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07.07.2000 - 

IT-Arbeitsmarkt/Zahlreiche Berufsbezeichnungen sorgen für Verwirrung

Eigeninitiative ist Voraussetzung für neuen Job im Multimedia-Umfeld

Im Internet-Bereich entstehen etliche Stellen und neue Berufsfelder, die Zugangsvoraussetzungen sind flexibler und die Ausbildungswege vielfältiger. Vor allem für Quereinsteiger ergeben sich viele Chancen.Von Ingrid Weidner*

Ganze Wirtschaftszweige eignen sich englischsprachige Berufsbezeichnungen an, um interessanter und international zu wirken. Gleichzeitig sollen die wohl klingenden Namen scharenweise interessierte Bewerber anlocken. Vor einigen Jahren hätte sich kaum jemand vorstellen können, womit ein Website-Designer einmal seine Brötchen verdienen wird, von einem E-Commerce-Consultant ganz zu schweigen. Aber gerade Leute mit Kenntnissen und Berufserfahrung in neuen Arbeitsgebieten sind gefragt wie nie zuvor. Manche Universitäten versuchen mit neuen Bindestrich-Studiengängen die Anforderungen der Wirtschaft zu erfüllen, andere wiederum konzentrieren sich verstärkt auf die Vermittlung von Grundlagenwissen.

Mitte letzten Jahres waren nach Angaben der Bundesministerien für Wirtschaft und Technologie sowie Bildung und Forschung rund 1,7 Millionen Menschen im Bereich Informationswirtschaft, einschließlich Medien, beschäftigt. Dazu gehören beispielsweise Branchen wie Telekommunikation, Hardware und Software, Unterhaltungselektronik und der Fachhandel. Allerdings sind längst nicht alle Positionen besetzt, und Experten schätzen das Beschäftigungspotenzial wesentlich höher ein. Hier gehen die Zahlen besonders stark auseinander. Von 75000 unbesetzten Stellen ist die Rede, manche sprechen sogar von 100000 Jobangeboten.

Weiterbildung und Qualifizierung lautet das Gebot der Stunde. Gerade für mittel- und langfristige Bildungsangebote existieren aber noch zu wenig Konzepte. Das Berufsfeld im Multimedia-Bereich entwickelt sich nach Auskunft von Dieter Blume, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am Bundesinstitut für Berufsforschung, in drei Richtungen. Die Multimedia-Spezialisten forschen, entwickeln, produzieren und vertreiben die Geräte sowie die dazugehörige Software. Sie bieten die Infrastruktur und die notwendigen Dienstleistungen dazu an. Hierfür nennt der Bildungsexperte ein Studium oder eine Weiterbildung mit umfangreichen Praxiskenntnissen als Voraussetzung. Die professionellen Anwender oder Multimedia-Nutzer stellen den größten Personenkreis dar. Für die tägliche Arbeit brauchen sie technische, kaufmännische und Multimedia-spezifische Kenntnisse. Die dritte Gruppe stellen die Infrastrukturberufe im Multimedia-Umfeld.

Die klassischen Erstausbildungsberufe reagierten nur zögerlich auf die neuen Anforderungen. Im gewerblich-technischen Bereich gibt es bisher nur zwei Ausbildungen: der des Mediengestalters und Film- und Videoeditors. In Weiterbildungen unterschiedlicher Länge und kombinierten Studiengängen - manchmal auch nur mittels einzelner Seminare - versucht man die Absolventen auf die neuen Anforderungen vorzubereiten.

"Das Spektrum der Medienberufe umfasst derzeit mehr als 50 Berufsbilder, für die es meistens noch keine verbindlich geregelte Berufsausbildung gibt. Medienberufe sind heute noch oft ein Berufsfeld für Quereinsteiger", erklärt Blume. Nicht nur in den Medienberufen konnten Quereinsteiger ihre Chance nutzen. Werner Dostal vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB) in Nürnberg resümiert in seiner Einschätzung des IT-Arbeitsmarkts, dass die Erstausbildungen in den letzten 30 Jahren den Bedarf an Fachleuten keinesfalls decken konnten. "Die Absolventenzahlen lagen immer unter den Bedarfszahlen", so Dostal. "Gut zwei Drittel der IT-Fachleute sind Quereinsteiger und haben ihre IT-Qualifikationen über BA-finanzierte Maßnahmen erworben", so der Arbeitsmarktexperte.

Trotzdem sieht er einen Trend hin zur abgeschlossenen Hochschulausbildung. "Wegen der abstrakten und meist sehr anspruchsvollen Aufgaben in den IT-Berufen haben Hochschulabsolventen besondere Startvorteile, auch wenn sie andere Fachrichtungen studiert haben", so Dostal. Gerade bei den neuen Berufsfeldern ist der Anteil der Autodidakten sehr hoch. Qualifikationen, von denen vor zehn Jahren noch niemand wusste, weil die entsprechenden Technologien höchstens eine Vision waren, lassen sich erst viel später in Kursen oder Weiterbildungsangeboten offerieren. Aber die Wirtschaft braucht die Experten sofort und nach Möglichkeit perfekt ausgebildet. Da hilft in vielen Fällen nur Ärmel hochkrempeln und selbständig büffeln, learning by doing eben.

Gerade viele Geisteswissenschaftler, denen immer vorgehalten wurde, sie studierten eine brotlose Kunst, sehen in den neuen und keineswegs festgefahrenen Joboptionen oft eine echte Chance, ihr breit gefächertes Wissen, mit entsprechenden Spezialkenntnissen aufpoliert, Gewinn bringend einzusetzen.

Durch intensive Weiterbildungsmaßnahmen und Verbesserungen an den Rahmenbedingungen für Firmengründer könnten 250000 zusätzliche Arbeitsplätze in der Multimedia-Branche entstehen, so die Hoffnungen und ersten Ergebnisse des Bündnisses für Arbeit. Eigeninitiative hilft in den meisten Fällen besser, an einen neuen Job zu kommen, als auf institutionelle Hilfe zu hoffen.

Das Gründungsfieber unter Hochschulabsolventen und Studierenden schafft zusätzlich jede Menge neuer Arbeitsmöglichkeiten. Gerade hier sind Eigeninitiative und Selbststudium mehr gefragt als klassische Weiterbildungskurse. Denn viele junge Unternehmer sind gegenüber Umschülern eher skeptisch, andere bilden die neuen Mitarbeiter lieber gleich selbst aus.

*Ingrid Weidner ist freie Journalistin in München.

Buchtipp Arbeitsmarkt"Du hast keine Chance, aber nutze sie", lautet das Motto vieler Geisteswissenschafter, wenn es um ihre berufliche Zukunft ging. Doch es geht auch anders: Claudio Gallio hat in seiner Sammlung "Den eigenen Beruf erfinden" erfolgreiche Kollegen gebeten, ihre Ideen, ihre Erfahrungen mit Firmengründungen und Wege in die Berufswelt aufzuschreiben. Das Buch strotzt nur so von Selbstbewusstsein und Success-Stories.

Flexibilität und eine gute Nase für Trends sind offenbar Voraussetzung: Die Neuen Medien spielen bei vielen Berufsideen eine wichtige Rolle. Nischenjobs, Erfindergeist und originelle Firmenkonzepte zeigen, dass sich mit etwas Mut und Esprit jede Menge neue Möglichkeiten auftun. Erstaunlicher Nebeneffekt ist, dass bei den meisten Beruf und Berufung, so altmodisch und antiquiert die Begriffe auch klingen, eine durchaus moderne Symbiose eingehen.

Ein echter Mutmacher für Zögerliche und Unentschlossene. Für alle anderen bringt das Buch nette Beispiele, wie vielfältig und interessant das nüchterne Thema Arbeitsmarkt und Existenzsicherung sein kann.

Claudio Gallio: "Den eigenen Beruf erfinden. Wie Geisteswissenschaftler ihre Chancen nutzen", Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2000.