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19.03.1993 - 

Edifact als zukuenftiger Kommunikationsstandard fuer die Logistik

EG-Binnenmarkt revidiert die EDI-Skepsis bei Langnese-Iglo

Bereits vor rund zwei Jahren hat bei Langnese-Iglo die hausinterne Abteilung "Information Technology" eine Basisstudie zum Thema EDI und Edifact durchgefuehrt. Ziel der Studie war es, zu pruefen, ob Edifact als Kommunikationsstandard fuer den nationalen und internationalen Datenaustausch sinnvoll unter strategischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten eingesetzt werden kann. Dabei spielten sowohl der Normierungsstand bei Edifact, dessen Verbreitungsgrad beziehungsweise Anwenderakzeptanz als auch Fragen der technischen Umsetzung sowie die vorhandenen Kommunikationsstrukturen eine Rolle.

Edifact als Basis fuer die Kommunikation

Letzteres betraf vor allem die Kommunikation innerhalb der einzelnen Betriebseinheiten (Produktionsstaetten, Distributionszentren beziehungsweise Kuehlhaeuser sowie die Hauptverwaltung) und den Kontakt zu Distributoren, Spediteuren, Lieferanten sowie Abnehmerorganisationen im Handel. Gleichzeitig galt es, die Verbindungen zu den Unilever-Toechtern in Deutschland und anderen europaeischen Laendern sowie den Konzernzentralen in Rotterdam und London im Auge zu behalten. Da der IT- Mitarbeiterstab bei Langnese-Iglo zum Zeitpunkt des Projektes kein ausreichendes Know-how in puncto Edifact parat hatte, wurde die Studie gemeinsam mit Experten der Lion Edinet, Gesellschaft fuer Kommunikation mbH, Koeln, durchgefuehrt.

Heraus kam, dass die Einfuehrung von Edifact als Basis fuer die interne und externe Kommunikation bei Langnese-Iglo zwar als strategische Zielsetzung anzusehen sei, reelle Voraussetzungen dafuer jedoch vor allem hinsichtlich Inhalt und Format der Edifact- Nachrichtentypen bei weitem noch nicht gegeben waren. Darueber hinaus konnte noch kein konkretes Interesse seitens der Handelspartner und Zulieferer verzeichnet werden. Die Studie lieferte also lediglich wichtige Hinweise darauf, welche Bedeutung Edifact in einem zukuenftigen Kommunikationskonzept spielen koennte. Gleichzeitig war jedoch klar erkennbar, dass ein wirtschaftlicher Nutzen nur sehr schwer nachzuweisen war.

1991 wurde dann das Thema EDI/Edifact aus einer Reihe von Gruenden erneut aktuell. Zum einen ging es im Hinblick auf den EG- Binnenmarkt um die Intensivierung der internationalen Verflechtungen einzelner Unilever-Gesellschaften, zum anderen um Bemuehungen des Konzerns um eine internationale Harmonisierung von Product-Codes (Common Coding) und den Aufbau eines internationalen Kommunikationsnetzes fuer den Unilever-Konzern. Hinzu kam, dass sich mittlerweile auch das Interesse bei den externen Kommunikationspartnern an einer Einfuehrung von Edifact deutlich erhoeht hatte.

Letzter Anstoss fuer die erneute Beschaeftigung mit Edifact war jedoch die Entscheidung von Langnese-Iglo zur Neustrukturierung der Lager- und Distributionslogistik. Im Zuge eines Konzeptes, das sich bereits in der Realisierungsphase befindet, wird an den drei Produktionsstandorten Heppenheim, Reken und Wunstorf je ein hochautomatisiertes Tiefkuehl-Zentrallager errichtet, von wo aus aus der Handel, die Broker und die einzelnen Niederlassungen versorgt werden sollen.

Bei dieser Neuausrichtung der Logistik waren sowohl die internen Kommunikationsbeduerfnisse bei Iglo-Langnese als auch die Anforderungen der externen Partner zu beruecksichtigen. Dabei galten folgende Faktoren als Entscheidungparameter:

- Stand der Edifact-Normierung,

- EDI/Edifact als Wettbewerbsfaktor,

- internationale Normierungsbestrebungen,

- Verarbeitung anderer Formate (SEDAS, SINFOS)

- Unilever-Politik hinsichtlich EDI-Datenverkehr und Common Coding,

- Investitionsschutz,

- technische Realisierbarkeit,

- Datenverfuegbarkeit und Zeitfaktor,

- Uebertragungsgeschwindigkeit,

- Datensicherheit,

- Systemsicherheit und -verfuegbarkeit,

- Datenadministration und

- Wirtschaftlichkeit.

Davon ausgehend wurde ein Projektteam aus je zwei Mitarbeitern des IT-Bereiches von Langnese-Iglo und dem externen Beratungsunternehmen Lion Edinet gebildet mit dem Ziel, den Einsatz von Edifact im Rahmen des neuen Logistikkonzeptes zu pruefen. Eine wesentliche Aufgabe bestand darin, die Informations- und Kommunikationsstroeme zwischen den am Logistikprozess beteiligten Stellen moeglichst genau zu erfassen und zukuenftige Anforderungen zu definieren. Daraus abgeleitet wurden sogenannte Nachrichtentypen, die signifikant fuer die Abwicklung der Logistic- Operations sind, etwa Anfragen, Auftraege, Auftragsbestaetigungen, Storno, Rueckmeldungen, Lagerbewegungen, Produktionsfertigmeldungen, Lieferscheine, Frachtdaten, Fakturierdaten, Stammdaten etc.

In dem zu erstellenden Konzept waren die Loesungsszenarien weitgehend offen und flexibel zu gestalten, so dass alle gegenwaertig und zukuenftig in Betracht kommenden Kommunikationspartner in das Gesamtkonzept integriert werden koennen. Die Loesungsalternativen zur Realisierung von EDI mit Edifact mussten folgende Praemissen beruecksichtigen:

- Als Protokoll fuer die Verbindung der nationalen Standorte diente X.25.

- Im Bereich der technischen Netzinfrastruktur war in den Werken, den zentralen Kuehlhaeusern und in Teilen der Hauptverwaltung der Einsatz von Decnet als lokales Kommunikationsprotokoll zu beruecksichtigen.

- Es musste ein 24-Stunden-Betrieb an sieben Tagen in der Woche gewaehrleistet sein.

- Darueber hinaus waren hohe Anforderungen in puncto Ausfallsicherheit der Rechnerverbindungen im Rahmen der Kommunikations-Infrastruktur bei Langnese zu stellen.

Bei der Auswahl der Uebertragungsnorm fuer die Inhouse-Strukturen innerhalb der Langnese-Iglo-Welt sollte eine internationale und branchenuebergreifende Norm zum Einsatz kommen. Zum einen, um den Aufbau von Inselloesungen zu vermeiden, zum anderen, um gegenueber den externen Kommunikationspartnern eine offene und damit ausbaufaehige Loesung einzusetzen. Es galt daher zunaechst einmal darzustellen, inwieweit die Nutzung von Standardnachrichten wie UN-Edifact oder SEDAS zur Abbildung der Inhouse-Strukturen sinnvoll erscheint. Dabei war neben den Uebertragungsgeschwindigkeiten in Abhaengigkeit von Netzen und Protokollen auch der Einsatz von OSI-Kommunikationsformen (X.400 oder FTAM) zu untersuchen.

Diesen Anspruch konnte UN-Edifact erfuellen. Bei der Auswahl der Directories zum Abgleich mit den Langnese-Iglo-Inhouse-Strukturen wurde die derzeit aktuellste UN-Edifact-Version 91.3 verwendet. Die von Langnese eingesetzten 23 Nachrichtentypen betreffen im wesentlichen die Bereiche Bestellung, Warenavise, Warenlieferung sowie die Artikelstammdaten. Zu ihrer Abbildung dienen folgende sechs UN-Edifact-Nachrichtentypen: DESADV (Liefermeldung), ORDERS (Bestellung), ORDCHG (Bestellaenderung), PRICAT (Preiskatalog/Artikelstammdaten), IFTMIN (Transport- beziehungsweise Speditionsauftrag) und CONTRL (Kontrollnachricht).

Die Verwendung von UN-Edifact-Nachrichten hat den Vorteil, dass die Entwicklung neuer Nachrichten nicht notwendig ist. Branchen- Subsets wurden bei der Zuordnung nicht beruecksichtigt, da externe Firmen aufgrund der Langnese-Iglo-spezifischen Inhouse-Struktur in der ersten Ausbaustufe nicht vom Datenaustausch betroffen sind.

Die Inhouse-Struktur muss daher kuenftig, wie bereits erwaehnt, neben Edifact auch andere Formate beziehungsweise Standards verarbeiten koennen, zum Beispiel SEDAS, SINFOS und eventuell auch EANCOM.

Zwar wird mit der zu erwartenden Verbreitung von UN-Edifact mittelfristig eine Beschraenkung auf einen Nachrichtenstandard erzielt, fuer einen bestimmten Zeitraum ist jedoch eine Migrationsphase erforderlich. Diese muss vom eingesetzten EDI- System unterstuetzt werden. Von der EDI-Kommunikation wird heute die Versorgung verschiedener Protokolle und Dienste gefordert. Zukuenftig werden bezueglich einer offenen Kommunikationsseite national wie international die OSI-Empfehlungen ein staerkeres Gewicht erhalten, vor allem auch um die Kommunikationsvielfalt beim EDI-Anwender ueberschaubarer zu gestalten.

Bei den erforderlichen EDI-Funktionen hinsichtlich Datenverwaltung, -transport und -sicherheit wurden mehrere am Markt verfuegbare Produkte verglichen. Fuer das EDI- Produktionssystem ueberpruefte man Funktionen wie Normdatenbank, Inhouse-Data-Dictionary, Editor, Partnerprofil, Archivierung, Ablaufsteuerung, Kommunikation, Syntaxpruefung sowie den Konverter auf Umfang, Leistungsfaehigkeit, Flexibilitaet und Zukunftssicherheit.

Des weiteren wurde der Einsatz eines EDI-Entwicklungswerkzeuges eingeplant. UN-Edifact loest zwar heute als Standard das Problem der Syntax, laesst aber die semantische Fragestellung offen. Gerade im Rahmen der entstehenden UN-Edifact-Subsets ist diesem Aspekt jedoch mehr Bedeutung beizumessen. Auch bei den von Langnese-Iglo verwendeten Nachrichtentypen wird es sich mehr oder weniger um UN- Edifact-Subsets handeln, da nur ein Teil des moeglichen Nutzdatenrahmens der jeweiligen UN-Edifact-Nachricht verwendet wird.

Die EDI-Dokumentations-Tools bieten dem Anwender die Moeglichkeit, aus den vorhandenen UN-Edifact-Nachrichten Subsets zu erstellen, die sowohl die syntaktische als auch die semantische Problematik loesen. Bei Langnese-Iglo wird hierzu "GUIDE" eingesetzt, das als Grundlage fuer die gueltigen UN-Edifact-Normen die OriginalDIN-UN- Edifact-Normdatenbank als integralen Bestandteil beinhaltet und bereits erfolgreich in verschiedenen Branchen eingesetzt wird.

Das Projektteam hat darueber hinaus mehrere Hard- und Software- Alternativen geprueft, insbesondere die Frage einer Host- oder Workstation-Loesung fuer das EDI-Produktivsystem. In diesem Zusammenhang galt es, neben der noetigen Flexibilitaet vor allem auch das Uebertragungsvolumen, die Anzahl der Kommunikationspartner, die Art der Kommunikation, Archivierungsanforderungen, der realisierbare Automatisierungsgrad, die Verfuegbarkeit sowie die Ausbaufaehigkeit zu beruecksichtigen. Weitere Anforderungen ergaben sich aus der Zielsetzung, das EDI-System als allgemeinen Kommunikations-Server unter anderem fuer Edifact, ODA, E-Mail und Fax nutzen zu koennen (vgl. Abbildung).

Die Empfehlung des Projektteams lautete daher, unter Beruecksichtigung der verschiedenen Aspekte die Integration der EDI-Funktionen in ein zentrales EDI-Gateway in Form einer Server- Loesung unter Unix in Angriff zu nehmen. Sie sollte nicht auf die Rechner eines Herstellers beschraenkt sein. Vorteile dieser Architektur sind: erhoehte Datensicherheit durch konsequenten Zugriffsschutz fuer Nicht-EDI-Partner, Entlastung des Hosts durch Verlagerung der EDI-Funktionen auf eine Workstation, 24-Stunden- Verfuegbarkeit durch Host-Unabhaengigkeit, vereinfachte Realisierung und Bereithaltung von Backup-Systemen, flexibler Einsatz von Kommunikationsverfahren und eine Kostenreduktion durch preisguenstigere Workstation-Software.

Nachteile gegenueber einer alternativen Host-Loesung ergaben sich lediglich aus dem notwendigen Unix-Skill fuer das Operating und die Maintenance. Hierbei handelt es sich jedoch lediglich um Uebergangsprobleme. Im Rahmen der internen Kommunikationsanbindung werden die EDI-Kommunikations-Server Tiger in die Infrastruktur der heute bei Langnese-Iglo bestehenden Netztypologie integriert.

Im Bereich der externen Kommunikation kommt als einheitliches OSI-Kommunikationsverfahren X.400 zum Einsatz. Durch die Verwendung von OSI-Komponenten koennen die heutigen und zukuenftigen Langnese-Iglo-Anforderungen hinsichtlich Datenvolumina, Sicherheitsanforderungen, Performance, Kosten und anderem voll abgedeckt werden. Im Laufe des naechsten Jahres soll mit der Fertigstellung des ersten Tiefkuehl-Zentrallagers der Testbetrieb in den Produktionsbetrieb uebergehen, so dass dann die Kommunikation im Projekt Logistik ausschliesslich ueber UN-Edifact abgewickelt wird.

*Diplomkaufmann Juergen Brammertz ist IT-System Analyst Sourcing/Distribution, *Diplomkaufmann Hans-Dieter Crede IT-Group Manager Commercial Systems bei der Langnese-Iglo GmbH, Hamburg. Beide sind in ihren Funktionen verantwortlich fuer das Projekt Edifact.

Langnese-Iglo

Die Langnese-Iglo GmbH mit Sitz in Hamburg ist einer der fuehrenden deutschen Hersteller von Speiseeis und Tiefkuehlkost mit einem jaehrlichen Umsatz von rund 1,9 Milliarden Mark. Das Sortiment der Hamburger umfasst zirca 650 Artikel, die in drei verschiedenen Produktionsstandorten hergestellt werden. Im Zuge des EG- Binnenmarktes existieren vielfaeltige Jointfacilities mit europaeischen Schwestergesellschaften. Der Lebensmittelkonzern beschaeftigt insgesamt rund 5000 Mitarbeiter in den Bereichen Produktion, Aussendienst und Verwaltung.

Abb: X.400-Architektur Langnese-Iglo

Das EDI-System dient als Kommunikations-Server fuer Edifact, ODA, E-Mail und Fax. Quelle: Lion Edinet