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25.12.1992 - 

Goldgräberstimmung in der DV-Branche ist passé

EG-Binnenmarkt bereitet Betrieben keine größeren Probleme

Die DV-Branche blickt auf ein schwieriges Jahr zurück. Vor allem die Hardware-Anbieter hatten in den letzten Monaten mit Konjunktureinbrüchen zu kämpfen, aber auch Softwarehäuser mußten erste Tiefschläge hinnehmen. Für 1993 scheinen die Aussichten nicht besser zu sein. Viele DV-Hersteller rechnen mit anhaltenden Verdrängungswettbewerb, Preiskampf, sinkenden Margen und Unternehmensschließungen. Optimismus hingegen herrscht mit Blick auf den EG-Binnenmarkt: Die Verträge von Maastricht legen, so die einhellige Meinung, der Computerindustrie kaum Steine in den zunehmend holpriger werdenden Weg. Dies ergab eine Umfrage der CW bei rund 50 DV-Anbietern in Deutschland.

Die SAP AG ist trotz der negativen konjunkturellen Entwicklung mit dem Geschäftsverlauf 1992 zufrieden. Als Hersteller von Standardsystemen sei das Unternehmen weniger anfällig als DV-Anbieter aus anderen Bereichen, so Vorstand Dietmar Hopp. Dennoch denke man darüber nach, welche Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität ergriffen werden könnten und wie sich Kosten reduzieren lassen.

Auch für Christiane Schäfer, Marketing-Managerin der Sybase GmbH, Düsseldorf, ist klar: "Die rezessive Entwicklung trifft in erster Linie die Hardware-Anbieter." Am stärksten betroffen seien hierbei die traditionell Mainframe- und Minicomputerorientierten Produzenten, die vor allem dem wachsenden Bedarf der Anwender nach offenen Systemen, einfacher Portierbarkeit und Interoperabilität noch nicht gerecht werden konnten. Eine ähnliche Ansicht vertritt Bernd Braune, Direktor für Produkt-Marketing der NCR GmbH: "Rezessive Tendenzen hat es nur im etablierten Mainframe-Bereich gegeben. Der gesamte DV-Markt hingegen wächst."

Während die Mehrheit der Befragten noch schwierigere Zeiten für die Hardware-Anbieter erwartet, scheint die Welt für die Data General GmbH, Schwalbach, in Ordnung zu sein. Dieter Kandel, Direktor für Marketing, beziffert die Umsatzsteigerung seines Konzerns für das abgelaufene Geschäftsjahr mit rund 20 Prozent. Deutlich mehr an Umsatzplus kann die Microsoft GmbH verbuchen. Nach Angaben von Pressesprecherin Ruth Bachmann wurde bis zum 30. Juni 1992 ein Zuwachs von rund 53 Prozent erreicht. "Auch für das laufende Geschäftsjahr streben wir Wachstumsraten von über 20 Prozent an", so Bachmanns optimistischer Ausblick.

Ungeachtet des Weggangs von Vorstandsmitglied Peter Pagé sieht man bei der Software AG (SAG), Darmstadt, gelassen dem nächsten Jahr entgegen. Dazu Vorstandschef Peter Schnell: "Die Softwarebranche lebt von der Rationalisierung beim Kunden und wird daher von allgemeiner Rezession nicht so stark getroffen. Trotz der schwierigen Marktsituation ist die Software AG 1992 in allen wichtigen Märkten gewachsen." Eine Ausnahme bildet nach Auffassung des SAG-Chefs lediglich der Wirtschaftsraum Japan. Das Unternehmen, das etwa 80 Prozent seines Umsatzes im Ausland erzielt, rechnet aufgrund nicht vorhersehbarer Turbulenzen in den internationalen Finanzmärkten mit Gewinneinbußen von annähernd zehn bis zwölf Millionen Mark.

Auch Antje Behrens, Pressesprecherin bei der Stuttgarter Debis Systemhaus GmbH, räumt ein, daß ihr Unternehmen nicht ohne Kratzer davongekommen ist. Jedoch habe man trotz schwierigerer Bedingungen durch geringere Wachstumsraten die wesentlichen Ziele realisieren können. "Den für 1992 erwarteten Umsatz von 1,6 Milliarden Mark werden wir erreichen, das entspricht einer Steigerung von etwa 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr." Das Debis Systemhaus wolle künftig der Entwicklung und Vermarktung von Produkten und der Betreuung spezifischer Branchen noch größere Bedeutung beimessen.

Die 3Com GmbH hofft auf einen antizyklischen Effekt. Reinhold Schlögl-Braun, Technical Manager des Netzwerkunternehmens, glaubt, daß die Anwender vermehrt dazu übergehen, vorhandenes DV-Equipment in Netzwerke einzubinden. Deshalb prognostiziert er einen anhaltenden Aufwärtstrend für die Netzwerkbranche, auch wenn es für den Rest der DV-Industrie seiner Meinung nach nichts zu lachen geben wird.

Sabine Hage, zuständig für den Marketing-Bereich der Toshiba Deutschland GmbH, beschreibt die Situation so: "Die Marktanteile haben sich seit Beginn des mobilen Bereiches im PC-Markt stark verschoben. Heute findet der Käufer ein selbst für Insider nicht mehr überschaubare Vielzahl von Hardware-Anbietern." Hage geht davon aus, daß sich der daraus resultierende Ausleseprozeß aufgrund des weiter anhaltenden Preiskampfes noch fortsetzen wird.

Beim PC- und Peripherielieferanten Epson Deutschland GmbH, Hannover, fühlt man sich nicht zuletzt aufgrund des positiven Geschäftsergebnisses 1992 für das nächste Jahr gut gerüstet, Wolf Schreiber, Sprecher der Geschäftsleitung bei Epson, hat dafür Belege parat: "Nach neuesten Umfrage wollen die Unternehmen 1993 bereits jede vierte Investitionsmark in zusätzliche Rationalisierungsmaßnahmen stecken." In diesem Geschäft sehe man eine weiteres Wachstum in den nächsten Jahren.

Der Pressechef der Kölner Bull AG, Jörg Michael Pläsker, bringt die akutellen Branchenprobleme auf den Punkt: "Die konjunkturelle Entwicklung dieses Jahres war geprägt von einem noch aggressiveren Wettbewerb unter den Anbietern von Hard- und Software. Wirtschaftliche Überlegungen bei den Angeboten schienen dabei gelegentlich auf der Strecke zu bleiben." Die Kunden waren nach Auffassung von Pläsker angesichts der eigenen Geschäftsentwicklungen bei ihren IT-Entscheidungen zurückhaltender. Dieses Verhalten sei durch die nach wie vor diffusen Diskussionen um Standards und die technologische Weiterentwicklung in der DV-Branche verstärkt worden.

Daß im DV-Geschäft künftig ein rauherer Wind wehen wird, als dies noch vor zwei Jahren der Fall war, weiß auch Oskar Waid von der NEC Deutschland GmbH. Der Vice-President des Münchner Unternehmens rechnet mit einem Umsatzwachstum von weniger als zehn Prozent für die gesamte IuK-Industrie. Man müsse sich in Zukunft daran gewöhnen, so Waid, daß es in erster Linie nicht mehr nur um quantitative Zuwächse, sondern um das Sichern von Positionen und den Ausbau von Qualität gehen wird.

Keineswegs euphorisch in bezug auf die kommenden DV-Monate äußert sich auch Schäfer von Sybase. Für sie stehen nächstes Jahr Kostenreduzierung und Personalabbau in der Hardwarebranche im Vordergrund. Darüber hinaus rechnet die Sybase-Sprecherin mit einer Gesundung der größten Anbieter, etwa IBM oder DEC, bei kontinuierlichem, aber geringem Wachstum. Ihre Prognose: "Unternehmen wie Sun hingegen, die bereits frühzeitig auf offene Systeme setzten, dürften weiterhin zweistellige Zuwachsraten vorweisen können."

Die Verantwortlichen der Bull AG erwarten für 1993 ebenfalls anhaltend schwierige Rahmenbedingungen für den Computermarkt. Gewinner des Wettrennens um Marktvorteile werden laut Pläsker diejenigen Anbieter sein, die es am besten verstehen, traditionelle Denkschemata über Bord zu werfen und sich gegenüber den Kunden als branchenkompetent auszuweisen. Im Hinblick auf diese Anforderungen prophezeit er für das kommende Jahr zahlreiche weitere Partnerschaften, Kooperationen und Fusionen.

Kaum mehr Mut macht Schnell von der SAG den Hardwareherstellern. Auch er denkt, daß eine fortschreitende Konzentration, geprägt durch Übernahmen und Fusionen, auf die Branche zukommen wird. Etliche Hersteller würden dabei auf der Strecke bleiben, insbesondere unter den PC-Anbietern. Die sich abwärts drehende Preisspirale in diesem Bereich wird nach Ansicht von Schnell immer häufiger auch die PC-Software-Entwickler erfassen.

Dieser Meinung schließt sich Heike Gutschalk von CA Computer Associates, Darmstadt, an. Der bereits 1992 begonnene Preiskampf bei Hard- und Software werde unvermindert anhalten: "Umsätze und Gewinne fallen folglich für viele DV-Anbieter deutlich niedriger aus, als sie es von den Vorjahren gewohnt sind."

Margit Pecher, Marketing Managerin bei 3Com, erwartet eine gleichbleibend negative Entwicklung im DV-Sektor. Im Netzwerk-Business gebe es jedoch durchaus noch Wachstumschancen, vor allem in Deutschland. Ferner zeichnet sich ihrer Meinung nach eine Veränderung der Vertriebskanäle ab: "Voraussichtlich werden Vertriebskonzepte wie Discounter, Katalogbestellungen und Tele-Sales, die es in den USA bereits seit längerem gibt, auch bei uns mehr und mehr Fuß fassen." Dieser Trend führe wiederum zu einem Verdrängungswettbewerb, der kleinere Handelsbetriebe aus dem Markt drücken werde.

Für Bernd Rosenthal, Marketing-Leiter bei der Tandon GmbH, steht eine weitere Konsolidierung und ein Abbau des Überangebots fest. Dabei hofft er, einem weniger aggressiven Preisverfall als in der zweiten Jahreshälfte 1992 ausgesetzt zu sein. Der Tandon-Sprecher: "Für 1993 erwarten wir keine allgemein erhöhte Nachfrage, da die Investitionsneigung im Inland konjunkturbedingt weitgehend stagniert."

Dietrich Jaeschke, Chef des Berliner Softwarehauses PSI, blickt schon weiter voraus: "Die Perspektiven für die Computerbranche werden 1993 eher noch schlechter, erst 1994 ist mit einem nachhaltigen Aufschwung zu rechnen. Die Chancen für Softwarehäuser mit einem klaren Profil und konsequenter Zielgruppenorientierung stehen jedoch eher besser."

Auch die Dell Computer GmbH, Langen, erwartet einen Verdrängungswettbewerb, in dem sich die Anbieter mit allen Mitteln beharken werden. "Die Kunden fordern Qualität für ihr Geld. Das werden die Anbieter, die ausschließlich über den Preis verkaufen, zu spüren bekommen", ist Hendrik Geissler, Geschäftsführer für das zentraleuropäische Terrain, überzeugt.

Ähnlich klingt die Prognose von NCRs Braune für das Jahr 1993: "Die Kunden werden ihr Budget nicht automatisch verteilen. Nur ein guter Partner, der Lösungskompetenz zeigen kann, wird zum Zuge kommen."

Einig sind sich Vertreter deutscher DV-Unternehmen in bezug auf die Auswirkungen des EG-Binnenmarktes. Sämtliche Computerfirmen, ob Hard- oder Softwarehersteller, haben die Weichen längst in Richtung Europa gestellt und den Maastrichter Verträgen im Zusammenhang mit ihrer Geschäftsplanung grünes Licht gegeben.

Das trifft auch für die in Langen ansässige Dell GmbH zu. So ist das Unternehmen nach Angaben von Geissler organisatorisch und strukturell bestens auf den Gesamtmarkt Europa vorbereitet. Der PC-Hersteller fertig schon jetzt die für Europa bestimmten Produkte in der zentralen Fertigungsstätte in Limerick, Irland.

Auch die Microsoft GmbH stellt ein vereinigtes Europa nicht vor Probleme. Der PC-Software-Gigant hat sich laut Firmensprecherin Bachmann frühzeitig auf den Binnenmarkt vorbereitet. "Marketing- und Vertriebsaktivitäten werden bei Microsoft vom European Headquarter in Paris unterstützt. Dennoch bleiben die Niederlassungen eigenständig, um auf spezifische Bedürfnisse des jeweiligen Marktes eingehen zu können", so Bachmann. NEC-Vice-President Waid sieht dies ähnlich: "Nach wie vor wird sich jedes europäische Unternehmen zuerst dem deutschen, dem französischen und dem italienischen Kunden widmen müssen. Eine homogene Kundenschaft wird es auch nach der Öffnung des Binnenmarkts vorerst nicht geben."

Toshiba hat nach Informationen von Marketing-Assistentin Hage auf europäischer Ebene einige Änderungen in den Bereichen Logistik und kundenindividueller Anpassung der Produkte vorgenommen. "In Deutschland ist ein zentrales Lager entstanden, von dem aus die Belieferung der einzelnen Länder erfolgt."

Behrens von der Debis Systemhaus GmbH rechnet sich für ihr Unternehmen in dem zusammenwachsenden europäischen Wirtschaftsraum eine eindeutige Chance aus: "International tätige Kunden verstärken den Ausbau ihrer IuK-Systeme und dazu international operierende Anbieter. In einem offenen Europa können wir grenzübergreifend und trotzdem lokal die gewünschten Dienstleistungen aus einer Hand bieten."

Rosige Zeiten in bezug auf den europäischen Binnenmarkt sehen auch die Verantwortlichen der Sun Microsystems GmbH anbrechen. Nach Angaben von Marketing Direktor Gert Haas fertigt das Unternehmen aus Grasbrunn rund 53 Prozent aller Systeme in der EG. Über ein Logistikzentrum in den Niederlanden wickelt der Workstation-Lieferant bereits jetzt die europaweite Warenverteilung ab.

Für die PSI GmbH wird der EG-Binnenmarkt kaum Veränderungen bringen. Geschäftsführer Jaeschke rechnet zwar nicht mit neuen Konkurrenten, jedoch mit erheblichen zusätzlichen Formalismen, beispielsweise bei der Durchführung von Ausschreibungen.