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03.06.1983 - 

Mit Forschungskooperationen soll Europa wieder in Fahrt kommen:

EG-Kommission: 3,5 Milliarden Mark für Esprit

BRÜSSEL - Mit einem Förderprogramm von umgerechnet rund 3,5 Milliarden Mark will die Kommission der Europäischen Gemeinschaften (EG) die Informationstechnik der "Alten Welt" international wieder konkurrenzfähig machen. Die Zauberformel - nomen est omen - lautet "Esprit" oder "European Strategic Program for Research and Development in Information Technology". Forschungskooperationen auf EG-Ebene sollen innerhalb von zehn Jahren den Grundstein dafür legen, daß der technologische Vorsprung der USA und Japans wettgemacht, wenn nicht in einzelnen Bereichen sogar übertroffen wird.

Vor der Presse in Brüssel erläuterte Michel Carpentier, Chef der für Forschung und Technologie zuständigen EG-Generaldirektion, die Grundzüge des ambitionierten Unterfangens. Die hohe Beteiligung bei der soeben beendeten Pilotphase von Esprit habe gezeigt, daß gemeinsame Forschungsprojekte innerhalb der EG auf großes Interesse stießen.

Zusammen mit der Industrie, so betonte Carpentier, hat die Kommission daher ein Förderprogramm erarbeitet, das beide Seiten in der ersten Phase (1984 bis 1988) mit je 750 Millionen ECU (European Currency Unit = Europäische Rechnungseinheiten) oder umgerechnet rund 1,75 Milliarden Mark finanzieren.

Esprit braucht den Vergleich mit ähnlichen Fördermaßnahmen der überseeischen Konkurrenz nicht zu scheuen. Die japanische Regierung investiert zum Beispiel 500 Millionen US-Dollar in die Entwicklung der fünften Computergeneration. In den USA haben sich die größten Halbleiterhersteller zu einem Pool zusammengetan, der jährlich 25 bis 35 Millionen US-Dollar nur für Forschungszwecke ausgibt.

Das Esprit-Programm deckt fünf Grundtechnologien ab, deren Beherrschung nach Brüsseler Meinung die wesentliche Voraussetzung für wettbewerbsfähige europäische Produkte auf dem Weltmarkt sind: fortgeschrittene Mikroelektronik, fortgeschrittene Informationsverarbeitung, Softwaretechnologie, Büroautomation und computerintegrierte Fertigung (CIM = Computerintegrated Manufacturing).

Das Programm sieht sowohl die Förderung kostspieliger und langfristig angelegter Grundlagenforschung vor als auch die Unterstützung kleinerer Vorhaben, die weniger Zeit und weniger Aufwand erfordern. Um in den Genuß von Esprit-Mitteln zu kommen, müssen sich mindestens zwei Partner aus unterschiedlichen EG-Mitgliedsländern zu einem konkreten Projekt zusammenfinden.

Die Kommission hat keine Einwände, wenn sich amerikanische oder japanische Unternehmen über ihre europäischen Ableger an Esprit beteiligen. Im Gegenteil - eine "transkontinentale Kooperation", wie Jean-Marie Cadiou, der zuständige Direktor für das Förderprogramm, es faßte, ist durchaus erwünscht. Sogar ein Engagement des Weltmarktführers hält Cadiou nicht für unmöglich:" Es gibt keinen Grund, der die IBM von der Einreichung von Vorschlägen abhält".

Gleichwohl will sich die Kommission davor schützen, unfreiwillig die Forschung der Konkurrenten zu unterstützen. Deren Beteiligung ist daher auch an bestimmte Voraussetzungen gebunden: Sie müssen mit einem "adäquaten Partner" kooperieren, der sowohl finanziell als auch von seiner Forschungskapazität her Gleichwertiges in das Projekt einbringt und nicht nur "als Mittel zum Zweck einer weltweiten Strategie" vorgeschoben wird.

Bevor die Esprit-Initiative der Kommission tatsächlich greifen kann, ist allerdings die Zustimmung des EG-Ministerrats, der Repräsentanten der zehn EG-Mitgliedsstaaten, erforderlich. Schon des öfteren ging dieses Gremium eventuellen nationalen Streitigkeiten aus dem Weg, indem es einvernehmlich die Vorschläge der Kommission in den Schubladen verschwinden ließ. Bei Esprit gibt sich die Kommission aber allen Unkenrufen zum Trotz optimistisch; sie hat den Rat aufgefordert, bis zum Oktober dieses Jahres das Programm abzusegnen.

Zehn-Milliarden-Dollar-Grenze überschritten.

Ein zweites gewichtiges Argument für Esprit ist nach Meinung der Kommission, daß das Programm von der europäischen Industrie initiiert wurde. Anfang dieses Jahres hatten sich die großen Unternehmen in einem Alarmbrief an den EG-Vizepräsidenten, Etienne Davignon, gewandt und ihre Situation in düsteren Farben geschildert.

Der Anteil der Europäer am Weltmarkt betrage nur zehn Prozent und ihr Anteil am heimischen EG-Markt liege unter 40 Prozent. Dieser geringe Marktanteil habe zur Folge, daß Absatz und Gewinn nicht ausreichten, um die erforderlichen hohen Investitionskosten für die Entwicklung neuer Produkte zu erwirtschaften. Der Einkauf fremder Technologie oder Joint-ventures seien langfristig keine Lösung, man brauche daher - so die Unternehmen - eine neue Antwort auf die Herausforderung der Konkurrenz: ein Kooperationsprogramm auf europäischer Ebene mit einem ausreichend dotierten Finanzvolumen.

Informationstechnik und Arbeitsplätze

Schließlich verweist die Kommission auf einen dritten Punkt, der für Esprit spricht: die Auswirkungen der Informationstechnik auf die Arbeitsplätze. Amerikanische und europäische Untersuchungen hätten ergeben, daß mittlerweile rund 60 Prozent aller Arbeitsplätze mehr oder minder von den neuen Techniken betroffen sind. Bereits heute werde das Bruttosozialprodukt der Gemeinschaft zu zwei Dritteln davon beeinflußt.

Die Bedeutung der Informationstechnik zeige sich auch darin, daß 1982 weltweit 237 Milliarden US-Dollar umgesetzt worden seien. Bis 1990 wachse internationalen Schätzungen zufolge dieser Sektor jährlich zwischen acht und zehn Prozent. Angesichts des Millionenheeres von Arbeitslosen - so unterstreicht die Brüsseler Kommission nachdrücklich - kann es sich Europa daher gar nicht leisten, in einer der wenigen zukunftsträchtigen Branchen den internationalen Anschluß zu verpassen.