Genau die Bausteine, die eine moderne EAI-Plattform liefern sollte, erklärt Richard Nußdorfer, Geschäftsführer des Münchner Beratungshauses CSA Consulting. Vor allem die Möglichkeit, Prozesse übergreifend modellieren zu können, sei eine Stärke von EAI-Tools, mit der sie sich von klassischer Transaktions- oder Message-basierter Middleware sowie Application-Servern abheben.

Wie dem norddeutschen Fischverarbeiter geht es derzeit vielen Unternehmen: "Das Internet bedeutet applikationstechnisch den Rückschritt in die Steinzeit", konstatiert Administration-Intelligence-Vorstand Schinzer. Der Mann sollte es wissen: In seiner mehrjährigen Tätigkeit als Assistent am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg war er in zahlreiche Softwareauswahl- und Beratungsprojekte involviert: "Viele Entwickler waren und sind damit beschäftigt, eine noch größere Zahl von Applikationen zu bauen, von denen die meisten nicht miteinander kommunizieren", beschreibt er die Situation bei E-Business-Projekten. Der Zwang vieler Betriebe, schnell im Internet Geschäfte zu machen, sowie die Konzentration auf Kernkompetenzen, nennt er als Ursache für diesen Software-Flickenteppich.

Im Rahmen von E- und C-Commerce sowie Supply-Chain-Management entstehe bei Anwendern nun zunehmend der Zwang, diese Anwendungsinseln zu integrieren. Schinzer:"Nur wer Prozesse innerhalb des Unternehmens durchgängig gestaltet hat und darüber hinaus seine Partner IT-technisch und organisatorisch einbindet, ist im E-Business erfolgreich." EAI-Plattformen könnten dabei helfen.

Erkenntnis setzt sich durchDiese Erkenntnis setzt sich bei vielen der rund 100 nach Mainz gereisten Anwendervertreter mittlerweile offenbar durch. Deutlich ist, dass sich EAI weder auf eine bestimmte Unternehmensgröße noch auf bestimmte Branchen reduziert. Ob Giganten wie Siemens, EADS, Daimler-Chrysler, EON und Neckermann, Mittelständler wie Deutsche See oder junge Companys wie Loyalty Partner (Payback-System), Mytoys.de und Le Shop, sie alle beschäftigen sich mit EAI und haben zum Teil schon eine Plattform gewählt.

Die Vorteile der neuen Integrationsarchitekturen liegen auf der Hand: Standardbausteine verringern den Aufwand für die Programmierung von Schnittstellen zwischen Anwendungssystemen. Neue Geschäftsmodelle und die dazu nötigen Applikationen lassen sich rascher umsetzen und der Informationsfluss zwischen Programmen sowie über Unternehmengrenzen hinweg ist leichter überwachbar. EAI bedeutet aber auch, Bewährtes weiter nutzen zu können, also Investitionsschutz: Dank generischer Connectoren lassen sich beispielsweise bestehende Mainframe-Anwendungen einbinden - das freut die Controller.

Bewährtes weiter nutzenDie Bewährungsprobe auf breiter Front müssen EAI-Tools in Deutschland aber noch bestehen. Lange Entscheidungswege in den Unternehmen und die fehlende Erkenntnis, dass die Wahl eines EAI-Tools strategisch sei, nennt Wolfgang Martin, als Senior Vice President Europe für die Application Delivery Strategies der Meta Group verantwortlich, als Hemmschuhe für die raschere Verbreitung.

So fällt beispielsweise ein Multi wie Siemens eine solche Millionen Mark schwere Entscheidung für ein EAI-Werkzeug natürlich nicht über Nacht. Dass darüber allerdings mehr als ein Jahr vergeht, und am Ende das "Go" nochmal verschoben wird, nur weil vielleicht nicht alle Entscheider mit im Boot sind, ist leider heute keine Seltenheit. Martin: "Die Entscheidung für ein EAI-Tool betrifft das gesamte Unternehmen." Insofern gehörten sowohl die Business-Verantwortlichen als auch die Personen mit ins Team, die die Software implementierten, auf Kriterien wie Performance und Skalierbarkeit achteten und am besten sogar testeten - also die IT.

Die Anbieter trifft laut Auguren allerdings eine Mitschuld an den unendlichen Warteschleifen: In der Vergangenheit diskutierten sie mit Vertretern der IT-Abteilung auf Bit-Ebene, über die "beste" Adaptertechnolgie oder über Features der darunter liegenden Middleware und Mapping-Tools. Heute stellen sie hingegen verstärkt den wirtschaftlichen Nutzen in den Mittelpunkt ihrer Marketing-Strategien.

Dazu finden sie logischerweise Fachabteilungen und Business-Verantwortliche als Sparringspartner. Jedoch vernachlässigten die Hersteller dabei nun wieder die technische Machbarkeit, so dass zusätzliche Verhandlungen mit der IT zu führen seien. Hinderlich ist zudem, dass viele Anbieter auf technische Details wie Anzahl der verkrafteten Transaktionen keine Antwort hätten: "Die Produkte sind halt zum Teil noch recht jung," stellt CSA-Geschäftsführer Nußdorfer fest. Die Entscheidung für ein EAI-Werkzeug deswegen auf die lange Bank zu schieben, komme Unternehmen aber teuer zu stehen: "Während Monate, manchmal sogar Jahre für den Auswahlprozess ins Land gehen, enstehen immer neue Softwareinseln, die mittels aufwändig programmierter Punkt-zu-Punkt-Verbindungen kommunizieren - wenn überhaupt."

Nach den Erfahrungen der Meta Group ist EAI "die E-Basis von E-Business". Die Gleichung dafür erscheint logisch: Erfolgreiches E-Business heißt, bisherige Geschäftsprozesse nach außen zu erweitern. Das bedeutet Kooperation mit Lieferanten und Kunden, was wiederum dazu führt, dass unterschiedliche Anwendungen zu integrieren sind - mit einem Wort: zu EAI. Doch Analyst Martin warnt Unternehmen davor, die Integration allein um der Integrationwillen zu betreiben: Der Aufwand, der nötig sei, Systeme zu koppeln und Prozesse abzustimmen, müsse dem Nutzen oder der Wertschöpfung, die daraus resultiert, gegenübergestellt werden. Also zuerst den "Return on Integration" ermitteln.

Doch fehle es den meisten Anwendern an der nötigen Basis: "Viele Unternehmen haben keine Hausaufgaben gemacht und ihre Prozesse nicht einmal intern durchgängig gestaltet, wie es Fachleute Mitte der 90er Jahre immer wieder predigten", bemängelt der Analyst. Die Sünden der Vergangenheit holten die Betriebe nun wieder ein. "Wer D-to-D (D = Department) nicht beherrscht, lernt B-to-B oder B-to-C nicht mehr."

Ausgewählte EAI-Produkte und BeratungAnbieter / Produkt / Kontakt

Atos Origin / Beratung / www.atosorigin.com

Bowstreet / Business Web Factory / www.bowstreet.com

Candle / E-Business Plattform 3.0 / www.candle.com

Compuware / Uniface 8.0 / www.compuware.de

Crossworlds / Processware (E-Business Infrastructure) / www.crossworlds.com

Dignos / Dynamx Competence Suite / www.dignos.com

Entory / Beratung / www.entory.de

Fujitsu-Siemens / Open Seas / www.fujitsu-siemens.de/openseas

IBM / Websphere, MQ Series (Integrator) / www.ibm.de

Seebeyond (STC) / Exchange E-Business Integration Suite / www.seebeyond.de

Silverstream / E-Business Plattform / www.silverstream.com

Systemfabrik / Warehouse Workbench / www.systemfabrik.com

Tibco / Active Enterprise Integration / www.tibco.com

Vitria / Businessware / www.vitria.com

Webmethods / Webmethods Enterprise / www.webmethods.com

Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit

EAI-Projekte

140 auf einen Streich

Bei der Union IT-Service GmbH, dem Dienstleister der Union Investment (www.union-investment.de), Deutschlands drittgrößter Fondsgesellschaft, sollen 140 DV-Systeme auf unterschiedlichen Betriebsystem-Plattformen integriert werden - darunter eine Vielzahl von Eigenentwicklungen. Ziel ist es, die Zahl der Schnittstellen auf ein überschaubares Maß zu reduzieren und die Kosten für Programmierung zu senken. Nach den Regeln des Auswertungsverfahrens Ufab II, das oft bei öffentlichen Ausschreibungen zur Anwendung kommt, machte schließlich Vitrias "Processware" das Rennen. Die Dokumentation erfolgte in "ARIS" der IDS AG. Als Berater wurde die Entory AG aus Karlsruhe hinzugezogen.

Ferienwagen im Web buchen

Nicht nur im Reisebüro kann man sich bei Holiday Auto (www.holiday-auto.de) einen fahrbaren Untersatz für den Urlaub mieten. Im Jahr 2000 vermittelte das Unternehmen insgesamt rund 230000 Ferienwagen. Mittlerweile werden davon rund 7 Prozent via Internet gebucht. Dazu war es nötig, das bestehende Reservierungs- und Auftragssystem ins Internet zu bringen. Basis für die Web-Integration ist die "Dynamx"-Suite von Dignos. Dadurch lassen sich die Geschäftsprozesse eins zu eins im Internet abbilden - bei zufriedenstellenden Anwortzeiten.

Mit E-Motion ins E-Zeitalter

Ein Integrationsprojekt der komplexeren Art läuft derzeit bei Siemens ICN (www.siemens.de). Unter dem Schlagwort "E-Motion" bündelt der Unternehmensbereich seine E-Business-Aktivitäten für E-Sales, E-Service, E-Procurement und E-SCM. Dazu müssen Prozesse bereichs- sowie anwendungsübergreifend modelliert und integriert werden. Herzstück für die Prozessgestaltung und Connectivity ist Software von Crossworlds. Damit werden I2s "Trade Matrix", Beschaffungssoftware von Commerce One sowie IBMs "Websphere" und Content-Management-Tools von Interwoven eingebunden. Auch SAP-Anwendungen, Order-Tracking und Logistiksysteme sollen in einem weltweiten mehrstufigen Rollout angeschlossen werden.

Abb: Integrationschaos

EAI-Software dient als zentrale Informationsdrehscheibe und reduziert die Zahl der zu pflegenden Schnittstellen. Quelle: Administration Intelligence AG