Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

11.10.1991 - 

"Evolution statt Revolution" als strategische Devise, Teil 1

EG-Kommission realisiert eine offene Informatik-Architektur

Seit Anfang der achtziger Jahre kann die EG-Kommission auf eine eigene Informatik-Architektur verweisen, die sowohl technische als auch organisatorische Kriterien umfaßt und zudem eine langfristige "Vision" enthält. Walter Gora* beschreibt die Inhalte dieses umfassenden Konzeptes zum Einsatz von Informationstechnik und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf, die auch für andere Anwender von Interesse sind.

In den vergangenen Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß funktions- und leistungsfähige Kommunikations- und Informations-Infrastrukturen (IuK) eine grundlegende Anforderung in der modernen Arbeitswelt darstellen und die Produktivität in der Zukunft entscheidend bestimmen werden. Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie darf jedoch kein Selbstzweck sein, sondern muß konkret aus einer Unternehmensstrategie oder aus politischen Vorgaben (im Fall von Behörden) ableitbar sein und im Rahmen von Informatikstrategien und Informatikrahmenkonzepten fortgeschrieben werden.

Während sich die Informatikstrategien auf einen Zeitraum von fünf bis acht Jahren beziehen und langfristig angelegt sind, bestimmen die Informatikrahmenkonzepte als mittelfristig gültige Orientierungsleitlinien den Einsatz von Hardware, Software und Netzen in den nächsten drei bis fünf Jahren. Ziel derartiger Konzepte ist es Richtlinien vorzugeben, Anwendungen zu priorisieren und Reibungsverluste zu minimieren.

Ein integraler Bestandteil dieser Planungsunterlagen, über die jedes Unternehmen und jede öffentliche Verwaltung verfügen sollte, ist die Informatikarchitektur. Sie soll einen gesamtheitlichen Ansatz definieren, der hardware- und softwaretechnische ebenso wie organisatorische Aspekte beinhaltet.

In welcher Art und Weise Systeme strukturiert werden, ist heute noch wichtiger als vor wenigen Jahren. Wachsende Anforderungen an die immer komplexer werdenden Systemlandschaften erfordern neue Strukturierungsmaßnahmen, mit denen sich eine höhere Leistungsfähigkeit, größere Zuverlässigkeit, bessere Administrationsfähigkeit oder eine flexible und zukunftssichere Erweiterbarkeit der informationstechnologischen Systemwelt erreichen läßt. Zudem sind mit der Verteilung von Verarbeitungsfunktionen neue Architekturen notwendig, die diesen geänderten Gegebenheiten in der informationstechnischen Welt entsprechen.

Ein weiterer Faktor unterstreicht die Bedeutung einer übergreifenden Systemarchitektur für die Ausrichtung der Informationstechnologie in den nächsten Jahren. Investitionssicherheit war zu Beginn der achtziger Jahre durch das Ausrichten der eigenen Datenverarbeitung auf einen großen Hersteller weitestgehend gewährleistet.

Mittlerweile hat sich nicht nur die Begriffswelt verändert. Die Bezeichnung Datenverarbeitung, die auf ein zentrales Host-System ausgerichtet war, wird zunehmend von den Bezeichnungen Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK) sowie von der Bezeichnung Informatik verdrängt. Mit der IuK-Begriffswelt werden dezentrale und miteinander kommunizierende Systeme assoziiert; Informatik geht darüber noch hinaus, da damit auch organisatorische Aspekte, so zum Beispiel Planungsprozesse, verbunden sind.

Die Ausrichtung auf eine bestimmte Ausprägung der Informatik ist vielerorts ein Teil der strategischen Planung in Unternehmen. Ob eine bestimmte Organisationsform einen rein zentralen oder dezentralen informationstechnischen Ansatz beziehungsweise Mischformen zwischen diesen beiden Extremen verfolgt, ist bis heute häufig eine Top-level-Entscheidung. Aus der Sicht der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, die sich für die wirtschaftliche Weiterentwicklung Europas politisch verantwortlich sieht, ist dies eine Entscheidung, die nicht nur die Konkurrenzfähigkeit einer Organisation wesentlich beeinflußt, sondern in ihrer Emulation die ganzer Volkswirtschaften. Eine für Unternehmen und nicht-kommerzielle Organisationen harmonisierte Informatikstrategie und -Systemarchitektur ist damit die Grundlage der zukünftigen Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftspartnern.

Im Hinblick auf den europäischen Binnenmarkt und die zunehmende Internationalisierung der Märkte hat sich die EG-Kommission das strategische Ziel gesetzt, die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Kontinentes zu erhalten und zu verbessern. Die Brüsseler Eurokratie sieht eine wesentliche Aufgabe darin, den Informationsaustausch zwischen den unterschiedlichen Organisationen und Institutionen effektiver und effizienter zu gestalten sowie für mehr Wettbewerb im IT-Markt zu sorgen. Mit ihrer Informatik-Architektur beziehungsweise den technischen und organisatorischen Richtlinien zum Einsatz von lnformations- und Kommunikationstechnik will die EG-Kommission deshalb nicht nur die EG-Behörden auf eine Linie bringen, sondern auch Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen in Europa durch Denkanstöße und verbindliche Richtlinien einen gemeinsamen Weg aufzeigen.

Mit der Notwendigkeit, die eigene Informatik reformieren und damit ihre eigene Strategie vorleben zu müssen, wurden die Brüsseler Eurokraten bereits Anfang der achtziger Jahre konfrontiert. Die damalige Analyse der Ausgangssituation ergab, daß eine völlige Neuorientierung der Informatik aus mehreren Gründen dringend erforderlich war.

Die damalige Systemlandschaft prägte eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme (unter anderem Anlagen von Bull, IBM, ICL und Siemens), die miteinander keinerlei Verbindungen hatten. Zu diesem Zeitpunkt existierten verschiedene herstellerspezifische Terminalnetze, die einzige verbindende Komponente war das antiquierte öffentliche Telex-Netz. Dieser Wildwuchs an inkompatible Systemen band wertvolle Personalressourcen .

Anstatt zielgerichtet neue Anwendungen zu entwickeln oder zu kaufen und anschließend den Benutzern zur Verfügung zu stellen, mußten Kapazitäten unnötig für reine Betreuungs- und Wartungsaufgaben eingeplant werden. Eine mögliche Konzentration auf einen oder zwei Hersteller in den EG-Behörden stellte keine Alternative dar, da die Kommission der Europäischen Gemeinschaften und damit auch ihre Behörden zur Ausgewogenheit verpflichtet sind.

Eine weitere Problematik zu Beginn der achtziger Jahre war, daß sich bei Beschaffungen das potentielle Kaufvolumen der EG-Behörden nur unzureichend einsetzen ließ. Einzelentscheidungen und die Abhängigkeiten von diversen Herstellerlösungen waren insgesamt wenig wirtschaftlich.

Ein zusätzliche Notwendigkeit für eine Informatikreform in den EG-Behörden ergab sich durch die zunehmende Bedeutung der Brüsseler Instanzen. Durch die wachsende Kompetenz der Brüsseler Eurokratie und wegen der absehbaren neuen Aufgaben wurde ein Höchstmaß an Flexibilität erforderlich, das sich mit den bestehenden informations- und kommunikationstechnischen Strukturen nicht realisieren ließ. Zudem mußte der Zugriff auf Informationen und die Kommunikation zwischen den einzelnen EG-Behörden verbessert werden, um die politische und verwaltungsbezogene Arbeit generell zu beschleunigen .

Nicht zuletzt stand auch die Kompetenz der EG-Kommission in Frage. Warum sollte eine Organisation die ihre politischen Ziele nicht selbst versucht umzusetzen und vorzuleben, entscheidend die Strategie der europäischen IT-Hersteller beeinflussen und die öffentlichen Auftraggeber in den Mitgliedsländern auf eine einheitliche Beschaffungspolitik ausrichten können?

Die Dimensionen der Euro-Bürokratie lassen sich mit großen multinational tätigen Konzernen vergleichen. Dies ist jedoch nur einer der Beweggründe für die Forderung von herstellerunabhängigen Systemen. Zwar hat die EG-Kommission in ihrer Rolle als großer Anwender Möglichkeiten über eine entsprechende Beschaffungspolitik Druck auf Anbieter und Hersteller auszuüben doch letztlich genügt dies nicht um die Politik der Hersteller wirklich einschneidend beeinflussen zu können. Der andere wesentliche Faktor der bei der Strategie der EG-Kommission berücksichtigt werden muß, ist ihr politisches Ziel die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Kontinents zu erhalten oder zu verbessern. Die Strategie der EG-Kommission für den Einsatz der Informations- und Kommunikationstechnik in den EG-Behörden steht unter folgenden Leitlinien: - konsequenter Einsatz von herstellerunabhängigen Lösungen und damit Gewährleistung von Zukunftssicherheit,

- "Evolution statt Revolution" das heißt sukzessive Ablösung inkompatibler Technologien und Systeme am Ende ihres Lebenszykluss,

- Gewährleistung einer höheren Flexibilität und Leistungsfähigkeit für die Anwender in den EG-Behörden,

- stufenweise Umsetzung der Strategie sowie pragmatische Vorgehensweise und kontinuierliche Anpassung der Informatikarchitektur.

Ziel aller Anwender, zu denen sich die EG-Kommission ebenfalls zählt sollte es sein unabhängig von der Politik eines einzelnen Herstellers den bestmöglichsten Weg zur Unterstützung von Anwendungen und zur Integration neuer Technologien beschreiten zu können. Diese politische Kernaussage steht für das Bemühen der EG den Anwendern und Herstellern in Europa ein günstiges Umfeld im weltweiten Wettbewerb zu schaffen.

Darüber hinaus hat die Europäische Gemeinschaft durch die Vielzahl an Mitgliedsländern an Sprachen und durch die geographische Verteilung der einzelnen europäischen Institutionen ein natürliches Interesse an der Nutzung neuer Informationstechnologien die eine Steigerung an Effektivität und Effizienz bei der täglichen Arbeit ermöglichen.

Die Aufgabe der Informatikarchitektur der EG-Kommission ist Vorgabe eines konzeptionellen Rahmens zur Umsetzung der strategischen Leitlinien. Eine wesentliche Eigenschaft dieser Informatik-Architektur ist der darin enthaltene Pragmatismus, der sich auch in der Historie dieses Konzeptes wiederfindet. Nach den ersten Arbeiten Anfang der achtziger Jahre wurden 1986 und 1988 überarbeitete "Guidelines for an Informatics Architecture" veröffentlicht. Mittlerweile liegt die vierte Ausgabe vor. Ein Vergleich den verschiedenen Versionen zeigt, daß die Grundgedanken konstant geblieben sind, die Vorgaben jedoch von Ausgabe zu Ausgabe verfeinert wurden.

Die Einführung des Schichtenmodells

Als "Quantensprung", der in der vierten Ausgabe vollzogen wurde, kann die Einführung des Schichtenmodells gesehen werden. Dadurch lassen sich verschiedene Aufgabenkomplexe (zum Beispiel Client-Server Konzept, verteilte lnformationsverarbeitung, Bereichsstrukturierung und Vorgangsunterstützung) zuordnen, während die vorausgegangenen Versionen hier weniger eindeutig und an einigen Stellen sogar verwirrend waren.

Die Hierarchie der Informatikarchitektur unterscheidet vier konzeptionelle Ebenen: Organisation, Equipment, Anwendungen und lnformationssysteme.

Ebene eins strukturiert die informations- und kommunikationstechnische Welt in eine Hierarchie von Bereichen, die als "Domänen" bezeichnet werden. Wesentliche Merkmale einer Domäne sind organisatorisch eindeutige Zuständigkeiten, die Abgeschlossenheit gegenüber der Außenwelt sowie Flexibilität bei der Ausstattung einer Domäne mit Hardware und Software.

Eine Domäne kann dabei Bestandteil einer übergeordneten Domäne sein. Veranschaulichen läßt sich dies anhand einer beliebigen föderalistischen Struktur, in der Gemeinden oder Städte bestimmte Aufgaben besitzen, gleichzeitig jedoch in übergeordnete Bereich (Regionen, Bundesländer, Staaten) eingebunden sind.

Wesentlich bei dieser Art der Aufteilung ist, daß eine Domäne für bestimmte Aufgabenstellungen selbst zuständig ist und über definierte Schnittstellen mit anderen Domänen Informationen austauschen kann.

Die Informatik-Architektur der EG-Kommission unterscheidet zwei wesentliche Typen von Domänen:

- private und

- öffentliche Domänen.

Private Domänen können von den unterschiedlichsten Organisationen, wie Unternehmen, Regierungsbehörden sowie anderen öffentlichen oder privaten Institutionen, gebildet werden .

Die einzelnen privaten Domänen können hierbei unterschiedliche Informatikstrukturen und Anwendungssysteme besitzen.

Ebene zwei (Equipment) der Informatik-Architektur definiert die informations- und kommunikationstechnische Ausstattung. Wesentliche Aussagen betreffen die Hardwareplattformen, die einzusetzenden Betriebssysteme sowie die interne und externe Kommunikation.

Mit der Realisierung der Ebene zwei wird eine gerätetechnische Infrastruktur angestrebt, die auf Standards wie Unix, DOS, OSI, TCP/IP, X.25 oder ISDN beruht und dadurch eine langfristige Sicherung der Investitionen verspricht.

Wesentliche Bestandteile der Ebene drei (Anwendungen) sind sogenannte Application Building Blocks. Sie sind kommunizierende Einzelteile beziehungsweise Module, die über wohldefinierte Schnittstellen verfügen und Miteinander in Client-Server-Beziehungen stehen. Wesentliche Anwendungsklassen stellen Desktop- und Multiuser-Anwendungen sowie verschiedene Server Komponenten dar.

Die oberste Ebene der Informatik-Architektur ist die der Informationssysteme. Sie verkörpert das Fernziel der EG-Kommission und definiert den Einsatz von Datenbanken, den Informationsfluß und die Bearbeitung von Vorgängen in einer Organisation.

Zwar ist der skizzierte Ansatz keine verbindliche Richtlinie, doch lohnt es sich für jede Organisation, diese Architektur zu untersuchen und eventuell auf die eigene Umgebung abzustimmen.

Nicht empfehlenswert ist es, lediglich die systemtechnischen Inhalte zu übernehmen und mit irgendwelchen Produkten zu füllen. Vielmehr sind die einzelnen Ebenen der Architektur der Reihe nach zu prüfen, also organisatorische Voraussetzungen, die systemtechnische Ausstattung, der Software-Einsatz sowie die Unterstützung von Abläufen und Vorgängen.

*Walter Gora ist Unternehmensberater bei der Diebold Deutschland GmbH Eschborn bei Frankfurt/M.