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Nah und doch fern: The Computer in the Doctors's Office


20.06.1980 - 

EDV noch nicht hautnah am Patienten

HANNOVER - Ende April, unmittelbar im Anschluß an die Hannover-Messe, fanden sich in Hannover rund 100 Teilnehmer aus aller Welt zur Arbeitskonferenz "The Computer in the Doctor's Office" zusammen. Veranstalter war die International Medical Informatics Association (IMIA- früher TC 4 der IFIP), verantwortlicher Leiter Professor Dr. Peter L. Reichertz von der Abteilung für Medizinische Informatik der Medizinischen Hochschule Hannover.

In sechs Sessionen wurden 27 Vorträge von international anerkannten Fachleuten mit folgender Thematik präsentiert und diskutiert:

þSystemanalyse von Arztpraxen unter Berücksichtigung von EDV-Unterstützung,

þInformationsbedarf in Arztpraxen,

þBeispiele von Computer-Anwendungen,

þBeispiele von administrativen Funktionen,

þAuswertungen von Computer-Anwendungen

þNeue Technologien.

Vorweggenommen sei das Hauptresultat: Die Einführung von DV-Anlagen im Bereich des niedergelassenen Arztes ist für die Fachwelt nicht mehr eine Frage des "Ob", sondern lediglich des "Wann". Nach der erfolgreichen Implementierung von Krankenhaus-lnformations - Systemen in den vergangenen Jahren gewinnt die .Einführung von Praxis-Informations-Systemen auf dem Weg zur Vervollständigung der Datenverarbeitung auf dem medizinischen Sektor großes Interesse.

Es bestand in den lebhaft geführten Diskussionen die Meinung, daß für die Einführung von Datenverarbeitung innerhalb der administrativen Daten (etwa bei der Abrechnung mit den Kostenträgern) Interesse und große Kooperations-Bereitschaft bei den Ärzten vorhanden ist. Bei diesen zwar als lästiges, aber notwendiges Übel betrachteten Tätigkeiten ist eine Automatisierung schon jetzt realisierbar. Es gibt bereits einige ausgetestete Systeme auf diesem Sektor. Hinzu kommen Ansätze zur Patientenführung und problemorientierten medizinischen Dokumentation.

Diagnose- und Therapie-Unvermögen verschwiegen

Anders sieht es bei der Unterstützung des Mediziners hinsichtlich der diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen aus. Obwohl in der Literatur bereits einige Arbeiten erschienen sind (zum Beispiel Anwendung von artificial intelligence etc.), nahm kein Redner hierzu Stellung. Das mag mit daran liegen, daß die an der Diskussion Beteiligten zuerst die Bearbeitung der unstrittigen Funktionen (Patienten-ldentifikation, Abrechnungs-Codes etc.) in Angriff nehmen wollen, zumal sich die Herstellerindustrie auch mehr davon zu versprechen scheint, Systeme auf den Markt zu bringen, die man mit einigen Anpassungen an das Environment "Arztpraxis" aus anderen Anwendungsbereichen übernehmen kann.

Die Hersteller von Hard- und Software wollen einen neuen, großen und zahlungskräftigen Markt erschließen, der noch weitgehend unaufgeschlossen ist. Es gibt immer mehr Ärzte, die bereit sind, größere Investitionen in einem Bereich zu riskieren, der verspricht, daß sich die Beträge teilweise mittelfristig auszahlen oder ein qualitativer Gewinn erzielt wird. Hierbei geht man davon aus, daß Arbeitskräfte effektiver eingesetzt, Terminplanungen besser aufeinander abgestimmt und die Abrechnungen mit Krankenkassen und Privatpatienten vollständiger ausgeführt werden können.

Ärzte leicht, Praxen schwer DV-zugänglich

Durch sinkende Hardware-Preise und die Entwicklung auf dem Kleinrechner-Markt werden die Anschaffungspreise immer erschwinglicher. So konnte an einigen exemplarischen Fällen demonstriert werden, daß bereits individuelle EDV-Lösungen in Arzt-Praxen testweise realisiert. sind. Hier ist jedoch eine Portabilität beispielsweise von der BRD in die USA nicht ohne weiteres möglich, da die Bedingungen in der Praxis oft zu unterschiedlich sind. Es zeigte sich auch, daß es unterschiedlich strukturierte Arztpraxen gibt, welche sehr verschieden zur EDV-Unterstützung geeignet sind. Die Einsatzzeiten sind noch zu kurz, und es fehlen noch weitgehend Methoden und Parameter, mit denen man Erfolge messen könnte.

Für die Hersteller ist ein Hauptaspekt, daß allein für eine sorgfältige Systemanalyse des zu untersuchenden Bereiches rund 30 Prozent der gesamten Entwicklungskosten einkalkuliert werden müssen. Außerdem fallen erhebliche Beträge für die Einführung eines neuen Systems sowie für das Training des Anwender-Personals etc. an. Entwicklungen dieser Art werden zwar häufig vom Staat finanziell unterstützt, hierfür müssen aber beispielsweise in den USA die geförderten Programme den Nachweis folgender Kriterien erbringen:

- volkswirtschaftliche Notwendigkeit,

- Qualitätsverbesserung der medizinischen Versorgung und

- Kostenwirksamkeit.

Computer speichert Patientendaten sicherer als der Aktenschrank

Diese Bedingungen sind im Bereich der medizinischen Versorgung oft nur schwer erfüll- oder nachweisbar. Wie will man nachweisen, daß ein Patient, der zu einem Arzt geht, dessen Praxis mit einer DV-Anlage ausgerüstet ist, besser behandelt wird, als einer, der sich von einem "konventionellen" Mediziner behandeln läßt? Zu viele subjektive, schwer faßbare Größen gehen in diese Gleichung mit ein. Es ist sicherlich richtig, daß ein gut funktionierendes Einbestell-System in der "computerisierten" Praxis eines Arztes eine eindeutige Qualitätsverbesserung darstellt, wenn dadurch lange Wartezeiten vermieden werden.

Doch empfinden es immer mehr Patienten als eine Zumutung, daß ihre "intimsten" Daten einer Maschine anvertraut werden sollen, und eine sich ausbreitende " Datenschutz -Sensibilität" greift gerade auf dem medizinischen Sektor um sich. Dabei ist der Datenschutz, darin sind sich die Experten einig, im EDV-Sektor wesentlich leichter zu gewährleisten als bei herkömmlichen Patientenakten-Archiven.

Im abschließenden Vortrag arbeitete Reichertz heraus, wie sich die Resultate aus Vorträgen und Diskussionen einordnen lassen. Drei Hauptrichtungen lassen sich erkennen:

- die wissenschaftliche,

- die Benutzer- und

- die Hersteller-/Verkäufer-Orientierung.

Diese Aspekte kann man als Achsen eines 3-dimensionalen Systems auffassen und versuchen, die wichtigsten Einflußgrößen herauszufinden. Um zu einer für alle befriedigenden Lösung zu kommen, schlug Reichertz vor, einen "interaktiven Prozeß von Analyse und Design" in Gang zu setzen, wobei sich Vertreter aller genannten Bereiche zusammenfinden sollten. Er regte zu diesem Zweck die Bildung einer neuen Arbeitsgruppe der IMIA an, die sich vorwiegend den noch offenen Fragen der EDV-Unterstützung in der Arzt-Praxis widmen soll.

* Dr. med. vet. Wolf D. Hoffmann arbeitet am Department für Biometrie und medizinische Informatik an der Medizinischen Hochschule Hannover.