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08.11.1991 - 

Die Lobeshymnen sind längst verklungen

Ein Jahr Siemens-Nixdorf

Am 1. Oktober 1991 feierte die Siemens-Nixdorf Informationssysteme (SNI) AG ihren ersten Geburtstag. Für Jubel-Arien indes bestand wenig Anlaß. Noch hat das junge Unternehmen die von der Nixdorf Computer AG eingebrachten Millionenverluste nicht verdaut, tut es sich schwer damit, Überkapazitäten bei Fertigungsstätten und Personal abzubauen, die Produktlinien zu bereinigen, vermissen die Kunden Hardware- und Software-Perspektiven ihres Lieferanten. Ein verspätetes "Geburtstagsgeschenk" gab es aber trotzdem: Die Siemens AG hat nun beschlossen, die malade Tochter in den Konzern einzugliedern. Stimmen die SNI-Aktionäre zu, wird künftig der Elektronikkonzern die Verantwortung für die finanziellen Resultate und Verpflichtungen von Siemens-Nixdorf tragen.

Allerdings ist der SNI-Vorstand damit auch weisungsgebunden. Die COMPUTER WOCHE hörte sich bei Brancheninsidern um, wie sie das erste SNI-Jahr beurteilen und wie sie die Zukunftsperspektiven der Siemens-Tochter einschätzen. bk/hv

Professor Christian Scholz

Universität des Saarlandes, Saarbrücken

Wenn es bei der SNI tatsächlich zu einem Gesamtverlust in Höhe von einer Milliarde Mark kommt und das prognostizierte "zumindest ausgeglichene Betriebsergebnis" ausbleibt, kann man kaum von einer geglückten Fusion sprechen. Auch Hinweise auf globale Überkapazitäten und Marktentwicklungen ändern wenig an der Vermutung, daß einiges schiefgelaufen sein dürfte.

SNI hat sich intensiv mit Fragen der Unternehmensstruktur und Produktpalette beschäftigt, aber offenbar wenig erfolgreich mit den Bereichen Personalmanagement und Unternehmenskultur. Auch diverse Interviews von SNI-Managern zeigen, daß sie hier offenbar keinen akuten Handlungsbedarf sehen. Meine Skepsis hat sich in dieser Hinsicht also voll bestätigt.

Wenn vielleicht doch auch von SNI-Managern einmal klar die Probleme der Kulturfusion angesprochen werden und auf das Trivialisieren derartiger Fragestellungen verzichtet wird, gibt es durchaus noch Chancen für SNI, wenngleich diese laufend mehr schwinden: Denn es geht nicht nur um Produkte und Strukturen, sondern auch um Mitarbeiter, die als SNI-Mitarbeiter diese Produkte gerne herstellen und mit einem entsprechenden Service überzeugend vertreiben. Hier muß endlich ein klares Konzept formuliert

und an die Mitarbeiter kommuniziert werden.

Manfred Hoffmann

Org./DV-Leiter, Merkur Direktwerbegesellschaft mbH & Co. KG, Einbeck

Zum jetzigen Zeitpunkt läßt sich feststellen, daß der SNI die Zusammenführung der beiden unterschiedlichen Unternehmenskulturen noch nicht geglückt ist. Eigentlich war ich davon ausgegangen, daß das Management in der Lage ist, die Reibungsverluste, die sich zwangsläufig bei einer Fusion dieser Größenordnung ergeben müssen, in Grenzen zu halten. Doch leider unterschätzte man eindeutig die Integrationsproblematik und hat sich wohl mit den jahrzehntelang gewachsenen, unterschiedlichen Unternehmensphilosophien nicht intensiv genug auseinandergesetzt. Somit geschah, was meistens bei Fusionen passiert: eine holprige Zusammenführung. Von dem berühmten Werbeslogan "Synergy at work" ist jedenfalls bis heute nicht annähernd etwas zu spüren.

Wir als Kunde hatten durch die Konfusion des Zusammenschlusses vor allem im Wartungsbereich Durststrecken zu überstehen. Von dem früheren guten Service der Siemens-Techniker verwöhnt, wurden wir doch vor allem in der Anfangszeit der SNI arg gebeutelt. Mal kam ein Nixdorf-, mal ein Siemens-Mitarbeiter, häufig allerdings fand sich niemand zum rechten Zeitpunkt ein. Mittlerweile werden wir zwar wieder besser betreut, optimal ist es jedoch noch nicht.

Die mittelfristigen Zukunftsaussichten von SNI sehe ich momentan nicht unbedingt rosig. Zwar steckt eine starke Finanzkraft hinter dem Unternehmen - nicht umsonst gilt Siemens als eine "Industriebank" -, doch Geld allein ist sicher nicht des Rätsels Lösung. Das SNI-Management ist gefordert, endlich klare Aussagen zur Produktpolitik zu machen und diese auch zu realisieren und letztlich auch der installierten Basis Strategien aufzuzeigen.

Hans-Peter Nickenig

Vorstandsvorsitzender der Nibeg - Neutrale herstellerunabhängige Informationsverarbeitungs-Benutzergruppe e.V.

Aus der Sicht der ehemaligen Nixdorf-Kunden ist nach einem Jahr SNI AG draußen bei den Kunden von "synergy at work" noch nicht viel zu verspüren. Zu deutlich merkt man, daß das Unternehmen noch sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Das Sprachrohr Vertrieb sucht nach einer gemeinsamen Sprache. Eine verbindliche Produktplattform und eine langfristige Entwicklungsstrategie muß den SNI-Kunden überzeugend vermittelt werden.

Die SNI AG arbeitet aktiv mit den Anwender-Vereinen zusammen. Die Form des Umgangs miteinander stimmt. Inhaltlich fehlen jedoch noch die entscheidenden Schritte nach vorn. Überzeugende Antworten auf unsere Fragen, wie zum Beispiel Nachfolgeprodukt für Comet, Systemheimat für 8890-Nidos-Anwender und anderes mehr bleiben zu häufig noch aus.

Die große Gruppe mehrheitlich mittelständischer alter Nixdorf-Kunden, die zu einem relativ kleinen Kundenstamm des ehemaligen Siemens-Bereiches Daten- und Informationssysteme (D1) hinzugekommen ist, erwartet, daß auch der "Koloß SNI AG" flexibel

bleibt und schnell reagiert.

Wir als Kunden möchten auch oder gerade für die Zukunft, daß SNI sich mit unseren Problemen intensiv auseinandersetzt und dafür Lösungen bietet. Und dies, ohne daß wir ganze Stäbe von Spezialisten in die Konzeptionsphase und die Entscheidungsfindung einbinden müssen. Auch muß ein Preis-Leistungs-Verhältnis gegeben sein, das in den mittelständischen Wettbewerb paßt und die entsprechenden Investitionsbudgets berücksichtigt.

Helmuth Gümbel

Analyst der Gartner Group, München

Auch nach einem Jahr hat die Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG noch enorme Probleme damit, sich als einheitliches Unternehmen mit einheitlichen Produkten am Markt zu präsentieren. Es fehlt eine klare Marketing-Vision. Dies ist nicht weiter verwunderlich. Von vornherein war der Zusammenschluß von Siemens und Nixdorf dadurch gekennzeichnet, daß an der Spitze des neuen Unternehmens niemand steht, der Fusionserfahrung hat. Das ist zwar bei solchen Transaktionen nicht unüblich, doch hat es die Unternehmensleitung zudem versäumt, sich externer Beratungsleistungen zu bedienen.

Dies rächte sich insofern, als daß das SNI-Management bei der Zusammenlegung der beiden Unternehmen schlechtweg viele Dinge unterschätzte - den Finanzbedarf, die Schwierigkeit der Integration, den Status der Kunden auf der Nixdorf-Seite, die Bewertung der Vorräte und vor allem die Zeitkomponente. Viel zu spät hat man damit begonnen, Ballast abzuwerfen, und die Art und Weise, wie jetzt beispielsweise Personalanpassungsmaßnahmen durchgeführt werden, ist ungeschickt. Frühpensionierungen und Nicht-Ersetzen der Fluktuationsverluste können erst längerfristig zu Einsparungen führen und bergen zudem die Gefahr in sich, Strukturprobleme mit sich zu bringen, weil zu viele erfahrene Mitarbeiter ausscheiden.

Somit ist nicht zu erwarten, daß SNI in den nächsten Geschäftsjahren schwarze Zahlen schreibt. Im günstigsten Fall wird das Unternehmen das ausgeglichene Betriebsergebnis, daß SNI-Chef Hans-Dieter Wiedig bereits in diesem Jahr angepeilt hatte, im Geschäftsjahr 1992/93 erreichen. Viel wird aber auch davon abhängen, inwieweit es das Unternehmen schafft, in der jetzigen notwendigen Konsolidierungsphase zu expandieren. SNI braucht neue Partner, um auf dem Weltmarkt überleben zu können. Entsprechende Akquisitionen aber müssen wohl überlegt sein. Wichtig ist, daß sie einerseits dem Unternehmen dort Marktpräsenz bescheren, wo es geografisch und produktmäßig noch nicht vertreten ist, und andererseits Umsatz bringt, der nicht mit dem Verlustvirus behaftet ist, da sonst die finanzielle Substanz der ohnehin angeschlagenen SNI weiter ausgehöhlt würde.

Trotz aller Schwierigkeiten, in die sich SNI zum Teil selbst hineinmanövriert hat, steckt in dem Unternehmen einiges an Potential. So gibt es in Deutschland sicherlich niemanden, der bessere Projekterfahrung hat als SNI. Selbst IBM kann da nicht

mithalten. Nur scheut sich das Unternehmen damit zu werben, weil das Risiko bei Projekten auch sehr hoch ist. Auch hat SNI die Möglichkeit, viele Inhouse-Synergien zu schaffen, weil das Unternehmen reich an Erfahrung mit den diversesten Technologien ist. Diese Synergien indes gilt es zu pflegen, zu planen und gekonnt in den Markt zu bringen, woran es bei SNI allerdings noch hapert. Last, not least verfügt SNI über einen großen Kundenstamm und ist in einigen Teilbereichen - wie zum Beispiel im Unix-Markt - in Europa sicher an fahrender Stelle, was Erfahrung und Know-how anbelangt.

Für die Zukunft von SNI kann dies nur bedeuten, endlich die Struktur auf Vordermann zu bringen und die vorhandenen Potentiale zu nutzen. Schafft man dies nicht, so ist unsere Projektion, daß das Unternehmen in fünf Jahren nicht mehr in Siemens-Hand ist.

Erik Hargesheimer

Geschäftsführer Management Services GmbH Erik Hargesheimer & Partner, Bad Homburg

Niemand mußte Hellseher sein, um SNI von Anfang an schwere Zeiten vorherzusagen. Dazu standen zu viele Signale auf Risiko. Absehbar war der Verluststrudel, den Siemens sich mit der Übernahme von Nixdorf ins Haus geholt hat; vorgegeben auch die Reibungsflächen, die ihren Ursprung im Aufeinanderprallen solch grundverschiedener Firmenkulturen haben. Eine Milchmädchenrechnung muß man auch jenen vorhalten, die aus der fusionsbedingten Positionsverbesserung von SNI in Deutschland schon die Überlebensfähigkeit im Weltmarkt ableiten wollten.

So gesehen sind meine Erwartungen und Vorbehalte in der Geburtsstunde von SNI voll eingetroffen. Lieber wäre es mir allerdings, ich hätte mich hierbei geirrt. Denn beim Aufrechterhalten der bisherigen Trends steht die Zukunft von SNI auch weiterhin nicht unter einem erfolgverheißenden Stern.

Sanierungstalent hat SNI angesichts des zu erwartenden Milliardenlochs bisher noch nicht bewiesen. Blauäugig war es, das Ende des Tunnels schon für das erste Jahr hochzurechnen. Überhaupt scheint mir, SNI hat sich bisher um ihre heiligen Kühe herumgedrückt. Die bisherigen Sparmaßnahmen konzentrierten sich eher auf kosmetische Operationen im internationalen Bereich.

Wissensbasierte Systeme haben in der Vergangenheit eine rasche Entwicklung erfahren und dabei zunehmend an Bedeutung gewonnen. Waren es vor zehn Jahren erst knapp 50 Experten, die sich innerhalb der Gl mit dem damals noch neuen Thema befaßten, so arbeiten heute schon über 200 Mitglieder auf diesem Gebiet.

Dies scheint mir symptomatisch zu sein für den Aufschwung, den die Informatik insgesamt genommen hat. Sie entwickelt sich mit hoher Geschwindigkeit zu einem der wichtigsten Schlüsselfaktoren in Wissenschaft und Wirtschaft. Dabei liefert sie theoretische Grundlagen in gleicher Weise wie das Werkzeug zur technischen Umsetzung.

Die rasche Entwicklung und der heute erreichte Stand der technischen Perfektion werfen die Frage nach den Maßstäben des forschenden und entwickelnden Handelns auf.

Unser Verhältnis zu Fortschritt und Technik war lange Zeit ungebrochen. Werner von Siemens prophezeite vor gut 100 Jahren - 1886 -, "daß die Naturwissenschaften die Menschen besseren moralischen und materiellen Zuständen zuführen als je, weil die Machtfülle der Wissenschaft die Menschheit auf eine höhere Stufe des Daseins erhebt" (sinngemäß).

Zwei Weltkriege und 90 Jahre später schreibt ein anderer (E. H. Gaul): "Wir werden uns in zunehmendem Maße bewußt, daß technischer Fortschritt nicht unbedingt menschlichem Fortschritt gleichzusetzen ist."

Diese Einschränkung war notwendig geworden angesichts einer Entwicklung, in der der Weg von der Ursache zur Wirkung nicht mehr gradlinig und überschaubar verläuft, sondern komplex und verzweigt.

Heute müssen wir feststellen, daß wir Dank moderner Technik einen Lebensstandard wie nie zuvor erreicht haben. Gleichzeitig wächst aber auch die Skepsis hinsichtlich der Zukunftsaussichten moderner Technik. Von manchen politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen wird der Ausstieg aus der Technik gefordert.

Diese Haltung mag zwar vordergründig verständlich sein; ich teile sie nicht, da sie bei der Lösung der Probleme ins Leere führt.

Verketzerung der Technik hilft bei der Lösung ebensowenig wie blinder Fortschrittsglaube. Was Not tut, ist ein besonnener Neuansatz, der - auch unter ethischen Gesichtspunkten - unsere Einstellung zu Wissenschaft und Technik, ihren Möglichkeiten

und Folgen kritisch reflektiert.

Technik, gleich welcher Art, hat von Haus aus etwas mit der Lebenswelt des Menschen zu tun, in der sie angewendet wird und die sie verändert. Durch ihre lebensbedeutsamen Folgen sind technische Entscheidungen zugleich moralische Entscheidungen. Die Folgen unseres Handelns reichen heute weiter als jemals zuvor. Je größer aber die Reichweite unserer technischen Möglichkeiten ist, je irreversibler die Folgen dieser Techniken sind, desto größer wird unsere Verantwortung für Einsatz und Anwendung moderner Technik. Entsprechendes gilt für die Wissenschaft, die zu all dem Fundament und Rüstzeug liefert.

Wurde nach klassischen Maßstäben niemand für die unbeabsichtigten späteren Wirkungen einer gutgewollten, wohlüberlegten und wohlausgeführten Handlung verantwortlich gemacht, hat sich dies entscheidend geändert, seit die technologische Verfügungsmacht des Menschen nahezu ins Unermeßliche gewachsen ist und dabei viele Nebenwirkungen des Handelns teils unbeabsichtigt, teils unüberschaubar sind und damit unkontrolliert ablaufen.

Es muß gerade der Informatik positiv gesonnene Menschen nachdenklich stimmen, wenn frühere Apologeten dieser Wissenschaft wie Joseph Weizenbaum gerade im Hinblick auf diese Unüberschaubarkeit vom Befürworter zum Mahner geworden sind.

Der Philosoph Hans Jonas, der sich seit vielen Jahren mit den Fragen der Ethik in der technologischen Zivilisation auseinandersetzt, fordert, daß angesichts der Ungewißheit über künftige Entwicklungen und Langzeitwirkungen eher die negativen als

die positiven Zukunftsprognosen zur Grundlage von Entscheidungen zu machen sind. Damit stellt er dem Prinzip Hoffnung das Prinzip Verantwortung gegenüber, Kernstück einer Zukunftsethik für unsere moderne Zivilisation.

Er hat die Struktur dieser Verantwortungsethik in die Form eines kategorischen Imperativs gebracht: "Handle so, daß die Wirkungen deines Handelns verträglich sind mit der Permanenz menschlichen Lebens auf der Erde."

Notwendig ist aIso für Wissenschaft und Technik der Wechsel von der "Gesinnungsethik" alter Prägung zur "Verantwortungsethik", um einer Unterscheidung von Max Weber zu folgen. In der Politik ist Verantwortungsethik auf Dauer und in hohem Maße gefordert. Sie gilt in nicht geringerem Maße aber auch für die Entscheidungen von Wissenschäftlern und Technikern.

Dieser Herausforderung haben sich die Gl und ihre Mitglieder gestellt. Seit mir ihre Informationen frei zugänglich sind, verfolge ich mit großem Interesse den intensiven und lebhaften Gedankenaustausch zu diesem Thema, sei es die Frage nach dem Sinn von Verhaltenskodizes oder eines Dekalogs für ethisch verantwortetes informatisches Handeln, sei es die nach der Grenze des verantwortbaren Einsatzes von Informationstechnik oder nach der ethischen Verantwortung der Hochschullehrer für Informatik. Die Beantwortung dieser Fragen liegt beim einzelnen. Er kann in dieser Diskussion seine Urteilskraft üben und am Einzelfall seine Erfahrung gewinnen.

Ich habe diese über die Anforderungen des einzelnen Arbeitstages eines Informatikers hinausgehenden Gesichtspunkte vorgetragen, nicht, um Sie betroffen zu machen oder Mißtrauen gegenüber einer Wissenschaft zu wecken, von der gerade ich noch viele positive Anstöße und Verbesserungen erwarte.

Ich meine aber, daß es in unserer oft von Hektik geprägten Zeit gut ist, sich von Zeit zu Zeit auch grundsätzlicheren Fragen zu stellen beziehungsweise sie sich in Erinnerung zu rufen.

Dies gilt besonders für die Situation im geeinten Deutschland, die - nicht zuletzt Dank enormer Anstrengungen der Gesellschaft für Informatik und ihrer Mitglieder in den alten und neuen Ländern - das Informatikpotential der bisher getrennten Teile Deutschlands sehr rasch wieder zu konstruktiver, gemeinsamer Arbeit zusammengeführt hat.

Dabei liegt das eigentliche Sanierungspotential in der deutschen Organisation.

Gemessen am Wettbewerb ist SNI immer noch um rund 15 000 Beschäftigte überbesetzt. Insbesondere in den Zentralbereichen Verwaltung, Entwicklung und Produktion hat SNI noch zu wenig Ballast abgeworfen. Das Aufrechterhalten zweier Hauptverwaltungen kann man in diesem Zusammenhang nur als Luxus werten. Eine davon ist überflüssig, möglicherweise auch der Brandherd für eine Reihe folgenschwerer interner Querelen.

Verfrüht scheint mir auch das Blasen der Synergie-Fanfaren. Weder der Fortschritt im Verschmelzungsprozeß, noch die immer noch unbereinigte Produktpalette liefern hierfür ausreichend Grund. Sicher verlangt es Mut, sich zu einer homogenen Produktlinie durchzuringen. Auf einen Teil der Stammkundschaft wird SNI dabei sicher verzichten müssen. Nur glaube ich, daß es für die Zukunft von SNI fataler wäre, die Irritation im Kundenkreis wieterhin durchzuschleppen. Die derzeitigen Aussagen von SNI zur Produktpolitik allerdings lassen noch nicht auf eine baldige Klärung hoffen.

Insgesamt darf SNI aber nicht isoliert beleuchtet werden. Internationale Trends gehen auch an diesem Unternehmen nicht vorbei. Langfristig wird die Zukunft jedes Computerherstellers im Weltmaßstab entschieden. Und hier zählt SNI auch nach der Fusion eher noch zu den Leichtgewichten. Deshalb wird SNI nicht ausschließlich am eigenen Sanierungserfolg genesen. Zukunftsentscheidend ist auch der Mut zu strategischen Allianzen beziehungsweise zu Übernahmen von derzeitigen Wettbewerbern. Möglicherweise könnte es sich in diesem Zusammenhang bald schon als Fehler erweisen, ICL in die Arme von Fujitsu getrieben zu haben. Auch Kienzle und Philips hätte man nicht DEC überlassen müssen, und der Ausstieg bei Comparex kann auf Dauer eigentlich nur Hitachi stärken. Hier jetzt schon über den eigenen Tellerrand hinwegzuschauen, scheint mir angesichts der Situation vieler Computerhersteller angebracht. Ein zu langer Verdauungsprozeß infolge des Nixdorf-Happens könnte dazu führen, daß SNI sich über kurz oder lang selbst anderweitig anlehnen müßte. In Tokio würde man das sicher begrüßen.

Jochen Doering

Pressesprecher der Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG, München/Paderborn

Nach einigen Anfangsschwierigkeiten, die bei einer so komplexen Fusion normal sind, und mit denen man auch rechnen mußte, zeigen nach einem Jahr die Marktindikatoren deutlich, daß das junge Unternehmen von den Kunden angenommen wurde.

Der Auftragseingang, ein wichtiger in die Zukunft weisender Indikator, konnte seit Januar 1991 monatlich laufend verbessert werden, und er lag zum 31. August 1991 bereits um fünf Prozent über dem vergleichbaren Vorjahreswert.

Auch der Umsatz hat sich zunehmend positiv entwickelt. Nachdem zum 31. März 1991 noch ein Umsatzminus von 17 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreswert zu verzeichnen war, betrug dieser Rückstand zum 31. August 1991 nur noch fünf Prozent

- und dies, obwohl das Geschäftsjahr 1989/90 für den Bereich Daten- und Informationstechnik der Siemens AG mit einem Zuwachs von 28 Prozent überdurchschnittlich erfolgreich war.

Bei den Kunden ist der Zusammenschluß positiv akzeptiert worden, und SNI gilt als stabiler, zuverlässiger Lieferant von Gesamtsystemen mit einer gegenseitigem Ergänzung der beiden früheren Unternehmen beim kundenspezifischen Know-how und hinsichtlich der Produktpalette.

Auch wenn noch nicht alle Probleme im Detail gelöst sind, so läßt sich heute deutlich sagen: Die Fusion ist gelungen, und das Unternehmen hat Fahrt aufgenommen.

Durch zielgerichtete Maßnahmen bei und mit Kunden konnten in allen Segmenten mittel- und langfristige Perspektiven aufgezeigt werden und damit potentieller Verunsicherung entgegengewirkt werden.

Die organisatorische und räumliche Zusammenführung der Mannschaft ist im großen und ganzen abgeschlossen. Das frühere "Feindbild" zwischen Siemens und Nixdorf ist verschwunden, und bei den Mitarbeitern in den letzten Monaten ein deutlicher Motivationsschub zu verzeichnen. Noch zu lösende Detailfragen bestehen bei der Abwicklungslogistik, und gelegentlich erscheint das äußere Bild des Unternehmens nicht ganz so positiv wie das objektiv Erreichte.

Zu den vordringlichsten Aufgaben von Siemens-Nixdorf gehört es nun, die aus der Fusion resultierenden Synergiepotentiale zu realisieren und vor allem die Ertragskraft in einigen Auslandsgesellschaften wiederzugewinnen.

Außerdem wird Siemens Nixdorf eine sorgfältige Fokussierung auf die Kerngebiete im System-, Lösungs- und Produktgeschäft vornehmen.

Dies bedeutet vor allem eine konsequente Nutzung vorhandenen Know-hows und vorhandener Technologie zum Ausbau des Systemintegrationsgeschäftes in ausgewählten Zielsegmenten - gemeinsam mit verschiedenen Geschäftsbereichen der Siemens AG.

Hans-Joachim Neuberger

Vorstandsvorsitzender der Integral Datentechnik AG, Kaiserslautern

Die Siemens-Nixdorf-Fusion ist noch nicht geglückt, sie ist aber auch noch nicht abgeschlossen. Die Lösung dieser großen und schwierigen Aufgabe wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Bei aller erkennbaren Problematik bin ich jedoch vorsichtig optimistisch, daß diese Fusion im Interesse der deutschen und europäischen DV-Branche zu einem positiven Abschluß gelangt.

Vorbehalte bestanden angesichts des Zusammenschlusses nicht, eher die Erwartung, daß ein neues, international wettbewerbsfähigeres deutsches Hardware-Unternehmen entstehen würde. Diese Erwartung hat sich noch nicht erfüllt.

Die Zukunft von SNI in Deutschland und Europa ist dann gesichert, wenn den bisherigen Lippenbekenntnissen zu offenen Systemen, zur Partnerschaft im Markt und zur Standardisierung - schnelle Entscheidungen und Taten folgen.

SNI-Betriebsrat: Interne Diskussion

Der Siemens-Nixdorf-Betriebsrat wollte zu den Fragen

der CW-Redaktion keine Stellung beziehen und begründete die Absage mit folgendem Schreiben: "Die Entwicklung des DV-Marktes und die Zusammenführung von Siemens DI und Nixdorf verlangt von den Beschäftigten und ihren Interessenvertretungen sehr große Anstrengungen. Unsere Aufgabe ist die Gestaltung der Arbeits- und Sozialbedingungen innerhalb der SNI, und wir sehen zur Zeit keinen Anlaß, die uns bewegenden Fragen außerhalb des Unternehmens zur Diskussion zu stellen. Wir würden uns freuen, wenn durch sachgerechte Information die Arbeit und die Leistung der Beschäftigten der SNI honoriert würden."