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24.04.1981

Ein Anwender, der sich nicht konfektionieren lassen wollte:Maßgeschustertes Ablaufwerkzeug für Schuhsortimenter

Einzelne Computerhersteller versuchen, ein von ihnen entwickeltes Branchenpaket einem potentiellen Kunden unbedingt "aufs Auge zu drücken". Beharrt der Interessent auf einer individuellen Lösung, so nennt ihm der Anbieter einen "Abschreckungspreis" für die maßgeschneiderte Software, um doch noch seine vorfabrizierten Programme an den Mann zu bringen. Diese Erfahrung mußte ein Bayreuther Einzelhändler machen. Das Schuhhaus Rettinger fand schließlich einen Fachhändler, die ihm eine individuelle Problemlösung zu vernünftigen Konditionen lieferte.

Das Schuhhaus Rettinger zählt zu den führenden Schuheinzelhändlern in der Festspielstadt. Rund 5000 verschiedene Artikel, die in diversen Größen einen Gesamtbestand von 35 000 Paar Schuhen ergeben, sind ständig auf Lager. Das Unternehmen ist Vollsortimenter, wobei die billige und die qualitativ bessere Ware in getrennten Läden verkauft werden. Die "Fluktuation" im Sortiment liegt pro Saison bei etwa 2500 Artikeln. Mit zwölf Prozent Umsatzzuwachs war man 1980 überdurchschnittlich erfolgreich. Etwa 50 Prozent der angebotenen Schuhe sind ausländischen Fabrikats und kommen vorwiegend aus Italien und Spanien. Derzeit sind 32 Mitarbeiter beschäftigt, davon etwa 20 Teilzeitkräfte. Bis auf den Chef und den Buchhalter sind es alles Verkäuferinnen, wodurch die Gemeinkosten niedrig gehalten werden können.

Hans-Günther Rettinger war und ist kein DV-Experte, doch von modernen Methoden der Unternehmensführung hält er viel. Als er 1960 in das von seiner Mutter geführte Geschäft kam, versuchte er gleich, die Warenbewegungen transparenter zu machen, zunächst mittels "Strichlisten". Ab 1970 nutzte das Schuhhaus Rettinger den DV-Service des Salamanderbundes. Diese Einkaufsvereinigung, sie ist nicht auf die namensgebende Firma beschrankt, führt für ihre Mitglieder unter anderem eine große Rahmenstatistik. Die Basisdaten sind vom Einzelhändler mittels Klarschriftdrucker zu erfassen und auf dem Postwege anzuliefern. Für ein tagesaktuelles Reagieren reichen die Auswertungen allerdings nicht aus, zumal die Ergebnisse immer rund vier Wochen dem Istzustand hinterherhinken.

POS war zu teuer

Mehrere Jahre lang spielte Rettinger die möglichen Alternativen für eine hauseigene DV-Organisation durch. Der Wirkungsbereich des Rechners, der aus wirtschaftlichen Gründen nur ein Kleincomputersystem sein konnte, sollte bereits (...) Wareneingang beginnen. Eines wollte der Einzelhändler dagegen nicht, ein sogenanntes geschlossenes Warenwirtschaftssystem mit intelligenten Kassen. Diese heute so sehr propagierte Variante der artikelgenau Onlinedatenerfassung am "Point of Sale" war ihm einfach zu teuer. Zwischenzeitlich hat der Anwender bewiesen, daß es auch anders und weniger aufwendig, aber genauso effektiv geht.

Verkäufer, die ein Standardpaket für ein "geschlossenes" Warenwirtschaftssystem anzubieten hatten, waren bei Hans-Günther Rettinger an der falschen Adresse. Der angehende DV-Anwender ließ sich jedoch keine für ihn einige Nummern zu große Lösung aufschwätzen. Es bereitete ihm allerdings einige Mühe, einen Partner zu finden, der ihm individuelle Programme zu einem akzeptablen Preis lieferte.

Mehr zufällig kam das Schuhhaus Rettinger mit dem örtlichen Olivetti-Vertragshändler in Kontakt. Die Baier-Bürosysteme GmbH konnte ihm dreierlei bieten: Mit dem Minicomputer P 6060 eine preislich im vorgegebenen Investitionslimit liegende Hardware mit ausreichendem organisatorischen Spielraum. 2. Die Bereitschaft und Software-Manpower, um eine individuelle Lösung in vertretbarer Zeit und zu einem keinesfalls überzogenen Preis erstellen zu können. 3. Einen schnell präsenten technischen Kundendienst.

Die P 6060 ist ein modulares Kleincomputersystem. Durch die MOS-Technologie ergibt sich eine kompakte Bauweise. Die Basiseinheit besteht aus dem Zentralspeicher (RAM), dem Festspeicher (ROM), der Rechen- und Steuereinheit, einer alphanumerischen Tastatur, der Bedienerkonsole, einem Zeilendisplay und der Lese-/Schreibeinheit für zwei Floppy-Disks.

Sie kann erweitert werden um einen integrierten alphanumerischen Drucker, die IPSO-Steuerung für den Anschluß kompatibler Peripherie eine Steuereinheit für den Betrieb eines Wechselplattenspeichers und eine asynchrone Steuereinheit für den Time-Sharing-Betrieb und den Anschluß kompatibler Peripherie (u. a. Datensichtgeräte). Periphere IPSO-Einheiten sind ein Schnelldrucker, ein Lochstreifenstanzer, eine Magnetbandkassetteneinheit, ein Adapter für Meßgeräte, ein Plotter, ein Lochkartenleser und eine Magnetbandstation.

Basic zum Selberschreiben

Das Betriebssystem der P 6060 ist dialog- und magnetplattenorientiert. Die leicht erlernbare Programmiersprache Basic setzt den Anwender in die Lage, kleine Programme, zum Beispiel einmalige Auswertungen, selbst zu schreiben, ohne tiefer in die DV-Materie einsteigen zu müssen. Hans-Günther Rettinger ist ein Beispiel dafür. In seinem Schuhhaus ist folgende Konfiguration installiert:

- Basiseinheit P 6060 mit 32 K-Anwenderspeicher, zwei Diskettenlaufwerke, Zeilendisplay, Konsoldrucker (Leistung 80 Zeichen/Sekunde).

- Schnelldrucker mit einer Leistung von 200 Zeichen/Sekunde (Vor- und rückwärtsdruckend) - Plattensystem mit je einer Fest- und Wechselplatte mit zusammen 9,8 MB Kapazität.

- Bildschirm (von Eldit, da zum damaligen Zeitpunkt Olivetti noch keine eigenen Datensichtgeräte anzubieten hatte) mit einer Anzeigekapazität von 960 Zeichen und freibeweglicher Tastatur.

Aufgrund des Magnetplattenmassenspeichers konnte eine datenbankähnliche Dateiorganisation geschaffen werden. Die Konfiguration ist so ausgelegt, daß für das Datenvolumen des Schuhhauses Rettinger keine physikalisch bedingten Restriktionen bestehen. Es wurde eine integrierte Programmorganisation vorgenommen. Da zwei Drucker verfügbar sind, ist für den laufenden Betrieb kaum einmal ein Formularwechsel erforderlich. Von der Baier-Bürosysteme GmbH wurden folgende individuellen Programme geschrieben:

þ"Bestellungen an Lieferanten": Schreiben der Bestellungen, Speichern der Bestellungen, Abruf von einzelnen Artikeln beziehungsweise Artikelgruppen oder Bestellungen, Änderungen, Statistiken.

þ"Eingehende Lieferungen": Erfassen der Lieferungen, Ändern von Lieferungen, Abruf von einzelnen Artikeln oder Artikelgruppen. Mahnwesen (für bestellte Artikel), Statistiken automatischer Ausdruck von Etiketten.

þ"Verkauf": Erfassen der Verkäufe Abruf von einzelnen Artikeln oder Artikelgruppen, Ändern von Verkaufsdaten, Preisänderungen (Erlösminderungen) Statistiken.

Für die Finanzbuchhaltung und die Lohn- und Gehaltsabrechnung sind Standardprogramme eingesetzt, die von Olivetti beziehungsweise von einem freien Softwarehaus stammen.

Auch ohne intelligente Computerkassen erfaßt das Schuhhaus Rettinger seine Verkäufe artikelgenau. Auf jedem Schuhkarton befindet sich ein zweiteiliges Computeretikett. Ist ein Artikel verkauft, so trennt die Verkäuferin die eine Hälfte ab und klebt sie auf einen DV-Erfassungsbogen, der auch ihre Personalnummer enthält (die Etiketten sind mehrfachklebend). Weicht der tatsächliche Verkaufspreis vom aufgedruckten ab, so ist eine handschriftliche Korrektur vorzunehmen. Abends wandern die DV-Erfassungsbögen aller Verkäuferinnen zum Computer, wo folgende Daten erfaßt werden: Verkäuferinnennummer, Artikelnummer und gegebenenfalls die Preisabweichung. Aufgrund dieser Werte können die Warenbestände und die Verkaufsstatistiken automatisch und artikelgenau fortgeschrieben werden.

Auch das Retourenproblem ist gelöst. Tauscht ein Kunde einen Artikel um, so trennt die Verkäuferin den verbliebenen Teil des Etiketts ab. Sofern der Artikel nicht an den Lieferanten zurückgeht, wird er wie neue Ware behandelt, wieder als Zugang erfaßt und mit neuen Verkaufsetiketten versehen.

Die DV-Organisation des Bayreuther Schuhhauses trägt die Handschrift von Hans-Günther Rettinger. Bis sie "stand", mußte er einiges an Zeit investieren. Gewisse Kinderkrankheiten konnten erst nach und nach ausgemerzt werden. Inzwischen ist der Anwender zufrieden mit seinen DV-Arbeitsabläufen. Sie ermöglichen ihm vor allem eine nachfragegerechtere Sortimentsgestaltung.