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02.10.1981 - 

perfekt auswärts

EDV-Englisch zum MitredenComputervokabeln kurzweilig verpackt und text-intern präsentiertLinguistische Nachbehandlung 9. und letztes Kapitel, 1. Teil

Die englische Sprache, die uns Deutsche so nahverwandt anmutet (viele Grundwörter wie Bett und Butter, Wein und Bier klingen urgermanisch), ist in ihrer Struktur eher chinesisch, weil sie so wenige Flexionen und so viele Kurzformen aufweist. Wenn es für die Programmierung nicht das Englische gäbe - es müßte extra zu diesem Zweck erfunden werden, denn es eignet sich wie kein anderes Idiom für die maschinengerechte Codierung. Auf englisch kann man sich, wenn man will, fast durchweg einsilbig artikulieren; man kann die Wörter syntaktisch so ordnen, daß sie weitgehend unverändert bleiben. Die Sprache wird dadurch nicht allzu sehr primitiviert oder verballhornt; zwischen dem künstlichen "Cobol" und der konkreten Konversation ist der Unterschied gering.

Gleichwohl läßt auch im EDV-Bereich der "elaborierte Code" (Linguisten-Slang für "gewählte Ausdrucksweise") auf bessere Bildung schließen. Wer ,,perfekt auswärts" mitreden will, sollte permanent sein Vokabular aufpolieren, um nicht als kommunikativ randständig zu gelten. Dabei genügt es nicht, ein sprachliches Aha-Erlebnis nur passiv zu verinnerlichen, man muß auch aktiv Laut geben können - und zwar mit der richtigen Betonung. Aussprachefehler bei Englischwörtern schaden dem persönlichen Image; die Umwelt neigt zu Spottreaktionen, und sogar der Computer, auf Spracheingabe getrimmt (demnächst), verlangt von seinem menschlichen Befehlsgeber einen korrekten Akzent.

Computer-Chinesisch

Zurück zum EDV-Englisch und zu den Vorteilen dieser Sprache in der technischen Kommunikation: Warum ist dieses Idiom so praktisch? Warum entwirft niemand (ernsthaft) ein Programmierschema wie Cobol, Basic oder Pascal in Deutsch, Französisch, Italienisch, was ja durchaus möglich wäre, theoretisch zumindest?

Doch dem Fachmann, selbst wenn er sich freimachen könnte vom tradierten Snobismus der Branchen-Elite, käme ein solches Unterfangen reichlich umständlich vor. Natürlich lassen sich deutsche Ausdrücke verwenden, wenn man beispielsweise einen Pascal-codierten Ablauf beschreibt. Man spricht dann vom "Programmkopf", vom "Definitionsteil" und vom "Anweisungsteil". Die Termini "Markenvereinbarung", "Variablenvereinbarung", "Vereinbarung von Prozeduren und Funktionen" sind

zwar ellenlang, aber üblich. Doch beim regulären Befehlssatz, den der

Compiler zu verdauen hat, ist das Englische aufgrund seiner Kompaktheit und seiner starren Wortfolge (Subjekt - Verb - Objekt) jeder anderen Sprache haushoch überlegen. Hinzu kommt die geringe Flexion, das heißt, die englischen Wörter verändern sich kaum, wenn man sie beugt. Die Substanti sind meist geschlechtslos wie ein Frühstücksei. Im Plural erhalten sie ein schlichtes "s". Bei den Verben erscheint ein Beugungssignal (ebenfalls ein "s") nur in der dritten Person Einzahl. Die Vergangenheit endet in der Regel auf "d" oder , "ed" bei Verlaufsformen wird ein "ing" angehängt. Schluß der Grammatik.

Die Ausnahmen, einige starke Beugungen, sind nicht sehr zahlreich. Man lernt sie schnell, aber das ist, was den Wortschatz der Programmiersprache betrifft (egal welcher), nicht einmal nötig, denn dort wird nie etwa grammatisch gebeugt, gestaucht oder sonstwie modifiziert. Die codierten Kürzel assoziieren Pidgin oder Slang; sie sind gleichwohl gutes Englisch. Befehle wie Let, Print, End (in Basic) können, mit entsprechender Ergänzung versehen, jede gehobene Konversation bereichern. Frage an den datenschaffenden Berufsstand: Wie würden Sie die Instruktionen Print "Zeile" auf deutsch schreiben, wenn Sie einen rein germanischen Compiler im Speicher hätten?

Drucke "Zeile" (Imperativ)?

Drucken Sie "Zeile" (höflicher Imperativ)?

"Zeile" drucken (Infinitiv)?

Alle drei Übersetzungen sind möglich und richtig. Nur: Auf englisch sind solche Differenzierungen überflüssig. Jeder weiß, wie's gemeint ist.

Der "Flexionenzerfall" hat das Englische im Laufe der Zeit enorm kondensiert. Keine andere europäische Sprache umfaßt mehr einsilbige Wörter als das anglo-amerikanische Idiom, das übrigens, linguistisch betrachtet, in der Struktur eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Chinesischen aufweist, denn auch im Reich der Mitte kennt man keine Beugung, ignoriert das Geschlecht, weiß man nichts von einer Übereinstimmung zusammengefügter Satzelemente (Adjektiv, Substantiv). Die Wörter bleiben unverändert - ihre Position im Test (also in der Syntax) gibt ihnen Gehalt. Ansonsten modifizieren sie sich gegenseitig.

"When all systems are go, the head engineer will shoot the baby moon in the sky." In diesem Satz wird das Verb "go" adjektivisch gebraucht, im Sinne von "bereit". Das Substantiv "head" (vor "engineer") heißt "leitender", ist also ein Adjektiv. "Will" bedeutet nicht "wollen", sondern deutet an, daß das nachfolgende Verb in der Zukunft steht. "Baby" (vor "moon") ist ein Substantiv, das dem Adjektiv "klein" entspricht. "Baby moon" heißt dann soviel wie "Erdsatellit". Alles klar?

Dergleichen Sprachmuster liegen weit außerhalb der indoeuropäischen Verständigung. Erst kurz hinter Tibet drückt man sich ähnlich aus - und pflegt darüber hinaus noch die totale Einsilbigkeit. Chinese is an isolating language in which all endings are lost, the word becomes invariable and monosyllabic, and all relationships are shown by auxiliary words and by word order. Zum Vergleich zwei englische Texte, einer biblisch, einer technisch, worin jedes Wort nur aus einer Silbe besteht:

And the Lord said, "Let there be light", and the first rays of dawn shone through the dark. "This", said the Lord, "I shall call the Day." But soon the light came to an end, the sun set, and the Lord spoke: "This I shall call the Night." The next day the land rose up from the sea, and there were plants which bore seed, and the trees which were full of fruits. The earth was green with a soft rug of moist grass. And the Lord made the sky as a place for the clouds and the winds. There was sun and rain in the plains, and snow up on the high hills. Beasts and birds would praise the Lord . . .(and so on).

Take your seat in front of the screen and press the "go" key. Check the lights in the left row of the board. They should blink and show the "start" mode. Make sure not to touch

the keys while the lamps are red. The screen will tell you what to do next. Read all the lines of the text so you will know how to go on. As soon as your work is done, shut off the screen, turn the blue switch, pull the plugs at the back of the black box. Then look for a beer in the air duct. It should by now be nice and cool. But please don't drink too much if you want to stay at the job . . .(and so on).

Das ist alles grammatisch richtig, orthographisch okay, semantisch lapidar, stilistisch zwanglos. Doch von Moskau bis Madrid, von Rom bis Rio kann keine andere Sprache ein analoges Hack-Muster bieten, ohne dabei kastiert und lächerlich zu wirken. Wer also schon immer wissen wollte, warum die EDV-Welt "Computer-Chinesisch" redet und das auch englisch, der weiß