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06.01.1995

Ein "Blauer Engel" fuer die Firmen SNI, IBM und Cherry

"Himmelssturm mit Hindernissen", so lassen sich die ersten Erfahrungen umschreiben, die die Computerhersteller durch die Auszeichnung ihrer Produkte mit dem blauen Umweltengel gemacht haben. Die Hauptkritik: Es geht nicht schnell genug.

Von Stephan Eder*

Am 18. November meldete die Pressestelle von Siemens-Nixdorf (SNI): "Geschafft." Das Umweltbundesamt zeichnet zum erstenmal PC- Komponenten mit dem "Blauen Engel" fuer umweltgerecht konstruierte Arbeitsplatzcomputer aus. Bei SNI sind das die mit 486-Prozessoren bestueckten Rechnergruppen Scenic 4L und PCD 4L/4V. Die Vergabekriterien beziehen sich vor allem auf eine recyclinggerechte Konstruktion und eine hohe Lebensdauer, was Muell vermeidet und Ressourcen spart.

IBM erhielt den Umweltengel fuer die gaengigsten Monitore im Sortiment, den IBM 9524-A05 (14 Zoll Bildschirmgroesse) und den 9525-A05 (15 Zoll). Auch die Cherry-Tastatur G 83-3000 wurde solchermassen ausgezeichnet. Das Nachfolgemodell G 83-6000, das demnaechst auf den Markt kommen wird, hat die deutsche Niederlassung in Auerbach gleich mitzertifizieren lassen.

So erfreut sich die drei Hersteller das Umweltzeichen rechtzeitig zum Weihnachtsgeschaeft ans Revers hefteten, so unerfreulich empfanden sie die lange Bearbeitungszeit der Antraege. SNI hatte die Unterlagen im August eingereicht. Gute drei Monate dauerte dann das Prozedere. Zu lange, wie Alois Hampp, Umweltbeauftragter der Firma in Augsburg, meint: "Mit zwei Monaten muessen wir rechnen koennen, dann lohnt sich fuer uns der Aufwand der Antragstellung bei der Laufzeit des "Blauen Engels" von zwei Jahren."

Ferdinand Hermann, Umweltbeauftragter bei AT&T in Augsburg, bemaengelt: "Es fehlt eine handhabbare Abwicklung des Verfahrens, so dass eine Pruefung in kurzer Zeit moeglich ist. Optimal waeren zwei Wochen, aber auf jeden Fall weniger als einen Monat."

Baerbel Westermann, im Umweltbundesamt (UBA) zustaendig fuer die Vergabe des begehrten Abzeichens an Computer, rechnet in Zukunft mit einer Bearbeitungszeit von vier Wochen - wenn die Hersteller alle Unterlagen vollstaendig einreichen.

Am Anfang waren sich die Behoerden noch nicht einig

"Es hat Abstimmungsprobleme zwischen dem Umweltbundesamt und dem RAL (Deutsches Institut fuer Guetesicherung und Kennzeichnung) gegeben. Die sind inzwischen behoben." Das RAL in Sankt Augustin bei Bonn vergibt zusammen mit dem UBA das Umweltzeichen.

Die Stolpersteine fuer die antragstellenden Firmen liegen haeufig im Detail. Viele Firmen besitzen interne Konstruktionsrichtlinien, die schon eine Reihe der oekologischen Aspekte beruecksichtigen, die auch im Kriterienkatalog fuer den "Blauen Engel" zu finden sind. Die Knackpunkte liegen anderswo.

Beispiel IBM: Die deutsche Zentrale des US-Konzerns in Stuttgart muss sicherstellen, dass keine polybromierten Biphenyle und Diphenylether in den Gehaeusen stecken. Sie wurden und werden den Kunststoffen als Flammhemmer beigemischt, aus denen viele marktuebliche Gehaeuse hergestellt werden. Diese Stoffe koennen schon bei normaler Betriebstemperatur krebserregende Dioxine und Furane emittieren. Ein gaengiger Ersatzstoff ist Tetrabrombisphenol A (TBHA). Schwierig wird es, wenn, wie bei IBM, eine groessere Anzahl von Zulieferern aus dem In- und Ausland dazu Stellung nehmen muss.

Juergen Ludwig, Umweltbeauftragter von IBM Deutschland:

"Der Kunststoff und die Flammhemmer kommen von verschiedenen Herstellern aus ganz Europa. Deutsche Lieferanten sind bei der Anfrage bezueglich der Flammhemmer sehr offen. Auslaendische Firmen aber geben sich zum Teil sehr bedeckt."

Offensichtlich fuerchten sie um Betriebsgeheimnisse. Dabei geht es um Sachverhalte, die in Deutschland offen diskutiert werden. Trotz alledem, so scheint es, lohnt sich der Aufwand. Denn vor allem in Behoerden und Konzernen laufen die Beschaffer mittlerweile mit dem Vermerk "Umweltfreundliche Produkte besorgen!" zum Einkauf los. Der "Blaue Engel" ist da ein gerngesehenes Kriterium. Alois Hampp: "Siemens-Nixdorf macht den groesseren Teil des Umsatzes bei Grosskunden.

Das Umweltzeichen sichert uns da einen Marktvorteil - vom Imagegewinn einmal ganz abgesehen. Umweltkriterien werden in Zukunft eine immer groessere Rolle spielen." Sicher lohnt es sich fuer die international operierenden Konzerne nicht, einen Oeko-PC speziell fuer den deutschen Markt nach "Blauer-Engel"-Norm herzustellen. Das ist mit dem Umweltzeichen aber auch gar nicht beabsichtigt. Vielmehr wird ein Teil des bereits bestehenden Marktangebots damit ausgezeichnet. Es profitieren also die Firmen, die Umweltkriterien schon vorausschauend umgesetzt haben.

Dem Bund fuer Umwelt und Naturschutz (BUND) reicht das nicht, denn die Vergabekriterien fuer das Umweltabzeichen lassen nach Meinung von Thomas Lenius, Chemieexperte des Umweltschutzvereins, einiges zu wuenschen uebrig: "Vor allem die Problematik der Flammschutzmittel in den Platinen bleibt vollkommen aussen vor. Dabei hat unsere Umfrage unter 16 Computerherstellern im Mai vergangenen Jahres deutlich gemacht, dass noch laengst nicht alle garantieren koennen, dass in ihren Platinen keine polybromierten Diphenylether und Biphenyle verwendet werden."

Ferdinand Hermann von AT&T weist darauf hin, dass dieser Punkt ganz bewusst von allen Beteiligten beim "Blauen Engel" ausgeklammert wurde. "Mit TBBA haben wir einen Ersatzstoff, der von den europaeischen Herstellern ausschliesslich eingesetzt wird. Ob noch bessere Ersatzstoffe auf den Markt kommen, ist vor allem eine Frage des Preises." Die von Siemens entwickelten Flammhemmer auf Phosphorbasis sind schlichtweg zu teuer.

PC-Hersteller und BUND sitzen an einem Tisch

Trotzdem stehen sich Umweltschuetzer und Computerhersteller nicht frontal gegenueber. Nach dem Umwelttest im Fruehjahr 1994 hatte der BUND die Firmenvertreter zu einem runden Tisch ueber umweltfreundliche Computer eingeladen. Das Erstaunliche: Die Hersteller kamen. Harry Assenmacher, Geschaeftsfuehrer der BUND- eigenen Natur und Umwelt Verlagsgesellschaft, die das Treffen organisiert hatte: "Es fand eine offene Diskussion statt. Unser Test fand ueberwiegend positive Resonanz - obwohl ja einige Hersteller mit Blessuren daraus hervorgegangen sind."

Zum Beispiel Compaq. Dem BUND war wichtig, dass die Hersteller eine kostenlose Ruecknahme anbieten, kein PVC - auch nicht in Kleinteilen - verwenden und den Einsatz von polybromierten Diphenylethern und Biphenylen in Gehaeusen ausschliessen koennen. Alle Punkte fuehrten fuer Compaq zu einer kraeftigen Abwertung, die nicht mehr zu kompensieren war. Der Hersteller war darueber mehr als erstaunt, hatte er doch im Dezember 1993 bei der Oeko- Preisverleihung des Information Center Managers Forum Schweiz (ICMF) mit dem PC-Modell Deskpro XE eine im Vergleich gute Bewertung erreicht. Deshalb hatte man sich bei der BUND-Umfrage ein besseres Resultat erhofft. Trotzdem gibt es eine Einladung der Muenchner Europazentrale an den BUND, sich die Fertigung in Schottland vor Ort anzusehen. Ausserdem sollen die Umweltschuetzer in der bayrischen Landeshauptstadt einmal erlaeutern, wie sie sich den Oeko-PC der Zukunft vorstellen. Der BUND hat angenommen.

* Stephan Eder ist freier Journalist in Bonn.