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17.09.2004 - 

IT im Automobilbau/Entwicklung nach dem "Prinzip der Simplizität"

Ein Auto aus der virtuellen Welt

Mit CAD-, Design- und Simulationswerkzeugen entwickelt die Münchner Loremo AG den Pkw für die künftigen Zeiten der Energieknappheit. Von Johannes Kelch*

Dieses Auto passt in keine Schublade. Es sieht aus wie ein teurer Hightech-Sportwagen für wenige Großverdiener, ist aber ein preisgünstiges Energiespar-Auto für die breite Masse. Es erreicht maximal 166 km/h, unterbietet mit 430 Kilogramm das übliche Tonnengewicht herkömmlicher Sicherheitsfahrzeuge und bietet doch weitaus mehr Schutz als althergebrachte Karosserien. Der Wagen heißt "L22" und existiert derzeit fast ausschließlich in den Köpfen und Computern der Münchner Loremo AG.

Der L22 senkt durch sein ungewöhnlich niedriges Gewicht von 430 Kilogramm sowie seine schlanke Form mit geringen Stirnflächen den Kraftstoffverbrauch auf sensationelle 1,5 Liter Diesel pro 100 km.

Ein von Loremo patentiertes Karosseriekonzept verschafft den Reisenden mit 600 Millimetern Knautschzone an der Front, drei geraden, schwer verformbaren Längsträgern (anstelle einer herkömmlichen Kabine mit Dach und Boden) sowie einem tubusförmigen Querträger in der Mitte des Fahrzeugs einen bislang in dieser Kategorie kaum erreichten Frontal- und Seitenaufprallschutz. Durch einen Verkaufspreis in Höhe von 6 000 bis 11 000 Euro, eine lange Lebensdauer von 20 Jahren sowie sparsamen Verbrauch ist der L22 so ökonomisch wie kein anderes Auto auf dem Markt; das jedenfalls verspricht der ambitionierte Geschäftsplan der Loremo AG.

Vor etwa zehn Jahren hatte Uli Sommer die Idee, das Auto noch einmal neu zu erfinden. Enttäuscht über mangelnde Fortschritte im Automobilbau und in Sachen Energieeinsparung entwickelte der Ingenieur die Vision von einem umweltfreundlichen, sicheren, optisch ansprechenden und preisgünstigen Auto.

Die Philosophie Sommers, seit den Anfängen Entwicklungsleiter der Loremo GmbH, die kürzlich in eine AG umgewandelt wurde, beruht auf dem "Prinzip der Simplizität". Danach wird auf alles verzichtet, was an einem Auto nicht wirklich benötigt wird. "Verkleidungsteile, Servolenkung und Bremskraftverstärker fliegen raus", so Sommer wörtlich. Auch elektrische Motoren, etwa für Fensterheber, haben keine Chance, in den L22 eingebaut zu werden. Hightech ist weder in Gestalt von Werkstoffen noch in Form von Elektronik gefragt.

Loremo verschließt sich beharrlich dem Trend der Automobilindustrie, Innovationen vor allem durch Vermehrung elektronischer Bauteile und deren Vernetzung zu realisieren. "Elektronik in sicherheitsrelevanten Bauteilen erfordert teure und aufwändige Maßnahmen", antwortet Sommer auf die Frage, warum man denn den CW-Wert nicht noch stärker mit einer modernen Digitalkamera anstelle eines herkömmlichen Außenspiegels senke.

Loremo verzichtet weitgehend auf künstliche Intelligenz. Stattdessen wird die menschliche Intelligenz bemüht, um aus dummen Materialien multifunktionale Bauteile zu machen. So trägt eine einfache, leichte und billige Kunststoffschale als Sitz dazu bei, die Insassen von dem in der Mitte des Fahrzeugs angeordneten Motor und seinen Geräuschen abzuschirmen. Umgekehrt bietet die Anlehnung der Sitze an die den Motor verkleidende Stahlstruktur mehr Sicherheit als herkömmliche, weitaus schwerere Fahrzeugsitze.

Felgen mit Catia V5 entwickelt

Ergänzt wird das Prinzip der Simplizität durch pfiffige Ideen: Beispielsweise wird die Anpassung des Autos an die Größe des Fahrers nicht mehr über das Hin- und Herschieben des Sitzes erreicht, sondern durch Verschieben der Pedale. Und um zu vermeiden, dass die Leichtbau-Karrosserie rasch dem Rost zum Opfer fällt, baut Entwicklungsleiter Sommer ganz auf "konstruktiven Korrosionsschutz": Der L22 wird kaum rostanfällige Hohlräume aufweisen.

Mit kleiner Mannschaft, einer Schar freier Mitarbeiter und einer begeisterten und hilfreichen Unterstützer-Szene hat Loremo innerhalb weniger Jahre den neuen Fahrzeugtyp des ökonomischen Energiespar-Sicherheits-Design-Sportwagens bis zur Prototyp-Reife entwickelt. Dies geht nicht nur auf das "Prinzip der Simplizität" zurück, das nicht nur das Auto selbst, sondern auch in wenigen Jahren die Produktion einfach, schnell und kostengünstig machen soll.

Die bisherige Leistung von Loremo hängt vielmehr auch und gerade mit der Nutzung neuester Entwicklungswerkzeuge zusammen. Nur damit ließen sich die Konstruktions- und Testarbeiten in einem finanziell vertretbaren Rahmen halten und bis zum heute erreichten Stand führen.

Die Ingenieure konstruieren die Karosserie sowie Einzelteile wie etwa die Felgen, die für ein derart leichtes Fahrzeug komplett neu entwickelt werden müssen, mit dem CAD-Programm Catia V5 für die 3D-Konstruktion von Freiformflächen, wie sie für den Karosseriebau typisch sind. Dieses Werkzeug erlaubt es im Gegensatz zur Vorgängerversion V4, kleinere Änderungen an einem bereits fertig konstruierten Bauteil zu realisieren, ohne immer wieder von vorne anfangen zu müssen. Die Umstellung von einer Tiefbett- auf eine Hochbettfelge ist so vergleichsweise rasch bewältigt. Die Möglichkeit, bereits konstruierte Bauteile rasch überarbeiten zu können, ist gerade für ein Start-up-Unternehmen mit begrenzten finanziellen Ressourcen außerordentlich wichtig. Allein die Konstruktion der Felge kostet Loremo mehrere 100 Stunden Arbeit. Jedes Mittel, diesen Prozess zu verkürzen, schlägt sich in barer Münze nieder.

Rapid Prototyping senkt die Kosten

Was aus dem CAD-Programm an Daten erzeugt wird, dient auch der Herstellung von Modellen. So hat die Firma Alphaform aus CAD-Daten im Auftrag von Loremo bereits erste Modelle des L22 erzeugt, die etwas größer sind als Spielzeugautos und eine erste Ahnung von der Aura des windschnittigen Fortbewegungsmittels für Zeiten der Energieknappheit vermitteln.

Wenn Loremo demnächst einen Investor findet und mit Eigenkapital öffentliche Zuschüsse akquirieren kann, ist der Prototypenbau - der nächste große Schritt in Richtung Serienproduktion - schon vorbereitet. Die meisten benötigten Einzelteile lassen sich dann über die Eingabe der CAD-Daten in die jeweilige Produktionsmaschine rasch und unkompliziert erstellen. Rapid Prototyping senkt die Entwicklungskosten.

CAD-Daten sind ferner die Basis für die Arbeit des Designers Tobias Hoffitz, der für das Erscheinungsbild des L22 verantwortlich zeichnet, jedoch nicht in die Trickkiste der Verkleidungskünstler greifen darf. Für das einfache, funktionale, ausschließlich an der Aerodynamik orientierte Design nutzt Hoffitz die Alias-Studio-Tools der kanadischen Firma Alias. Karosserieentwürfe und -bilder, die durch eine durchsichtig dargestellte Außenhaut das Innenleben des L22 erkennbar machen, lassen sich mit diesem Produkt ebenso erzeugen wie Ansichten mit offenen und geschlossenen Türen und Bildern aus beliebigen Perspektiven.

Woher kennt Loremo überhaupt den sagenhaften CW-Wert der L22-Karosserie, die lediglich im Computer und in Modellen existiert? Einerseits hat die Firma Nikia aus der Unterstützer-Szene mit dem firmeneigenen Produkt EFD.Lab für "Strömungsuntersuchungen" den CW-Wert rechnerisch ermittelt. Zum anderen hat die Technische Universität München Windkanaltests ausgeführt, die zu ähnlichen Ergebnissen führten wie die Simulationsrechnungen.

Konkurriert mit Kleinwagen

Noch nicht ganz zufrieden ist Uli Sommer mit dem Crash-Verhalten des virtuellen L22. Nach den bisher mit dem Spezialprogramm Pam-Crash durchgeführten Crash-Simulationen der Firma Q-L-F in Ingolstadt wird die Stirnwand bei einem Frontalaufprall noch etwas zu stark eingedrückt. Der erreichte Stand der Sicherheit sei "noch nicht endgültig", so Sommer, obwohl L22 bereits jetzt mit dem Sicherheitsniveau heutiger Kleinwagen konkurrieren könne. Mit diesem Standard will sich Sommer jedoch nicht zufrieden geben: "Es bleibt hier noch viel zu tun".

Was sagt der Technische Überwachungsverein zum L22? Wird man dieses Auto überhaupt in Deutschland fahren dürfen? Eine erste TÜV-Studie bestätigt, dass der L22 nach derzeitigem Stand keine sicherheitskritischen Teile beinhaltet. Uli Sommer ist zuversichtlich, dass auch die einzelnen Bauteile alle späteren Härtetests des TÜV bestehen werden. (bi)

*Johannes Kelch ist Wissenschaftsjournalist in München.

Hier lesen Sie ...

- wie ein Auto in künftigen Zeiten der Energieknappheit aussehen könnte;

- was das "Prinzip der Simplizität im Automobilbau" besagt;

- mit welchem Entwicklungswerkzeug bisher bei Loremo gearbeitet wurde;

- welche Vorarbeiten für den Prototypenbau bereits geleistet wurden;

- wie der künftige CW-Wert des Wagens bereits jetzt ermittelt wurde;

- was der TÜV zu der Entwicklung sagt.