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18.10.1991 - 

"Evolution statt Resolution" als strategische Devise, Teil 2

EG-Kommission realisiert eine offene Informatik-Architektur

Seit Beginn der achtziger Jahre kann die EG-Kommission eine eigene Informatik-Arehitektur vorweisen, die sowohl technische als auch organisatorische Kriterien umfaßt und zudem ein langfristige Vision enthält. Walter Gora* beschreibt die Inhalte dieses umfassenden Konzeptes zum Einsatz der Informationstechnik und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf, die auch für andere Anwender von Interesse sind.

Ziel der Informatik-Architektur sind eine erhöhte organisatorischen Flexibilität und offene Systeme im Hardware- und Softwarebereich. Daß dies auch praktisch erreichbar ist, hat die EG-Kommission mit ihrer Strategie in den EG-Behörden bewiesen.

Die Umsetzung der Informatik-Architektur wird von der EG-Kommission als evolutionärer Prozeß betrachtet, das heißt, aus einer bestehenden Ausgangslage heraus soll mit Hilfe eines oder mehrerer Migrationspfade das Ziel erreicht werden. Für die Umsetzung der Informatik-Architektur, die als Ziel eine herstellerunabhängige und benutzerfreundliche Systemumgebung hat, sind ebenfalls von der EG-Kommission Richtlinien und Empfehlungen verabschiedet worden.

Einbindung von DV und BK sowie Telekommunikation

Diese Richtlinien sind aber in jedem konkreten Fall pragmatisch anzuwenden, da die Unabhängigkeit des Managements, die in der Vergangenheit gewachsenen Lösungen und die spezifischen Anforderungen einer jeden Organisation zwangsläufig zu verschiedenen Vorgehensweisen bei der Realisierung einer offenen Umgebung führen. Bei der Realisierung einer Strategie, die weg von herstellerspezifischen Lösungen und hin zu einer offenen Systemumgebung führt, sind verschiedene Aspekte zu beachten, die sich nicht nur auf die Systemtechnik beschränken Organisatorische Schlüsselfaktoren einer Realisierungsstrategie stellen aus Sicht der EG-Kommission die folgenden Aspekte dar:

- Ausrichtung der Informatikorganisation,

- stufenweise Vorgehensweise und

- eindeutige Beschaffungspolitik.

Die Ausrichtung der Informatikorganisation ist entscheidend bei der Migration, da die evolutionäre Realisierung einer integrierten und offenen Umgebung nicht nur rein technisch angegangen werden kann, sondern in ganz umfassendem Maße die Organisationsstruktur eines Unternehmens oder einer Verwaltung berührt. Ein relevanter Erfolgsfaktor ist die organisatorische Verbindung der Planung und Steuerung von Datenverarbeitung (DV), Bürokommunikation (BK) und Telekommunikation (TK) innerhalb einer Informatikorganisation.

Nicht nur die Erfahrungen der EG-Kommission haben gezeigt, daß eine Aufteilung von Zuständigkeiten mit einem größtenteils unnötigen Overhead verbunden ist. Wird eine derartige Zusammenführung der Verantwortlichkeiten nicht vorgenommen, kann eine konsistente Planung und Realisierung nur mit erheblichen Reibungsverlusten in Angriff genommen werden, was letztlich auch den Erfolg eines derartig langfristig angelegten Vorhabens in Frage stellt.

Die Empfehlung der EG-Kommission geht dahin, daß die Organisation einer derartigen Informatikeinheit aus einem zentralen Management für die gesamte private Domäne und dezentralen Management-Einheiten für die lokalen Domänen bestehen soll. Wichtig ist, daß die organisatorischen Einheiten klare und sich nicht überschneidende Zuständigkeiten besitzen.

Der wichtigste Faktor ist jedoch die Zustimmung und die Mitarbeit aller Fachabteilungen. Der Übergang von einer herstellerspezifischen Umgebung zu einer offenen Architektur muß in Phasen erfolgen, deren zeitliche Länge sich an der fünfjährigen Lebensdauer einer Rechnergeneration orientieren sollten. Jeder Fünfjahresplan muß schrittweise zum Ziel führen, wobei für jede Phase eine konsistente Architektur zu definieren ist. Diese Architektur beziehungsweise das Konzept einer Phase muß aufwärtskompatibel sein zur Architektur der vorhergehenden, um einen gleitenden Übergang zu der offenen Systemumgebung zu ermöglichen.

Weiterhin sollte in jeder Phase diejenige Lösung gewählt werden, die am wirtschaftlichsten in bezug auf die durchschnittlichen Benutzeranforderungen ist. Darüber hinaus muß es auch möglich sein, spezielle Anforderungen in die Rahmenvorgaben einer Phase zu integrieren, auch wenn dies zu erhöhten Kosten führt.

Die EG-Kommission hat die Realisierungsphasen für die Umsetzung ihrer Strategie in den EG-Behörden in drei Phasen eingeteilt:

- Phase 1: 1984-1987

- Phase 2: 1987-1991

- Phase 3: 1991-199x

Grundlage der Informatik-Architektur der EG-Kommission sind organisatorische Aspekte, speziell die Aufteilung in Domänen. Die private Domäne der EG-Kommission umfaßt 46 Gebäude in Brüssel und fünf Gebäude in Luxemburg.

Die lokalen Domänen entsprechen im wesentlichen den 23 Generaldirektionen der EG-Kommission beziehungsweise Teilen einer Generaldirektion. Hinzu kommen zehn Dienstleistungsbereiche von ähnlicher Größe. Die Anzahl der Nutzer je lokaler Domäne schwankt zwischen 50 und 500. Abbildung 2 zeigt die Zuwachsraten von Beschäftigen, lokalen Domänen, Workstations und externen Benutzern. Über 130 externe Büros in ganz Europa sowie in anderen Kontinenten werden als eigene private Domänen geführt, die mit den Hauptbüros über das öffentliche Netz kommunizieren.

Das Rechenzentrum befindet sich in Luxemburg, das Telekommunikationszentrum ist in Brüssel und Luxemburg angesiedelt. Diese beiden Standorte teilen sich den ein- und ausgehenden Verkehr auf und übernehmen gleichzeitig das Backup für den jeweils anderen Standort. Der Brüsseler Anteil am Telekommunikationszentrum bezieht sich auf die Unterstützung von Mail und Filetranster, während in Luxemburg aufgrund der räumlichen Nähe zum Rechenzentrum die interaktive Kommunikation sowie ebenfalls Filetransfer unterstützt werden.

Die EG-Kommission hat im Jahr 1980 ein Standard Implementation Committee (SIC) ins Leben gerufen, das für die Beschaffung von Hardware und Software zuständig ist und gegebenenfalls berät. Hierbei wurden die Migrationsempfehlungen kontinuierlich überarbeitet und verbessert.

Ein wesentlicher Bestandteil bei der Umsetzung der Informatik-Architektur ist die Überwachung des Lebenszyklus der eingesetzten informations- und kommunikationstechnischen Komponenten. Insgesamt sind in diese Überwachungsprozedur 192 Hardware- und Softwarekomponenten aufgenommen worden.

Die systemtechnischen Realisierungen in den einzelnen Phasen wurden folgendermaßen angegangen:

- Stufe 1 (1984-1987):

- X.25 löste als privates Netzwerk die proprietären Netze ab.

- Für den Einsatz in den lokalen Systemen wurden Unix und MS-DOS ausgewählt.

- Der von der EG Kommission entwickelte Multivendor-Filetransfer (MFTS) dient als Grundlage des Datenaustausches zwischen verschieden Systemen.

- Diejenigen Anwendungsprodukte wurden bevorzugt ausgewählt, die auf einer möglichst großen Plattform von herstellerspezifischen Betriebssystemen ablauffähig waren.

- Stufe 2 (1987-1991):

- Für die lokalen Computer war X/Open-Kompatibilität Bedingung.

- Dienste wie Electronic Mail sowie der Zugriff auf Applikationen (Access Agent) und die Informationsverteilung wurden realisiert

- Ethernet kam als Local Area Network für den Inhouse-Bereich zum Zuge.

- Die Trennung zwischen Informationsgenerierungs- und Informationsverteilungssystemen wurde vollzogen.

Mit Abschluß der Stufe 2 hat sich gezeigt, daß der eingeschlagene Weg erste Früchte trägt.

- Stufe 3 (1991-199x):

- Posix- beziehungsweise X/Open-konforme Betriebssysteme sollen in dieser Stufe bei Mainframes und PCs eingeführt werden und herstellerspezifische Betriebssysteme sukzessive ersetzen.

- Einführung der verteilten Anwendungsarchitektur;

- die Desktop-Anwendungen sollen durchgängig mit einer grafischen Benutzeroberfläche ausgestattet werden;

- LAN-Technologie wird ebenfalls für das private Netzwerk zum Einsatz kommen;

- Realisierung der Informationssystems-Architektur gemäß der Ebene 4 der Informatik-Architektur der EG-Kommission.

Wesentlich bei der Einführung und Durchführung dieser unterschiedlichen Phasen war, daß zwischen benachbarten Phasen definierte Übergangsarchitekturen existieren müssen , und daß die Hard- sowie Software kompatibel sind. Hinsichtlich der Stufe 3 erhofft sich die EG-Kommission eine Multivendor-Kooperation, um die Anwendungsarchitektur realisieren zu können. Vergleicht man den zu Beginn der Phase 3 bereits erreichten hohen Grad an offenen Systemumgebungen mit der Ausgangslage von 1980, so ist die Gesamtlandschaft heute bereits wesentlich homogener als damals.

Aufbauend auf dieser Umgebung soll sich auch die Bedienung der Arbeitsplatz-Systeme einfacher und einheitlicher gestalten, wozu weitere Standards und darauf basierende Produkte notwendig sind. Daß es die EG-Kommission mit der Realisierung einer offenen Umgebung ernst meint, beweist auch ihre gegenwärtige Verhandlungspolitik. Anbieter, die den Vorstellungen nicht mehr entsprechen, werden nicht mehr berücksichtigt, auch wenn sich darunter große Namen der IT-Branche befinden. Insgesamt bewertet die EG-Kommission die Reaktionen der Hersteller als positiv, auch wenn Lösungen für die Ebene der Informationssysteme noch nicht verfügbar seien.

Rechnergenerationen mit fünfjähriger Lebensdauer

Mit ihren Empfehlungen für eine umfassende Informatik-Architektur will die EG-Kommission offene Konzepte und Produkte gezielt fördern und damit ihren Beitrag zu mehr Wettbewerb leisten. Diese Informatik-Architektur ist für viele Unternehmen und Organisationen auch deshalb interessant, da sie einen pragmatischen Weg zu den Systemstrukturen der Zukunft aufweist. So wird im Rahmen der Umsetzung von der EG-Kommission kein kompromißloser Umstieg gefordert, sondern eine "weiche" Migration zu einer offenen Umgebung aufgezeigt.

Die Informatik-Architektur der EG-Kommission gibt wesentliche Anhaltspunkte im Hinblick darauf, mit welcher Systemarchitektur den Anforderungen und Unwägbarkeiten der neunziger Jahre begegnet werden kann. Wesentliche Teile dieser Strategie beschreiben die Aufteilung von Zuständigkeiten beziehungsweise die geographische Strukturierung in Domänen, die Anwendungsarchitektur auf der Grundlage des Client-Server-Modells, Voraussetzungen und Mechanismen zur verteilten Verarbeitung sowie Standards.

Die Erfahrungen der EC-Kommission zeigen, daß ein Weg in Richtung offener Systeme möglich ist, allerdings läßt sich das Ziel erst langfristig und mit pragmatischen Umwegen erreichen. Anwenderorganisationen, die diesen Weg ebenfalls gehen wollen, müssen sich von Anfang an darüber im klaren sein, daß sie damit eventuell auch ihre heutige DV-Organisationsstruktur in Frage stellen. Letztlich steckt hinter dem Domänenkonzept der EG-Kommission eine Dezentralisierungsstrategie, bei der zentrale DV-Abteilungen Macht abgeben und sich ein neues Rollenverständnis zulegen müssen. Andererseits ergeben sich auch klare Vorteile für die gesamte Anwenderorganisation, da die Aufgabenverteilung transparenter wird sowie die Investitionen in Organisation und Technik gesicherter sind.

Konkrete Projekterfahrungen bei Diebold zeigen, daß dieser Ansatz sehr hilfreich ist, wenn es um eine Neuorientierung der Informatik geht. +