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Business Report


10.07.2006 - 

ECM-Branche gerät zwischen die Fronten

Hersteller von Systemen für das Enterprise-Content-Management (ECM) sahen sich als Gewinner der steigenden Informationsflut. Ihre Visionen werden nun von den IT-Riesen pulverisiert.
Die ECM-Anbieter hoffen auf ein ähnliches Wachstum wie die Datenbankhersteller in den letzten 20 Jahren.
Die ECM-Anbieter hoffen auf ein ähnliches Wachstum wie die Datenbankhersteller in den letzten 20 Jahren.

Von CW-Redakteur Wolfgang Sommergut

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576028: ECM-Anbieter wachsen moderat;

578065: IBM stellt große Mengen Speichercode Open Source;

569356: Microsoft revidiert Portalstrategie;

545854: Content-Management: IBM muss aufräumen.

Unter dem Akronym ECM versammeln sich alle möglichen Technologien, die Informationen erfassen, verwalten, verteilen, aufbewahren und damit Geschäftsabläufe unterstützen. Angesichts der starken Zunahme von gering strukturierten Daten formulierten zur Jahrtausendwende mehrere Hersteller den Anspruch, umfassende Lösungen für alle denkbaren Dokumenttypen anbieten zu wollen.

Aus DMS wird ECM

Vornehmlich Anbieter von Dokumenten-Management-Systemen (DMS) kündigten Produkte an, die sich häufig mit dem Attribut "Plattform" schmücken. Neben den klassischen DMS-Disziplinen beherrschen sie die Verwaltung von Web-Seiten und E-Mails, erlauben die Definition komplexer Aufbewahrungs- und Löschregeln (Records Management) und verfügen häufig über Tools für die virtuelle Teamarbeit. Einige Anbieter wie Filenet vertrauten mehr auf Eigenentwicklungen, während andere wie Opentext vornehmlich auf Akquisitionen setzten.

Gemeinsam ist all diesen Unternehmen, dass sie ein großes Wachstumspotenzial für sich reklamierten. Helmut Schaper, Senior Vice President für Forschung und Entwicklung bei Opentext, bemühte regelmäßig den Vergleich mit ERP. Die Rolle, die kaufmännische Anwendungen in den 90er-Jahren spielten, käme in diesem Jahrzehnt ECM zu. Fast alle Unternehmen hätten mittlerweile Lösungen für die strukturierten Geschäftsdaten, jetzt beginne die Zeit für Dokumenten-getriebene Anwendungen. In das gleiche Horn stößt Lee Roberts, CEO von Filenet. Auf der kürzlich abgehaltenen UserNet-Konferenz zog er eine Parallele zwischen Datenbank- und ECM-Markt. Letzterer werde sich mit einem Zeitversatz von zehn Jahren genauso entwickeln und ein ähnliches Volumen erreichen.

Sieger sehen anders aus

Mehr als ein halbes Jahrzehnt nach der Entstehung des ECM-Konzepts haben sich die hohen Erwartungen der Branche nicht erfüllt - und das, obwohl der Wirtschaft nach den Bilanzskandalen um Enron und Worldcom strengere Regeln im Umgang mit Geschäftsinformationen auferlegt wurden. Die Vorschriften, die im Zuge von Sarbanes Oxley und Basel II erlassen wurden, waren für ECM-Anbieter ein willkommenes Verkaufsargument. Compliance, also die Notwendigkeit für Unternehmen, die neuen Vorschriften mit Hilfe von IT-Systemen einzuhalten, betrachtete die Branche als eine wesentliche Triebkraft für ihr Wachstum.

Sowohl die Umsätze der großen Anbieter als auch des breiten Mittelfelds legten im letzten Jahr aber durchweg nur einstellig zu, Opentext musste sogar ein Minus hinnehmen. Die Aktienkurse praktisch aller renommierten Hersteller dümpeln seit Jahren vor sich hin. In den Preisen der Papiere spiegelt sich nicht nur das moderate Wachstum der Vergangenheit wider, vielmehr schätzen die Anleger das Potenzial der ECM-Spezialisten wohl geringer als diese selbst. Filenet-Chef Roberts räumte gegenüber der computerwoche ein, dass die Unternehmen die Börse erst durch gute Ergebnisse überzeugen müssten.

Die mäßige Performance der ECM-Anbieter muss allerdings nicht bedeuten, dass entsprechende Lösungen nicht gefragt sind. Die geschäftlichen Möglichkeiten, die sich durch das explosive Wachstum schwach strukturierter Informationen ergeben, sind sicher vorhanden. Es stellt sich jedoch die Frage, ob sie längerfristig die Grundlage für ein eigenständiges ECM-Business bieten. Die Entwicklungen der letzten Jahre sprechen dafür, dass unabhängige ECM-Anbieter nur geringe Chancen haben, in die Liga der IT-Schwergewichte aufzusteigen. Unter den Top Fünf befindet sich mit der IBM zwar ein IT-Elefant, der aber schwerlich als Spezialist durchgeht. Ansonsten stehen die Zeichen eher nach Übernahme und Neuausrichtung. Documentum verlor 2003 seine Selbständigkeit, als es von EMC aufgekauft wurde. Hummingbird erhielt Ende Mai dieses Jahres ein Übernahmeangebot der Investmentfirma Symphony TG. Nach Ansicht von Dr. Ulrich Kampffmeyer, Geschäftsführer der Project Consult Unternehmensberatung GmbH in Hamburg, hatte das kanadische Unternehmen den Anschluss an das ECM-Führungsquartett verloren. Er betrachte die Übernahme schlicht als "Exit" der Unternehmensgründer.

Das bisherige Selbstverständnis vieler ECM-Spezialisten als Technologiefirmen wird untergraben, weil viele Komponenten ihrer Systeme mittlerweile als Bestandteil der Infrastruktur gelten. Portale und SOA-fähige Office-Pakete verdrängen proprietäre Clients, Suchmaschinen und Workflow-Systeme sind als Open Source oder als Zugaben zu Betriebssystemen sowie Datenbanken zu haben, und Tools für die synchrone Kommunikation in virtuellen Teams sind auch eine Domäne der IT-Schwergewichte.

IT-Riesen entdecken ECM

Die rasante Entwertung von ECM-Basistechnologie trifft die Branche umso härter, als sie ohnehin eine vergleichsweise geringe Fertigungstiefe hat. "Viele Komponenten, etwa für die Erfassung und Kategorisierung von Dokumenten, Konvertierung und Viewing, E-Mail-Management oder zur Texterkennung (OCR) stammen meist von Drittanbietern", so Kampffmeyer. Neben der IBM, die mit einem heterogenen Portfolio diesen Markt bedient, drängen vor allem Microsoft und Oracle verstärkt in das ECM-Segment. Die Datenbank-Company kündigte erst kürzlich die Produkte "Content Database" und "Records Database" an, die demnächst als Optionen für die "10g Enterprise Edition" angeboten werden.

Microsoft verfolgt mit der Version 3 der "Sharepoint Services" das Ziel, alle wesentlichen Bausteine für das ECM auf einer Plattform zu versammeln. Das Unternehmen wirbt damit, dass es mit Ausnahme einer Erfassungskomponente und einer Archivlösung bald über ein vollständiges Portfolio für die Verwaltung, Verteilung und Verarbeitung gering strukturierter Informationen verfügen werde.

Opentext, das sich gerne als größten unabhängigen ECM-Anbieter bezeichnet, ging aufgrund der Microsoft-Pläne eine weit reichende Partnerschaft mit den Redmondern ein. Noch vor zwei Jahren kündigte das kanadische Unternehmen Investitionen in Höhe von 500 Millionen Dollar an, um die zahlreichen zukauften Produkte auf eine einheitliche Architektur zu bringen. Aufgrund der bestehenden Installationen fühlt sich Opentext zwar weiterhin verpflichtet, in die eigene Basistechnik zu investieren.

Opentext baut auf Microsoft

Die grundsätzliche Neuausrichtung des Unternehmens sieht aber vor, dass es zukünftig individuelle und branchenspezifische Anwendungen auf Grundlage der Microsoft-Plattform entwickelt. "In einer idealen Welt", so erklärte Executive Chairman Tom Jenkins am Rande der Münchener Sharepoint-Konferenz gegenüber der computerwoche, "würden alle unsere Kunden auf das Microsoft-System umsteigen und Opentext könnte seine ECM-Infrastruktur aufgeben". Der Opentext-Manager beklagte, dass sich mit ECM-Basistechnik kein Geld mehr verdienen lasse. Dieses Geschäft sei aufgrund der großen Stückzahlen nur noch für die ganz Großen wie Microsoft interessant.

Unter dem führenden Quartett hält einzig Filenet das Fähnchen des unabhängigen Technologieanbieters hoch. Das Unternehmen bekräftigte erst kürzlich auf der Berliner UserNet-Konferenz, dass es sein "P8"-System weiter vorantreiben werde. Ein gut integriertes Produktportfolio, die Unterstützung für heterogene Umgebungen sowie eine hohe Skalierbarkeit des Systems soll Filenet helfen, im Markt der Global 5000 gegen die IT-Schwergewichte zu bestehen.

Zwischen den Fronten

Für Kampffmeyer reiben sich die ECM-Spezialisten gleich zwischen mehreren Fronten auf. Ihr Spielraum werde nicht nur durch die Hersteller von IT-Infrastruktur und Standardsoftware eingeengt. Zusätzlich übernähmen intelligente Speichersysteme immer mehr von den typischen DMS-Aufgaben. Im Rahmen des "Information Lifecycle Managment", das sich die großen Storage-Anbieter auf die Fahnen geschrieben haben, entwickelt sich moderne Hardware zu einer vollwertigen Archivlösung. Wenn Fachanwendungen ihre eigenen Aufbewahrungsregeln definieren, können sie die revisionssichere Archivierung von Geschäftdokumenten im Zusammenspiel mit modernen Speichern selbst organisieren und benötigen dafür kein DMS. Das ERP-System von SAP beispielsweise übernimmt mit dem Business-Process-Management (BPM), Records Management, einem Dokumenten-Repository oder einer eigenen Suchmaschine immer mehr Funktionen für das Content-Management. Anwender können sie die fehlenden Erfassungs- und Speicherkomponenten ankoppeln und auf ein ergänzendes ECM-System verzichten. Das betrifft nicht nur die Archivierung, sondern beispielsweise auch die Erfassung von Dokumenten: "Eine Capture-Straße von Kofax oder Captiva lässt sich ohne Weiteres auch direkt ohne zusätzliches DMS vor ein SAP-System spannen", so Kampffmeyer. Auch Datenbankanbieter wie Oracle bieten Alternativen zur herkömmlichen Verwaltung mit einem DMS oder Archiv durch direkte Speicherung der Objekte in der Datenbank selbst. Selbst das Web-Content-Management orientiert sich immer mehr in Richtung ECM mit Dokumenten-Management, Workflow und Records Management.

Düstere Aussichten

Im deutschen Markt tummeln sich einige mittelständische Unternehmen, die zumeist als DMS-Anbieter begannen und sich heute mehrheitlich mit dem ECM-Etikett schmücken. Keiner davon schaffte es in die internationale Oberliga. Ihr Jahresumsatz beträgt in der Regel unter 20 Millionen Euro, zum Teil liegt er im einstelligen Bereich. Da sie vor allem gängige ECM-Leistungen wie Erfassung, Workflow oder Archivierung erbringen, sind sie mit den Veränderungen der Branche genauso konfrontiert wie die großen Anbieter. Aufgrund ihrer Historie verfügen sie oft über ein Portfolio von Produkten auf unterschiedlicher technischer Basis, das nur lose integriert ist.

Um dem ECM-Anspruch gerecht zu werden, müssten sie erhebliche Summen in ihre eigenen Plattformen investieren. Angesichts der Entwertung von Basistechnologien ist das schon für die Großen wirtschaftlich fragwürdig. Um gegenüber einem breiten Commodity-Angebot von Microsoft, Oracle oder SAP bestehen zu können, gibt beispielsweise FileNet im laufenden Jahr 80 Millionen Dollar für Forschung und Entwicklung aus - ein Betrag, der weit jenseits dessen ist, was die hiesigen Mittelstandsfirmen aufwenden können.

Die kleineren Hersteller geraten laut Kampffmeyer deshalb in einen Teufelskreis: "Verfallende Lizenzpreise und die verschärfte Wettbewerbssituation zwingen sie zur Verstärkung des eigenen Projektgeschäfts, um die Produktentwicklung finanzieren zu können. Dabei geraten sie aber in Konkurrenz zu ihren eigenen Vertriebs- und Systemhaus-Partnern. Diese sorgten bisher für die nötige Verbreitung der ECM-Pakete, so dass sich für die Anbieter das Geschäft mit eigener Produkttechnologie erst lohnte."

Bröckelnde Lizenzeinnahmen

Einige Firmen versuchen aus der Zwickmühle durch immer undurchsichtigere Lizenzbedingungen und gesondert bepreiste Zusatzmodule zu entkommen, so der Hamburger Branchen-Guru: "Zum Basispreis kommen zusätzliche Kosten für alle möglichen Komponenten hinzu, die erst eine Lösung ermöglichen". Außerdem sei es bei vielen kleineren Anbietern üblich, individuelle Erweiterungen aus Kundenprojekten in die Standardsoftware einfließen zu lassen, da die Personalressourcen nicht parallel für getrennte Produktentwicklung, Qualitätssicherung und Durchführung von Projekten ausreichen. Dies gehe zu Lasten der Produktarchitektur: "Die neue Software soll so aus der jüngsten, großen Kundeninstallation entstehen. Dabei ist nicht sichergestellt, dass durch den individuellen Projektcharakter auch die notwendigen Release-, Abwärtskompatibilitäts-, Architektur-, Schnittstellen- und Komponenten-Voraussetzungen für ein echtes, über Lösungspartner vertreibbares Standard-Produkt gegeben sind."

Zu den deutschen Playern, die ihre bestehenden Produkte auf Basis einer neuen Architektur konsolidieren wollen, zählt die in Escher ansässige Dvelop AG. Sie versucht das Problem hoher Investitionen in Commodity-Funktionen dadurch in den Griff zu bekommen, dass sie das neue System zu wesentlichen Teilen aus Open-Source-Bausteinen zusammensetzt. So soll die selbst entwickelte, proprietäre Middleware zukünftig einem J2EE-Server weichen, als Suchmaschine soll "Apache Lucene" zu Einsatz kommen, die Workflow-Engine kommt voraussichtlich von Sun, das die von SeeBeyond erworbene "Java CAPS BPEL Engine" freigegeben hat und selbst für das Content Repository bieten sich mit Apaches "Jackrabbit" freie Implementierungen für den JSR-170-Standard an.

Dvelop agiert damit ähnlich wie Open-Source-Integratoren, beispielsweise Red Hat oder Spikesource. Im Unterschied zu diesen beiden muss das deutsche Softwarehaus aus den freien Komponenten ein übergreifendes Produkt entwickeln, während der Schwerpunkt der beiden anderen Unternehmen auf Konfiguration und Tests liegt. Dafür möchte Dvelop auch zukünftig Lizenzen verkaufen, eine Freigabe des Basis-Frameworks als freie Software sieht die Firma nicht vor.