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28.07.2000 - 

Thema der Woche

EAI - Hoffnungsträger mit noch unklarer Zukunft

Software zur Enterprise Application Integration (EAI) ist ein neuer Typ von Middleware, auf dem große Hoffnungen ruhen. Mehr als nur ein Produkt, weniger als eine Lösung versprechen die Tools und ihre Anbieter, drängende Integrationsaufgaben bei Mergern und der Back-OfficeAnbindung zu erleichtern sowie vor allem die E-Business-Strategie technisch umsetzen zu helfen. Ein Allheilmittel ist aber auch EAI nicht.

"Unternehmen haben viele Jahre damit verbracht, Infrastrukturkomponenten und disparate Technologien zu implementieren. Nun beginnen die Hersteller, auf Druck der Kunden umfassende, integrierte Softwarelösungen zu entwickeln. Die sich anbahnende Verschmelzung von Entwicklungswerkzeugen mit traditioneller Middleware einerseits sowie das Entstehen eines EAI-Marktes andererseits werden die Softwareindustrie verändern." Zu diesem Resümee kamen kürzlich Analysten von Dataquest bei einer Bestandsaufnahme aktueller Entwicklungen im Middleware-Markt.

Treibende Kräfte hinter dieser Entwicklung sind der anhaltende Trend in Richtung "buy not build", sprich Standardsoftware, und vor allem der wachsende Integrationsbedarf in den Unternehmen. Angesichts der globalen Wettbewerbssituation steigt der Druck, die zugekauften (ERP, CRM) und bestehenden Anwendungen besser miteinander zu integrieren sowie durchgängige Geschäftprozesse für das E-Business aufzusetzen. Auch müssen die über Jahre gewachsenen und mit hohen Investitionen erstellten Legacy-Systeme in die DV-Landschaft eingebunden werden. Soll aber jede Anwendung mit jeder sprechen, gerät das Thema Schnittstellen-Entwicklung und -Verwaltung zur Herkulesaufgabe für die IT-Abteilung. Schon heute entfallen schätzungsweise 35 Prozent der laufenden Kosten auf diese Wartungsarbeiten.

Genau an diesem Punkt setzen daher die Anbieter von EAI-Produkten an. Sie versprechen eine schnelle und pflegeleichtere Integration, indem sie die beteiligten Systeme auf Anwendungs- und Prozessebene koppeln und die darunter liegende Funktionalität für den Anwender verbergen. EAI-Lösungen übernehmen die Datentransformation, verfügen über regelbasierte Maschinen (Engines), helfen bei der Workflow-Steuerung und stellen Adapter und Konnektoren zur Anbindung vorhandener Anwendungen bereit. Sie dienen jedoch nicht der Implementierung von Geschäftslogik. Auch ist eine Klassifizierung der EAI-Produkte angesichts der vielen Anwärter und unterschiedlichster Produkte nur schwer möglich. Immerhin lassen sich für eine erste Orientierung grob vier Gruppen unterscheiden: Zum einen "Integration Server", die eine Server-zentrierte, skalierbare Architektur besitzen, sowie zum anderen "Message Broker", die durch eine dezentrale Server-Architektur eine bessere Lastverteilung versprechen. In eine dritte Gruppen fallen Produkte, die in erster Linie der Datenintegration zwischen Datenbanken und Anwendungen dienen sowie schließlich als vierte Variante klassische Middleware-Produkte, die um intelligente Konnektoren erweitert wurden.

Für Wolfgang Martin, Analyst der Meta Group, ist EAI vor allem deshalb notwendig, weil Anbieter von betriebswirtschaftlicher Standardsoftware mit ihren Produkten nicht alle Geschäftsdimensionen abbilden können. Auf dem diesjährigen "EAI Forum" des Seminarveranstalters IIR Technology in Mainz sah er voraus, dass ERP seine Rolle gegenüber einem Supply Chain Planning als umfassenderem Konzept verlieren werde. Dessen Ziel sei es, die Informations-Wertschöpfungskette durch Kollaboration, Planung, Operation und Steuerung der Prozesse zu schließen. "Die Voraussetzung für E-Business ist ein prozesszentrisches und kein ERP-zentrisches Denken", so Martin.

In anderen Worten bezeichnet EAI den technischen Unterbau eines sich radikal verändernden Supply-Chain-Managements.

Dieses umfasst künftig nicht nur interne Abläufe, sondern soll auch Kunden und Partner über das Internet anbinden. Damit ist die Hoffnung verbunden, die Wertschöpfungskette durch die Beseitigung von Brüchen und Überschneidungen in der Prozesskette zu schließen, Geschäftsprozesse einfacher anpassen sowie Transaktionen durchgängig und automatisch verarbeiten zu können. Eine Verbesserung der Softwarequalität und Kosteneinsparungen durch EAI spielen in diesem Kontext zunächst eine untergeordnete Rolle.

Zu einem Umdenken bei dem seit jeher stiefmütterlich behandelten IT-Thema Modellierung und Definition von Geschäftsprozessen werden aber EAI-Tools vermutlich nur wenig beitragen. Dies war auch in Mainz eine immer wieder gehörte Befürchtung. "EAI ist ein grundlegender Baustein des E-Business, doch dieses ist nur erfolgreich bei einer ganzheitlichen Betrachtung von Technik und Prozessen", fasst Ulrich Pape, Mitarbeiter des Anwendungszentrums Logistikorientierte Betriebswirtschaft am Paderborner Fraunhofer-Institut, zusammen. Ein EAI-Projekt, so Pape, müsse sich idealerweise auch mit der Semantik und Syntax von Daten und Geschäftsprozessen auseinander setzen. Die IT-Abteilung sollte sich dabei auf die Integrationsarbeiten konzentrieren und für die Modellierung auf externe Berater zurückgreifen. Allerdings hat Pape die Erfahrung gemacht, dass EAI-Projekte mit der Tool-Auswahl beginnen und sich auf deren Einsatz beschränken.

Ähnlich kritisch bezüglich der Umsetzung von EAI zeigten sich auch Herstellervertreter, die im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Mainz Rede und Antwort stehen mussten. So räumte Holger Exner, Marketing-Manager bei Viasoft, stellvertretend ein, dass sich komplexe Integrationsaufgaben nicht durch ein Tool allein lösen lassen, sondern immer auch die manuelle Nachbearbeitung nötig ist. Ivo Totev, Manager Produkt-Marketing bei Sun, stimmte dieser Beurteilung zu und erwartet, dass auch in Zukunft EAI-Lösungen nur maximal 80 Prozent aller Integrationsaufgaben bewältigen können. Ebenso hält Herbert Sattler, Systemarchitekt bei Fujitsu-Siemens, den Einsatz von Infrastrukturwerkzeugen erst dann für sinnvoll, wenn eine Prozessmodellierung vorausgegangen sei. Die EAI-Produkte allein seien lediglich "Mittel zum Zweck".

Zudem zeigte die Veranstaltung, dass trotz der großen Resonanz mit gut 180 Teilnehmern EAI derzeit vor allem unter Herstellern und Analysten heiß diskutiert und beworben wird, während Anwender erst langsam das Potenzial des neuen Middleware-Konzepts erkennen. Dabei fehlte es auch nicht an kritischen Stimmen, die in EAI lediglich eine Fortsetzung der bisher praktizierten Anwendungsintegration sehen und daher das ganze Thema als alten DV-Hut abtun. Andere IT-Vertreter nahmen diese Einschätzung indes freudig-überrascht und mit einer gewisssen Erleichterung zur Kenntnis, schlossen sie daraus doch, dass sie bereits seit Jahren EAI gemacht hätten, ohne es gewusst zu haben.

Derweil herrscht rege Betriebsamkeit in den technischen und vor allem Marketing-Abteilungen der Softwarebranche : Zu den neu gegründeten EAI-Firmen gesellen sich täglich weitere Anbieter aus dem klassischen Middleware-Lager, Hersteller von Entwicklungswerkzeugen, Datenbankanbieter, Workflow-Spezialisten bis hin zu Standardsoftware-Produzenten. Momentane Schätzungen schwanken von 30 bis zu über 100 Firmen, die als EAI-Anbieter bezeichnet werden könnten. Klare Führerschaften lassen sich in dem stark zersplitterten Markt noch nicht ausmachen. Selbst prominente Hersteller wie IBM, Neon, Tibco oder Mercator können nur jeweils rund zehn Prozent der Umsatzanteile für sich verbuchen. Sie alle hoffen auf neue Einkünfte aus einem Marktsegment, in dem laut Dataquest 1998 bereits 315 Millionen Dollar weltweit für Lizenzen ausgegeben wurden. Bis 2003 sollen sich die Umsätze bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 45 Prozent auf zwei Milliarden Dollar belaufen. Berechnungen von Winter Green Research gehen für 2003 gar von 8,8 Milliarden Dollar aus. Hinzu kommt, dass EAI ein beratungsintensives Feld ist, so dass die Serviceumsätze weit über den Produktverkäufen liegen werden.

Bei der eigentlichen Produktauswahl sollte der Anwender angesichts von Lizenzkosten zwischen 50000 und einer Million Mark genau wissen, ob er eine EAI-Lösung für eine umfassende Systemintegration benötigt oder ob es um kurzfristig herzustellende, eventuell kostengünstigere Point-to-Point-Verbindungen geht. Auch ist zu überlegen, ob in jedem Projekt die benötigte Anwendungsintegration unbedingt per EAI erfolgen muss oder ob nicht wie bisher oft üblich eine asynchrone Datenübertragung ausreicht.

Einigkeit besteht unter Fachleuten darüber, dass derartige Grundsatzfragen und die bereits genannte Notwendigkeit in größeren EAI-Projekten, die Geschäftsprozesse zu modellieren, nicht alleinige Sache der IT-Abteilung und externer Berater, sondern auch der Fachabteilungen und des Vorstands sein sollten. Podiumsdiskutant Hans-Ulrich Breme, Solution Architect bei Candle, hat jedoch wie seine Kollegen die Erfahrung gemacht, dass das Thema EAI noch nicht im Management angekommen ist. Als Herstellervertreter spreche er über Integrationsthemen nur mit IT-Abteilungen. Hängt das Anliegen aber mit einer E-Buisness-Strategie zusammen, so gehen durchaus Impulse vom Vorstand aus beziehungsweise fällt es der IT und dem EAI-Hersteller leichter, sich Gehör in der Chefetage zu verschaffen.

In die Entscheidung für ein bestimmtes Tool sollten zudem technische Kriterien wie Plattformsupport, Transaktionssicherheit, Adaptervielfalt bei der Auswahl genauso eine Rolle spielen wie etwa strategische Kriterien wie Referenzkunden, Vor-Ort-Service, Lizenzkosten und die Zukunftssicherheit des Anbieters. Gerade letzter Aspekt ist angesichts zahlreicher Übernahmen und Kooperationen in der EAI-Branche nicht zu unterschätzen. Auch ist noch lange nicht entschieden, ob sich auf Dauer ein eigenständiges Marktsegment etablieren wird. Die heute schon zahlreichen Kooperationen, Übernahmen und OEM-Vereinbarungen sprechen eher dafür, dass EAI-Technologie zum festen Bestandteil von Standardsoftware für ERP, E-Commerce oder Marktplätze einerseits sowie von Middleware wie Datenbanken und Applikations-Servern andererseits werden könnte. Daneben wird es aber mit Sicherheit auch Nischenanbieter für spezielle Integrationsprobleme geben.

Anwender müssen sich darüber im Klaren sein, dass EAI andere Middleware-Technologie nicht überflüssig macht. Vielmehr wird nun eine bequemere und schnellere High-Level-Integration auf Anwendungsebene möglich. Darunter kommen jedoch weiterhin Basistechnologien wie Corba, MOM, TP-Monitor, ODBC, JDBC oder COM zum Einsatz. Ferner haben EAI-Produkte insbesondere für Individualsoftware oder Branchenlösungen wenig zu bieten. Die Programmierung und Anpassung neuer Interfaces soll jedoch dank einer grafischen Modellierungs- und Entwicklungsumgebung erleichtert werden. Wie groß die Kosteneinsparungen gegenüber bisheriger manueller Schnittstellen-Implementierung und -Pflege sind, lässt sich laut Konferenzsprecher Richard Nußdorfer, EAI-Experte und Geschäftsführer des Münchener Beratungshauses CSA Consulting, derzeit noch schwer beziffern (siehe Kasten "Kostenrechnung").

Von enormer Bedeutung für die Zukunft von EAI ist zudem die Verwendung der Extensible Markup Language (XML) in den Produkten. XML, darin sind sich alle Hersteller einig, wird die Grundlage für Industriestandards für den geschäftlichen Datenaustausch sowie für den Aufbau elektronischer Marktplätze liefern. Gerade letzter Aspekt macht zugleich eine Stoßrichtung deutlich, die viele der derzeit angebotenen EAI-Lösungen, die nur auf eine unternehmensinterne Integration abzielen, schon bald nicht mehr zeitgemäß machen könnte: Die Ausdehnung der Geschäftsprozesse und lose Anwendungsintegration über das Internet.

In diesem Szenario werden XML und das Hypertext Transfer Protocol (HTTP) die dominierenden Standards für die Systemkommunikation und den Datenaustausch zwischen Unternehmen und Kunden sein. Microsoft, IBM, Sun und weitere Hersteller haben dies bereits erkannt und sich beispielsweise hinter das XML-HTTP-basierte Simple Object Application Protocol (Soap) gestellt. Ein neuer Überbegriff macht auch schon die Runde: "Internet Application Integration" (IAI).

Sascha Alexander

salexander@computerwoche.de

EAI ForumUnter www.computerwoche.de bietet die Redaktion ein Forum zum Thema Enterprise Application Integration (EAI). Wenn Ihr Unternehmen viel Geld für die Integration von Anwendungen ausgibt, finden Sie hier Hilfe, die Aufwendungen künftig zu reduzieren. Laut Gartner Group geben Betriebe mehr als 35 Prozent ihrer IT-Budgets für die Integration von Applikationen aus. EAI-Software verspricht hier Einsparungspotenziale. Die "intelligente" Middleware bildet nicht nur das Rückgrat für die technische Verbindung zwischen Anwendungen, sondern berücksichtigt auch die betriebswirtschaftlichen Anforderungen. Das Forum bietet neben interessanten Links, CW-Artikeln und Terminübersichten auch einen Ratgeber, in dem Hersteller und Spezialisten Ihre Fragen beantworten.

KostenrechnungVergleichswerte und Referenzimplementierungen von EAI-Projekten in Deutschland sind derzeit noch Mangelware. Erste Beispiele wie die der Einführung eines Message Brokers bei der Südwestdeutschen Genossenschaftszentralbank zeigen jedoch, dass der Einsatz entsprechender Produkte Vorteile bringen kann. Dort galt es laut Thomas Schwenk, Business Unit Manager der USU AG aus Möglingen, 18 Teilsysteme, über 100 Empfangs-Schnittstellen, komplexe Routing-Regeln sowie umfangreiche Transformationen mit Hilfe von EAI in den Griff zu bekommen. Ziel war eine einfachere und direkte Schnittstellen-Implementierung und -wartung, das einfache Abbilden von Geschäftsprozessen sowie eine Automatisierung von Abläufen. Heraus kam das "Info Routing System" (IRS), das mittlerweile das Rückrat der SGZ-Infrastruktur bildet. Diese läuft laut Schwenk dank IRS seit zwei Jahren stabil, koppelt derzeit 20 Systeme und leitet täglich mehr als 100000 Messages im Rahmen des SGZ-Wertpapiergeschäfts weiter. Auch sind heute die beteiligten Scnittstellen gut dokumentiert und einfacher zu warten.

Die geschätzten Ersparnisse nach einem Jahr berechneten USU und die SGZ wie folgt:

Geschätzte Entwicklungskosten ohne

das EAI-Werkzeug im ersten Jahr 1388000 Mark

Tatsächliche Entwicklungskosten 214400 Mark

EAI-Werkzeug-Investition

(Produktkosten, Inbetriebnahme etc.) 580000 Mark

Tatsächliche Gesamtkosten 794400 Mark

Geschätzte Ersparnis im ersten Jahr 593600 Mark

Return on Investment 102 Prozent

Um sich Klarheit über die zu erwartenden Kostenvorteile eines EAI-Projekts zu verschaffen, sollten IT und Vorstand zudem nicht beim Return on Investment (ROI) Halt machen. Vielmehr gebe es laut Schwenk Sinn, beim Kosten-Nutzen-Modell auch den Return on Opportunity zu schätzen. Dieser umfasst beispielsweise die zusätzlichen Geschäftsvorfälle, Neugeschäfte sowie verbesserte Kundenbindung, die durch die EAI-Kopplung erst möglich werden.

Abb: Hinter dem Schlagwort EAI verbergen sich vier mögliche Softwarearchitekturen. Von ihnen ist die Point-to-Point-Verbindung die einfachste, aber auch unflexibelste Variante, die auf eine feste "Verdrahtung der Anwendungen abzielt. Die ideale Lösung wäre der Einsatz von EAI als Processware, in der alle Prozesse definiert statt programmiert würden. Quelle: CSA