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17.07.1981 - 

perfekt auswärts

EDV-Englisch zum MitredenComputervokabeln kurzweilig verpackt und text-intern präsentiert 5. Kapitel, 2. Teil - Das Profi-Englisch der Basis

Wenn auch die Wörter der Programmiersprachen insgesamt gesehen recht unkompliziert und knorpelfrei anmuten, darf die leichte Erlernbarkeit des Vokabulars nicht darüber hinwegtäuschen, daß die alerten Aufsteiger unter den Organisatoren Verständigung meist auf höherer Kommunikationsebene pflegen, und gerade die Basis des Berufsstandes, die Mehrzahl derjenigen, die immer strebend sich bemühen, artikuliert sich gern im Profi-Englisch, denn so was profiliert.

Das Idiom der Manager und EDV-Eingeweihten ist weit über jeder Coding Language angesiedelt, geht es doch vor allem darum, Be- und Umschreibungen von Problemen und Lösungsmöglichkeiten zu produzieren und dort, wo ein konkretes Erledigen schwierig ist, wenigstens eine semantische Bewältigung zu versuchen.

Der Unterschied läßt sich an Grimms Märchen vom Aschenputtel verdeutlichen. Sie erinnern sich: Prinz sucht Braut, veranstaltet Fest, trifft schönes, unbekanntes Mädchen, das ihm dreimal entwischt. Beim dritten Mal hinterläßt es einen zierlichen Schuh, der auf der pechbeschmierten Schloßtreppe hängen bleibt. Prinz forscht nun mit Schuh nach Gespielin mit genauer Paßform, ermittelt zweimal die falsche (neidische Schwestern hatten sich zwecks positiver Identifizierung die Füße beschnitten). Prinz bringt beim dritten Test Schuh und passende Braut zusammen. Happy End.

Im Märchen stellt sich der komplexe, mit Sexualsymbolik überfrachtete Vorgang höchst treuherzig dar. Die Brüder Grimm verwendeten im Aschenputtel-Report keinen einzigen englischen Terminus, und auch deutsche Wörter; die auf "ung", "ing" oder "tion" auslauten, fehlen fast durchweg. Hätte besagter Prinz, bevor er sich von den Fabeldichtern interviewen ließ, einen einschlägigen Consultant konsultiert, dann wären ihm nicht so schwache Formulierungen unterlaufen wie "Ruckedigu, Blut ist im Schuh", denn ein kundiger Informatik-Macher sieht die fürstliche Brautschau aus der gehörigen organisatorischen Perspektive. Seine Version (an Stelle des Originalberichts) hätte auf die flotten Weisen des Branchenjargons nicht verzichtet. Im Urtext wird beispielsweise nie erwähnt, daß ein "Problem" ansteht, das seiner Lösung harrt. Wir haben es in der Tat mit einem "General Problem Solver (GPS)", mit einem Problemlösungsprozeß, zu tun. Nach gängiger Sprachregelung birgt dieser Ansatz die Durchdringung und Verinnerlichung einer Problemsituation und den "Aufbau eines Problemraums". Der Suchprozeß wird als Durchforschung des Problemraums verstanden, und die Selektionsphasen sind mehrfach zu durchlaufen: iterative Approximation. Es ist alles ganz einfach.

Ein Problem findet seine Lösung, wenn ein Projektplan konzipiert werden kann. Because an effective plan helps to guarantee that the resources will be committed to the most productive actions. (Nur im Märchen tut einer was, in der Realität werden "Aktivitäten" geplant). A formal approved plan is required to ensure that management efforts will support organisational goals. Ein solches "goal", was die "efforts" Seiner Königlichen Hoheit betrifft, ist: die korrekte Wahl des als optimal erkannten Objekts (Aschenputtel) zwecks späterer Ehe- so nannte man Zweierbeziehungen damals. An evaluation of the situation reveals the problem- the girl is not available, and therefore unusable. Ende der Problemanalyse.

Der Prinz fängt die Dame nach der Klebestoffmethode. Doch in der Story werden nirgends die flankierenden Maßnahmen erläutert. Denn bevor auch nur ein Schuh auf der Treppe pappt, tagt ein Project Steering Committee und läßt ein Project Control Program über den hoheitlichen Hauscomputer laufen. Control of the project means that the managers can measure their performance. They should be aware, phase by phase, how the resources are being consumed (hier: Kleister für die Treppe) and what is being done by people (if any) assigned to the project. The plan must be rewritten, reprogrammed and/or updated to adapt to changing requirements. It must also interface with monthly budget planning. The computer output should indicate possible transitions to new technologies of girl. How long will it normally take to get a girl when applying the "Compatible Shoe Method"? What will it all cost? What is the best way to succeed quickly? Are there suitable substitutes for Aschenputtel?

Unterprivilegierte Märchenkinder

Der Problemlösungsplan ist von der konkreten Aufgabe unabhängig. Seine Kontrollstrukturen muß ein Entscheidungs-Gremium festlegen; das gleiche gilt für die Definition des Zielzustandes und die Fixierung des Mittel-Zweck-Verhältnisses. Eine exakte Auflistung des Begriffsvokabulars darf nicht fehlen, sonst stimmt die Dokumentation nachher nicht. Falls der Prinz, wie das bei pingeligen Häuptlingen zuweilen passiert, eine Erklärung darüber verlangt, was sein Stab in der fraglichen Angelegenheit verrichtet, empfiehlt sich die Formulierung eines "mission statements" which should clearly define the mission of the task force - or project control department.

Die vordergründige Aschenputtelei der Grimm-Brüder verschweigt, was alles zur Problemlösung nötig war und ist. Eine betrübliche Verdrängung, wenn man bedenkt, wie viele junge Menschen durch solche Simplifizierungen zu der Annahme verleitet werden, mit "Ruckedigu" und ähnlichen könne man die bewährten Techniken der computergestützen Verfahrensoptimierung ersetzen. Schlimmer noch: Die krude Niederschrift äußerer Abläufe wirkt nicht sprachbildend, weil sie keine Terminologie vermittelt, die dem Jugendlichen in seinem späteren Spezialisten- oder Manager-Dasein nützt. Unterprivilegierte Märchenkinder werden es schwer haben, das an der Basis zeitgemäßer Organisationen übliche Profi-Englisch passiv und aktiv zu beherrschen. Darum sei (ein Wort an die Eltern) vor jeder Art von Ablenkungsliteratur dringend gewarnt.

Beim Abfassen von Aufgabenstellungen, Projektkontrollplänen, Zieldefinitionen spielt das Englische eine so tragende Rolle, daß man nicht früh genug mit dem Pauken der Fachbegriffe beginnen kann.

Was versteckt der Soziolekt?

Wenn Linguisten die Sprachgewohnheiten ihrer Mitmenschen untersuchen, kommen sie zu dem Ergebnis, daß, verschiedene Berufsgruppen unterschiedlich reden und schreiben - eine Feststellung von grandioser Banalität, die nur erträglich wird, wenn man sie semantisch bewältigt, indem man einen "Soziolekt" konstatiert (gestauchtes Substantiv aus "Sozialschicht" und "Dialekt"). Bekanntlich leiden EDVler unter einer besonders perniziösen Abart branchenbedingter Sprachstörungen, das heißt sie leiden natürlich nicht, sondern lassen leiden: Außenstehende nämlich, die den Soziolekt nicht durchschauen und die erst einmal ihr Englisch aufpolieren müssen, um hinter die Fachbegriffe und deren Ableitungen zu steigen. Dabei bleibt, wer verstehen und mitreden will, wiederholt an den Wörtern hängen, die als Abkürzungen und Neologismen die Computersprache garnieren, ohne daß sie im englisch-deutschen Dictionnaire aufzufinden wären. Dort können sie auch nicht stehen, weil sie vielfach mit Firmen- und Markennamen identisch sind, oder weil es sich um Systembezeichnungen handelt, die als alphanumerische Kombinationen die Runde machen: Es entstehen Kryptogramme wie "DPS-4 ersetzt Strich Drei, System X kommt nicht zum Zug, weil DSE-Software fehlt ..." oder so ähnlich. Die Angebotslisten der Hersteller lesen sich wie Telefonbücher - Zahlen, nichts als Zahlen, dazwischen ein paar Schräg- und Bindestriche, wenn´s hoch kommt, einige Großbuchstaben. Die Computerunternehmen selbst firmieren oft als Abbreviationen, vorweg Branchenfürst IBM (International Business Machines - Internationale Büro-Maschinen). Heute gilt es bereits als Ausweis profunder Allround-Bildung, wenn jemand hersagen kann, was sich hinter DEC, ICL, UNIVAC, CDC etc. "ausgeschrieben" verbirgt. Bisweilen beherrschen nebelhafte Vorstellungen die Szene, wenn beispielsweise das Präfix "Cii" vor dem Konzernnamen "Honeywell Bull" als ein französisches Kürzel für "Compagnie" gedeutet wird. (Es ist aber ein Verschnitt aus den Anfangslettern der "Compagnie Internationale pour l´Informatique".)

Seit der Computer der Kommunikation ins Netz ging und die "Telematik" (aus "Telekommunikation" und "Informatik") verursachte, multipliziert sich das Gewimmel der Neuwörter, denn jetzt treten Begriffe aus der Mediensprache hinzu. Wie viele Fachbezeichnungen mit dem "Tele"-Vorsatz den Soziolekt der Infokraten bereichern, vermag niemand mehr zu überschauen; es sind bestimmt mehr, als ein sudanesischer Hirtenhund Flöhe hat und gewiß nicht weniger, als man mit dem Auslaut ". . .NET" in der modernen Netzwerk-Nomenklatur vorfindet.

1000 Wörter = 80 Prozent auswärts

Um das Erlernen der wichtigsten Zentralbegriffe des Branchenjargons kommt also kein Neuling herum, denn diese Wörter allein geben den Sätzen Sinn. Hier sei auf eine linguistische Milchmädchenrechnung hingewiesen, die besagt, daß zirka 1000 Vokabeln rund 80 Prozent der Umgangssprache ausmachen. Ergo: Mit 1000 Wörtern rede ich schon 80 Prozent auswärts!

Weil die Aussage statistisch (möglicherweise) stimmt, ist sie in der Sache falsch, denn die restlichen 20 Prozent bringen erst das Verständnis, zumindest für die anspruchsvolleren Statements. Eine betrübliche Nachricht wie "Jack and Jill found out very quickly that they were incompatible in their views of life and love, so their friendship broke up" enthält 19 verschiedene Wörter, davon gehören 18 in die Gruppe der 1000 häufigsten. Aber das nützt demjenigen gar nichts der das "incompatible" (unverträglich) nicht kennt. Ohne dieses Adjektiv bleibt das Gesagte ziemlich obskur. Ähnlich verhält es sich im Informatik-Soziolekt: Die Kenntnis von zwei Buchstaben (zum Beispiel "MB" = Mega-Byte = Millionen Zeichen) entscheidet, ob man aus dem Hinweis "23 MB disk drive" eine Hausnummer oder eine Kapazitätsangabe für Magnetplatten abliest.

Wie kanalisiert man Schlüsselbegriffe in die eigenen grauen Zellen? Der einfachste Weg ist das Herumstöbern in Fachperiodika; speziell Anzeigen sind aufschlußreich. Dann sollte allerdings ein ansprechbarer Bit-Meister in Rufnähe weilen. Mit seiner Hilfe wird man innerhalb einer Woche die wesentlichen Zauberformeln der "computer community" entziffern lernen, so ganz im Vorbeigehen. Zwar weiß man hinterher immer noch nicht genau Bescheid, doch man kann mitreden. (Erfolg ist die Kunst, unbemerkt Fehler zu machen.)

Etwas fachliterarische Freizeitbeschäftigung empfiehlt sich auch aus modischen Gründen, denn so merkwürdig das klingt - es gibt tatsächlich Modeströmungen in der EDV-Begriffswelt, und wer "up to date" bleiben will, beobachtet den Trend und studiert die Werbung. Wörter und Sprachsymbole kommen und gehen: In den 60er Jahren war es schick, "MDT" im Job Talk zu verwenden, denn die "Mittlere Datentechnik" stand hoch im Kurs, obwohl bereits damals heftige Definitionsschwierigkeiten die Diskussion bewegten. In den 70er Jahren ergingen sich alle in "verteilter Intelligenz", wenngleich viele nur wenig zu verteilen hatten. In den 80er Jahren absorbierte der EDV-Soziolekt die "Ergonomie", und die Kleinkinder hinterm Haus spielten "Humanisierung" und "Job Enrichment", indem sie sich gegenseitig Sand in die Augen streuten, genau wie die großen Manager und Gewerkschafter.

Gurus der revolutionären Gerätschaft

So wechseln die Spitzenreiter der EDV-Hitparade ungefähr im Rhythmus der Bundestagswahlen. Mal ist der Datenschutz Anlaß zu einem Kongreß, mal bietet er beste Aussichten für eine Kongreß-Pleite, weil das Interesse mittlerweile zum "Personal Computer" überwechselt. Mal ist "Strukturierte Programmierung" das Gebot der Stunde, wenig später gerät ein Rechnerverbundnetz zum Thema des Tages. Währenddessen konjugiert der Fachjournalismus den jeweiligen Termini-Katalog im Präsens und Futur - und der Rest der Welt lauscht andachtsvoll den Gurus der revolutionären Gerätschaft.

Ob einer nun lauscht der auch plauscht - auf jeden Fall erscheint es ratsam, einige Standardfloskeln zu assimilieren und damit die Praxis der Sprachverschleierung zu durchkreuzen, denn bei den Experten regiert - unbewußt allerdings - das Motto: Ein Soziolekt ist nicht perfekt, wenn er mehr aussagt, als versteckt.

Ein paar Einsichten in die Bedeutung von zehn bis zwanzig EDV-Abkürzungen - und schon ist das Versteckspiel zu Ende. Weiterer Vorteil der Aufklärung: Selbst kapitale Koryphäen vermeiden in ihren Äußerungen erfahrungsgemäß die realitätsferne Euphorie, wenn sie vermuten daß der Angesprochene eine sachliche Ahnung hat. (Die Ausnüchterungszelle der Mitteilsamkeit ist mit Vermutungen tapeziert.)