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14.11.2003 - 

Übernahme von Suse durch Novell verändert die Situation im Linux-Markt

"Ein intelligenter Coup"

14.11.2003
Mit der Übernahme des Linux-Distributors Suse hat Novell nicht nur imagefördernde Schlagzeilen gemacht, sondern die begonnene Neuorientierung als Anbieter auf ein solides Fundament gestellt. Selbst die Open-Source-Szene hält sich mit Kritik zurück. Nur Linux-Konkurrent Red Hat zeigt Nerven.

In den Mittagsstunden des 4. November 2003 war es so weit: Nach einem Verhandlungsmarathon unterschrieben die drei hauptbeteiligten Firmen drei Verträge. Denen zufolge übernimmt erstens Novell für 210 Millionen Dollar den Linux-Distributor Suse. Zweitens kauft IBM in Form wandelbarer Vorzugsaktien im Wert von 50 Millionen Dollar einen Anteil von etwa zwei Prozent an Novell. Und drittens verpflichtet sich Suse, seine Linux-Versionen künftig nicht nur an einzelne IBM-Rechner, sondern an alle vier Systemfamilien von Big Blue durchgängig anzupassen.

Damit waren die in Gerüchten als Übernahmeinteressenten gehandelten Firmen Sun und Red Hat aus dem Rennen. Novell war der geeignetere Bieter. Aus Sicht der Venture-Capital-Investoren bei Suse zählt, dass der Netzwerkspezialist sie bar auszahlt - und nicht in Aktien, deren Wertentwicklung zweifelhaft ist. Für die industriellen Investoren Intel, IBM, Hewlett-Packard und SGI ist der Käufer kein unmittelbarer Konkurrent.

Unter dem Dach von Novell haben sich die akuten Finanzprobleme von Suse erledigt. Gerüchten zufolge sollen die Nürnberger nur noch für wenige Monate Geld zur Fortführung des operativen Geschäfts gehabt haben. Suse wird das laufende Geschäftsjahr wieder mit roten Zahlen abschließen. Jetzt verspricht Suse-Chef Richard Seibt: "Im zweiten Quartal des nächsten Jahres werden wir den Breakeven schaffen."(Das vollständige Interview mit Seibt siehe Kasten "Links zum Thema.)

Der größere Linux-Konkurrent Red Hat hat mit den Einnahmen aus seinem phänomenalen Börsengang im Dotcom-Boom ein globales Vertriebsnetz aufgebaut. Suse hatte dagegengehalten, indem es sich mit SCO, Conectiva und Turbolinux zur Initiative United Linux zusammenschloss. Die Nürnberger übernahmen die Entwicklungsarbeiten, die Partner sollten Vertrieb und Support in Nord- und Lateinamerika beziehungsweise Ostasien sicherstellen. Doch dann zog sich SCO vom Linux-Geschäft zurück, und damit fiel dieser wichtige internationale Vertriebs- und Supportkanal aus. Diese Entwicklung war, so Butler-Group-Analyst Mike Davis, für IBM genauso gefährlich wie für ihren kleinen Nürnberger Partner. Big Blue setzt alles auf Linux - und kein Distributor unterstützt mehr Systeme mit dem blauen Label als Suse. IBM hat die Nürnberger gezielt gefördert, um ein Monopol von Red Hat im Linux-Markt zu verhindern.

An dieser Stelle machte es sich bezahlt, dass Suse einen Firmenchef hat, der als langjähriger IBM-Manager über beste Drähte in den Großkonzern verfügt. Seibt und Big Blue brachten Novell ins Spiel. Die 50-Millionen-Dollar Beteiligung von IBM an Novell reduzierte einerseits faktisch den Suse-Übernahmepreis. Andererseits ist sie ein Mittel, mit dem die Armonker sicherstellen, dass Novell nicht plötzlich IBMs Linux-Angebot torpediert. Die zweite Absicherung ist der beträchtlich erweiterte Entwicklungsvertrag zwischen IBM und Suse.

Novells Weg zu Services und Open Source

Novell wiederum hat nichts vergeben, sondern nur gewonnen. Die einstige Cashcow "Netware" bringt immer weniger Umsätze und gerät mit Windows Server 2003 noch stärker unter den Druck des Erzrivalen Microsoft. Das Unternehmen versucht, sich mit Services und Support eine neue Geschäftsgrundlage aufzubauen. Dazu übernahm es Anfang 2001 den Systemintegrator und Berater Cambridge Technology Partners (CTP), dessen Chef, Jack Messman, sogleich neuer Novell-CEO wurde. Im Juni 2002 folgte der Kauf von Silverstream Software, einem Web-Services-Provider, dessen ausgeprägtes Java-Know-how außerdem die Interoperabilität der Novell-Software mit Java-Anwendungen verbessern soll.

Den ersten Schritt in das service- und supportbasierende Linux-Geschäft machte Novell im April dieses Jahres mit der Ankündigung, alle Produkte an das quelloffene System anpassen zu wollen. Im August dieses Jahres überraschte Novell mit der Übernahme von Ximian. Das Unternehmen ist bekannt als Anbieter der "Gnome"-Benutzeroberfläche und des Groupware-Clients "Evolution" für Linux. Wichtiger dürften für Novell zwei andere Ximian-Angebote sein: "Red Carpet" ist ein Service, der ähnlich wie "Red Hat Network" Linux-Server automatisch mit Updates und Sicherheits-Patches versorgt. "Mono" ist ein Projekt, das es .NET-Anwendungen erlauben soll, auf Linux zu laufen.

Gefahr für Red Hats Marktführerschaft

Jetzt kommt mit Suse das Betriebssystem dazu - und alle Analysten fanden nur lobende Worte. "Novells Akquisition war ein intelligenter Coup", befand Pierre Audoin Consultants (PAC). "Das ist sehr gut für Novell", meint IDC-Analyst Dan Kusnetzky. "Denn jetzt können sie ihre Bemühungen auf eine lebendige, wachsende Plattform konzentrieren statt auf das ausgezeichnete, aber an Bedeutung verlierende Netware. Novell hat ein komplettes quelloffenes Softwareangebot, für das IT-Abteilungen den gleichen Support bekommen können wie für ein proprietäres." Butler-Group-Analyst Davis hält fest: "Die Übernahme bestätigt Novells Engagement für Linux und macht die Firma wieder zu einem gewichtigen Player im Enterprise-Computing. Novell hat eine gute Zukunft."

"Novell wird mit Ximian und Suse ein ernst zu nehmender Wettbewerber für Red Hat", stellt Analyst Gordon Haff von Illuminata fest. "Suse erhält Zugang zu Novells Vertriebskanälen, Partnerschaften und Finanzen, wodurch sie ein globaler Player werden können", meint IDC-Analyst Kusnetzky. "Jetzt gibt es am Linux-Markt eine Pepsi neben der Red-Hat-Coke." Gary Barnett, Direktor beim Marktforschungsinstitut Ovum, glaubt: "Suse ist nun eine ernste Bedrohung für Red Hats Marktführerschaft."

Es ist nicht verwunderlich, dass Red-Hat-Chef Matthew Szulik im Interview mit der COMPUTERWOCHE Nerven zeigte und den Novell-Suse-Zusammenschluss mehrmals mit dem in der Open-Source-Szene schimpflichen Attribut "proprietär" belegte. "Die Kombination von Novell und Suse bleibt eine proprietäre Softwarefirma hinsichtlich ihrer Entwicklungsmethoden und Vertriebswege." Szulik ging noch weiter: "Wir stehen nicht nur Novell-Suse, sondern auch Microsoft gegenüber. Gemein haben beide eine proprietäre Herangehensweise an Software und Business." (Das vollständige Interview mit Szulik siehe Kasten "Links um Thema.)

Open-Source-Szene unbeeindruckt

Die Open-Source-Community, in der sich gewöhnlich leicht emotionale Stimmen für "Saubermann"-Diskussionen finden, reagierte gelassener als Red Hat auf den Novell-Suse-Deal. Manche befürchteten, Suse könnte gezwungen sein, die bisher starke Unterstützung der Linux-Benutzeroberfläche KDE einzuschränken, weil Novell durch Ximian schon die alternative GUI Gnome im Portfolio hat. Aber Suse-Chef Seibt versichert, weiterhin beide Produkte zu unterstützen: "KDE hat so viele Vorteile, die in Europa geschätzt werden, dass wir auch weiterhin unseren Fokus darauf behalten werden. Der Markt kann eine Vielzahl von Produkten gebrauchen."

"Die Community ist mehr an der technischen Position von Open Source interessiert als an Business-Fragen", gab Red-Hat-Boss Szulik angesichts des ausbleibenden negativen Echos der Open-Source-Gemeinde zu. Doch die Köpfe der Bewegung meldeten sich durchaus mit strategischen Überlegungen zu Wort. Linux-Initiator Linus Torvalds meinte: "Es ist klar, dass vielegroße Player wenigstens zwei Hauptdistributionen haben wollen, um ein Gleichgewicht zu bewahren." Er geht davon aus, dass Novell sich bei Linux "nicht nur für Server, sondern auch für Desktops interessiert". Dass Novell die alte Gegnerschaft zu Microsoft wieder mit Leben erfüllen könnte, hält auch Eric Raymond für möglich. Mit Suse könnte Novell "ernsthaft Druck in Richtung Desktop" machen, glaubt der President der Open Source Initiative.

Erfreulich fielen für Suse auch die Reaktionen der Partner in der IT-Industrie aus. Im Vorfeld der Übernahme hatte Suse außer mit IBM auch mit Sun, Fujitsu-Siemens, Hewlett-Packard und SGI gesprochen und, so Firmenchef Seibt, "nur positive Reaktionen" erhalten. Danach gab es Applaus von Computer Associates, Oracle und anderen.

Nun stehen Novell und Suse vor der Aufgabe, eine gute Vereinigung hinzulegen. 60 Tage haben sich beide Unternehmen Zeit gegeben, die Konsequenzen der Übernahme im Detail festzulegen. Bisher ist nur sicher, dass Suse wie Ximian als Business Unit unter dem Novell-Dach agieren wird. Es bleibt beim Namen und beim Logo von Suse und ihren Angeboten. Eine Produkt-Roadmap über die bisherigen Ankündigungen hinaus soll Mitte Januar nächsten Jahres vorgelegt werden. Die Linux-Entwicklung wird "auf keinen Fall", so Suse-Chef Seibt, von Nürnberg in Novell-Labs abwandern. Gleichwohl ist eine Vernichtung von Arbeitsplätzen bei Suse nicht auszuschließen. Seibt redet vage von "Synergien", die sich in puncto Vertrieb und Marketing erzielen ließen.

Das ist nicht das einzige Fragezeichen hinter dem Novell-Suse-Deal. Skeptiker erinnern daran, dass Novell die Zukäufe Digital Research (DR-DOS), Wordperfect und Unix System Laboratories (USL) in Grund und Boden gewirtschaftet hat. Allerdings geschah dies zu Zeiten der alten Novell. Illuminata-Analyst Haff: "Alles hängt von Novells Fähigkeit ab, die Akquisition erfolgreich zu gestalten und seine finanziellen Ressourcen und sein weltweites Vertriebsnetz richtig für Suse einzusetzen."

Ludger Schmitz, lschmitz@computerwoche.de

Links zum Thema

Gemeinsame Erklärung von Novell und Suse:

www.suse.de/de/company/press/press_releases/archive03/novell_suse.html

Erster Hintergrundbericht der Computerwoche:

www.computerwoche.de/index.cfm?pageid=254&artid=54784

Computerwoche-Interview mit Suse-Chef Richard Seibt:

www.computerwoche.de/index.cfm?pageid=254&artid=54907

Computerwoche-Interview mit Red-Hat-Chef Matthew Szulik:

www.computerwoche.de/index.cfm?pageid=254&artid=54933

Novell-Positionen und -Dokumente zu Linux:

www.novell.com/linux