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11.08.1978

EDV und Einzelhandel: Wer schafft Wen?

Joachim Wagner, Abteilung EDV und Organisation Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle für den Einzelhandel GmbH, Köln

Die Datenverarbeitung hat den Glorienschein der "Wunderwaffe" verloren. Andererseits wurde auch der zynischen Behauptung spitzer Zungen die Grundlage entzogen, die besagt, daß der älteste Beruf der Welt der des Datenverarbeiters sei: Nach Moses 1, Vers 11 stand am Anfang das Chaos, und weil ja auch 1 dieses irgendwo hergekommen sein müsse, könne nur ein Datenverarbeiter die Hand im Spiel gehabt haben. Inzwischen kann man die EDV auch in den traditionsbehafteten Bereichen der Wirtschaft, also im Handel, als anerkannt notwendiges Instrument der Unternehmensführung als Unterstützung bei der Bildung von Informationsprozessen als Grundlage unternehmerischer Entscheidung einsetzen.

Es kann nicht bestritten werden- und dies gilt gleichermaßen für alle Wirtschaftszweige -, daß zwischen langfristig avisierten Zielen und der praktischen Realität bei manchem EDV-Benutzer eine nicht übersehende Lücke klafft.

Die EDV wird in der Praxis für eine gute oder noch brauchbare oder auch gar für eine schlecht funktionierende Abwicklung des Tagesgeschäfts eingesetzt.

Einen Verarbeitungsschwerpunkt bildet hierbei das Gebiet der Statistik.

Von der Statistik im Handel gilt das gleiche, was man Bilanzen nachzusagen pflegt, nämlich zu ihrem Verständnis müsse man auch den Erstellungsgrund kennen. Mit anderen Worten, mit Zahlen läßt sich (fast) alles beweisen. Vielleicht ist es auch ein lang gepflegter, heißgeliebter Zopf, wenn Zahlen der näheren Vergangenheit aufwendig aufbereitet mit dem Zahlenfriedhof der weiter zurückliegenden Perioden verglichen werden, und dies in der Hoffnung, man erhalte somit "Führungszahlen'' im Wettbewerb von morgen.

Diesem Trend wird allerdings auch von seiten der EDV-Anbieter Vorschub geleistet, wenn über - immer noch - teure Hardware (POS-Terminals) Datenträger erstellt werden, die vielfach nur statistisch auszuwerten sind.

Es ist sicher unbestritten, daß planerisches Denken und eine zukunftsorientierte Unternehmensführung auch im Handel nicht ohne Informationen der Ablaufperiode möglich ist, diese Informationen sollten aber dann mit flexiblen und der Realität anpaßbaren Planwerten und nicht mit dem "Schnee von gestern" verglichen werden.

Hier dürften die großen Chancen für ein von der BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Mittel- und Großbetriebe) entwickeltes Unternehmensplanungssystem liegen, das sowohl extern (also in Dienstleistungsrechenzentren) wie auch später intern über eine eigene Anlage zu nutzen ist und das dem Management im Handel die Orientierung und Anpassung an die Marktdynamik erlaubt.

Die in der Theorie zu vollendeter Reife gezüchteten Informationssysteme wurden, entsprechend ''abgespeckt", zu einem praktikablen Werkzeug auch in der Hand des Handelsmannes, der nicht ein Informatikstudium absolviert hat.

Allerdings läßt sich aus Untersuchungen über diejenigen Arbeitsgebiete, die im Bereich des Handels auf die EDV übernommen wurden, erkennen, daß der Einstieg in die neue Technologie nicht ohne Hindernisse und Einschränkungen vonstatten gegangen ist. Es ist vielleicht ketzerisch, wenn schlankweg behauptet wird, daß in nicht seltenen Fällen Organisationsstrukturen hierarchisch - fast patriarchalisch - geführter Unternehmen auf die EDV transportiert wurden und damit der Computer eher zu einem Spielzeug, etwa der elektrischen Eisenbahn des Unternehmers, als zu einem wirkungsvollen Führungsinstrument wurde.

Diese Situation ist aber nicht nur von der Nachfrageseite zu sehen.

Denn als zu Beginn der 70er Jahre der Markt auf dem Industriesektor edv-mäßig gesättigt war, mußten Marktlücken erschlossen und kleinste Nischen gesucht werden, um weiterhin eine - zwar technisch vereinfachte Hardware mit aber weitgehend gleicher Software absetzen zu können.

Dies gilt für die Finanzbuchhaltung, den Lohn, die Fakturierung und auch - teilweise jedenfalls - die Kostenrechnung. Nicht aber für das im Handel wohl wichtigste Gebiet der Materialwirtschaft, sprich Warenwirtschaft. Waren Bestandsfortschreibung und Auftragsabwicklung noch vergleichbar, so trennten sich die Pfade spätestens bei der Disposition und dem Bestellwesen. Auf der EDV-Karte konnten diese weißen Stellen bis heute noch nicht zufriedenstellend gelöst werden, zum Teil vielleicht deshalb, weil die einfachsten Voraussetzungen fehlen.

Dies beginnt - für den EDV-Hasen unter Umständen unverständlich - mit der Artikel-Nummer, dem Schlüssel für die gesamte Warenwirtschaft.

Dem Chaos selbstgestrickter Schlüsselsysteme wurde die BAN-Nummer (Bundeseinheitliche Artikel-Nummer) entgegengesetzt, ohne tiefgreifenden Erfolg. Dann setzte man auf die EAN, die einheitliche Artikel-Nummer für Europa. Sie basiert auf einer vom jeweiligen Hersteller durchgeführten Produktnumerierung, die sichtbar auf die Verpackung aufgebracht wird. Durch Artikel- und Hersteller-Nummer ist laut COORG Köln, der Leitzentrale für die Verbreitung dieses Schlüssels, jedes handelsfähige Produkt identifizierbar. Und gerade das ist es, was in breiten Kreisen des Einzelhandels beanstandet wird, da eine solche Transparenz zwangsläufig zu einer Nivellierung der Preise führen muß, dem Käufer der Preisvergleich geradezu aufgezwungen wird.

Zweifellos erleichtert die EAN für eine Reihe von Unternehmen (besonders im Food-, Cash- und Carry-Bereich) den Verkaufsvorgang ganz erheblich, während sie sich im ganzen Bereich des beratungsintensiven Fachhandels nur schwerlich durchzusetzen vermag.

Solange aber die Frage der Artikel-Nummer nicht zufriedenstellend gelöst ist, muß die Warenwirtschaft in ihren zarten Anfängen ein Kartenhaus bleiben, das bei jeder Systemveränderung auf den dem Handel vorgelagerten Stufen einzustürzen droht.

Klammert man einmal den Kfz-Handel als nichtsymptomatisch für Einzelhandelsbetriebe aus, da hier weitestgehend nur Produkte eines Herstellers vertrieben werden und damit ein völlig identisches Artikelsortiment besteht, so wird die Warenwirtschaft in mittelständischen Betrieben mit zum Beispiel 15 000 Artikeln und zirka 1.000 Kreditoren zu einer wahren Sisyphusarbeit für den in Personalunion auftretenden Verkäufer/Lageristen/Einkäufer.

Das Problem ließe sieh vereinfachen, sich jedoch nicht völlig lösen, wenn entweder auf der Anbieterseite echte, modulare Branchenlösungen (nicht als solche hochstilisierte Unikate) auf dem Markt angeboten würden, was wegen der damit verbundenen, risikobehafteten Vorabinvestitionen kaum zu erwarten ist, oder sich die Anwender vermehrt zu Interessengruppen zusammenschließen, ihre Forderungen postulieren, paraphieren und durch auf alle Interessenten verteilte Kosten finanzieren würden. Ein durchaus gangbarer und vor allem wirtschaftlich vertretbarer Weg, wie er derzeit zum Beispiel vom Bundesverband des Baumaschinenhandels beschnitten wird.