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28.03.2003 - 

Aufsichtsrat feuert CEO Richard Brown

EDS gerät erneut in heftige Turbulenzen

MÜNCHEN (jha) - Die Krise beim weltweit zweitgrößten IT-Dienstleister EDS spitzt sich zu. Der Aufsichtsrat entließ den seit 1999 amtierenden CEO und Chairman Richard Brown. Unter der neuen Führung scheint auch eine Zerschlagung des Konzerns denkbar zu sein. Microsoft und Hewlett-Packard haben Interesse an dem geschwächten Unternehmen bekundet.

Nach Bekanntwerden von Browns Demission schossen die EDS-Aktienkurse in die Höhe. Um neun Prozent legten die Papiere innerhalb von 24 Stunden zu. Der Anstieg ist Beleg für das mangelnde Vertrauen, dass die Anleger zum Schluss dem scheidenden Chief Executive Officer entgegengebracht hatten. Im vergangenen Jahr machte der Dienstleister durch entgangene Outsourcing-Verträge, überraschend deutliche Gewinnwarnungen, finanzielle Schwierigkeiten, fallenden Aktienkurs und fehlgeschlagene Optionsgeschäfte auf sich aufmerksam. Dennoch streicht Brown eine üppige Abfindung ein. Insgesamt erhält er 37 Millionen Dollar bar und in Aktien.

Neue Chefs erwecken Hoffnung

Der Kursanstieg drückt aber auch die Hoffnung aus, die die Investoren in das neue Führungsduo setzen. Mit Jeffrey Heller, künftig Chief Operating Officer und President des Unternehmens, holten die Verantwortlichen einen EDS-Veteranen. 34 Jahre war der heute 63-Jährige bei EDS tätig, bevor er 2000 das Unternehmen verließ. Heller genießt hohes Ansehen in der Firma. Ihm traut der Aufsichtrat zu, das Tagesgeschäft in den Griff zu bekommen. Die Berufung von Michael Jordan zum CEO und Chairman sorgt hingegen für Spekulationen. Der Topmanager, der sich bereits zur Ruhe gesetzt hatte, geriet Mitte der 90er Jahre in die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse, als er den kränkelnden Energiekonzern Westinghouse umkrempelte und in das Medienhaus CBS umwandelte. Nun rätseln die Analysten, welchen Weg EDS unter Jordans Fittichen einschlagen wird. "Es liegt nahe, dass ein Aufteilungsszenario auch bei EDS zumindest durchgespielt wird", mutmaßt Rüdiger Spies, Vice President bei der Meta Group Deutschland.

Die ersten Interessenten hat die "Financial Times" bereits ausgemacht. Die Zeitung berichtet, Hewlett-Packard (HP) und Microsoft hätten Kontakt zu EDS aufgenommen, um Möglichkeiten einer strategischen Zusammenarbeit auszuloten. Unter Berufung auf Branchenkreise heißt es, die Unternehmen schlössen weder eine Minderheitsbeteiligung noch eine Komplettübernahme aus. Bestätigt wurde der Bericht nicht.

Sicher ist, dass HP und Microsoft ihre Servicesparte stärken wollen. Es wäre jedoch verwunderlich, wenn die Häuser EDS am Stück schlucken würden. HP liefert laut Spies gute Infrastrukturservices, "es fehlt allerdings das Themenspektrum auf Geschäftsebene. Die Berater von AT Kearney würden das HP-Portfolio gut ergänzen", meint der Meta-Group-Analyst. EDS hatte die Consultants 1995 übernommen.

Microsoft betont derzeit zwar, das Partnergeschäft für die Navision-, Great-Plains- und Customer-Relationship-Management-Produktlinien stärken zu wollen, baut aber zugleich eine eigene Consulting-Einheit auf. Je stärker die Softwerker in den Bereich der Geschäftsapplikationen vorstoßen, desto lauter werden die Forderungen der Kunden nach Implementierungs- und Integrationsservices vom Hersteller. "Ich bin mir sicher, dass sich Microsoft schon jetzt auf dieses Szenario vorbereitet", sagt Spies. Ob der EDS-Konzern für den Ausbau der Servicesparte der richtige Partner wäre, ist fraglich. Das Gros der EDS-Einnahmen stammt aus dem Großrechnerbetrieb. Für die Redmonder dürften allenfalls Infrastrukturdienste für Microsoft-Umgebungen interessant sein.

EDS wiegelt derzeit ab, konkrete Maßnahmen wurden noch nicht angekündigt. "Ich bin hier, um das Unternehmen wieder in die Spur zu bringen", erklärte Jordan nach seinem Amtsantritt. Ein Unternehmenssprecher betonte zudem, dass das Duo nicht als Interimslösung angetreten sei. "Wir haben ein Team zusammengestellt, das aus einem bewährten und global denkenden CEO und einer Führungskraft besteht, die EDS vom Beginn an mit aufgebaut hat." Welch schwieriger Weg vor den beiden liegt, mussten Jordan und Heller schon umittelbar nach ihrer Ernennung erfahren: IBM drängte EDS erst vor wenigen Tagen aus einem noch bis 2009 laufenden Outsourcing-Vertrag mit dem Servicehaus Certegy. Das Unternehmen betreibt Transaktionsprozesse für Banken. Certegy zahlt für die nächsten zehn Jahre 150 Millionen Dollar, um Rechenzentrums- und On-Demand-Services von IBM zu beziehen. Der Wechsel scheint Certegy so wichtig gewesen zu sein, dass das Haus bereitwillig eine Strafgebühr von zehn Millionen Dollar an EDS entrichtete.

Der Wechsel des Outsourcing-Partners wäre kaum erwähnenswert, gäbe es die Vorfälle des letzten Jahres nicht. So fügt sich die Certegy-Entscheidung in eine Reihe von Pannen ein, die zu einem schnellen Verfall der EDS-Reputation geführt hat. Begonnen hat das Unheil Mitte letzten Jahres. In einer Zeit, als die Outsourcing-Konkurrenten bereits über schleppend verlaufende Geschäfte klagten, hielt EDS unter Browns Führung lange an den günstigen Prognosen fest. Ende September 2002 kam das böse Erwachen, als das Unternehmen eine unerwartet hohe Gewinnwarnung aussprechen musste. Das vorgesehene Ergebnis wurde um 84 Prozent verfehlt, und der Umsatz sackte ab. Die US-Börsenaufsicht SEC startete daraufhin Ermittlungsverfahren.

SEC ermittelt gegen EDS

Besondere Beachtung schenkte die Behörde auch den im Dezember 2001 abgeschlossenen Derivategeschäften. Mit diesen Investitionen hatte die EDS-Führung versucht, die Kosten für Aktienoptionsprogramme zu senken und gleichzeitig den Cashflow aufzubessern. Dabei wetteten die Texaner auf einen steigenden Kurs der eigenen Aktie, doch der Wert des Papiers fiel drastisch ab.

Zu diesen hausgemachten Problemen gesellten sich schwierige Outsourcing-Verträge. Weil die Großkunden Worldcom, US Airways und Enron jeweils Insolvenz anmeldeten, sah EDS seine Einnahmequellen gefährdet. Derartige Abkommen benötigen erhebliche Startinvestitionen vom Anbieter, die sich erst im Lauf der langjährigen Laufzeiten auszahlen. Dass drei problematische Kunden einen Konzern wie EDS ins Wanken bringen, zeigt allerdings auch die Anfälligkeit des von Brown favorisierten EDS-Modells, mit Großaufträgen Marktanteilen zu gewinnen. In seinem Abschiedsschreiben wies der Manager darauf hin, dass in seiner dreijährigen Amtszeit so viel Neugeschäft wie in 13 Jahren zuvor erzielt wurde. Insgesamt gewann EDS innerhalb der Brown-Ära Outsourcing-Verträge im Wert von mehr als 90 Milliarden Dollar. Ein erheblicher Anteil geht jedoch auf nur sieben Großkunden zurück. Kürzlich meldete EDS Schwierigkeiten mit einem weiteren, namentlich nicht genannten Großabnehmer.

Reorganisation unter Brown

Zum Ende von Browns Amtszeit traten erhebliche Kommunikationspannen auf. Frühzeitig meldete der Anbieter bevorstehende Abschlüsse mit Procter & Gamble und Alstom. Zum Vertrag kam es jedoch in keinem Fall. Zu dem Zeitpunkt wurden schon Stimmen laut, die an der Fähigkeit von EDS zweifelten, Großaufträge noch vorfinanzieren zu können. Tatsächlich wurde die Kreditwürdigkeit herabgestuft, so dass sich die Finanzierung von Outsourcing-Deals erschwerte. Anfang des Jahres tauschte EDS dann den Finanzvorstand aus. Der neue Chief Financial Officer Robert Swan nannte drei vornehmliche Besorgungen: "Cash, Cash, Cash."

Andererseits hat es Brown geschafft, EDS aus einer Phase der Stagnation zu führen. Die ersten Jahre unter seiner Führung verliefen erfolgreich. Er verordnete dem Unternehmen, das aus 48 Geschäftsbereichen bestand, eine auf vier Säulen ruhende Organisationsform. "Da hat Brown gute Arbeit geleistet", lobt Spies. "Er hat sogleich ein internes Projekt gestartet, als er erkannt hat, dass bei EDS durch die zahlreichen Geschäftsquellen sehr viele unterschiedliche Kulturen herrschten und das Unternehmen keine geschlossene Einheit bildete." Neben den Outsourcing-Aktivitäten und dem Beratungshaus AT Kearney stärkte er das Projektgeschäft, etwa in Deutschland mit der Übernahme von Systematics, und etablierte das Produktgeschäft mit Product-Lifecycle-Management-Lösungen.

Consultants sind unzufrieden

Ungemach droht allerdings aus der Consulting-Sparte. Dort bestehen angeblich Pläne, die techniklastigen Beratungsaktivitäten aus dem AT-Kearney-Verbund herauszulösen und stärker an das EDS-Geschäft zu binden. Das Vorhaben soll weltweit gelten und ist in den ersten Ländern offenbar bereits umgesetzt. In vielen Stand-orten regt sich jedoch hausinterner Widerstand.

EDS in Deutschland

Fast unbemerkt durch den Trubel in der texanischen Zentrale gab es zudem in Deutschland einen Wechsel an der Führungsspitze. Reinhard Clemens ist ab sofort neuer Vorsitzender der Geschäftsführung der EDS Holding GmbH. Er tritt die Nachfolge von Hans-Jürgen Schwerhoff an. Einen Zusammenhang mit den Vorgängen in den USA oder mit schlechten Wirtschaftsdaten besteht dem Unternehmen zufolge nicht. Die Geschäfte in Deutschland sollen dem Branchentrend entsprechend verlaufen, für das erste Quartal 2003 verzeichnete EDS Deutschland sogar mehr Neuabschlüsse als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Meta-Group-Analyst Rüdiger Spies bezweifelt, dass EDS Deutschland im letzten Jahr schwarze Zahlen geschrieben hat. Die Berufung von Clemens wertet er als gutes Signal. "Clemens kommt aus dem Vertrieb von Systematics. Die Akquise von Neugeschäft war nie die Stärke der hiesigen EDS-Vertriebsmannschaft." So gab es in Deutschland noch keinen nennenswerten Outsourcing-Großauftrag.

Eine offene Baustelle existiert nach wie vor. Die Integration von Systematics ist laut Spies noch nicht endgültig abgeschlossen. Auch hier stoßen kulturelle Welten aufeinander. "Systematics hatte sehr gute und engagierte Leute, doch solche Mitarbeiter benötigen Freiraum", schildert der Meta-Group-Analyst. "EDS ist jedoch ein sehr zentral geführtes Unternehmen. Das mag im Outsourcing-Bereich richtig sein. Für das Projekt- und Consulting-Geschäft bereitet es Schwierigkeiten."